09.03.1992

Terroristen Wässrige Phase

Tote Zeugen und dünne Analysen - dem RAF-Kronzeugen Siegfried Nonne glaubt, außer dem Generalbundesanwalt, kaum noch jemand.
Als im Rhein-Main-Gebiet der Kampf um die Startbahn 18 West tobte, war bei der jungen Frankfurter Sonderpädagogin Iris Blaul die Welt für eine Weile einfach zu ordnen: Wer mit auf die täglichen Demos ging, gehörte zu den Guten.
Die Bösen - das waren vor zehn Jahren nicht automatisch "die Bullen", die oft den Knüppel schwangen, sondern die Politiker der Landesregierung, die sie schickten. Und die ganz besonders Bösen waren jene, die auf den Demos mitmarschierten und hinterher der Polizei alles verrieten. Wie Tausende anderer Startbahn-Demonstranten kannte Iris Blaul zwei dieser verräterischen Mitstreiter: "Den Sani aus Wiesbaden" und den "Siggi aus dem Taunus".
Der "Siggi" bringt Iris Blaul, heute 36, noch immer in Verlegenheit. Sie ist seit letztem Jahr grüne Ministerin für Jugend und Familie im rot-grünen Hessen-Kabinett. Und "Siggi" wird von ihrer Landesregierung inzwischen als Kronzeuge gefeiert, der entscheidende Aussagen zum Terror-Mord an dem Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen im November 1989 beigesteuert habe.
Doch Ministerin Blaul hatte von vornherein Zweifel an dem "wichtigen Fahndungserfolg" (SPD-Innenminister Herbert Günther). Ihr scheint kaum plausibel, daß sich die terroristische Rote Armee Fraktion (RAF) bei der Vorbereitung des tödlichen Attentats auf Herrhausen ausgerechnet an Siegfried ("Siggi") Nonne, 35, gewandt haben soll. Denn seit den Startbahn-Zeiten, sagt sie, wisse jeder aus der Szene, "der macht doch für den Verfassungsschutz".
Mit ihren Zweifeln an der Glaubwürdigkeit des Kronzeugen Nonne, der als psychisch labil gilt und Suchtprobleme hat, steht die Ministerin keineswegs allein. Wegen zahlreicher Ungereimtheiten halten es inzwischen auch Experten der Psychologie und Kriminalistik für denkbar, daß Generalbundesanwalt Alexander von Stahl eine Blamage droht: Aus dem erhofften und schon verkündeten ersten Durchbruch nach über zehn Jahren nahezu erfolgloser RAF-Fahndung (SPIEGEL 5/1992) wird wohl nichts.
Noch halten die Vernehmungsprofis von Bundeskriminalamt (BKA) und hessischem Verfassungsschutz den schwer drogen- und alkoholkranken Nonne, der bis 1986 unter wechselnden Decknamen für die Sicherheitsbehörden gespitzelt hat, in seiner Kernaussage für glaubwürdig.
Sie nehmen ihm ab, daß RAF-Terroristen, darunter Andrea Klump, 34, und Christoph Seidler, 34, im Oktober 1989 in seiner Sozialwohnung am Hessenring in Bad Homburg erschienen sind - wenige hundert Meter vom Seedammweg entfernt, wo Herrhausen mit einer zentimetergenau abgefeuerten Hohlladung in seinem Dienstwagen ermordet wurde.
"Verdächtig wäre es", sagt einer der Vernehmer, wenn er "jedesmal wortgleich dasselbe gesagt hätte". Nonne habe aber um die Erinnerung geradezu gerungen; nach und nach sei ihm erst wieder eingefallen, daß er zum Beispiel den Besuchern Arbeitsanzüge besorgt und seinen Keller zur Verfügung gestellt habe.
Doch die nachgelieferte Behauptung, er habe den hessischen Verfassungsschutz schon zehn Tage vor dem Attentat gewarnt, mag dem Kronzeugen niemand mehr glauben. Und Probleme bereitet den Ermittlern vor allem, daß es für die Aussagen Nonnes keinerlei Zeugen gibt.
Die Fahnder stützen sich deshalb auf den einzigen Sachbeweis, der ihnen bisher vorliegt: Im Keller der früheren Nonne-Wohnung wurden Spuren des Sprengstoffs gefunden, der bei dem Herrhausen-Attentat verwendet wurde. Doch auch hier mehren sich die Zweifel.
Ob überhaupt jemals die RAF-Terroristen Klump, Seidler und zwei von Nonne beschriebene Unbekannte mit den Namen "Peter" und "Stefan" in der Wohnung verkehrten, hat außer dem Kronzeugen bisher niemand behauptet oder gar bewiesen.
Nach Nonnes Aussage kamen die Terroristen stets einzeln und blieben nur gelegentlich auch mal über Nacht. Doch die übrigen sieben Mietparteien im Haus können sich auch nicht an einzelne Fremde in der fraglichen Zeit erinnern.
Nonnes Halbbruder Hugo Föller, der mit seiner Ehefrau lange in der Wohnung des Kronzeugen gelebt hatte, wurde noch auf seinem Sterbebett vom Bundeskriminalamt vernommen. Er behauptete, er sei erst zwei Monate nach dem Attentat ausgezogen und habe keinen Fremden gesehen. Nachfragen waren nicht möglich: Föller, 42, starb im Januar an Lungenentzündung.
Auch die Aussage des Halbbruders aber muß nicht unbedingt stimmen. Seine Ehefrau jedenfalls war nachweisbar, weil ordentlich abgemeldet, schon Monate vor dem Attentat aus der Nonne-Wohnung ausgezogen. Auch sie kann nicht mehr befragt werden: Sie starb zwischenzeitlich an Krebs.
Selbst die Mutter der beiden Brüder geriet ins Visier der Ermittler. Sie soll, so erfuhren Bundesanwaltschaft und BKA, in der Vergangenheit freundschaftliche Kontakte zu Bediensteten von Herrhausen unterhalten haben. Die Recherchen dazu überließen die Fahnder - wie immer, wenn es um die familiären Verhältnisse der Herrhausens ging - dem Sicherheitsdienst der Deutschen Bank. Der jedoch dementierte solche Kontakte. Nonnes Mutter konnte dazu nicht mehr befragt werden: Sie ist ebenfalls gestorben.
Generalbundesanwalt von Stahl, so Oberstaatsanwalt Hans-Jürgen Förster von der Karlsruher Behörde, habe von Anfang an erkannt, daß der Kronzeuge Nonne "nicht von vornherein evident glaubwürdig" sei. Sicherheitshalber hatten die Ermittler ein psychiatrisches Gutachten über den Zustand ihres Zeugen angefordert. Die Sprengstoffspuren im Keller Nonnes aber, so beharrt Förster, seien schließlich ein "objektiver" Beleg für die Glaubwürdigkeit des Kronzeugen.
Tatsächlich entdeckten die Wissenschaftler des BKA im Keller, den der Kronzeuge nach eigenen Aussagen den Terroristen überlassen hatte, zwei Einzelkomponenten genau jenes kommerziellen Sprengstoffs, der beim Herrhausen-Anschlag verwendet wurde.
Auf einem tellergroßen Fetzen Pappe vom Fußboden des Raumes stellten die BKA-Techniker die Stoffe Dinitrotoluol (DNT) und Dinitroethylbenzol (DNEB) fest, die zusammen mit dem flüchtigen und daher kaum meßbaren Nitroglyzerin einen Explosivstoff bilden können. Die Experten gingen davon aus, daß die beiden Substanzen mit hoher Wahrscheinlichkeit zuvor ein Gemisch gebildet hatten - Sprengstoff also. Doch ein schlüssiger Beweis war das nicht.
Vollkommen sicher konnten die Wissenschaftler schon deshalb nicht sein, weil die Spuren außerordentlich gering waren. Der Pappdeckel war erst gründlich mit Watte abgerieben, die Watte anschließend in ein Lösungsmittel gegeben und diese sogenannte wässrige Phase dann spektrometrisch analysiert worden.
Die Minispuren von wenigen Milliardstel Gramm aber waren viel zu winzig, um auch noch typische Verunreinigungen messen zu können, die den Substanzen bei der Produktion beigemengt werden: Damit kann sonst oft die Herkunft des Sprengstoffes bestimmt werden.
Die Techniker waren mißtrauisch genug. Sie recherchierten, ob die Spuren, so BKA-Sprecher Willy Terstiege, "auch von anderen Materialien aus dem Keller stammen könnten". Nachdem jedes Stück Inventar untersucht worden war, konnten die Kriminalisten "andere Gegenstände" aus dem Keller als Quelle der Spuren "ausschließen" (Terstiege). Aber auch das bedeutet noch nichts.
Die Techniker wußten genau, warum sie, wenn auch erfolglos, weitersuchten. Die Minispuren von DNT und DNEB nämlich können genausogut von einem Pflanzenschutzmittel stammen, von der Farbe des Kartons, auf dem sie gefunden wurden, oder sogar von einem Kosmetikpräparat. In etlichen solcher Produkte sind die Sprengstoffkomponenten enthalten. Doch Staatsanwalt Förster bleibt dabei, es gebe "keine Anhaltspunkte" für die These, daß die Spurenfunde nicht von Sprengstoff stammen.
Am Mittwoch will die Bundesanwaltschaft den Zeugen Nonne noch einmal vernehmen. Es sei "das ureigene Geschäft von Staatsanwälten und Richtern", so meint der Stahl-Sprecher, über die Glaubwürdigkeit von Zeugen "abwägend zu entscheiden".
Selbst wenn es Zweifel gebe, gelte der Grundsatz: "Ein bißchen glaubwürdig geht ebensowenig wie ein bißchen schwanger." o

DER SPIEGEL 11/1992
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