23.11.1992

JazzWeg ins Himmelreich

Bibelstunde auf dem Berliner Jazzfest: Der Avantgarde-Komponist Klaus König hat das Hohelied des Salomo vertont.
Am meisten fürchtet sich Klaus König vor dem Freitag dieser Woche. Er wird ihn in einem Berliner Hotelzimmer verbringen, und es ist wahrscheinlich, daß die Vorhänge den ganzen Tag lang zugezogen bleiben.
Am Donnerstag abend steht er noch im Scheinwerferlicht. Mit einem üppig besetzten Ensemble eröffnet der Komponist König, 32, das traditionsreiche Berliner Jazzfest. Dann ist für ihn alles gelaufen: Proben, Konzerte, eine Plattenaufnahme, zwei Jahre musikalischer Arbeit an einem Projekt, das gigantomane Züge trägt.
Der Erwartungsdruck könnte kaum größer sein. Auf dem Jazzfest 1990 hatte der studierte Posaunist, von dem damals selbst die Kenner wenig wußten, mit seiner Suite "At the End of the Universe" einen spektakulären Erfolg erlebt. Verblüfft registrierte er, daß die Leute das "wüste Zeug" (wie der Komponist seine eigenen Werke einschätzt) nicht nur tapfer über sich ergehen ließen - sie bejubelten König und sein 15köpfiges Jazzorchester. Und die Rezensenten erklärten das Konzert zum Höhepunkt des Festivals.
Nach dieser ruhmreichen Tat strebte der Komponist aus Haan bei Wuppertal noch Höheres an. Er hatte im Fernsehen ein Konzert des Montreal Jubilation Gospel Choir gesehen, er war begeistert, und er wollte unbedingt etwas für diesen religiösen Sängerbund schreiben.
Avantgarde-Jazz hätte der Chor nicht mitgemacht, wohl auch keine kryptischhumoristischen Science-fiction-Texte wie die des Briten Douglas Adams, die König zu seiner Suite inspiriert hatten. Also besann er sich auf einen Text, der ihm schon seit den Kindertagen geläufig ist - sein Vater leitete einen evangelischen Gebetsverein - und von dem anzunehmen war, daß er auch den Segen der Sänger erhielte: das Hohelied Salomos aus dem Alten Testament.
Die Frucht seiner musikalischen Beschäftigung mit dem Buch der Bücher ist 255 Partitur-Seiten dick und trägt den Titel "The Song Of Songs - Oratorium für zwei Solostimmen, Chor und Orchester".
Bibel? Oratorium? Das klingt nicht gerade modern. Doch König, der schon mit neun Jahren im Laienchor seines Vaters die Posaune blies, verschont sein Publikum mit bravem Protestantensound.
Schließlich taugt schon die Vorlage nicht gerade zur Erbauung frommer Puritaner: Das Hohelied ist eine Sammlung von Liebesgedichten, die Salomo, der König Israels, rund 1000 Jahre v. Chr. verfaßt haben soll - eine Hymne auf Sex und Sinnlichkeit: "Mein Freund ist mir ein Büschel Myrrhen, das zwischen meinen Brüsten hängt", seufzt die Braut Sulamith, und ihr Geliebter frohlockt: "Dein Schoß ist wie ein runder Becher, dem nimmer Getränk mangelt."
Zu diesem biblischen Lust-Spiel hat König eine hochkompliziert gebaute, aber überaus mitreißende Musik geschrieben.
Die amerikanische Jazzvokalistin Jay Clayton singt Sulamith; Phil Minton, melodramatischer Shouter aus London, gibt den Geliebten. In atemberaubender Geschwindigkeit wechselt er von süßestem Belcanto zum Sound einer entgleisenden U-Bahn. Da quietscht und kracht es plötzlich aus dem Mann heraus, daß man glaubt, ein Arzt müsse her - oder zumindest ein Schraubenzieher.
Die Partitur ist stellenweise selbst für die exzellenten Musiker haarsträubend schwer zu spielen. Im Verlauf der 70minütigen Komposition darf jeder der ausgezeichneten Improvisatoren nur ein Solo spielen, und wie das anfängt und aufhört, würde König, der bei Mauricio Kagel studiert hat, am liebsten auch noch aufschreiben.
Und so einer darf aufs Jazzfest, jemand, der seine Musiker so an die Leine nimmt? Nirgendwo anders gehört er hin, selbst wenn die Produktion alles in allem eine Viertelmillion Mark kostet - astronomisch viel Geld für Jazz.
König ist kein Bigband-Zampano wie Louie Bellson, der austauschbare Instrumentalisten zu gnadenlosem Swing drillt. Aber er ist auch kein schlaffer Bandleader, der seine Jungs einfach machen läßt, was sie wollen. Der jungenhafte Chef nennt Charles Mingus und Duke Ellington als Väter im Geiste - und wie Ellington macht er sich vollkommen abhängig von seinen Interpreten.
Das Wunder, das ihm dabei gelingt, ist, daß die Musik trotz aller Kontrolle immer nach Jazz klingt und sich keinen Takt lang anbiedert bei der ernsten und strengen Neuen Musik.
Und was komponiert König nach dem Lied der Lieder aus dem Buch der Bücher? Die einzig mögliche Steigerung ist die Schöpfungsgeschichte - als kosmische Oper.

DER SPIEGEL 48/1992
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