08.06.1992

Katalog der Feindbilder

Ein erstes abschließendes Urteil über die Arbeitsmethode unseres Experten fällt vernichtend aus: *___Rund ein Drittel seiner die Geschichte der Arabischen ____Welt behandelnden Werke beziehungsweise Kapitel ____bestehen aus wörtlichen oder fast wörtlichen Plagiaten ____aus (meist deutschen) Übersetzungen arabischer Autoren. *___Ein zweites Drittel läßt sich leicht als Paraphrase ____oder Nacherzählung anderer Quellen identifizieren. *___Das restliche Drittel besteht aus Konzelmanns eigenen ____Interpretationen und Erfindungen, wobei primitive ____Vorurteile, einfältig Banales und schlichter Unsinn ____eine groteske Verbindung eingegangen sind.
Alle diese drei inhaltlichen Elemente - Plagiat, Paraphrase und Stuß - gehen nahtlos ineinander über. Diese für unseren Experten charakteristische Arbeitsweise verdient meines Erachtens einen eigenen Namen, und was bietet sich dafür mehr an, als es einfach "konzeln" oder, etwas gelehrter, "konzelieren" und das Ergebnis dieser Arbeitsweise dann jeweils ein "Konzelat" zu nennen.
Ein in den historischen Quellen durch nichts zu belegender Blödsinn tritt eklatant etwa in dieser Feststellung Konzelmanns zutage: "In den Berichten aus dem Leben des Propheten sind Episoden enthalten, die seine Neigung zu Kindern und ganz besonders zu männlichen Kindern zeigen . . . Als besondere Auszeichnung galt bei den gläubigen Familien die Geste des Propheten, ein Kind zu sich auf den Kamelsattel zu heben. Ob er aus echtem Gefühl handelte oder aus Berechnung? Beantworten läßt sich diese Frage nicht."
Mit solchen Formulierungen und geradzu perfiden Suggestivfragen wird dem Leser eindeutig suggeriert, Mohammed habe päderastische Neigungen entwickelt. Ich nehme an, Konzelmann hat sich den Unsinn zusammengereimt aus Schilderungen, die sich zum Beispiel in meiner Übersetzung des Ibn Ishaq folgendermaßen lesen: "Als sich das Heer Medina näherte, ritt ihnen der Prophet mit den zurückgebliebenen Muslimen entgegen. Die Kinder rannten nebenher. ,Nehmt die Jungen mit auf eure Esel'', forderte der Prophet seine Begleiter auf, ,und gebt mir Dscha''fars Sohn!'' Man brachte ihm Abdallah ibn Dscha''far, und er setzte ihn vor sich auf sein Reittier." Daß Mohammed gerade den genannten Jungen, Abdallah ibn Dscha''far, auf seinen Esel heben ließ, war übrigens allein Ausdruck des Mitgefühls für dessen Vater, der im Verlaufe des vorangegangenen Feldzuges gefallen war.
Konzelmanns Absicht, die er mit diesen zahllosen banalen und unhistorischen Sexgeschichtchen verfolgt, die sich wie ein roter Faden durch viele seiner Machwerke, pardon: Sachbücher, ziehen, ist offenkundig. Einerseits hofft er - vielleicht zu Recht -, damit die Auflagenhöhe seiner Bücher zu steigern, andererseits geht es ihm aber schlicht um die Wiederbelebung und Bestätigung eines uralten Vorurteils in Europa gegenüber der islamischen Welt. Das alles muß beim Leser den Eindruck hinterlassen, außer Sex und Gewalt hatten die Araber nichts im Kopf, waren eben "allein ihrer Sexualität unterworfen". Und das ist das Perfide.
In seinem Buch "Der Golf" (1991) versetzt sich Konzelmann in die seelische Verfassung Mohammeds kurz vor dessen Tod und reimt sich folgenden unhistorischen Unsinn zusammen. "Er fürchtete, daß nach seinem Tod der Islam die aggressive Kraft verlieren könnte. Die Frage stellte sich ihm: ,Mit wem unter den Arabern wird Allah sprechen, wenn ich nicht mehr da bin?''" Abgesehen von der "aggressiven Kraft" des Islam, womit Konzelmann dem landläufigen Vorurteil wieder einmal nach dem Mund redet, ist die Frage, die sich Mohammed angeblich gestellt hat, "mit wem unter den Arabern Allah" nach seinem Tod sprechen wird, geradezu eine Karikierung des islamischen Grundverständnisses, wonach Mohammed als "Siegel der Propheten" der letzte Mensch war, der Gottes Offenbarung empfangen hat.
In Konzelmanns "Die großen Kalifen" (1977) kann man unter anderem über die ersten kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den Anhängern des vierten Kalifen Ali und seinem Gegenspieler Mu''awiya, dem damaligen Statthalter von Damaskus, in der Mitte des 7. Jahrhunderts lesen: "Die Männer ritten weg von ihren Feldern, von ihren Werkstätten, dem Abenteuer entgegen." Stopp. Dies ist der blankeste Blödsinn. Die arabischen Heere setzten sich damals nämlich in erster Linie aus Beduinen zusammen, die weder Felder bestellten noch Werkstätten betrieben, sondern ständig nach Weidegründen für ihr Vieh - vor allem Ziegen, Schafe und Kamele - suchten.
Ein anderes Beispiel: Der Orientalist und Biograph der Kalifen Gustav Weil übersetzt zur Ermordung von Alis Sohn Husain einige Passagen aus einem Bericht des Historikers Tabaris. Darin wird unter anderem erzählt, "daß ihm (das heißt Husain; G. R.) ein Kind, das noch in der Wiege lag, auch getötet ward". Ein anderes Kind Husains, das krank war, sei dagegen sogar von einem der Angreifer aus dem Gefecht gerettet worden. Den Frauen Alis und seiner Gefährten sei nichts geschehen.
Dies regt unseren Experten zu folgendem Konzelat an: " . . . Die Frauen waren hilflos den Angreifern preisgegeben; sie mußten zusehen, wie ihre Kinder im Sand zertreten (!) wurden . . . Die Gier nach Blut vernebelte die Hirne (!) . . . Der Anblick der zerschundenen (!) Kreaturen beeinflußte die Stimmung der wankelmütigen (!) Gemüter sofort. Die Menschen, die der Gruppe der vor Schwäche taumelnden (!) Frauen zusahen, begannen zu weinen. Schließlich schrien sie auf in furchtbarer Hysterie (!). Die Frauen am Straßenrand zerkratzten sich die Brüste (!) . . ."
Konzelmanns Elaborat bietet - ich habe dies durch Ausrufungszeichen hinter bestimmten Wörtern und Formulierungen gekennzeichnet - geradezu einen Katalog für das gesamte Feindbildregister, das sich das christliche Abendland über die Jahrhunderte hinweg gegenüber der islamischen Welt zurechtgelegt hat: Brutalität, Unzuverlässigkeit, Geilheit, Irrationalität, Hysterie. *VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:
Die Affäre Konzelmann *
geht in die letzte Runde. Mitte Juni erscheint ein Buch mit dem Titel "Allahs Plagiator"*, Untertitel: "Die publizistischen Raubzüge des ,Nahostexperten'' Gerhard Konzelmann". Autor ist der Mann, bei dem Konzelmann sich reichlich bediente: Gernot Rotter, Professor für Islamwissenschaft an der Universität Hamburg. Der SPIEGEL druckt Auszüge.
Die Affäre hatte im vergangenen Jahre angehoben, als Rotter mit einer ersten Expertise an die Öffentlichkeit gegangen war (SPIEGEL 39/1991). Darin widmete sich der Professor hauptsächlich der innigen Verbindung, die zwischen dem Konzelmann-Buch "Mohammed - Allahs Prophet _(* Gernot Rotter: "Allahs Plagiator. Die ) _(publizistischen Raubzüge des ) _(,Nahostexperten'' Gerhard Konzelmann". ) _(Palmyra Verlag, Heidelberg; 180 Seiten; ) _(26,80 Mark. ) und Feldherr" und einer Rotter-Eindeutschung besteht: der arabischen Mohammed-Biographie von Ibn Ishaq. Die habe Konzelmann "intensiv und still und heimlich angezapft".
In "Allahs Plagiator" tranchiert Rotter den Dicken von der Glotze und Autor von einem Dutzend Erfolgsbüchern nun rundum und gründlich und mit Spott und Hohn, hebt noch weitere Quellen ans Licht, an denen Konzelmann sich diebisch labte, enttarnt seinen Hang zu blümeranter Phantasie und kommt zu dem bitteren Schluß: Konzelmann entwerfe ein demagogisches Zerrbild der islamischen Welt, ein "Feindbildregister" aus Brutalität und Geilheit.
Vor den "krausen Halbwahrheiten" und "rassistischen Vorurteilen" jener "Zeitgenossen, die sich im Fernsehen als Experten feiern lassen", berichtet Rotter, hatten sich Orientalisten lange nur "mit Grausen" abgewandt und sich dann meist "resigniert in ihre Wissenschaft zurückgezogen". "Allahs Plagiator", Rotters Rollback, markiert die Wende.
Um die ganze Absurdität des Konzelmannschen Wirkens - das "Konzelieren" - auf den Punkt zu bringen, erzählt Rotter eine Umkehr-Fabel:
"Man stelle sich vor", schreibt er, "ein arabischer Auslandskorrespondent lebt ein paar Jahre in Bonn, ist daselbst unfähig, auch nur eine deutsche Zeile zu lesen, kehrt als gefeierter Deutschlandexperte nach Kairo zurück, nimmt sich dort Grimms Märchen, dazu vielleicht auch noch das Nibelungenlied (beides in arabischer Übersetzung) . . . mischt alles durcheinander und verkauft den ganzen Unsinn als Sachbuch."
Das erinnere dann doch mehr an eine Mär "von geilen Zwergen, die sich mit frei erfundenen Bibelworten um die Gunst Schneewittchens streiten".
* Gernot Rotter: "Allahs Plagiator. Die publizistischen Raubzüge des ,Nahostexperten'' Gerhard Konzelmann". Palmyra Verlag, Heidelberg; 180 Seiten; 26,80 Mark.

DER SPIEGEL 24/1992
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