01.06.1992

Kinder von Murks und Lola-Lola

Berlin ist wieder wer, Berlin hat wieder was: Hauptstadt auf dem Sprung, Super-Bonn, Olympia-Hoffnung, Metropolis . . . Da lohnt es sich, kulturell zu powern, zu prahlen und zu protzen.
Was lag da näher, als dem "Blauen Engel", dem legendären Welterfolg von 1930, jener Mischung aus Marlene, Sex, Spießersatire und Hollaender-Musik, wieder auf die (schönen) Beine zu helfen.
Im Theater des Westens (keine Meile vom Ufa-Uraufführungskino des Sternberg-Films entfernt) stemmt man die kesse Lola als Musical auf die Bühne. Was heißt stemmt? Man klotzt. Mit dem Regisseur Peter Zadek, der seit "Lulu" mit Recht als Spezialist für sexuelle Bühnenhörigkeit gefeiert, seit "Andi" mit Grund als schmissiger Musical-Erneuerer gepriesen wird.
Um die Nähe zu "Lulu" zu plakatieren, machte Gottfried Helnwein aus seinem längst berühmten Lulu-Plakat eine "Blaue Engel"-Analogie: Wieder blickt ein zu kleiner Mann in einen zu großen Schoß. Die Revueszenen sollte der Pariser Wirbelwind Jerome Savary zaubern. Hatte er nicht aus "Cabaret" in Paris einen Großstadthit gemacht? Die Choreographie lag in den Händen von Alan Johnson und Jean Moussy. Andrej Woron entwarf mehrere hundert Kostüme. Rolf Kühn dirigierte einen swingenden Big-Band-Sound nach einer Musik von Peer Raben und Charles Kalman - in der die berühmten Originalsongs Friedrich Hollaenders mitschwammen wie ein Fisch in wildfremden Gewässern.
Tankred Dorst, Zadek-Texter seit Jahrzehnten, textete nach Heinrich Manns Roman - wie einst Zuckmayer und Vollmoeller für Sternberg. Und Marlene? Und Lola? Für sie war Ute Lemper auserkoren, sie sollte sich mit der Rolle ein Comeback von Kopf bis Fuß bereiten - gesungen, getanzt, gespielt und sonst gar nichts.
Auch Emil Jannings ist bedeutend nachgestellt: Ulrich Wildgruber, Zadeks Othello, Lear, Hamlet, Dr. Schön, lieh seine Fülle und sein Gewicht dem in den Fallen des Sex ausschlitternden Lübecker Gymnasialprofessor, der die Schüler piesackt, die ihn quälen - ein Spießer, der durch die Begegnung mit dem Naturereignis Lola ins Dämonische wächst und ins Tragische strauchelt. _(* Als "Professor Unrat", mit Gerhard ) _(Olschewski (hinten) als Schnepper. )
War das alles? Noch längst nicht. Eva Mattes singt breithüftig mit, Dieter Flimm entwarf Bühnenbilder, vom leuchtenden Ozeandampfer a la Fellini bis zur Kaschemme zum "Blauen Engel". Ulrich Schwab fungierte als Produktionsberater, es gab einen Mitarbeiterstab, der sich las wie ein Nachspann zu einem Hollywood-Megaschinken.
Doch bei all dem Klotzen haben sich die Beteiligten ganz schön bekleckert. Zehn Tage vor der Premiere begann die Luft laut pfeifend aus dem prall gepusteten Ballon zu weichen. Regisseur Zadek, der dem Streß der Revue und ihrem teuer-ehrgeizigen Anspruch offenbar nicht gewachsen war, wurde krank. Ein Theater ist keine Krankenkasse, ein Kritiker kein Vertrauensarzt - trotzdem muß registriert werden, daß Schauspieler schon vorher von Fluchtbewegungen des Regisseurs erzählten . . . In der letzten Preview vor der Premiere (die der Rezensent sah) stand am Schluß, während des eher schütteren Beifalls und der kräftigen Buhs, eine wunderschöne junge Blondine in der fünften Reihe auf und schrie mehrmals, ebenso anmutig wie kräftig: "Scheiße!"
Obwohl die Mehrheit der Zuschauer dieses Zweisilbenurteil in seiner Konsequenz teilte und nicht mit lautem Klatschen die Wiederholungsruferin zum Schweigen brachte (auch in der Premiere erntete der "Stab", die Regie-Garde, eine Welle der Ablehnung) - erklärt ist damit noch nicht, warum der "Blaue Engel" so böse in die Grütze ging.
Ein Mißerfolg hat viele flüchtende Väter. Sicher ist, daß man sich in Prunk und Aufwand verliebte, verhedderte und verlor - statt Stil gibt es ein Gewusel, statt Absicht, Linie, Handlung herrscht Prahlerei. Mal wird der Sternberg-Film geplündert, wenn dessen Spieluhren-Szene der Vergänglichkeit als üppige lebende Bilder nachgestellt, wenn ein echter Tanzbär als Film-Zitat auf die Bühne gezogen wird.
Dann wieder soll es wie in einem Reeperbahn-Musical zugehen, oder es soll mit weißen Walle-Damen, die Tennis-Rackets schwingen, das Flair der sportiven Aufbruchstimmung in den Dreißigern beschworen werden.
Zwischen all dem Lärm, Gedränge, Geschiebe und Getanze, bei dem Schüler mit viereckigen Bücherpaketen als Kopf im Gänsemarsch über die Bühne stapfen, bei der die Musik meist zum einen Ohr rein- und zum anderen rausgeht, vergessen noch ehe zu Ende gehört, wollte Zadek offenbar zwischen Ute Lemper als Lola und Ulrich Wildgruber als Professor Raat die intim-explosive Spannung seines "Lulu"-Experiments wiederholen. Aber die beiden verschwinden in der üppigen Szenerie und der aufwendigen Statisterie wie in einem Irrgarten: Dialoge, die man sich teilweise über Mikrofone zuschreit, haben den Charme von Jahrmarktsausrufen.
Daß eine Szene, eine Einlage, in der vor geschlossenem Vorhang ein Sänger (wunderbar geschniegelt und tuntig: Max Raabe) mit dem virtuos schmalzig als zitierte Parodie gesungenen Tango "Unter den Pinien von Argentinien" den größten Applaus findet, in ihrer konzentrierten Ruhe den besten Effekt macht, ist bezeichnend.
Bleibt Ute Lemper, die hektisch um ihr Comeback kämpft. Ihre Stimme ist schön, aber für die Dietrich-Rolle falsch - wo Marlene eine Mischung aus Trägheit und Unschuld herstellt, prahlt die Stimme der Lemper für sich selbst - seht her, das alles kann ich und noch mehr!
Angezogen, inszeniert und beleuchtet ist die Lemper, als wäre sie ihrem Regisseur wie einem Feind in die Hände gefallen: Ihre Nacktheit sieht fröstelnd aus, eher nach Käthe Kollwitz oder Heinrich Zille als nach Revue, die Netzstrümpfe, die um ihre Beine Wellen schlagen, lassen sie knochig statt lang wirken, Strapse von der AOK; die Haare kleben platt auf dem Kopf; statt auf die lauernd abwartende Haltung der Erotik, deren Waffe (wie es die Dietrich unvergeßlich vorexerziert hat) die Trägheit, die lässigste Sparsamkeit an Bewegungen ist, setzt die Lemper auf hektische Motorik. Worte wie "Ausstrahlung" wollen einem erst gar nicht in den Sinn kommen, und die einzige Beziehung, die sie hier hat, ist die nervöse Anspannung auf den Erfolg hin, der sie prompt sitzenläßt.
Das wilhelminische Lübeck, das ihr den verknöcherten Schulmann, der erst in ihren Armen wieder weich wird, zutreibt, besteht aus Schülern mit violetten Schülermützen - einer amorphen Bande, aus der sich auch die drei Schüler Lohmann, von Ertzum und Kieselack nicht herausheben, mit denen Heinrich Mann doch drei Konfrontationen des Schulmannes herausziseliert hat, den Großbürger, den Landjunker und den Kleinbürger.
Vor allem Lohmann (Martin Wuttke), der seinem Lehrer musisch wie finanziell, erotisch wie taktisch überlegen ist und ihm doch bis zum Endkampf unterliegt, bleibt ein Knittermännchen im gelben Anzug - nichts von Erfolgsstory in Übersee, nichts von pubertärem Charme, der sich zu Macho-Nonchalance mausert.
Allerdings liefert Savary hier, am Ende des ersten Teils, eine grelle Amerika-Revue-Nummer - die einzige, die sich mit einem gewissen Pep und mit Musical-Frechheit vom traurigen Rest abhob.
Hier hat auch Wildgruber seine schönste Szene: als Fidel Castro, der mit Rap-Gesang gegen die USA, Cuba Libre und Cola sein "No" und "SI" schmettert - der Revoluzzer, längst als Pop-Ikone verhökert. Doch der Rest, das sind eher die Kinder von Murks und Lola-Lola - ein Theater, das nicht weiß, wofür oder wogegen es ist, das Kaiser Wilhelm noch mal kurz als Pappkameraden aufstellt, um ihn gleich danach zu vergessen: ex und hopp.
So ist das Lübecker Establishment mit seinen finsteren Geschäften (hier gibt es eine matte Anspielung auf den Schiffe-Versenken-Skandal der "Lucona") durch den Konsul Wolters, den der Film-Schurke a. D. Horst Frank als dämonisch ausgebranntes Wrack spielt: ein Conferencier, dessen Stimme von Nikotin et cetera so weggebeizt ist, daß ihr kein Mikrofon mehr über die Rampe hilft.
Das einzige Weltstadtgefühl, das die Aufführung vermittelt, ist die großspurige "Was kostet die Welt"-Gebärde, mit der das Geld sichtlich zum Fenster hinausgeworfen wird: Der Blaue Engel ist nicht reich, er ist neureich in Szene gesetzt, er verpulvert das Theater.
Da trifft es sich, daß zur gleichen Zeit in einer anderen Metropole, in London, auch ein "Blue Angel" zu sehen ist: Hier ist Schmalhans Küchenmeister. Im Globe Theatre wird auf den spröden Charme des Teutonischen gesetzt; deutsch sind die Liedtexte der hier zur Revue gerafften Hollaender-Schlager und Heymann-Evergreens - von "Das gibt''s nur einmal" bis "Nimm dich in acht vor blonden Frau''n".
Wo in Berlin eine Big Band ihren satten Swing verbreitet, tut''s im spartanischen London eine Sechs-Mann-Combo; wo in Berlin Tänzerinnen in Tiller-Girl-Stärke und Tänzer zu Kompanien rekrutiert nach dem Motto "Die Masse macht''s" Ballett turnen, müssen in London drei Herren ausreichen, um eine große Gesellschaft darzustellen.
Nur Lola, gespielt von der erstaunlich auf Dietrich-Look getrimmten Kelly Hunter, hat es in London besser. Sie darf schicke Dreißiger-Jahre-Kostüme und Schuhe tragen, die immer wieder sichtbar machen: Die Beine sind die ersten Waffen dieser Frau. Die Stimme kommt erst in zweiter Linie.
London wie Berlin haben keinen Schlüssel, geschweige denn eine Dietrich zum Erfolg. Marlene überlebt beide Reanimationen mühelos.
* Als "Professor Unrat", mit Gerhard Olschewski (hinten) als Schnepper.
Von Hellmuth Karasek

DER SPIEGEL 23/1992
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