30.11.1992

FolterNicht von dieser Welt

In Berlin bietet ein Behandlungszentrum für Folteropfer Flüchtlingen medizinische, psychische und soziale Hilfe an - einmalig in Deutschland.
Als Daniel Orellana von den Schergen des chilenischen Diktators Augusto Pinochet ins Gefängnis geworfen wurde, war er Anfang 20. Nie wieder werde er freikommen, er habe keine Chance, prophezeite der Militärstaatsanwalt dem Studenten aus Santiago.
Orellana, Mitglied einer kommunistischen Gruppe, wurde in einen Folterkeller gesperrt, in dem schon 200 Menschen zusammengepfercht waren. "Jeder, der zum Verhör und zur Folter abgeholt wurde, kam als blutiges Paket, in eine Decke eingewickelt, in den Keller zurück", sagt Orellana.
Nach elf Monaten kam Orellana frei, im November 1974 gelang es ihm, mit seinen Eltern Chile zu verlassen. Nach einer abenteuerlichen Flucht landete die Familie in Berlin. Gut zehn Jahre brauchte der Chilene, um mit seinen furchtbaren Erlebnissen fertig zu werden.
Er studierte an der Technischen Universität Psychologie. Nach dem Examen baute er in Kreuzberg eine Beratungsstelle für lateinamerikanische Flüchtlinge auf.
Heute arbeitet Orellana als Psychologe im Behandlungszentrum für Folteropfer im Berliner Stadtteil Charlottenburg. Die Einrichtung ist einmalig in der Bundesrepublik: Während es in anderen deutschen Städten, etwa in Frankfurt, Hamburg oder Köln, lediglich psychosoziale Beratungsstellen für Folteropfer gibt, finden Betroffene in Charlottenburg medizinische, soziale und psychotherapeutische Hilfe unter einem Dach.
"Bei uns geht es um die Integration von körperlichem und seelischem Aspekt", sagt der Mediziner Christian Pross, 44, Geschäftsführer des Zentrums. Viele Patienten könnten über ihr Foltertrauma lange Zeit gar nicht reden. Pross: "Der Zugang zu ihren psychischen Problemen findet über den Körper statt. Erst später sind Gespräche möglich."
Das Zentrum wird in dieser Woche offiziell eröffnet, betreut jedoch schon seit Januar mehr als 100 Patienten. Die zwölf Mitarbeiter, darunter fünf Ärzte und drei Psychologen, legen Wert darauf, daß nichts die Patienten an ein Krankenhaus erinnert. Die Räume sind mit Kiefernmöbeln und Kinderzeichnungen hell und warm eingerichtet, die Ärzte tragen zumeist Zivil, weil die üblichen weißen Kittel bei manchen ihrer Klienten Angstzustände auslösen könnten: In vielen Ländern beteiligen sich Ärzte an den Folterungen.
Das Zentrum verdankt seine Existenz einer Gruppe von Medizinern und Sozialwissenschaftlern aus Berlin, die zum Ärztetag 1989 eine Ausstellung über Medizin im Nationalsozialismus organisiert hatten, unter ihnen Christian Pross.
Der Mediziner beschäftigt sich seit mehr als zehn Jahren mit den psychischen Schäden, die KZ-Häftlinge davongetragen haben. Die Therapie des sogenannten Überlebenden-Syndroms haben die Deutschen nach Kriegsende weitgehend dem Ausland überlassen. Ein Rehabilitationszentrum für Gefolterte, das Vorbildfunktion für die Berliner hat, existiert in Kopenhagen.
"Nachdem ich die Kopenhagener Einrichtung besucht hatte", begründet Pross seinen Einsatz für das Charlottenburger Behandlungszentrum, "hielt ich es für einen Skandal, daß es in Deutschland nichts Vergleichbares gab."
Zwei Jahre lang entwickelten Pross und seine Kollegen ein Konzept. Der Berliner Senat lehnte es ab, unter Hinweis auf leere Kassen, das Projekt zu unterstützen.
Der Präsident des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), Botho Prinz zu Sayn-Wittgenstein, machte schließlich in Bonn Geld für das Berliner Behandlungszentrum locker: Das Familienministerium übernimmt eine Million der jährlich anfallenden Kosten in Höhe von 1,3 Millionen Mark. Den Rest tragen das DRK, die Uno, die EG und private Spender.
Die meisten Patienten des Zentrums stammen aus Ländern des Nahen Ostens: Kurden aus dem Irak und Iran, Folteropfer aus Syrien und dem Libanon. Außerdem melden sich Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien und Stasi-Opfer aus der Ex-DDR.
"Viele sagen ,Ich bin nicht mehr von dieser Welt''; alle Bezugssysteme, alle Werte sind zerstört", beschreibt Pross den Zustand der Patienten, "ihre Schutzhülle ist durchbrochen."
Zahlreiche Opfer wurden mit Elektroschocks gefoltert, mit Schlägen auf beide Ohren traktiert, mit glühenden Eisenteilen verbrannt oder der Falanga-Tortur unterworfen, bei der die Füße mit Hieben auf die Fußsohlen zerstört werden. Zahlreiche Männer und Frauen wurden in der Haft sexuell mißhandelt, Kinder vor den Augen ihrer Angehörigen gequält.
Die Opfer leiden unter körperlichen Gebrechen, sie haben Konzentrations- und Schlafstörungen, Depressionen, Angst und Selbstmordgedanken. Oft peinigen sie Schuldgefühle gegenüber Freunden, deren Namen sie unter der Folter preisgegeben haben, oder gegenüber politischen Mitgefangenen, die zu Tode gekommen sind, während sie selbst überlebten.
In herkömmlichen Einrichtungen, glauben die Mitarbeiter des Berliner Zentrums, sei diesen Menschen nicht angemessen _(* Sogenannte Sägebock-Folter; dieses ) _(Foto veröffentlichte Amnesty ) _(International im März 1976. ) zu helfen. "Ganz heilen", sagt Pross, könne man viele Patienten auch in Charlottenburg nicht, "aber wir können ihnen helfen, wenigstens ihre innere Würde wieder aufzurichten".
Die Therapie ist schwierig: In den Gesprächen mit Psychologen kommt Vergangenes wieder hoch, sagt Pross. Manche durchleben die Quälerei in den Gefängnissen noch einmal und geraten in Panik. Die Elektroden des EKGs erinnern sie an Elektroschocks und lösen Angst aus. Manche reagieren mit Schrecken auf einen tropfenden Wasserhahn, eine kahle Wand, auf den Anblick eines uniformierten Briefträgers.
Auch der psychische Streß, der auf Asylbewerbern lastet, macht den Therapeuten zu schaffen. Jeder zweite Charlottenburger Patient gehört zu dieser Gruppe.
"Dieser Druck steht für viele so im Vordergrund, daß sie nicht über ihr Foltertrauma arbeiten können", sagt Psychologe Orellana. "Patienten, die gerade erst gefoltert wurden, kämpfen hier mit Selbstmordgedanken, weil sie Furcht vor einer Abschiebung haben."
Keine grundlose Sorge. Nach einer Untersuchung des Duisburger Uni-Instituts für Entwicklung und Frieden (Inef) handhaben deutsche Gerichte das im Grundgesetz garantierte Asylrecht auch bei nachgewiesener Folter "höchst restriktiv".
Die Juristen, so der Inef-Bericht, unterscheiden zwischen strafrechtlichen und politischen Foltermotiven. Das bedeutet: Kommt der politisch Verfolgte aus einem Land, wo auch Kriminelle gefoltert werden, so muß er eine "politische Foltermotivation" seiner Peiniger nachweisen.
Zwar werden solche Flüchtlinge nicht abgeschoben, aber sie bekommen auch kein Asyl, sondern dürfen nur nach dem "Duldungsrecht" bleiben. In der Statistik werden sie als sogenannte Mißbrauchsflüchtlinge geführt. In der Asyl-Debatte, beklagt Wolfgang Grenz, 45, Referent für politische Flüchtlinge bei Amnesty International, werde "völlig verdrängt, daß ein beträchtlicher Teil von Flüchtlingen wegen schwerer Menschenrechtsverletzungen wie Folter hierherkommt".
Wie jener Patient des Berliner Zentrums, der in iranischen Gefängnissen gefoltert wurde. Mit seinem zehnjährigen Sohn Hassan lebt der Schwerkranke, dessen Frau im Gefängnis erschossen wurde, nun in Berlin. In der Malgruppe des Zentrums hat Hassan zusammen mit anderen Kindern ein Bild gemalt. Die Motive, Herzen und Blumen, sind fröhlich, aber die Farben sind düster, und aus den Herzen laufen dunkle große Tropfen.
* Sogenannte Sägebock-Folter; dieses Foto veröffentlichte Amnesty International im März 1976.

DER SPIEGEL 49/1992
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