22.02.1993

LeichtathletikSchlimme Finger

Dopingbelastete Trainer dürfen weitermachen, reformwillige Kräfte resignieren.
Mit einer Aufzählung von 21 Namen bereiteten die alten Herren ihrer einstigen Vorzeigeathletin "die größte Enttäuschung". Heide Rosendahl, die zweifache Olympiasiegerin von München 1972, sieht den Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) nur noch als "Haifischbecken", in dem Funktionäre über "alle Eindringlinge" herfallen.
Eine bisher geheimgehaltene Liste über neue "Hauptamtliche Trainerverträge (Ost)" hat die ehemalige Weitspringerin so erbost. Mit dem Papier soll am kommenden Wochenende bei den Hallenmeisterschaften in Sindelfingen das Verbandspräsidium vor vollendete Tatsachen gestellt werden.
Lakonisch informieren DLV-Präsident Helmut Meyer, 66, und Sportwart Manfred Steinbach, 59, auf einer DIN-A4-Seite, daß sie 7 ehemalige DDR-Trainer für vier Jahre und 14 weitere für zwei Jahre eingestellt haben: "Die Verträge wurden vom Präsidenten und Sportwart unterzeichnet."
"Viele schlimme Finger" aus der deutschen Doping-Republik DDR sieht Hartmut Heise, der Präsident des Landesverbandes Niedersachsen, damit wieder in Amt und Würden.
Meyer und Steinbach, die Freunde des alten DDR-Systems, haben den _(* Mit Schwiegertochter Heike Drechsler. ) DLV vor die größte Zerreißprobe seiner Geschichte gestellt - dem Verband droht eine Spaltung.
Mit ihrer heimlichen Personalentscheidung zementieren Meyer und Steinbach die Macht der alten DLV-Apparatschiks - weit über den 24. April hinaus, an dem der Verbandstag ein neues Präsidium wählt und Meyer ausscheidet.
Reformern wie Heide Rosendahl, 46, die bereit war, als Sportwartin die krisengeschüttelte Leichtathletik zu neuer Glaubwürdigkeit zu führen, wird ein Neubeginn fast unmöglich gemacht. Um sich von den frisch verpflichteten Altlasten wieder zu befreien, klagt Rosendahl, brauche man nun "20 Hausmeisterposten".
Das doperfreundliche Duo setzte sich mit Chuzpe über alle belastenden Dokumente hinweg. Eingestellt wurden unter anderen: *___Edwin Tepper (Sprint), obwohl er als ____DDR-Verbandstrainer an geheimen Dopingplanungen ____teilgenommen hat; *___Werner Goldmann (Kugelstoßen), der als Coach im TSC ____Berlin (unter anderem von Olympiasieger Ulf Timmermann) ____sogar von DDR-Wissenschaftlern wegen überhöhter ____Dosierung kritisiert worden war; *___Erich Drechsler (Weitsprung), obgleich der ____Schwiegervater und Coach von Olympiasiegerin Heike ____Drechsler als ehemaliger Trainer von gedopten ____Hochspringern belastet ist; *___Klaus Baarck (Siebenkampf), unter dessen gedopten ____Schützlingen auch Jugendliche waren; *___Helmut Böttcher (Diskuswurf), dessen Athletinnen früher ____bis zu 2900 Milligramm Anabolika im Jahr bekamen - ____doppelt soviel wie der kanadische Olympiasieger Ben ____Johnson; *___Hans-Joachim Pathus (Gehen), obwohl er öffentlich von ____Athleten der Dopinggabe beschuldigt worden war.
Allen genügte schon die bloße Erklärung, nicht an der "Verteilung" von Steroiden beteiligt gewesen zu sein, um die Verträge zu erhalten.
Selbst von Gerichtsurteilen ließen sich die DLV-Hardliner nicht beeindrucken. Bernd Schubert wurde mit einem Vierjahresvertrag für das "Referat Leistungssport" ausgestattet, obwohl er nach einem Urteil des Landgerichts Heidelberg als "ausgewiesener Fachdoper" bezeichnet werden darf.
Meyer und Steinbach entschlossen sich zur Masseneinstellung, weil sie Rückendeckung aus Bonn haben. Zwar forderte das Bundesinnenministerium (BMI), das die Bundestrainer bezahlt, unlängst bei weit weniger belasteten Schwimmtrainern noch ausdrückliche Unbedenklichkeitserklärungen einer unabhängigen Dopingkommission. Doch bei den Leichathleten machten die "Abstimmungsgespräche mit dem BMI" überhaupt keine Probleme. Mit Erich Schaible leitet ein Duzfreund Meyers die Sportabteilung des Innenministeriums.
Die gewieften Taktiker haben auf diese Weise womöglich einen Doppelschlag gelandet: Die Einstellung der Osttrainer hat Steinbachs Chancen erhöht, selbst neuer DLV-Präsident zu werden - weil nun keiner das schmutzige Erbe des DDR-Dopings antreten mag. Die dreisten Aktionen, glaubt Rosendahl, sollen gezielt die Front der sauberen Bewerber "nach und nach zerbröckeln". Der potentielle Meyer-Nachfolger Theo Rous wurde bereits derart zermürbt, daß er seine Kandidatur zurückzog; Leitbilder wie Hürden-Europameister Harald Schmid wurden von vornherein ausgegrenzt.
Für DLV-Jugendwart Rüdiger Nickel, gleichzeitig Dopingbeauftragter, ist deshalb die Abstimmung über das Präsidium im April "eine Richtungswahl". Sie entscheide, ob wie bisher "rücksichtslos das Bruttomedaillenprodukt" erhöht oder Vertrauen in die Leichtathletik zurückgewonnen werden könne.
Mit Steinbach will Nickel nicht länger in einem Gremium sitzen. Er zählt den Ministerialdirektor im Bundesgesundheitsministerium, der im Hauptberuf die Gefahr durch HIV-infizierte Blutkonserven ähnlich verharmloste wie im Funktionärsjob den Arzneimittelmißbrauch mit Anabolika, zu "den Personen, die über Leichen gehen".
* Mit Schwiegertochter Heike Drechsler.

DER SPIEGEL 8/1993
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