23.11.1992

Ein Hofknicks, und dann ab ins Bett

Können schlichte Seitensprünge, einst ein selbstverständlich genossenes Vorrecht britischer Herrscher, den Untergang des Hauses Windsor einleiten? Häßliches Ehegezänk, einem Millionenpublikum täglich neu präsentiert, scheint die Grundfesten der fast tausendjährigen Monarchie ins Wanken zu bringen. Mit eiserner Disziplin will Königin Elizabeth das Chaos verhindern.

Der liebe Gott, den Engländer und Schotten, Waliser und Nordiren in ihrer Nationalhymne um Schutz des edlen Herrschers anflehen, hat sich bislang gnädig gezeigt.

Das britische Empire zerbrach, seine einst mächtigen Industrien verrotten, in den Städten wuchern Slums, der Staat ist im Ausland hoch verschuldet, sein Rang in Europa unbestimmt - doch dem Haus der Windsors, bis 1917 Sachsen-Coburg und Gotha ("hannoveranische Emporkömmlinge, Würstchen essende Schweine" schimpften sie Gegner der Dynastie), hat solche Unbill nichts anhaben können.

Die imperiale Pose, die das Königshaus vermittelte, suchte sich das Volk weiterhin zu erhalten. Es schätzte das Drama und die Theatralik höfischer Auftritte, die seltsamen Bräuche der Geschichte und die absurd anmutenden Gesten. Die Windsors schenkten ihren Untertanen einen Ausgleich für die kleingewordene Welt und eine oft jämmerliche Gegenwart.

Indes, gegen die Abhöranfälligkeit drahtlos übertragener Ferngespräche, gegen lichtstarke Teleobjektive und die Klatschsucht entlassener Domestiken ist sogar der Himmelsherr machtlos. Wenn die gegenwärtige Chefin der "Firma" (wie sich seit George VI., dem Vater der Queen, die Royals selbst bezeichnen) am Dienstag dieser Woche in einer Rede ihres 40. Dienstjubiläums gedenkt, werden auch die abgewogensten Worte über den Segensreichtum einer konstitutionellen Monarchie nicht darüber hinwegtäuschen, daß der Niedergang des zweiten Elizabethanischen Zeitalters längst begonnen hat.

Schuld daran ist "Palace Dallas", jene Endlos-Serie mit skurrilen Darstellern, machtvollen Symbolen, sagenhaftem Reichtum und eher traurigen Lachnummern, die so viele Briten fasziniert, aber auch Fans in jenen Ländern begeistert, die mangels Monarchie am gierigsten nach Monarchischem lechzen.

An den Bocksprüngen seiner Akteure droht das Unternehmen, dessen wichtigster Daseinszweck die Selbsterhaltung der Windsors ist, jämmerlich zu scheitern. "Jeden Tag zerbröckelt die Monarchie ein bißchen mehr", grämt sich der Daily Mirror, der, wie die Konkurrenz der übrigen Londoner Massenblätter auch, den Verfall lustvoll dokumentiert.

"Irreparablen Schaden für die britische Monarchie" hätten die hormonell gesteuerten Umtriebe der Windsor-Sprößlinge verursacht, stellte sogar die seriöse International Herald Tribune fest. Die New York Times, Leitblatt der abtrünnigen nordamerikanischen Kolonien, entdeckte eine "schwere Schlagseite" des königlichen Dampfers und barmte sich um die Zukunftsaussichten ihrer ehemaligen Herren, die nun zu "Opfern des schwindenden Vertrauens der Öffentlichkeit" werden könnten.

Die "Magie", die der englische Verfassungstheoretiker Walter Bagehot Ende vergangenen Jahrhunderts als notwendigen Bestandteil der Monarchie ausmachte, erlischt. Sie wird verdrängt von zänkischen Eheszenen, denen schon wegen ihrer Banalität nichts Königliches anhaftet.

Ein ähnlich schlechtes Jahr wie dieses durchlitten britische Monarchen wohl zuletzt 1649, als der Rebell Oliver Cromwell das Haupt des ersten Charles vom Rumpf trennen ließ. Nun sorgt das königliche _(* Anfang November in Südkorea. ) Tollhaus Windsor für eine Kette nicht endender Affären.

Seinen Kopf hatte - zumindest im übertragenen Sinn - wohl auch der Prinz von Wales verloren, der irgendwann als Charles III. Mutters Nachfolge antreten soll. Am 15. Dezember 1989 griff der als Trauerkloß verschriene Gatte von Diana zum Hörer seines Funktelefons, um mit seiner ältesten Freundin, Camilla Parker Bowles, 44, zu verabreden, was sich das Ehepaar Wales wegen anhaltender Differenzen längst verkniff: ein Stündchen trauter Zweisamkeit.

Das Gespräch wurde belauscht - ob vom Inlandsgeheimdienst MI 5 oder von Radioamateuren, ist derzeit eine heiß diskutierte Frage. Eine Niederschrift der Turtelei gelangte auf die Titelseiten der Boulevardpresse, deren rastlose Reportermeute sich tagaus, tagein an die Hacken der Königlichen heftet.

So durften die Briten vorletzte Woche lesen, daß ihren künftigen Monarchen zu nächtlich-einsamer Stunde zuweilen die gleichen Triebe bewegen wie sie selbst.

Das Gespräch sei stellenweise "schmuddelig und dreckig" gewesen, entsetzte sich der Mirror scheinheilig über die Ausbrüche königlicher Lust, und habe nicht einmal vor der Diskussion über den Gebrauch primärer Geschlechtsmerkmale haltgemacht.

Die fernmündliche Schmusestunde endete sentimental und voller Selbstmitleid. "Ich liebe dich, ich bete dich an", vertraute Charles seiner hartgesichtigen Camilla an. Königlicher Herablassung ("Dein größtes Verdienst ist es, daß du mich liebst") folgte das kleinlaute Geständnis, er könne es nicht übers Herz bringen, ihr gute Nacht zu sagen und das Gespräch zu beenden. Camilla, die Starke, machte Schluß: "Gute Nacht, Darling, ich liebe dich auch."

Kann schlichter Ehebruch, vollzogen oder verbal ausgemalt, die berufliche Zukunft einer Familie gefährden, die zu ihren Amtsvorgängern Heinrich VIII. zählt? Der hatte sich immerhin einst vom Papst losgesagt, weil der Heilige Vater ihm die Scheidung verweigerte. Noch Camillas einschlägig erfahrene Urgroßmutter Alice Keppel stand königlichen Seitensprüngen unbefangen gegenüber. "Ein Hofknicks, und dann ab ins Bett", berichtete die Aristokratin über ihre intimen Treffen mit dem Charles-Ahnen Eduard VII.

Doch spätestens seit dessen gleichnamiger Enkel 1936 wegen seiner Liebe zu einer geschiedenen Amerikanerin abdanken mußte, sind außereheliche Eskapaden ein bis heute waches Trauma der Familie Windsor. Dauerhafte Ehen gelten als sicherste Garantie gegen periodisch aufbrechende republikanische Neigungen der Untertanen.

Elizabeth II., die 41. Monarchin seit den Tagen Wilhelm des Eroberers, verkörpert vollendete Beständigkeit. Diese Frau hält das Kunstwerk Großbritannien zusammen - mit piepsiger Stimme und bizarrem Modegeschmack, ohne Studium, aber mit Stil und Tradition.

45 Jahre Ehe mit dem Prinzgemahl Philip sind allerdings eine Vorgabe, die ihre Kinder nicht erreichen können. Höchst öffentlich zerbrach in diesem Jahr der falsche Glanz.

In schöner Eintracht sorgten die Hauptakteure nacheinander dafür, daß die erhabene Show zur königlichen Seifenoper entartete, in der höfisches Benimm nicht mehr viel galt:

Bei einem Zwischenstopp auf dem Flug zur Einweihung eines Pinguin-Beckens im Zoo von Edinburgh beantragte zuerst Prinzessin Anne, 42, am 21. April die Auflösung ihrer 18jährigen Ehe mit dem Wurstfabrik-Erben Mark Philipps. Die Military-Reiterin und Regimentschefin im Rang eines Obersten hatte zur Freude der Presse nie einen Hehl daraus gemacht, wie wenig sie den ihr Angetrauten schätzte. Nachdem ein kurzer, aber intensiver Streit um die Anteile an den 1524 Hochzeitsgeschenken geschlichtet wurde, steht es den Frischgeschiedenen nun frei, erneut zu heiraten.

Ungleich dramatischer kündigte sich die zweite Scheidung in diesem Jahr an. Am 20. August prangten Urlaubsfotos der Herzogin von York auf der Titelseite des Mirror. Sie zeigten die ehemalige Sarah Ferguson, Gattin des zweitältesten Elizabeth-Sohnes Andrew, barbusig beim Liebesspiel mit ihrem kahlköpfigen Finanzberater John Bryan, einem Amerikaner überdies, was die Geschmacksverrohung komplett machte.

Heftiger als Fergie, deren Lebensfreude Charles seiner stets kränkelnden und appetitlosen Diana als Vorbild empfohlen hatte, wurde kein anderes Mitglied der Royals publizistisch verfolgt. Andrew, vor seinem Militäreinsatz bei den Falkland-Inseln in der Presse als "Rammler", nachher als Held gefeiert, war die ständigen Hinweise auf seine Hörner bald leid. Der Hof verkündete die Trennung des Paares.

Wenig Freude hat Elizabeth auch an ihrem jüngsten Sohn Edward, 28. Jedesmal, wenn sich eine rassige Schönheit bereit fand, aus persönlicher Erfahrung dafür zu bürgen, daß der unverheiratete Theaterfreund nicht schwul sei - zuletzt, Anfang November, beschwor dies das schwedische Modell Ulrika Jonsson -, nutzten die Boulevardblätter das freudige Ereignis, um die alten Gerüchte neu aufzukochen.

Ein doppelter Tiefschlag beendete auch den letzten Hoffnungsschimmer derjenigen, die trotz kontinuierlicher Schreckensmeldungen an ein Happy-End für Charles und Diana glaubten.

Angeblich mit Billigung der Prinzessin enthüllten Dianas Freunde dem Hofberichterstatter Andrew Morton die Strindberg-Hölle, welche die empfindsame Fürstin an der Seite ihres herzlos-kaltschnäuzigen Gatten erleiden müsse.

Mindestens fünf Selbstmordversuche schrieb Morton der Prinzessin zu: "Schreie um Hilfe" seien es gewesen. Nicht nur über hohe Palasttreppen habe sich die werdende Mutter hinabgestürzt, auch gegen kristallbeladene Glasvitrinen habe sie sich geworfen. Den Gatten Charles vermochte sie damit nicht zu rühren.

Regelmäßig flogen Ober- und Untertassen, wenn Diana Beweise für Charles'' Sehnsucht nach Camilla, der Frau seines Polo-Freundes Andrew Parker Bowles, entdeckte. Die ehelichen Auseinandersetzungen seien unüberhörbar, berichteten die Höflinge. Di über Camilla: "Dieser Rottweiler"; Camilla über Di: "Diese lächerliche Kreatur".

Dann der zweite Schlag: Nur vier Tage nach der Fergie-Entblätterung druckte _(* Nach seiner Abdankung als König Eduard ) _(VIII. 1936. ) The Sun, größte, aber auch gräßlichste Gazette Englands, ein Telefongespräch, das eine zutiefst frustrierte Diana mit ihrem Freund, dem Gin-Erben James Gilbey, am Silvesterabend 1989 geführt hatte. Die Nation, die Diana so lange angehimmelt hatte, vernahm nun schockiert, daß die vermeintlich Reine und Frische ihre Abende viel lieber mit James verbringen würde, der sie zärtlich "Tintenfischchen" nannte.

Zum publizistischen Reinfall geriet wenig später die als "Versöhnungstour" stilisierte Ostasienreise des kaum noch verbundenen Paares. Auch ein Besuch des buddhistischen Liebestempels im koreanischen Sokkulam konnte den erstarrten Blick Dianas nicht zum Schmelzen bringen.

Das einstige Traumpaar befehdete sich mit Hilfe seiner Pressesprecher. Ließ Charles'' Seite verlauten, zum erstenmal seit langer Zeit nächtige das Kronprinzenpaar wieder in einem gemeinsamen Hotelzimmer, erklärten Dianas Vertraute die angedeutete Wiederaufnahme ehelicher Pflichten für ausgemachten Blödsinn.

Charles, der einstige Traumprinz, war zum häßlichen Frosch geworden.

Die Gefühlstemperatur zwischen den beiden schwankte wohl von Beginn ihrer Ehe an, wobei sie auf der Windsor-Seite nie sehr hoch war. Immer stärker, glauben die Beobachter, habe auf Diana der Altersunterschied eines Jahrdutzends gewirkt.

Andere, gewichtigere Unterschiede waren unverkennbar. Charles ist der erste Prinz von Wales, der nicht im Palast erzogen wurde, sondern ein Internat - Gordonstoun - besuchte, bekannt für harten Drill und kaltes Wasser, wenn nötig mit dem Kopf im Toilettenbecken. Außerdem ist er der erste Windsor, der ein Studium, mit einem Abschluß in Geschichte, bewältigt hat.

Diana dagegen, so ihr Biograph Robert Lacey, "war nicht für den Nobelpreis vorgesehen". Auf dem väterlichen Landsitz Althorp wurde sie bis zum neunten Lebensjahr von einer Gouvernante angeleitet und bei Unfolgsamkeit mit Kochlöffeln gezüchtigt. Dann besuchte sie eine Privatschule in Norfolk, wo sie für den "bestgepflegten Goldhamster" belobigt wurde. Das englische Pendant zur Mittleren Reife bestand sie nur in zwei Fächern.

Am schwersten aber wog wohl, daß Diana sich vom Freizeitsport des Windsor ausschloß. Dessen Interessen sind noch immer Pferde, Jagd und Polo, wobei er die Fuchsjagd hoch zu Roß, aber auch die Pirsch auf Fasan und Moorhuhn dem Tintenfisch vorzieht.

Anders Diana. Einmal traf sie einen Hirsch so unglücklich, daß andere Jagdgenossen ihm den Gnadenschuß geben mußten. Die Prinzessin bummelte seither ohne Flinte mit, und auch das nur widerwillig. "Ich habe dir immer gesagt", rief sie Weidmann Charles auf einem Stoppelfeld in Schottland zu, "daß ich nicht hierherkommen möchte."

Nachdem das recht unbeschwerte Jeans-Mädchen Diana 1981 den Thronerben geheiratet hatte, "standen die Stars der Show vor den Risiken des Showgeschäfts", so schrieb einer der genauesten Beobachter der britischen Gesellschaft, Anthony Simpson. Die Ehen der Königskinder zerbrachen in einer anderen Welt als im Märchenreich der "Royal weddings", in der sie geschlossen wurden. Die quasireligiöse Mystik um die königlichen Paare verflog im Alltag häuslicher Misere.

Daß die Monarchie durch die handfesten Eheskandale im Hause Windsor in eine Krise geschlittert ist, daß sich zudem ein schwerer Mutter-Sohn-Konflikt um das Erbe abzeichnet, hatte Königin Elizabeth II., 66, erstmals in ihrer traditionellen Weihnachtsbotschaft aus dem Buckingham Palast am vergangenen 25. Dezember bestätigt.

Höchst untraditionell und verklausuliert informierte die Queen ihre Untertanen, sie werde "mit euren Gebeten und eurer Hilfe" dem "Beispiel meines Vaters" folgen. Der war 1952 gestorben - als König. Im Klartext: Elizabeth will bis zu ihrem Tode herrschen. Für Begriffsstutzige wurde sie, in einer BBC-Dokumentation über ihre 40jährige Regentschaft, noch deutlicher. Die Queen: "Es ist ein Job auf Lebenszeit."

Mit der Klarstellung wollte der Palast ein als unwürdig erachtetes, in den Pubs der Nation beliebtes Ratespiel beenden: Wenn die Queen so alt wird wie ihre noch immer rege Mutter, 92, wäre Charles bei der Thronbesteigung 70. Zwar kennt er die harten Regeln der Erbmonarchie, aber die Schroffheit seiner Mutter hat den Prinzen, dessen eigenbrötlerische Neigungen erkennbar zunehmen, tief verletzt.

Wie eine Ahnung heraufziehenden Unheils wirkte da der Großbrand, der am vorigen Freitag Schloß Windsor, den Stammsitz der Familie, weitgehend zerstörte. Ein Fanal? Die Königin und ihr Ältester werden schon lange von ganz persönlichen Alpträumen heimgesucht. Charles graut davor, eine Art Eduard VII. zu werden.

Dieser Sohn der Königin Viktoria, von der autoritären Mutter aus der Politik ferngehalten, konnte den Thron erst mit 59 Jahren besteigen. Die besten Jahre seines Lebens wartete der Prinz, von der französischen Presse als Nichtsnutz und Frauenheld karikiert, auf den Tod der Mutter. 1902 wurde Eduard gekrönt, acht Jahre später war er tot.

Der Queen dagegen schaudert bei der Vorstellung, daß ihr Sohn abdanken könnte wie 1936 ihr Onkel Eduard VIII. Als einziger König in 926 Jahren Monarchie, der die Krone freiwillig zurückgab, gilt er als der Schandfleck der Windsor-Familie.

Eduard wollte die zweifach geschiedene Wallis Simpson heiraten, doch Premierminister Stanley Baldwin lehnte die Verbindung mit der Amerikanerin im Namen von Volk und Regierung ab. Die Abdankung des Königs stürzte den von einer Wirtschaftsdepression geplagten Staat in eine Verfassungskrise.

Obwohl der Gestrauchelte schon seit 20 Jahren tot ist, läßt Elizabeth die Kabinettspapiere über den politischen Hintergrund der Affäre, die sie als düsterstes Kapitel der Windsor-Saga betrachtet, unter Verschluß halten. Fürchtet die Queen, daß Geschichte sich wiederholt?

Seit einigen Wochen kursieren Gerüchte, daß Charles, durch die Ausbreitung seiner Eheprobleme gedemütigt, schon jetzt auf den Thron verzichten wolle. Thronerbe könnte dann der ältere der beiden Söhne von Charles und Diana werden. Für den zehnjährigen Prinz William, vom Volk liebevoll "Wills" genannt, macht sich ein Teil der Boulevardpresse stark. Vorige Woche schrie der Londoner Evening Standard: "Macht Platz für King William V."

Auch der Hofberichterstatter der Times, Alan Hamilton, glaubt zu wissen, daß "Charles nicht gern König werden würde". Der Autor einer Charles-Biographie will erfahren haben, daß der von Sorge um die Umwelt getriebene Prinz "lieber ein einfacheres Leben führen" möchte. Die Monarchie hat der königliche Öko-Freund als "ältestes Gewerbe der Welt" verspottet.

Die immer unausweichlicher scheinende Trennung oder gar Scheidung wäre allerdings kein Hindernis für die Thronfolge. Ein Staatsrechtler bei Hofe hält eine Scheidung für "verfassungsmäßig irrelevant"; was allein zähle, sei "die Linie der Thronfolge".

Doch selbst ein Thronverzicht des ältesten Queen-Sohnes müßte kein entscheidender Schlag gegen die Überlebenskraft des Königtums sein. Der "enorme Schock" des Präzedenzfalls von 1936, glaubt der Cambridge-Historiker Plantagenet Somerset Fry, habe gelehrt, daß "eine Person die Monarchie nicht zerstören kann".

Her Majesty Queen Elizabeth II. ist Oberhaupt eines Staates, der nach archaischen Dokumenten wie der Magna Carta (1215), der Bill of Rights (1689), nach Gerichtsurteilen und Konventionen regiert wird, der aber keine geschriebene Verfassung kennt. Dieser Mangel gibt der Monarchin mit dem breiten Mund der Windsors, der nie gewechselten Frisur und einer eisernen Disziplin den Rang einer Integrationsfigur. Sie verheißt Krisenzuflucht immer dann, wenn Konflikte und Spannungen das Inselreich besonders hart heimsuchen.

Offiziell hat die Herrscherin im Buckingham Palast mit seinen 638 Angestellten keine politische Macht; tatsächlich kann sie auf Grund einzigartiger Kenntnis der Regierungsinterna sehr einflußreich sein. Noch immer ist sie Staatsoberhaupt von 19 der 50 britischen Ex-Kolonien und herrscht nominell über Commonwealth-Staaten wie Kanada oder Jamaika, Neuseeland, Belize, Barbados oder St.Lucia. Nur Australien will bis zur Jahrtausendwende das gekrönte britische durch ein gewähltes eigenes Oberhaupt ersetzen.

Neun britische Premiers, der erste war Winston Churchill, haben sich in den letzten 40 Jahren allwöchentlich zum Rapport bei Elizabeth einfinden müssen. Der derzeitige Regierungschef John Major war acht Jahre alt, als die Queen den Thron bestieg; mit übereinandergeschlagenen Beinen, die Dossiers auf den Knien, sitzt er nun jeweils dienstags ab 18.30 Uhr wie ein Schuljunge vor seiner Regentin.

Die hat sich in der Vergangenheit durchaus gegen die aufgezwungene Machtlosigkeit zu wehren gewußt. Zwar schreiben die Premierminister der Königin die jährliche Thronrede; aber wie knallhart die sechsfache Großmutter sein kann, erfuhr beispielsweise die selbsternannte Gegenkönigin Margaret Thatcher bei jeder Gelegenheit.

Die Queen - die echte - mißbilligte die herzlose Sozialpolitik der eisernen Lady ebenso wie deren Flirts mit dem rassistischen Südafrika. Wenn Maggie aus dem Palast zurückkam, so erinnern sich Veteranen in Downing Street, brauchte sie "dringend einen Drink".

Die meisten Politiker schätzten dagegen den persönlichen Kontakt mit Elizabeth. Labour-Premier Harold Wilson fand, seine Königin sei "das professionellste Staatsoberhaupt der Welt". Sein konservativer Amtsvorgänger Harold Macmillan schrieb in sein Tagebuch: "Sie hat Herz und Nehmerqualitäten eines Mannes."

Die Königin ist Oberhaupt der Anglikanischen Staatskirche; Ernennungen von Ministern und Bischöfen brauchen ihre Unterschrift. Auch die vom Premier zusammengestellte Liste für Erhebungen in den Adelsstand geht über den Schreibtisch der Queen. Den australisch-britisch-amerikanischen Medien-Tycoon Rupert Murdoch ließ sie dabei zweimal abblitzen, weswegen manche Briten mutmaßen, Murdoch wolle die Monarchie mit Hilfe seiner Blätter zerstören.

Zuweilen mischt Elizabeth in der Außenpolitik mit. Ohne Rücksicht auf die zeternden Anti-Europäer in der Tory-Partei verkündete sie vor dem Europaparlament in Straßburg: "Wir sind Teil der Gemeinschaft Europas, und als solcher müssen wir unsere Pflicht tun."

Damit die Ultras ihr nicht vorwerfen konnten, sie greife in Tagespolitik ein, deklarierte die Queen ihre Meinung listig als Zitat: Lord Salisbury habe das gesagt, 1888.

Im Juni zollte der alte Politfuchs Francois Mitterrand "la reine" nach einem Galadiner in Paris kongenialen Respekt: Von einer Politikerin, die ihr Staatsamt angetreten habe, als noch "Churchill, Stalin und Truman" die Weltläufte bestimmten, "können wir alle lernen".

Und vor zwei Wochen kehrte Boris Jelzin beglückt mit dem Versprechen eines königlichen Staatsbesuchs nach Moskau zurück. Der Kremlchef, einst Mitglied einer Partei, die sich des Zarenmordes schuldig machte, sehnt sich angesichts der murrenden Massen nach einer Aufwertung durch eine Majestät. Die Königin, freut sich ein Londoner Spitzendiplomat, ist "unser Sendbote fürs Atmosphärische".

Selbst der fürchterlichste Gegner des Vereinigten Königreichs seit nunmehr 23 Jahren, die irische Terrororganisation IRA, erweist ihr widerwillige Reverenz. Obwohl die Sprößlinge der Großfamilie Windsor bei Hunderten von Krankenhausbesuchen, Ausstellungseröffnungen und Wohltätigkeitsbällen leichtere Angriffsziele bieten als der bereits zweimal attackierte Regierungssitz in Downing Street, läßt die IRA die Royals unangetastet. 1979 sprengten die Terroristen zwar den liebsten Verwandten der Queen, Lord Mountbatten, mitsamt seinem Fischkutter in die Luft; rückblickend bewerten die Bomber den Mord jedoch als "Fehler".

Unverzichtbare Stützen der Monarchie im Klassenstaat Britannien sind einstweilen noch der Adel und die traditionsbewußte Upper Class. Das Establishment braucht die Krone zur Legitimation seiner Führungsrolle.

Einladungen zu den Royal Garden Partys im Park hinter dem Buckingham Palast, ein Platz in oder wenigstens nahe der königlichen Loge beim "Royal Ascot", ein Billett für Aufführungen der Royal Opera, bei denen sich das Königshaus die Ehre gibt, gelten noch immer als eine Art höherer Weihe. Die alten Familien, die "old boy networks" der Eliteschulen wie Eton und Harrow, die Parlament und Diplomatie dominierende "Oxbridge"-Kaste (wie Abgänger der Universitäten von Oxford und Cambridge bezeichnet werden) ranken sich - mal stützend, mal als Schmarotzer - in einer gesellschaftlichen Symbiose um den Stamm der Windsors.

Im einst progressiven Heimatland der industriellen Revolution bringen heute noch Peers und Richter regelmäßig ihre Perücken zum Bleichen, damit die Träger noch ehrwürdiger aussehen. Hier sind die Klassenschranken höher, Privilegien leichter von Generation zu Generation übertragbar als sonst in Europa: Nur ein Prozent der Bevölkerung besitzt 17 Prozent der privaten Reichtümer; zwei Drittel davon - in der westlichen Welt einzigartig - wurden vererbt.

Doch selbst für den verstorbenen klassenkämpferischen Labour-Minister George Brown, den die Queen am Ende seiner Karriere zum Lord erhob, war die "Monarchie die beste Form der Präsidentschaft, die jemand erfinden kann".

Noch immer stehen neben den Devisen bringenden Touristen aus allen Winkeln der Welt Tausende Untertanen Spalier, um das Gesicht der Queen wenigstens schemenhaft zu erhaschen, wenn sie in ihrem wappengeschmückten goldbraunen 1978er Rolls-Royce Phantom VI über die Paradestraße The Mall in Richtung Palast gleitet.

Noch immer kann der Evening Standard Leserbriefe beglückter Bürger drucken: "Die Königin lächelte mir zu, und als sie mein Herz erreichte, brach ich in Tränen aus." Jeden Tag gehen im Palast bis zu 300 Briefe aus dem Volk ein.

Als königlicher PR-Profi schlechthin gilt die Queen Mother, eine angeheiratete Kleinstadelige. Sie hat in ihren Rolls eine Lampe montieren lassen, deren gleißender Schein ihrem dank unzähliger Gin Tonics rosigen Gesicht eine Art überirdische Majestät verleiht. Für die krege Greisin hat der anstrengende Beruf seine mystische Qualität noch nicht eingebüßt: "Man erwartet von uns nicht, menschliche Wesen zu sein."

Daß sie es doch sind, läßt sich inzwischen nicht mehr übersehen. Vor allem jüngere Briten können solche Einsichten in die höhere Berufung ihres Herrscherhauses nicht mehr teilen. Sie sehen die Monarchie in ihrer künstlichen, pannenanfälligen Weltentrücktheit nur noch als sinnentleertes Ritual.

Für den Dramatiker John Osborne ("Blick zurück im Zorn") ist das "Symbol Königtum tot", nur noch eine "Goldfüllung in einem Mund voller Fäulnis". Der frühere Labour-Minister Tony Benn möchte die überholte "feudalistische Gewalt" durch einen gewählten Präsidenten ersetzen (siehe Seite 186).

Überparteiliche Reformbewegungen wie die "Charter 88" wollen "das Volk zurück in die Politik bringen". Sie stützen sich bei ihrer Kampagne gegen die Monarchie auf Umfrageresultate: Zwei Dritteln aller Briten paßt das ganze Staatssystem nicht mehr.

Der um sich greifende Unmut gilt dem Königshaus ebenso wie dem Mehrheitswahlrecht. Er richtet sich gegen die beispiellosen Geheimhaltungsvorschriften in der ältesten Demokratie der Welt und den Anachronismus, daß die zweite Parlamentskammer, das Oberhaus, nicht gewählt wird.

Maßvolle Kritiker wie Hofjournalist Hamilton glauben dagegen ans Überleben der Monarchie, die lediglich sanft reformiert werden soll: Die Queen müsse wieder, wie in der präviktorianischen Zeit, allein als Staatsoberhaupt fungieren. Der staatlich subventionierte Familienklüngel solle auf Repräsentation im Namen der Herrscherin verzichten.

Zunehmend mehr Briten ärgern sich darüber, daß die reichste Frau der Welt - geschätztes Vermögen: sieben Milliarden Pfund - keine Steuern zahlt. Gehässig rechnete der Daily Star nach, was die Dior-Kundin und Liebhaberin italienischer Seidendessous, Diana, pro Woche in Modeboutiquen ausgibt: 2195 Pfund.

Der Clanchefin ist nicht entgangen, daß sich der Ton der Massenpresse gegenüber den Royals geändert hat. Die Glorifizierung von einst ist einer gnadenlosen Jagd auf wirkliche und vermeintliche Skandale gewichen.

Die Ehrfurcht vor der Krone verflüchtigt sich spürbar. Immer ätzender werden die Karikaturen über die Royal Family in Londons Tageszeitungen. "Spitting Image", die populäre TV-Serie, in der die Größen des Landes sich zum Gaudi der Nation als groteske Puppen selbst parodieren, behandelt die Windsors mit wachsender Grausamkeit (siehe Titelbild). Der TV-Klamauk zeigt - undenkbar noch vor wenigen Jahren - die Königin und den Prinzgemahl in Bettszenen; er flucht vulgär, sie quäkt nur, Lockenwickler krönen das Pferdegesicht.

Versuche der Königin, mit sanftem Druck auf Zeitungsverleger und Chefredakteure die skrupellosesten Schreiber und Fotoreporter (Prinz Philip: "Gott schütze uns vor diesen verdammten Aasgeiern") zu bremsen, sind fehlgeschlagen. Verständlich: Der Handel mit den Affären des Herrscherhauses in Wort und Schrift ist ein weltumspannendes Multimillionengeschäft, eine der wenigen Industrien, die im rezessionsgeplagten Britannien noch florieren.

Die Queen sucht dem Chaos, das ihre Nachgeborenen in den Medien angerichtet haben, ein von königlichen Ahnen überliefertes Credo entgegenzusetzen: Das höchste Gut gekrönter Häupter seien "Kontinuität und Tradition".

Europa ist seit 1918 ein Friedhof der Monarchie. Die noch vorhandenen Königshäuser in Spanien, Belgien, den Niederlanden und Skandinavien sind Denkmäler an größere Zeiten. Nur in Britannien dürfen die feudalen Riten, die luxuriösen Spiele der Aristokratie bewundert werden, als sei nichts geschehen, keine Französische, keine industrielle Revolution, keine Weltkriege. Same procedure as every year?

Bei einem Spaziergang mit Premier John Major im Park des schottischen Familiensitzes Balmoral sinnierte die geplagte Königin: "Man kann viel bewirken, wenn man richtig zum Monarchen erzogen worden ist; und ich hoffe, daß ich richtig erzogen worden bin."

Für Elizabeth II. mag das noch zutreffen. Für ihren Nachfolger nicht mehr.

[Grafiktext]

_181_ Stammbaum der britischen Königsfamilie

[GrafiktextEnde]

* Anfang November in Südkorea. * Nach seiner Abdankung als König Eduard VIII. 1936.

DER SPIEGEL 48/1992
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