23.11.1992

Hier spricht der deutsche Mensch

"Das Leben geht weiter" - Der letzte Durchhaltefilm der Ufa 1944/45 (I) / Von Hans-Christoph Blumenberg

Von Blumenberg, Hans-Christoph

Der 14. April 1945 ist ein Samstag. Auf dem Fliegerhorst in Lüneburg beobachten die Männer des Kampfgeschwaders 26 ein seltsames Spektakel. Immer wieder landet ein Nachtjäger vom Typ Do 217 N-2. Ihm entsteigt, mit gleichbleibend zufriedener Miene, der Schauspieler Gustav Knuth.

Auf dem Rollfeld läuft ihm ein beleibter Mann mittleren Alters entgegen, der rasch außer Atem gerät. Trotz der körperlichen Anstrengung scheint auch er allerbester Laune: "Hervorragend, Martens!" sagt er. "Außerordentlich. Sie haben es geschafft. Nach der Peilung hat das Gerät schon bei 25 Kilometern angezeigt. Ich gratuliere!"

Der korpulente Zivilist ist einer der populärsten Stars des Dritten Reichs. Er hat den "Postmeister" gespielt und den "Großen Schatten", er war "Andreas Schlüter", der Baumeister preußischer Könige: Heinrich George. An jenem trüben Samstag steht der 51jährige Generalindentant des Berliner Schillertheaters zum letzten Mal vor einer Kamera. In seiner Rolle als mächtiger Rüstungsdirektor strahlt er ungebrochenen Optimismus aus. In schwerer Zeit wird deutscher Erfindergeist das Kriegsglück noch einmal wenden. Gerade hat sich der Besucher aus Berlin von der Einsatzfähigkeit eines Wundergeräts gegen den feindlichen Bombenterror überzeugt.

Für die uniformierten Zaungäste von der Luftwaffe bedeutet die Szene eine willkommene Abwechslung. Mit ihren eigenen Maschinen können sie schon seit Wochen mangels Benzins kaum noch fliegen. Sie wissen, daß der Krieg in wenigen Tagen zu Ende sein wird. Am 10. April haben Verbände der 9. amerikanischen Armee Hannover besetzt. Auch die _(* Bei den Dreharbeiten zu der ) _(Ehe-Komödie "Die gute Sieben" (1940). ) 2. englische Armee stößt bei ihrem Vormarsch durch Niedersachsen auf wenig Widerstand.

All das scheint den Regisseur Wolfgang Liebeneiner nicht zu beeindrucken. In aller Seelenruhe feilt er mit Heinrich George und Gustav Knuth an der Einstellung 417 des Ufa-Films "Das Leben geht weiter". Es dauert Stunden, bis er sich endlich zufrieden zeigt.

Liebeneiner spielt auf Zeit: Jeder Tag bringt ihn dem Ziel näher, sich und sein Team unbeschadet über die finalen Wirren des Krieges zu retten. "Das Leben geht weiter": Auf dem Lüneburger Fliegerhorst ist der Titel des Ufa-Films Nr. 205 seit Wochen zu einem geflügelten Wort geworden.

Quartier haben die Filmleute im nahen Dorf Bardowick gefunden. Heinrich George, erst am Abend zuvor aus Berlin eingetroffen, ist bei einer Bauernfamilie untergekommen. Morgens hat, mit allem Respekt, der Aufnahmeleiter-Assistent Karl-Franz Roell den "Herrn General" geweckt. George hat sich mühsam hochgerappelt und in hohem Bogen mitten ins Zimmer gepinkelt. Wer glaubt denn ernsthaft noch an "Wunderwaffen"? Aber selbst ein Heinrich George kann sich seine Rollen nicht mehr aussuchen.

Auch George weiß, wie das Projekt seit vielen Monaten im Propagandaministerium und in der Reichsfilmintendanz eingestuft wird: als "außergewöhnlicher Stoff größter Bedeutung", als "Teil der geistigen Kriegführung". Für ein solches Unternehmen sind die größten Darsteller-Namen gerade gut genug.

So geht, am Ende des Zweiten Weltkriegs, die Universum-Film Aktiengesellschaft mit dem gleichen Propaganda-Auftrag unter, dem sie im letzten Winter des Ersten Weltkriegs ihre Gründung verdankte. "Der Krieg", schrieb 1917 der kaiserliche Generalquartiermeister Erich Ludendorff, "hat die überragende Macht des Bildes und Films als Aufklärungs- und Beeinflussungsmittel gezeigt. Gerade aus diesem Grund ist es für einen glücklichen Abschluß des Krieges unbedingt erforderlich, daß der Film überall da, wo die deutsche Einwirkung noch möglich ist, mit dem höchsten Nachdruck wirkt."

Damals war die Ufa zu spät gekommen. Und auch 1945 steht sie, inzwischen in staatlicher Hand zum Mega-Filmkonzern avanciert, auf verlorenem Posten. Das Leben mag weitergehen, mit der Ufa geht es zu Ende. Aber sie verabschiedet sich mit einem großen Spektakel. Glanzvolle Namen vor und hinter der Kamera, kühne Träume und tragikomische Intrigen: In der Geschichte ihres letzten Monumentalprojekts fließen Ruhm und Schande der Ufa noch einmal zusammen.

Am Sonntag, dem 15. April 1945, erscheint, zum vorletzten Mal, in der Wochenzeitung "Das Reich" ein Leitartikel des Ministers für Volksaufklärung und Propaganda. Dr. Joseph Goebbels gibt ihm den Titel "Der Einsatz des eigenen Lebens": "Wir müssen alle, jeder für sich allein und ohne jedes Pathos, vor uns den Schwur ablegen, lieber das Gewagteste zu wagen als zu resignieren und tausendmal eher und lieber bis zum letzten Atemzug zu kämpfen, als ruhmlos zu kapitulieren."

Als letzte Wunderwaffe wollte er den Großfilm "Das Leben geht weiter" zum Einsatz bringen: Ein Projekt, das der Minister selber initiiert hat, das der staunenden Welt noch einmal zeigen sollte, welche Glanzleistungen die deutsche Filmindustrie auch unter härtesten Bedingungen vollbringen kann.

Seit fast einem Jahr setzt Goebbels alles auf diese Karte: den aufwendigsten Film des Jahres, mit riesigen Atelierbauten, kompliziertesten Spezialeffekten und Modell-Aufnahmen, dazu einer glanzvollen Besetzung. Selbst unter Friedensbedingungen hätte ein solches Projekt die Produktionskapazitäten in der Filmstadt Babelsberg bis zum äußersten strapaziert. Jetzt, kurz vor Kriegsende, als immer mehr Mitarbeiter der Ufa eingezogen werden, als Stromsperren und Treibstoffknappheit normale Dispositionen fast unmöglich machen, ist das System vollständig überfordert. Ein einzelner Film blockiert alle anderen Aktivitäten auf dem Gelände.

Nirgends spiegelt sich die Gemütsverfassung der deutschen Bevölkerung während des Zweiten Weltkriegs ungeschminkter wider als in den geheimen Lageberichten des Sicherheitsdienstes der SS. Im Frühling 1944 schwankt die kollektive Stimmungslage mehr denn je zwischen Furcht (vor den ununterbrochenen Luftangriffen der Alliierten) und Hoffnung (auf geheimnisvolle "Gefrierbomben" und Atomwaffen, die den Krieg für Deutschland entscheiden sollen). Die kargen Nachrichten von der Ostfront klingen bedrohlich, die Kürzung der Lebensmittelzuteilungen bei gleichzeitiger Erhöhung der wöchentlichen Arbeitszeit auf 72 Stunden bereitet den leidgeprüften Volksgenossen zusätzlichen Verdruß.

Wie kommt die offizielle Propaganda bei den Leuten an? Die SD-Spitzel heben das positive Echo auf einen Goebbels-Leitartikel vom 16. April 1944 besonders hervor. Dort hat der Minister unter der Überschrift "Das Leben geht weiter" zur Standfestigkeit angesichts der zunehmenden Luftangriffe aufgerufen: "In den Ruinen und Mauerresten unserer bombardierten Städte geht das Leben weiter. Es ist nicht mehr so reich und aus dem vollen schöpfend wie früher. Aber wir stehen fest auf unseren Füßen und zeigen nicht die geringste Neigung, in die Knie zu gehen."

In all dem pathetischen Wortgeklingel bringt Goebbels auch so etwas wie einen skizzenhaften Plan für ein Durchhalte-Drama unter:

"Der feindliche Luftterror ist die hohe Schule des Gemeinschaftsgeistes. In dieser Schule zeigen sich die Menschen so, wie sie wirklich sind. Man wohnt vielleicht jahrelang neben einem Nachbarn, dem man im gewöhnlichen Leben ohne weiteres zutraut, daß er mit Leichtigkeit Bäume ausreißt. Plötzlich im Hagel der feindlichen Bomben und Phosphorkanister entpuppt er sich als ganz kleine armselige Kreatur, die an nichts anderes denkt als nur die Erhaltung und Rettung des eigenen Lebens. Und ein anderer, der still und bescheiden seines Weges ging, ohne viel Aufhebens von sich zu machen, wird ebenso plötzlich ein richtiger Held, vergöttert von seiner Hausgemeinschaft, weil er für alle selbst in der größten Bedrängnis und Gefahr ein freundliches Wort der Aufmunterung und des guten Zuspruchs bereithält und damit wahre Wunder wirkt." _(* Bei einer Rede zum 25jährigen Bestehen ) _(des Filmkonzerns im Berliner Ufa-Palast ) _(am Zoo. )

So kommt ein Filmstoff in die Welt. Und es ist nicht das erste Mal, daß der Minister selbst eine Kino-Idee ausbrütet. "Wunschkonzert" (1940), einer der populärsten Filme des Dritten Reichs, geht direkt auf eine Anweisung von Goebbels zurück.

Der selbsternannte oberste Schirmherr des deutschen Films hält sich insgeheim auch für seinen besten Autor. Oft schon hat er, nachts in seiner Dienstwohnung in der Hermann-Göring-Straße 20, Figuren ersonnen, Dialoge umgeschrieben, Handlungen entworfen. Das Kino ist des Ministers schönste Sorge. Nun endlich, spät im Krieg, an dessen glücklichen Ausgang selbst Goebbels kaum noch glauben mag, scheint der Augenblick gekommen, die Probe aufs Exempel zu machen.

"Das Leben geht weiter": ein Film-Treatment in 25 Bildern. Erzählt wird die Geschichte einer Zehlendorfer Hausgemeinschaft während der alliierten Bombenangriffe auf Berlin in der zweiten Hälfte des Jahres 1943. Die Handlung beginnt am Abend des 31. Juli. In der Klopstockstraße 48 wird Geburtstag gefeiert. Alle Bewohner des Sechs-Familien-Hauses haben sich in einer festlich geschmückten Wohnung eingefunden, um bei Foxtrott, Kerzenschein und Napfkuchen die Gastgeberin Gundel Martens zu ehren: eine patente Hausfrau und Mutter von zwei kleinen Kindern, die in dieser schweren Zeit als S-Bahn-Begleiterin arbeitet.

Dabei lebt das Ehepaar Martens in eher großbürgerlichen Verhältnissen: mit Dienstmädchen und Bechstein-Flügel. Ewald Martens ist Diplom-Ingenieur, ein genialer Erfinder, der im Auftrag des Rüstungsministeriums Tag und Nacht an einem Frequenz-Peilgerät arbeitet, das den deutschen Nachtjägern einen entscheidenden Vorteil im Kampf gegen die alliierte Bomberflotte verschaffen soll.

Wir lernen den weisen alten Professor Hübner kennen, der sich standhaft weigert, bei Luftalarm den Keller aufzusuchen: einen Mann mit einem Geheimnis. Wir treffen die junge Bibliothekarin Lenore Carius, eine schwärmerische, leicht blaustrümpfig wirkende Erscheinung, die schon manche Enttäuschung hinter sich haben mag: eine Frau mit einer unerfüllten Sehnsucht. Eines Nachts, während eines besonders schweren Angriffs, wird ein starker Fremder in den Schutzraum der Hausgemeinschaft und damit in ihr Leben treten: der Flieger-Offizier Walter Hoesslin. Alsbald entspinnt sich eine Romanze in Moll.

Das proletarische Element vertritt Hausmeister Butzke (Typ: Berliner Schnauze mit Herz) nebst halbwüchsigem Sohn Heinz. Und damit die Hausgemeinschaft in der Klopstockstraße nicht gar zu perfekt erscheint, kommt auch das zänkische Ehepaar Winkler vor, das in der Stunde der Gefahr versucht, höchst eigensüchtig kostbares Hab und Gut aus der brennenden Stadt zu retten.

Schon bei flüchtiger Lektüre fühlt man sich an eine viel jüngere Fernseh-Serie von heute erinnert: "Das Leben geht weiter" wirkt wie die Lindenstraße 1943. Während in den Sommer- und Herbstmonaten drei große Angriffswellen todbringend über Berlin hinwegrollen, während Ewald verzweifelt an der Fertigstellung seiner Wunderwaffe arbeitet und Gundel sich im Bombenhagel als Lebensretterin bewährt, entfaltet sich ein geschickt gesponnenes Netz aus Liebe und Entsagung, kleiner Komödie und großem Schmerz, Verzagtheit und Heldenmut: ganz im Sinne des Goebbels-Leitartikels.

Wer ist der Verfasser dieses Stücks? Als das Treatment im Sommer 1944 in die Umlaufbahn der NS-Film-Bürokratie gelangt, fehlt jeder Autoren-Hinweis. Erst am 30. September läßt der Reichsfilmintendant, SS-Gruppenführer Hans Hinkel, über seinen engsten Mitarbeiter, den Film-Juristen Dr. Walter Müller-Goerne, anordnen: "Das ausführliche Treatment (Idee) ist dem Verfasser oder den Verfassern mit dem Betrag von RM 30 000,- zu vergüten. Ich mache bei dieser Gelegenheit darauf aufmerksam, daß es sich bei diesem Treatment bzw. Drehbuch um einen außergewöhnlichen Stoff größter Bedeutung handelt."

Erstaunlich an diesem Schreiben ist nicht nur der Umstand, daß um die Identität des Ideenlieferanten ein Geheimnis gemacht wird, sondern auch die Höhe der Gage. Für ein Film-Treatment werden 1944 normalerweise höchstens 6000 Mark gezahlt. Noch seltsamer wirkt der Fall durch einen Einschub im Entwurf des Briefes, der in der endgültigen Fassung fehlt: "(zu erfragen bei Herrn Frowein)" steht an der Stelle, wo es um den namenlosen Autor geht. Wer ist Herr Frowein?

"Hier spricht der deutsche Mensch": Mit diesen Worten meldet sich Kurt Frowein gern am Telefon. Der flotte Regierungsrat, 1914 in Wuppertal geboren, gilt im Propagandaministerium als kommender Mann. Frowein hat eine Blitzkarriere hinter sich. Goebbels selbst ist 1940 auf die Artikel des jungen Kriegsberichterstatters vom Feldzug im Westen aufmerksam geworden. "Paris, Meilenstein unseres Sieges", jubelt Frowein am 17. Juni 1940: "Frankreichs Herz gehört den deutschen Waffen."

Pathetische Prosa dieser Art wärmt das Minister-Herz. Im Juli 1940 holt Goebbels Kurt Frowein als Presse-Referenten nach Berlin, im Juni 1943 avanciert der junge Mann zum Reichsfilmdramaturgen. Damit sitzt Frowein an einer zentralen Schaltstelle der Medienmacht. Der Reichsfilmdramaturg prüft alle Projekte der staatlichen Produktionsfirmen, die seit 1942 in einer gigantischen Holding-Gesellschaft namens Ufa-Film GmbH zusammengefaßt sind. Welche Stoffe die Chefs der sieben Töchter (Ufa-Filmkunst, Tobis, Terra, Bavaria, Wien-Film, Berlin-Film, Prag-Film) auch vorschlagen mögen - an der _(* Angefertigt von Herstellungsleiter ) _(Karl Ritter. ) ministeriellen Vorzensur läuft nichts vorbei.

Der gerade 29jährige Frowein erfüllt seine neue Aufgabe mit mehr Enthusiasmus als Sachverstand. Das Filmgeschäft, vertraut er seiner Frau an, kommt ihm wie ein "Flohzirkus" vor. Stundenlang diskutiert Goebbels nachts mit ihm die eingereichten Stoffe. Doch am Ende zählt allein das Urteil des Ministers. Und es wird kaum Kurt Frowein gewesen sein, der die Idee hatte, einen Leitartikel in eine Spielhandlung umzusetzen.

Im Herbst 1944 dient er Goebbels in einer neuen Funktion: als Strohmann. Zusammen mit seinen beiden Journalisten-Freunden Hans Henne und Gerhard Weise taucht Frowein im Dezember 1944, als die Dreharbeiten schon laufen, in der Kalkulation des Films "Das Leben geht weiter" als Autor des Treatments auf.

Ein nationalsozialistischer Minister, selbst wenn er Goebbels heißt, darf natürlich nicht genannt werden: Wie würden die Volksgenossen reagieren, wenn sie in ihrem halb zerbombten Kino um die Ecke im Vorspann lesen müßten, daß der oberste Propagandist des totalen Krieges ausgerechnet jetzt seinen Einstand als Ufa-Autor gibt?

"Das Leben geht weiter" paßt nicht in die deutsche Kino-Landschaft des unaufhaltsam der Niederlage zustrebenden Krieges. Trümmer und Tote, Bomben und Entbehrungen sind im Propaganda-Konzept nicht vorgesehen.

Wer im Mai oder Juni 1944 in Deutschland ein Filmtheater besucht, kann kaum auf den Gedanken kommen, daß sich das Land im fünften Kriegsjahr befindet. Am 28. April hat die Ufa "Eine Frau für 3 Tage" mit Hannelore Schroth und Carl Raddatz gestartet, eine romantische Liebeskomödie. Eine Woche später kommt "Träumerei" heraus, ein schwerblütiges Melodram mit Hilde Krahl als Clara Wieck und Mathias Wieman als Robert Schumann. Am 9. Mai tritt Will Quadflieg mit der "Zaubergeige" an, am 12. Mai folgt die Uraufführung von "Ich brauche dich" mit Marianne Hoppe und Willy Birgel.

Kriminalfilme ("Der Verteidiger hat das Wort", "Der Täter ist unter uns"), heitere musikalische Händel ("Es lebe die Liebe" mit Johannes Heesters) und leichte Lustspiele ("Sommernächte" mit Rene Deltgen, "Komm zu mir zurück" mit Albert Matterstock) dominieren den Spielplan.

Die Realität des Dritten Reichs bleibt weitgehend vor der Kinotür. In der hellen Ufa-Welt erhebt sich keine Hand zum deutschen Gruß, hängt kein Hitler-Bild an der Kulissenwand, liegt keine Stadt in Schutt und Asche. Spätestens seit der Kapitulation der 6. Armee in Stalingrad am 31. Januar 1943 findet der Krieg auf der Leinwand nur noch in der Wochenschau statt.

In dieser Situation ist Wolfgang Liebeneiner zum Produktionschef der Ufa berufen worden. Mit zwei Großfilmen über Wollen und Wirken des "eisernen Kanzlers" ("Bismarck", 1940; "Die Entlassung", 1942) hat der Regisseur höchstes Lob beim Propagandaminister gefunden.

Goebbels schätzt Liebeneiners Fähigkeit, papierne Vorlagen in schwungvolle Bilder umzusetzen. So betraut er ihn am 13. Februar 1941 auch mit einem seiner Lieblingsprojekte: "Mit Liebeneiner einen neuen Filmstoff über Euthanasie besprochen. Ein sehr schwieriges und heikles, aber auch sehr dringendes Thema. Ich gebe Liebeneiner einige Richtlinien."

Am 21. Juni 1941 schon kann der Minister befriedigt notieren: "Neuer Liebeneiner-Film ,Ich klage an''. Für die Euthanasie. Ein richtiger Diskussionsfilm. Großartig gemacht und ganz nationalsozialistisch."

Zum 25. Geburtstag der Ufa verleiht Goebbels Liebeneiner am 3. März 1943 bei einer Feierstunde im Ufa-Palast am Zoo den Professorentitel: "Die künstlerische Ausgewogenheit seiner Filme und sein künstlerisches Maß bei der Anwendung aller Wirkungsmittel haben dazu beigetragen, daß der deutsche Film zu einem Kunstwerk eigener Art geworden ist."

Liebeneiner selbst sieht sich nicht als Trommler des Systems. Der 1905 geborene Zögling preußischer Kadettenanstalten hatte bereits eine sehr erfolgreiche Schauspielerkarriere hinter sich (seine schönste Kinorolle spielte er 1932 in der Schnitzler-Adaption "Liebelei" des ein Jahr später emigrierten Juden Max Ophüls), als er 1937 zum ersten Mal eine Filmregie übernehmen durfte.

Seit 1938 ist er künstlerischer Leiter der frisch gegründeten Babelsberger Filmakademie, seit 1942 Mitglied des Präsidialrats der Reichstheaterkammer. Wolfgang Liebeneiner hat es keinesfalls nötig, sich aufzudrängen: Wie sein Kollege und Rivale Veit Harlan profitiert er vom künstlerischen Vakuum, das nach dem Massenexodus der jüdischen Filmkünstler in den deutschen Ateliers entstanden ist.

Nachdem es Goebbels 1939 nicht gelungen ist, Emil Jannings zu überreden, die Führung der Ufa zu übernehmen, setzt er zunehmend auf Wolfgang Liebeneiner, der im April 1943 zum Produktionschef avanciert. Er, der elegante Inszenierungskünstler, der mit Komödien wie "Der Mustergatte" (1937) oder "Der Florentiner Hut" (1938/39) auch ohne Nazi-Protektion sich hätte durchsetzen können, soll den verblaßten Glanz des Ufa-Rhombus aufpolieren.

Und nun, im Sommer 1944, schickt der Reichsfilmdramaturg Kurt Frowein einen eigenen Stoff an die Ufa, mit der ministeriellen Anweisung, so rasch wie möglich mit der Realisierung zu beginnen. Wolfgang Liebeneiner wundert sich.

Am 31. August 1944 erreicht den Regisseur und Produzenten Karl Ritter in seinem Büro in der Ufa-Stadt das im Propagandaministerium geschriebene Treatment "Das Leben geht weiter".

Endlich hat Karl Ritter, nach Monaten der Ratlosigkeit und des Zweifels, wieder eine Aufgabe. Ausgerechnet er, der Treueste der Treuen, unter den vielen Taktierern und Opportunisten in Babelsberg einer der wenigen glühenden Nationalsozialisten, erfreut sich seit dem Frühjahr nicht mehr der Gunst des Propagandaministeriums. Durch den Reichsfilmdramaturgen Kurt Frowein hatte er am 22. März endgültig erfahren müssen, daß er mit einem Regieverbot belegt worden ist.

Der alte Haudegen, Berufsoffizier, Flieger aus Leidenschaft, Mitglied der NSDAP seit 1924, versteht die Welt nicht mehr. Gerade jetzt, wo der Krieg in die entscheidende Phase tritt, sind seine "filmischen Panzerwagen, die an die vorderste Propagandafront gehören", plötzlich unerwünscht.

Karl Ritter, 1888 in Würzburg geboren, Spezialist für wuchtige Propaganda-Vehikel ("Patrioten", 1937, "Pour le Merite", 1938, "Stukas", 1941), darf sich der persönlichen Gunst Adolf Hitlers rühmen. Den lernte Ritter, über seine Frau Erika weitläufig mit der Familie Wagner verschwägert, schon Mitte der zwanziger Jahre im Hause Wahnfried kennen. Nicht zuletzt dieser Bekanntschaft verdankt er seinen steilen Aufstieg nach 1933. Als Garant für weltanschauliche Festigkeit gelangt _(* Mit den Darstellern Willy Birgel und ) _(Marianne Hoppe in dem Ufa-Film "Ich ) _(brauche dich". ) Ritter 1937 in den Aufsichtsrat der unter direkten staatlichen Einfluß geratenen Ufa. Zum 50. Geburtstag seines verehrten Führers wird er am 19. April 1939 zum Professor ernannt.

Goebbels hatte insgeheim nie viel von Ritter gehalten. Dessen ganz und gar unsubtiler Hauruck-Stil, wirkt auf ihn 1941 "reichlich naiv und primitiv". Doch jeder offene Konflikt mit dem untersetzten Kraftmenschen, der in Babelsberg wegen seiner patriarchalischen Attitüden "Vater Ritter" genannt wird, könnte zu einer Intervention Hitlers führen.

Ritter lebt auf allzugroßem Fuß. In der Stubenrauch Straße 16 in Potsdam-Babelsberg hat er sich nach eigenen Plänen eine Villa bauen lassen. Eine überdimensionale Hitler-Büste schmückt die Empfangshalle.

Trotz höchster Gagen muß Ritter bei den Herren des Ufa-Vorstands wiederholt um einen "Vorschuß zur Begleichung meiner Steuerschulden" bitten. Mehr noch als seine permanenten finanziellen Probleme macht aber der Kriegsverlauf Karl Ritter zu schaffen.

Ritter muß feststellen, daß der Krieg schneller ist als der Film. Zwischen August 1942 und Anfang 1943 hat er "Besatzung Dora" gedreht, ein Flieger-Epos, das zu wesentlichen Teilen in Nordafrika spielt. Schon während der Aufnahmen müssen Szenen, die in Rommels Wüste geplant waren, ins italienische Ostia verlegt werden. Als "Besatzung Dora" endlich fertig ist, haben sich die deutschen Truppen längst aus Afrika zurückziehen müssen. Ritter versucht zu retten, was nicht mehr zu retten ist, läßt umschreiben und umschneiden. Immer neue Fassungen von "Besatzung Dora" werden zur Zensur vorgelegt, bis der Film im November 1943 endgültig im Archiv des Propagandaministeriums verschwindet.

Karl Ritter fühlt sich zu Unrecht verfolgt und kaltgestellt. Anfang 1944 aktiviert er seine engen Kontakte zur Luftwaffe und bemüht sich um die Aufhebung seiner u.k.-Stellung. Doch Ritters Name steht auf der von Hermann Göring persönlich zusammengestellten Liste von "Gottbegnadeten", die unter keinen Umständen zum Militär eingezogen werden dürfen.

Jetzt, wo man selbst in Babelsberg nicht mehr aus dem vollen schöpfen kann, ist Ritters Organisationstalent als Herstellungsleiter gefragt. Er, der seine Filme mit militärischer Präzision vorbereitet, der Bauplanungen, Atelierbelegungen, Komparserie-Einsätze bis ins letzte Detail überwacht, gehört zu den wenigen bei der Ufa, die auch die kompliziertesten Großprojekte reibungslos durchführen können.

So ist es gewiß ehrlich gemeint, wenn Liebeneiner am 18. März 1944 den "lieben und verehrten Herrn Ritter" beschwört, "uns bzw. mich bzw. unsere gemeinsame Firma nicht im Stich zu lassen. _(* Bei der Verleihung des ) _(Professorentitels an Liebeneiner und ) _(Harlan im April 1943. ) Es wäre für meine Arbeit und für die Ufa ein katastrophaler Verlust, wenn wir einen Mann von Ihrem Können verlieren würden".

Im Sommer 1944 hat Liebeneiner einen fetten Köder, um den widerspenstigen Ritter an die Ufa zu fesseln. Als er das Treatment aus dem Propagandaministerium auf den Schreibtisch bekommt, weiß er nach flüchtiger Lektüre sofort, wen er mit der Vorbereitung des Ufa-Films Nr. 205 betrauen muß.

Noch gibt es nur das Treatment aus dem Propagandaministerium, jene Bilderfolge, die angeblich der Reichsfilmdramaturg Kurt Frowein geschrieben hat. Der erfahrene Produktionspraktiker Ritter begreift rasch, daß das Projekt "Das Leben geht weiter" die Ufa vor fast unlösbare Probleme stellen wird. Der Entwurf schreibt eine Fülle von Schauplätzen vor, von technisch hochgerüsteten Versuchslabors bis zu überfüllten Bahnhofshallen, von Bibliothekssälen bis zur Chef-Etage im Rüstungsministerium, vom Luftschutzbunker bis zur S-Bahn-Station.

Niemandem im Propagandaministerium scheint aufgefallen zu sein, daß das Berlin des Jahres 1943, in dem "Das Leben geht weiter" spielt, zu wesentlichen Teilen in Schutt und Asche gesunken ist. Ritter sieht sich vor die Aufgabe gestellt, die zerstörte Stadt in Babelsberg neu zu bauen. Luftangriffe, die im Herbst 1943 stattgefunden haben, müssen ein Jahr später mit gewaltigem pyrotechnischen Aufwand nachgestellt werden. Die Modellbau-Abteilung muß Handlungsorte, die längst nicht mehr existieren, im Miniaturverfahren rekonstruieren.

Etwas voreilig setzt Karl Ritter den Drehbeginn des Films "Das Leben geht weiter" auf den 20. September 1944 fest. Doch noch fehlt das wichtigste Element seiner Planung: ein brauchbares Drehbuch.

Ritter wendet sich an den Autor Gerhard Menzel, einen einschlägig bewährten Routinier der NS-Propaganda ("Morgenrot", 1932/33; "Heimkehr", 1941). Nach wenig mehr als zwei Wochen, am 25. September, ist Menzel fertig. Doch der Schnellschuß findet nicht die Billigung des Propagandaministeriums, Goebbels wünscht eine neue Fassung. Und für die kommt nur ein Autor in Frage: Wolfgang Liebeneiner. Am 2. Oktober trifft er sich mit Frowein.

Liebeneiner schreibt. Ritter rechnet. Jetzt muß alles schnell gehen. Während Liebeneiner noch jeden Abend in seiner Dahlemer Wohnung neue Szenen diktiert, stets darauf bedacht, Menzels gröbste Durchhalteklischees zu entfernen, ohne den befohlenen optimistischen Grundton aufzugeben, legt der Herstellungsleiter einen ersten Bauplan vor. Ritters Kalkulationen lösen bei den leitenden Herren der Ufa-Filmkunst blankes Entsetzen aus. 121 Drehtage soll das Unternehmen "Das Leben geht weiter" verschlingen, rund 50 mehr als eine normale Produktion. Sechs Ateliers werden für den Dekorationsbau benötigt, von der Riesenhalle "Große Süd" bis zur kleinen "Trick I".

Einer der wichtigsten Männer bei der Ufa im Herbst 1944 heißt Gerhard Huttula. Sein Name steht in keinem Vorspann. Huttula leitet die Rückpro-Abteilung in Babelsberg. Der 1902 in Berlin geborene Kameramann und Trickspezialist versteht sich wie kaum ein anderer auf die Kunst der optischen Täuschung. In Huttulas Spezialatelier werden vorher gefilmte Bildhintergründe mit den Aktionen der leibhaftig anwesenden Schauspieler zusammen aufgenommen. So entsteht, wenn etwa eine Darstellerin aus einem Zugfenster auf ein Großstadtpanorama (das in Wirklichkeit seit vielen Monaten nur noch ein Ruinenfeld ist) schaut, die Illusion einer intakten Welt. Je mehr der Krieg Deutschland verwüstet, desto wichtiger ist Huttulas Abteilung für die Ufa geworden.

Am 6. September gibt der Reichsfilmintendant, SS-Gruppenführer Hans Hinkel, eine Anweisung: "Die Ufa-Filmkunst G.m.b.H. stellt im Auftrag des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda den Film ,Das Leben geht weiter'' als einen Teil der geistigen Kriegführung her. Zu diesem Zweck ist es notwendig, in Berlin und Umgebung Film- und Fotoaufnahmen zu machen, die sich zum Teil vor zerstörten Gebäuden, auf Bahnhöfen und in der Nähe von Flakstellungen abspielen. Es wird gebeten, der Ufa-Filmkunst G.m.b.H. hierbei jede nur mögliche Unterstützung zuteil werden zu lassen."

Nur einem Regisseur traut Goebbels zu, daß er den Großfilm "Das Leben geht weiter" in seinem Sinn in Szene setzen kann: Wolfgang Liebeneiner. Der hat, seit er Produktionschef der Ufa geworden ist, nicht mehr Regie geführt. Dem Schöngeist, unversehens mit dem Auftrag konfrontiert, für den Propagandaminister eine letzte filmische Wunderwaffe zu schmieden, behagt der Stoff ganz und gar nicht.

An einem Sonntag im September besucht Liebeneiner, dem schon die Tränen kommen, wenn er zusammen mit seinen Filmstudenten Walt Disneys "Schneewittchen" anschaut, den Polizeipräsidenten von Berlin in dessen Kommandozentrale. _(* Bei den Dreharbeiten zu dem Ufa-Film ) _("Stukas" (1941). )

An jenem Vormittag wird die Stadt von einem schweren Luftangriff erschüttert: "Am nächsten Tag ging ich mit dem Polizeipräsidenten und seinem Stab durch die Trümmerwüste zu den Stellen, die besonders getroffen waren. Da haben wir grauenvolle Sachen gesehen und erlebt. Zum Beispiel waren die Leichen eines früheren Angriffes, die noch nicht beerdigt werden konnten, in einer Straße aufgereiht. Sie waren aufgedunsen und stanken entsetzlich . . .

"Und da begegneten wir Goebbels, der auch durch die Straßen ging, um sich ein Bild zu machen. Und als wir ihn trafen, sprach er gerade mit Frauen. Und diese Frauen sagten, unvergeßlich: ,Nun müssen Sie aber langsam anfangen mit Ihren Wunderwaffen.''"

Wolfgang Liebeneiner ist erschüttert über das, was ihm in den Straßen von Berlin vor die Augen kommt. Wie kann er angesichts solcher Eindrücke einen Film mit dem Titel "Das Leben geht weiter" machen?

Einen platten Durchhaltefilm will Liebeneiner keinesfalls drehen. Im September 1944 ist längst klar, daß der Krieg nur noch einige Monate dauern kann. Wer jetzt zum letzten Propagandagefecht antritt, wird sich vor den Siegern verantworten müssen. Und Liebeneiner plant über die Stunde Null hinaus. So entsteht eine gewagte Doppelstrategie: "Das Leben geht weiter" soll nicht nur der letzte Film des Krieges, sondern auch der erste Film des Friedens werden.

In Windeseile stellt Wolfgang Liebeneiner eine glanzvolle Besetzung zusammen. Wem sonst als seiner eigenen Ehefrau soll der Regisseur die weibliche Hauptrolle der tapferen Mustergattin Gundel Martens anvertrauen?

Zum ersten Mal hat Liebeneiner die aparte Schönheit Hilde Krahl, die nichts von einer nordischen Heldendarstellerin hat, in seinem Film "Das andere Ich" (1941) besetzt. In seiner "Großstadtmelodie" (1943) spielt sie eine Fotografin. Da ist die Romanze zwischen dem Regisseur und seinem Star in Berlin längst kein Geheimnis mehr. Goebbels, der sich gern in die privaten Affären der Filmleute einmischt, drängt auf die Schaffung ordentlicher Verhältnisse. Liebeneiner, noch mit der Schauspielerin Ruth Hellberg verehelicht, läßt sich scheiden und heiratet am 30. April 1944 die Wienerin Hilde Krahl.

Liebeneiner besetzt auch andere Hauptrollen gegen den Strich. Den Ingenieur Ewald Martens, der unbeirrt an der Wunderwaffe gegen den Bombenterror bastelt, wird keiner der schneidigen Ufa-Helden spielen, sondern der hintergründig verschmitzte, oft nahezu schüchtern wirkende Gustav Knuth.

Marianne Hoppe, wie Hilde Krahl mehr eine Theaterschauspielerin als eine Kino-Diva, soll die Bibliothekarin Lenore Carius darstellen. Ihre herbe, unsentimentale Ausstrahlung hat seit Kriegsbeginn nur in fünf Filmen Verwendung gefunden, darunter in Helmut Käutners Meisterwerk "Romanze in Moll" (1942).

Victor de Kowa, abonniert auf elegant-schnoddrige Herzensbrecherrollen, holt Liebeneiner für die Rolle des Fliegerhauptmanns Walter Hoesslin. Der Boulevard-Virtuose soll den furchtlosen Flieger ohne allzu heldisches Pathos spielen.

An Heinrich George führt kein Weg vorbei. Die Rolle des Rüstungsdirektors ist ihm auf den massigen Leib geschrieben. Bei der Ufa sind joviale Patriarchen längst seine Spezialität. "Martens Heil! Ich grüße Sie! Nehmen Sie Platz. Gut geschlafen? Sonst geht''s gut, ja? Die Kinder evakuiert? Na also! Ihre Frau noch bei der S-Bahn? Verrückter Sport! Na, jedem das Seine. Also Martens, es wird ernst, was soll ich Ihnen sagen, es ist ernst! Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos, was?"

Solche Chargen spielt der große George im Schlaf. Die Ufa braucht ihn für "Das Leben geht weiter" nur fünf Tage. Die Höchstgage von 10 000 Mark betrachtet er als Schmerzensgeld.

Als den geheimnisvollen alten Professor Hübner besetzt Liebeneiner Friedrich Kayßler: einen Giganten des deutschen Theaters, auch Dramatiker und Essayist. Der populäre Charakterkomiker Will Dohm bekommt die Rolle des labilen Volksgenossen Winkler.

Am 12. Oktober findet eine erste Produktionssitzung statt. Wolfgang Liebeneiner ist nicht anwesend. Den Vorsitz führt der erst im September neu installierte Firmenchef der Ufa, SS-Obersturmbannführer Heinz Tackmann, ein Vertrauter des Reichsfilmintendanten Hinkel.

Obwohl es immer noch kein Drehbuch gibt, schlägt Tackmann einen unerhörten Bruch m it allen üblichen Verfahrensweisen vor:

"Der Drehbeginn des Staatsauftragfilms ,Das Leben geht weiter'' hat sich aus den bekannten Gründen über den vorgesehenen Baubeginn vom 2. ds. Mts. verzögert. Herr Professor Liebeneiner ist noch dabei, das Menzel'' sche Drehbuch, entsprechend den Wünschen des Ministeriums, umzuschreiben. Das Drehbuch wird voraussichtlich im letzten Oktoberdrittel dem Ministerium vorgelegt werden können. Infolge der gegenwärtigen vollen Dreharbeit und der gleichzeitigen radikalen Auskämmung der Atelierbelegschaft einerseits und der Grösse und Zahl der darin vorgesehenen Bauten andererseits, drohen außergewöhnliche Zeitverluste einzutreten, wenn nicht sofort wenigstens mit dem Bau der z. Zt. bereits feststehenden Dekorationen begonnen werden kann . . .

Unter diesen ungewöhnlichen Verhältnissen . . . bitten wir ausnahmsweise zu genehmigen:

1.) dass mit der Durchführung des Filmvorhabens, soweit möglich, begonnen _(* Bei den Dreharbeiten zu dem Film "Das ) _(andere Ich" (1941). ) wird, ohne dass ein Kostenvoranschlag vorliegt, und

2.) dass unverzüglich diejenigen Bauten in Angriff genommen werden, die in Form und Umfang nach dem jetzigen Stand der Arbeit am Drehbuch des Herrn Professor Liebeneiner festliegen."

Tatsächlich werden die gewünschten Genehmigungen vom Reichsfilmintendanten postwendend erteilt. Schon am 16. Oktober beginnen die Arbeiten im Atelier Ton-West, wo die einzelnen Wohnungen des Hauses in der Klopstockstraße gebaut werden.

So liefern sich die Herren Hinkel und Tackmann auf Gedeih und Verderb dem Geschick des Autors Wolfgang Liebeneiner aus.

Jetzt, wo bei der Ufa alle anderen Projekte gestoppt worden sind, wo allein mit fieberhafter Eile die Vorbereitung von "Das Leben geht weiter" betrieben wird, begreift der von Natur aus vorsichtige Liebeneiner, welche Lücken das sich auflösende Kontrollsystem ihm mit einem Mal bietet. *HINWEIS: Im nächsten Heft Babelsberg gegen Hollywood - Bombennacht als ästhetisches Ereignis - Regisseur Liebeneiner spielt auf Zeit - Der Pazifismus bricht aus - Das Geheimnis der Grabkammern des Doms von Bardowick

* Bei den Dreharbeiten zu der Ehe-Komödie "Die gute Sieben" (1940). * Bei einer Rede zum 25jährigen Bestehen des Filmkonzerns im Berliner Ufa-Palast am Zoo. * Angefertigt von Herstellungsleiter Karl Ritter. * Mit den Darstellern Willy Birgel und Marianne Hoppe in dem Ufa-Film "Ich brauche dich". * Bei der Verleihung des Professorentitels an Liebeneiner und Harlan im April 1943. * Bei den Dreharbeiten zu dem Ufa-Film "Stukas" (1941). * Bei den Dreharbeiten zu dem Film "Das andere Ich" (1941).

DER SPIEGEL 48/1992
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 48/1992
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Hier spricht der deutsche Mensch