23.11.1992

Eine unselige Geschichte

Der Chemiekonzern Boehringer Ingelheim reagiert nach einjähriger Recherche auf eine SPIEGEL-Reportage ("Der Tod aus Ingelheim"). Selbstkritisch wie kaum jemals ein anderes Unternehmen in vergleichbarer Situation revidiert die Firma ihre Dioxin-Vertuschungspolitik und bringt so ihren früheren Geschäftsführer Richard von Weizsäcker in Erklärungsnotstand.
Die Notiz, die ein gewisser Dr. Walter Graubner am 15. Oktober 1956 dem Vorstand des Unternehmens zukommen ließ, bei dem er als medizinischer Leiter beschäftigt war, ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: Von "Giftstoffen" berichtete Graubner, deren Eigenschaften "einzigartig" seien - "schwerste Zerstörbarkeit und unmerkliche Vergiftung durch Einatmung". Es handele sich um Stoffe, "nach denen sich die Politiker schon seit Jahrzehnten gesehnt haben".
36 Jahre lang hielt das Chemieunternehmen Boehringer die Notiz unter Verschluß. Nun veröffentlichte der Ingelheimer Konzern diese und andere Details der Entdeckungsgeschichte jenes Giftes, das durch den Unfall von Seveso als "Dioxin" weltberühmt wurde.
"Vor allem die zweiteilige SPIEGEL-Serie ,Der Tod aus Ingelheim'" (SPIEGEL 31 und 32/ 1991) habe zur monatelangen Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit geführt, heißt es in der jetzt veröffentlichten Broschüre "Unsere Dioxin-Geschichte". Und: "Wir wurden oft genug überrascht von dem, worauf wir stießen. Es darf also nicht verwundern, wenn wir im Jahre 1992 Fakten und Vorwürfe anders werten als in der Vergangenheit."
1984 hatte der SPIEGEL Boehringer erstmals vorgeworfen, das Unternehmen habe die Gefahren des Ultragiftes verheimlicht, die Arbeiter ungeschützt dem Dioxin ausgesetzt, die Aufsichtsbehörden bewußt getäuscht, Mülldeponien wissentlich verseucht und sei an der Entlaubung Vietnams beteiligt gewesen.
Eine "unselige Geschichte mit Fragen nach Schuld, Verantwortung, Nachlässigkeit und Wiedergutmachung" sieht Boehringer nun selber und verspricht, "diese auch für uns schlimme Erfahrung als dauerhafte Mahnung zu nehmen".
Das Chemieunternehmen will nicht warten, bis durch die Berufsgenossenschaft endgültig geklärt ist, "ob und welche Arten von Krebs durch TCDD (Dioxin) kausal verursacht werden". Zusätzlich fünf Millionen Mark bietet Boehringer den Opfern an und "eine offizielle Entschuldigung".
Bei ihrer Suche nach Wahrhaftigkeit stießen die Firmenforscher auf ein Schreiben vom 17. Dezember 1964. Inhalt: Berichte über Verhandlungen zwischen Boehringer und dem amerikanischen Chemiekonzern Dow Chemical über den "akneerregenden Stoff". Die Chlorakne ist ein sicheres Zeichen für eine Dioxinvergiftung, sie hatte im Hamburger Werk Boehringers eine Reihe von Arbeitern befallen. Das Schreiben ist an zwei Herren gerichtet, vieren dient es zur Kenntnisnahme. Einer von ihnen: Dr. v. Weizsäcker.
Der heutige Bundespräsident war damals Mitglied in der Boehringer-Geschäftsführung, zuständig für Personal und Steuern. Er hatte im Juni 1991 dem SPIEGEL versichert, ihm sei über die Chlorakne im Hamburger Werk "weder schriftlich noch mündlich je berichtet worden".
Alle "für Vorstand und Geschäftsführung bestimmten Zuschriften" seien Dr. Richard Freiherr von Weizsäcker zuzuleiten, wurde am 11. Mai 1962 von Firmenchef Ernst Boehringer verfügt, kurz nach dem Eintritt des begabten Juristen. Am 12. Juli 1962 wurde ein sechsköpfiges geschäftsführendes Gremium unter Einschluß Weizsäckers gebildet, "das zugleich auch die Belange der Untergesellschaften und aller nahestehenden Firmen betreut". Diese Firmenleitung, so legte Vorstandsanweisung 5/62 ausdrücklich fest, "arbeitet unter gemeinsamer Verantwortung".
Er sei erst Ende 1962 in die Firma eingetreten, behauptete dagegen Weizsäcker im Juni 1991, er habe "nur spärliche Kenntnisse über Produktion und Absatz gehabt", sich "auf die Personalführung und -gewinnung im oberen Firmenbereich" konzentriert und sei nicht "bei Verhandlungen über Zusammenarbeit mit anderen Gesellschaften dabeigewesen".
In den damaligen Verhandlungen mit Dow Chemical ging es um den Verkauf von Boehringers Know-how zur Herstellung von T-Säure, einem dioxinhaltigen Entlaubungsgift, das Dow in großen Mengen an die U.S. Army verkaufte. Als Bestandteil von "Agent Orange" regnete es auf Vietnam nieder, verwüstete große Teile des Dschungels und verursacht bei Einheimischen und besprühten amerikanischen Soldaten bis heute Hautgeschwüre, Leberschäden und Krebs.
"Boehringer Ingelheim war in die Vietnam-Problematik um Agent Orange involviert", gesteht das Unternehmen heute ein. 1967 war die Firma sogar bereit, wie sie jetzt zugibt, Dow mit Know-how bei der Errichtung einer T-Säure-Fabrik für die U.S. Army behilflich zu sein. Geschäftstüchtig forderte Boehringer von Dow zudem eine Abfindung "für die zusätzlichen Mengen für die Regierung" und noch mehr Geld, wenn nach dem Ende des Vietnamkrieges die Entlaubungsgifte "für Handelszwecke zum Einsatz kommen".
Die Konzernleitung von Boehringer Ingelheim ringt sich jetzt das erstaunliche Eingeständnis ab, "daß wir einen Teil des damaligen Handelns heute für nicht nachvollziehbar halten". Das Unternehmen stehe vor der Frage, "ob es seiner Sorgfaltspflicht genügt hat".
Hätte Boehringer 1955, als ein Werkschemiker das bis dahin nicht identifizierte Ultragift entdeckte, Alarm geschlagen, statt das Wissen zu unterdrücken und das Gift weiterzuproduzieren - dann hätte das Dioxin nicht drei Jahrzehnte lang wuchern können, geschützt durch ein Kartell des Schweigens, durch eine seltsame Allianz von Chemie und Politik.
Erst eine undichte Hamburger Müllhalde ließ 1984 die erschreckte Öffentlichkeit das Boehringer-Gift entdecken. Und erst acht Jahre später stellt sich das Chemieunternehmen nun seiner Verantwortung, nicht ganz freiwillig: Am 2. Dezember zeigt die ARD das Fernsehspiel "Hamburger Gift", eine Verfilmung der zweiteiligen SPIEGEL-Reportage aus dem letzten Jahr.
Eine Müllhalde zum Sprechen zu bringen, heißt es in dem zweistündigen Doku-Drama, sei das schlimmste, was unserer Gesellschaft passieren könne. Der Dreck sei so auskunftsfreudig wie das Archiv eines aufgelösten Staatssicherheitsdienstes: Was für den Osten die Stasi-Akte, ist für den Westen der Müll.

DER SPIEGEL 48/1992
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