02.03.1992

„Mit Kloschüsseln überschüttet“

Soldat:
Sie hatten einen Freund von mir getötet. Und die sollen lachen und sich freuen? dachte ich. Während er tot ist? . . . Ich hab' immer da reingeschossen, wo viele Leute waren. Hab' in eine afghanische Hochzeit reingeballert . . . Das junge Brautpaar ging voran . . . Ich hatte kein Mitleid . . . Mein Freund war tot.
Soldat (Anruf bei der Autorin):
Laß die Finger davon! Mein bester Freund . . . er war wie ein Bruder . . . den hab' ich von einem Einsatz in einem Plastiksack zurückgebracht. Gehäutet . . . den Kopf abgehauen . . . Arme und Beine abgehackt, ein ausgeschlachtetes Tier statt eines kräftigen jungen Mannes. Er hat Geige gespielt, Gedichte geschrieben. Der hätte schreiben sollen, nicht du . . . Seine Mutter ist zwei Tage nach seiner Beerdigung in die Nervenklinik gebracht worden. Nachts ist sie auf den Friedhof gerannt und wollte sich mit ins Grab legen. Laß die Finger davon!
Afghanistan-Rückkehrer:
Ein Jahr lang hab' ich ständig Angst gehabt, auf die Straße zu gehen: ohne kugelsichere Weste, ohne Helm, ohne Maschinenpistole - ich kam mir richtig nackt vor. Und dann nachts die Träume . . . Einer zielt auf meine Stirn. Ein Kaliber, das einem den halben Kopf abreißt . . . Ich hab' geschrien. Hab' mich an die Wand geworfen. Wenn das Telefon rasselte, ist mir der Schweiß ausgebrochen, es hörte sich an wie Schüsse.
Krankenschwester:
Ich bekam den betrunkenen Chirurgen nicht wach. Ich hätte retten können . . . Wir durften nicht mal die Wahrheit in den Todesbenachrichtigungen an die Angehörigen schreiben. Sie waren auf Minen getreten . . . Vom Menschen blieb oft nur ein halber Eimer Fleisch übrig. Wir aber schrieben: beim Verkehrsunfall umgekommen . . . in eine Schlucht gefallen . . . Lebensmittelvergiftung.
Kanonier:
Ich habe da geschossen, habe aber gleichzeitig dieses Volk geachtet, mag es sogar. Mir gefallen seine Lieder, seine Gebete, ruhig und endlos wie die Berge. Aber ich - und ich spreche nur für mich - , ich habe ehrlich geglaubt, daß eine Jurte schlechter ist als ein fünfstöckiges Haus, daß ein Leben ohne Kloschüssel kein Leben ist. Und wir haben sie mit Kloschüsseln überschüttet und ihnen Ziegelhäuser gebaut! Wir haben ihnen Tische für ihre Büros, Wasserkaraffen und rote Tischdecken für offizielle Veranstaltungen gebracht und Tausende von Marx-, Engels- und Lenin-Bildern. In Schindand sah ich zwei Soldaten, die den Verstand verloren hatten. Sie redeten immerzu auf Duschmanen (Mudschahidin) ein, erklärten ihnen, genau nach dem Geschichtsbuch der 10. Klasse, was Sozialismus ist.
Funker:
Dann kam ich nach Hause . . . Bekannte fragten mich: "Hast du einen Lammfellmantel mitgebracht? Oder einen japanischen Kassettenrecorder? Was? Nichts? . . . Warst du überhaupt in Afghanistan?"
Rückkehrer:
Ich bin in den Bus gestiegen und hörte, wie sich zwei Frauen unterhalten. "Schöne Helden! Sie haben dort Frauen und Kinder umgebracht. Die sind doch nicht normal . . . Und sie werden noch in Schulen eingeladen . . . Und dann die Privilegien!" Ich bin an der nächsten Haltestelle ausgestiegen, mir kamen die Tränen. Wir waren Soldaten, wir haben Befehle ausgeführt. Auf Befehlsverweigerung in Kriegszeiten steht Erschießung . . . Solange ich mich erinnern kann, hat man mich erzogen zu glauben.
Oberleutnant:
Wer erzählt Ihnen, daß Drogen in Särgen rausgeschmuggelt wurden? Statt Leichen! Wer zeigt Ihnen die aufgefädelten getrockneten Menschenohren? Kriegsandenken. Sie wurden in Streichholzschachteln gesammelt.

DER SPIEGEL 10/1992
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