23.08.1993

ParteienVerbogene Lebensläufe

Otto Graf Lambsdorff war sich da sicher: "Für geschulte Ohren waren die leisen Zwischentöne und ironischen Bemerkungen deutlich vernehmbar."
Der damalige FDP-Chef entschuldigte damit im Jahre 1991 eine Rede, die der heutige Bundesbildungsminister Rainer Ortleb am 3. März 1977 auf dem 12. Parteitag der Liberal-Demokratischen Partei Deutschlands (LDPD) in Weimar gehalten hatte. Bevor eine NVA-Ehrenformation mit klingendem Spiel einmarschierte, brachte der Delegierte Ortleb, damals wissenschaftlicher Oberassistent an der Technischen Universität Dresden und Leutnant der Reserve, seine Parteifreunde in Stimmung: _____" Mein Diskussionsbeitrag beginnt nicht mit dem ersten " _____" gesprochenen Wort, sondern mein erstes Argument ist, für " _____" jeden sichtbar, die Uniform, die ich heute trage. "
Ortleb kam es vor allem darauf an, zur Wachsamkeit gegenüber dem Klassenfeind aufzurufen und die "sozialistische Wehrerziehung" zu rechtfertigen. Er konnte sich dabei auf eigene Erfahrungen stützen: _____" Seit mehreren Jahren leite ich ein " _____" Reservistenkollektiv an der Technischen Universität " _____" Dresden. Neben der aus der Reservistenordnung " _____" erwachsenden Verpflichtung eines jeden Reservisten, sich " _____" ständig politisch und militärisch zu qualifizieren, seine " _____" Kampfbereitschaft zu erhalten, ergeben sich darüber " _____" hinaus für an einer Hochschule Tätige spezifische, aus " _____" unserer Erzieherfunktion heraus begründete Aufgaben. " _____" Ähnlich ist es für viele unserer Parteifreunde, Lehrer, " _____" Lehrlinge, ausbildende Handwerksmeister, Leiter " _____" volkseigener Betriebe, ja für uns alle, die wir Kinder zu " _____" erziehen haben . . . " _____" Wir haben keinen Zweifel an der Verteidigungswürdigkeit " _____" unseres Staates, den wir mittragen, und die Konsequenz, " _____" die Kriegskunst zu trainieren, wird uns täglich von der " _____" imperialistischen Tat aufgezwungen. " _____" Ein Soldat hat gelernt, eine Meldung knapp und exakt zu " _____" formulieren, nach der Regel: Wer - was - wo - wann. " _____" Wer - wir Liberaldemokraten. " _____" Was - bereit zur Verteidigung unseres Staates. " _____" Wo und wann - hier, zu jeder Zeit. "
Wo in dieser Rede Zwischentöne zu hören sein sollen, wird Graf Lambsdorffs Geheimnis bleiben. Vielleicht hat er sich bei seiner Textexegese nicht allein von dem Motiv leiten lassen, die ostdeutsche Mitgliedschaft nicht zu verärgern, deren zahlenmäßiges Übergewicht gegenüber den westdeutschen Liberalen zu der Vermutung verleiten kann, die FDP-Führung sei eine Geisel von einstigen Blockflöten. Mag aber auch sein, daß Lambsdorff den rednerischen Stechschritt seines Parteifreunds nicht in Übereinstimmung bringen konnte mit den Angaben, die Ortleb, heute 49, der Öffentlichkeit über seinen DDR-Lebenslauf präsentiert hat.
Denn die dreiseitige Vita des stellvertretenden FDP-Vorsitzenden strotzt vor Harmlosigkeit. 1968 sei Ortleb, "seinem Elternhaus verpflichtet", der LDPD beigetreten. Diese habe die Möglichkeit geboten, der SED-Mitgliedschaft "auszuweichen und notfalls selber denken zu dürfen". Als engagiertes Parteimitglied habe er 1987 den Vorsitz des Rostocker LDPD-Kreisverbandes übernommen, wurde Mitglied des dortigen Bezirksvorstands.
Sein langjähriges Mittun in einer mit der SED befreundeten Partei begründet Ortleb mit dem Argument, er habe sehen wollen, was sich im Sinne liberaler Ideen bewegen lasse. "Der Spielraum sei winzig und der Zwang zu Kompromissen groß gewesen", zitiert der Autobiograph sich selbst und stellt sich als eine "Persönlichkeit mit Narben" vor.
Das ist aber nur ein Bruchteil der Wahrheit - so verbogen und derart willkürlich zusammengestrickt, daß es einer Lebenslüge gleichkommt. Denn Ortlebs Funktionärskarriere hat in Wirklichkeit spätestens Mitte der siebziger Jahre begonnen und nicht erst kurz vor dem Zusammenbruch des SED-Staats.
Im November 1976, wenige Monate vor seinem martialischen Parteitagsauftritt in Weimar, war Ortleb in den LDPD-Bezirksvorstand Dresden aufgerückt, nachdem er zuvor bereits Nachfolgekandidat dieses Gremiums gewesen war. Gleichzeitig wurde er in dessen Sekretariat gewählt und gehörte damit zum engsten Führungszirkel der Dresdner Liberaldemokraten. Vier Jahre später wurde Ortleb einstimmig wieder in den Bezirksvorstand gewählt. Zur selben Zeit wurde er außerdem Vorsitzender des LDPD-Stadtbezirksvorstands Dresden-Süd.
Keine seiner Funktionen hätte Ortleb bekleiden können ohne Zustimmung der stets mißtrauischen SED.
Für Befürchtungen aber bot die wehrfreudige Blockflöte nicht den geringsten Anlaß. Der Diplom-Mathematiker erkundete keine Spielräume, wie er später behaupten wird, sondern sammelte Fleißkärtchen der SED und seiner Oberen in Berlin.
Sein und seiner Parteifreunde Einsatz waren bitter nötig. Denn Mitte der siebziger Jahre hatte die Entspannungspolitik das verordnete Feindbild unschärfer werden lassen, erste Oppositionsstimmen wurden laut. Der Liedermacher Wolf Biermann *** Name geändert. ** NDPD Bündel 106, 1187. _(* ADL/LDPD 27 919a, 33 210, 33 208, 31 ) _(613, 33 862, 33 865, 31 713, 32 721, 32 ) _(767, 30 894, 30 716, 28 731, 32 742/3, ) _(33 239. ) wurde, weil er sich nicht einschüchtern ließ, ausgebürgert; seinen Freund Robert Havemann, den die Nazis einst zum Tod verurteilt hatten, schnitt die Stasi fast völlig von der Außenwelt ab. Die auf dem VIII. Parteitag der SED im Juni 1971 beschlossene Strategie der "Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik" - kurz "Hauptaufgabe" genannt - begann an die Grenzen der mangelnden Leistungsfähigkeit der DDR-Wirtschaft zu stoßen, nachdem sie der Bevölkerung, besonders den Frauen, einige soziale Erleichterungen verschafft hatte. Das kurze Zwischenhoch der Nach-Ulbricht-Ära ging zu Ende, die SED des Erich Honecker zog die Zügel wieder an.
Und die Blockparteien zogen mit, nicht allein durch militärbegeisterte Reden. Schon auf einer der ersten Zusammenkünfte des neu gewählten Sekretariats mußte Rainer Ortleb erkennen, daß die Mauer auch in den Büros der Dresdner LDPD stand. Im Protokoll der Sitzung vom 17. Dezember 1976 wird festgestellt: _____" Das Sekretariat des Bezirksvorstands bestätigt den " _____" Antrag des Kreisvorstands Riesa, Herrn Horst Müller*** " _____" aus der LDPD auszuschließen. Herr Müller hat Antrag auf " _____" Ausreise in die BRD gestellt und gehört zu den " _____" Unterzeichnern der Petition, die westlichen Dienststellen " _____" und Massenmedien übermittelt wurde. "
Im Februar 1983 verlegt Rainer Ortleb seine Suche nach Spielräumen in den hohen Norden der DDR, nach Rostock, wo er seine Hochschullaufbahn an der Wilhelm-Pieck-Universität fortsetzen will - mit Erfolg: Im September 1989 wird er zum außerordentlichen Professor berufen.
Die Liberaldemokraten an der Ostseeküste nehmen den Altkader mit offenen Armen auf. Bald schon ist er stellvertretender Vorsitzender im wichtigsten Kreis des Bezirks, Rostock-Stadt.
Im Februar 1985 erhält er den ehrenvollen Auftrag, das Referat in einer erweiterten Kreisvorstandssitzung zu halten. Er nutzt diese Gelegenheit, um dafür einzutreten, daß "den kriegstreiberischen Aktionen des Imperialismus ein für allemal Grenzen gesetzt werden". Das Jahr 1984, "das erfolgreichste in der 35jährigen Geschichte unserer Republik", habe "uns bei der weiteren Gestaltung der entwickelten sozialistischen Gesellschaft gut vorangebracht". Und: _____" Wir Liberaldemokraten bekunden nachdrücklich unsere " _____" Zustimmung zu den Beschlüssen der 9. Tagung des ZK der " _____" SED, mit denen auch unseren Parteimitgliedern Weg und " _____" Ziel unserer dem Frieden verpflichteten Arbeit gewiesen " _____" wurde. Es ist uns ein Bedürfnis, nicht nur deklarativ aus " _____" der Position des Zaungastes, sondern im Rahmen der " _____" umfassenden Volksaussprache eigenschöpferisch mit Ideen, " _____" vor allem aber mit gewichtigen Taten, zur Vorbereitung " _____" des XI. Parteitages der SED mit beizutragen. "
Nur wenige Monate später ergriff Ortleb erneut das Wort im Rostocker Kreisvorstand der LDPD, wo er "mit Stolz" hervorhebt, "daß unsere Geschichte stets mit dem Werden und Wachsen unserer sozialistischen Republik verbunden war und ist". Nach 1945 habe die LDPD die Lehren aus der Nazi-Diktatur gezogen, und "in der Gemeinschaft aller Demokraten" mitgeholfen, _____" die Herrschaft der Monopolherren und Junker ein für " _____" allemal zu beseitigen. Daran wurde und blieb die " _____" politische Grundlinie unserer Partei bestimmt, und alle " _____" Versuche reaktionärer Elemente, sie zu verfälschen - und " _____" deren gab es nicht wenige -, scheiterten. Im Kampf um die " _____" antifaschistisch-demokratische Erneuerung der Nation und " _____" in der entschlossenen Abwehr der imperialistischen " _____" Restauration sind viele Liberaldemokraten über sich " _____" selbst hinausgewachsen und zu ehrlichen Verbündeten der " _____" Arbeiterklasse geworden. "
Die Kaderplaner der LDPD-Führung in Ost-Berlin hörten keine Zwischentöne, Ortlebs Politkarriere ging voran. Zumal er sich wieder auf einem Gebiet bewährte, auf dem er ganz am Anfang seiner Laufbahn schon geglänzt hatte. Um "die Kollektivität der Parteiarbeit auszuprägen, alle Parteifreunde mit unserer politischen Arbeit zu erreichen und die gesamtgesellschaftliche Verantwortung als staatstragende Partei umfassender wahrzunehmen", beschloß das Sekretariat des Rostocker Kreisvorstands, Arbeitsgruppen und Kommissionen zu bestimmten Themen zu bilden. Leiter der "Arbeitsgruppe Wehrerziehung" wurde Rainer Ortleb.
Das Soldatenspiel der Schüler mit Handgranatenwurf im Gelände und die Beschwörung des imperialistischen Aggressors jenseits der Mauer in den Klassenzimmern gehörten zu den widerwärtigsten Häßlichkeiten des realen Sozialismus. Aus den unzähligen Informationsberichten, die von der Stimmung an der LDPD-Basis zeugen, wird deutlich, daß auch manche Liberaldemokraten keineswegs beglückt waren von der Militärpädagogik, der ihre Kinder ausgesetzt wurden.
Aber Rainer Ortleb war gewiß der richtige Mann, um derlei moralische Skrupel zu zerstreuen. Im Oktober 1986 wurde er zum Rostocker Kreischef gewählt, danach auf einen Sonderlehrgang für Kreisvorsitzende an die Zentrale Parteischule "Wilhelm Külz" delegiert. Bald war er auch wieder im Bezirksvorstand und dessen Sekretariat.
Er pflegte die Zusammenarbeit mit der "Partei der Arbeiterklasse", wie es sich für einen Blockparteifunktionär geziemte. Im Juli 1989 tagte der Demokratische Block der Stadt Rostock, der Zusammenschluß der DDR-Parteien unter Führung der Einheitssozialisten, und beriet "über die weitere gemeinsame Arbeit bei der allseitigen Vorbereitung des XII. Parteitages der SED".
Wie die anderen Sitzungsteilnehmer brachte Ortleb wunschgemäß "seine feste Entschlossenheit zum Ausdruck, auch künftig unter Führung der Partei der Arbeiterklasse und im vertrauensvollen Miteinander die bewährte Politik zum Wohle des Volkes tagtäglich mit hohen Leistungen zu unterstützen und so den 40. Jahrestag der Gründung der DDR würdig vorzubereiten". Eine handschriftliche Notiz auf dem Dokument besagt, daß er dafür sorgte, daß diese Erklärung an die Presse ging.
Einige Getreue halfen bis zum Ende mit, die SED-Führung in dem Irrglauben zu wiegen, der Arbeiter-und-Bauern-Staat wachse und gedeihe. Dazu gehörten vor allem die Blockflöten in CDU, DBD, NDPD und LDPD, darunter Rainer Ortleb, die "Persönlichkeit mit Narben".
Am 10. Oktober 1989 besuchte der Sekretär des Rostocker Bezirksvorstands zusammen mit seinen Kollegen Ost-Berlin. Dort informierten sie ihre übergeordnete Leitung über die Lage in ihrer Parteiorganisation. Schon am 20. September hatten sie einen schriftlichen Bericht als Diskussionsgrundlage verabschiedet und sich zuvor auch mit der Bezirksleitung der SED über dessen Inhalt abgestimmt.
Während die DDR sich vor aller Augen auflöste, erklärten Ortleb und Parteifreunde in ihrem Bericht, "daß das Bekenntnis der Mitgliedschaft zur Wesenseinheit von Frieden, Sozialismus und Humanismus überwiegt". Die Sekretäre beklagten allerdings, daß die Jugendlichen die soziale Sicherheit, die die DDR ihnen gewähre, als Selbstverständlichkeit betrachteten und sich zunehmend an der Bundesrepublik orientierten. Weiter schreiben Ortleb und Kollegen: _____" Ratlos und betroffen stehen unsere Parteifreunde vor " _____" der um sich greifenden Ausreisewelle - von vor allem " _____" jungen DDR-Bürgern - in die BRD. Einerseits stoßen " _____" westliche Diffamierungen und damit verbundene " _____" "großdeutsche" Absichtserklärungen auf Ablehnung bei den " _____" Mitgliedern, andererseits wird aber die Forderung nach " _____" öffentlicher Verständigung über die Ursache für diese " _____" "Abkehrwelle" drängender und ungeduldiger. "
Außerdem wissen die Sekretäre zu berichten, daß der Unmut über Versorgungsengpässe wachse und daß zahlreiche Parteifreunde "bei der Weiterentwicklung der ökonomischen Basis des Sozialismus in der DDR und an der Ausgestaltung der sozialistischen Demokratie mithelfen . . . wollen". Und: "Parteifreunde verweisen mit gewachsenem Selbstbewußtsein darauf, daß es auf Bezirks- und Kreisebene der LDPD eine gute und kameradschaftliche Zusammenarbeit mit der Partei der Arbeiterklasse gibt . . ."
Ihr Hauptaugenmerk richten die Liberaldemokraten aus dem Norden nach wie vor auf ihren "Bündnisbeitrag zum Wirtschaftswachstum", die nun schon trostlos schwierige Mithilfe bei der Verwirklichung der "Hauptaufgabe". Gleich zweimal wird Rainer Ortleb in diesem Zusammenhang im Bericht des Rostocker Sekretariats an den Zentralvorstand lobend erwähnt.
Fürwahr eine Persönlichkeit mit Narben. Aber von wem will der Blockflötenprofessor die Wunden erhalten haben, die Narben vorausgehen? Ist es nicht in Wahrheit so, daß er anderen Wunden schlug und später Opfer und Täter verwechselte? Vielleicht, so sei zu seinen Gunsten angenommen, bereitet es ihm inzwischen Schmerzen, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen? Und möglicherweise sind die Schmerzen so stark, daß sie den Mut zur autobiographischen Wahrheit ersticken?
Die autobiographische Amnesie des Rainer Ortleb ist symptomatisch für viele Ex-Funktionäre der Blockparteien, die vor der eigenen Vergangenheit weglaufen. Glaubt man zum Beispiel dem Handbuch des Thüringer Landtags, so sitzen auf seinen Bänken fast ausschließlich Menschen, die politisch erst nach der Wende aktiv geworden sind.
Entweder haben einstige Blockflöten in einem Akt kollektiven Vergessens alles aus ihren Biographien getilgt, was ihre Zukunftsaussichten trüben könnte. Oder die Landtagsverwaltung hat eigenhändig Eingriffe in den Lebenslauf der Abgeordneten vorgenommen und deren politisches Leben weggekürzt. Wie etwa das des Dr. Ulrich Fickel, Wissenschaftsminister und stellvertretender FDP-Landesvorsitzender. (Im Handbuch der Mitglieder des Bundesrats ist immerhin vermerkt, daß Fickel seit 1966 Mitglied der LDPD und von 1981 bis 1989 deren Kreisvorsitzender im thüringischen Mühlhausen war.)
In der Tat weisen ihn die Quellen 1981 als frisch gewählten LDPD-Kreisvorsitzenden in Mühlhausen aus, nachdem er zuvor schon als Mitglied im Sekretariat des Kreisvorstands tätig gewesen war. Als Kreischef arbeitete er bis zum Herbst 1989.
Noch wichtiger aber war, daß Fickel sich auf dem Sprung zur nächsten Stufe der Karriereleiter befand: 1987 und 1989 sieht die Kaderplanung des Sekretariats des Ost-Berliner Zentralvorstands den Diplom-Fachlehrer und Lehrerausbilder an der Pädagogischen Hochschule Erfurt/Mühlhausen als künftigen Vorsitzenden oder Vizevorsitzenden des Bezirksverbands Erfurt vor, auf jeden Fall als hauptamtlichen Funktionär.
Solche glänzenden Zukunftsaussichten wurden nur den Treuesten der SED-Treuen gewährt - und auf keinen Fall ohne deren Zustimmung. Was bedeutete dagegen die Eintragung in das "Ehrenbuch" des Bezirksvorstands, die Fickel für seinen Kreisverband schon im Jahr 1982 vornehmen durfte, ganz am Anfang seiner Kreisvorsitzenden-Tätigkeit?
Noch nicht einmal sechs Monate im Amt, konnte Ulrich Fickel, bereits zum Delegierten des 13. LDPD-Parteitags 1982 gewählt, dem Bezirksvorstand in Erfurt erfreut von einem Gespräch mit dem 1. Sekretär der SED-Kreisleitung Mühlhausen berichten, daß seine "Aktion Bündnisbeiträge und ihre erzielten Ergebnisse . . . als beispielgebend für die Blockparteien bezeichnet" worden seien.
Im Januar 1987 ergeht wieder eine Erfolgsmeldung von Mühlhausen nach Erfurt. Der Kreisverband könne "auf gute und sehr gute Ergebnisse in der Parteiarbeit zurückblicken". "Tief ermutigend" sei auch die "gesellschaftliche Bilanz . . . Wir sind in unserer Republik weiter vorangekommen".
Im September 1989, die DDR steht vor dem Untergang, spielt auch im LDPD-Kreisverband Mühlhausen die Bordkapelle weiter. Zwar haben Fickel und der Kreissekretär registriert, daß sich immer mehr Parteifreunde an der Basis eigene Gedanken über die Segnungen des SED-Sozialismus machen. Außerdem seien viele Bürger nicht mehr bereit, in die LDPD einzutreten, weil sich dadurch nichts ändere. Die Mühlhausener Blockflötenfunktionäre befürchten auch, daß "sich der politisch-ideologische Druck gegen die stabilen Länder verstärken wird" durch die ",Aufweichung'' des sozialistischen Lagers, mit den Veränderungen in Ungarn und Polen".
Aber diese Unbilden des sich abzeichnenden realsozialistischen Untergangs können Fickel und Freunde nicht irritieren: _____" Insgesamt kann eingeschätzt werden, daß trotz der " _____" gegenwärtig angespannten politisch-ideologischen " _____" Situation und den anstehenden Problemen in einigen " _____" Gebieten der Wirtschaft unsere Parteifreunde zu ihrem " _____" Staat stehen, die sozialistische Gesellschaft durch noch " _____" mehr eigenständige Beiträge verändern und " _____" weiterentwickeln wollen und dabei die führende Rolle der " _____" Arbeiterklasse und ihrer Partei akzeptieren. "
Solche SED-Hörigkeit war das entscheidende Qualifikationskriterium von Blockparteifunktionären in den Kreisen, den Bezirken und im Zentralvorstand. In der Mitgliedschaft gab es dagegen ein breites Spektrum von Meinungen. Manchmal, aber das waren Ausnahmen, polemisierten Parteifreunde sogar gegen die SED. Andere übten mehr oder weniger behutsam Kritik an diesen oder jenen Exzessen des realen Sozialismus, besonders an plagenden Versorgungsmängeln.
Wiederum anderen kam die Bundesrepublik schließlich gar nicht so feindlich vor, wie die Funktionäre der eigenen Partei behaupteten. Von diesen und weiteren dem Propagandabild nicht entsprechenden Äußerungen zeugen Tausende von Informationsberichten in allen Blockparteien, auch in der SED.
Darauf stützen sich einstige Blockparteimitglieder, aber auch mancher Historiker, wenn sie heute behaupten, es habe in den mit der SED befreundeten Parteien ein oppositionelles Potential oder wenigstens eine Distanz zu den Kommunisten gegeben.
Die Aufgabe, Kritikanfällige aus nichtproletarischen Schichten in das politische System zu integrieren, übertrugen die Einheitssozialisten den Blockparteien, die als Transmissionsriemen die soziale Basis der Diktatur erweiterten. Deren Vorstände auf den verschiedenen Leitungsebenen sollten das Denken der ihnen zugewiesenen Klientel, _(* Manfred Gerlach (LDPD), Heinrich ) _(Homann (NDPD) mit SED-Chef Erich ) _(Honecker und Politbüro-Mitglied Albert ) _(Norden. ) vor allem der eigenen Mitglieder, überwachen und beeinflussen.
Bis hinunter zur Führungstroika in der Kreisorganisation - Vorsitzender, stellvertretender Vorsitzender und hauptamtlicher Kreissekretär - achteten die Kaderplaner in Abstimmung mit der SED darauf, daß möglichst niemand in leitende Funktionen rutschte, dessen ideologische Unbedenklichkeit nicht erwiesen war. Schließlich hatten die Blockflöten den Auftrag, die Parteimitglieder zu erziehen.
Deshalb investierte auch die LDPD viel Zeit und Geld in die Schulungsarbeit. Ihre Funktionäre sollten fit sein für den politisch-ideologischen Alltagskampf und für die weltanschauliche Disziplinierung ihres politischen Umfelds, vor allem der Mitglieder, angesichts der regelmäßig auftretenden Friktionen des realen Sozialismus. Diese wurden immer dadurch verursacht, daß im Verständnis der Aufpasser in Moskau etwas aus dem Ruder lief, wie im Juni 1953 in Ost-Berlin, 1968 in Prag oder 1981 in Polen.
Deshalb waren die LDPD-Funktionäre angewiesen, in ihrer Zielgruppe abweichende Meinungen aufzuspüren und zu bekämpfen. Besonders gefordert waren die Kreisvorstände, dicht an der Parteibasis, der Bataillonsstab an der ideologischen Front. So zum Beispiel in Meißen, der sächsischen Porzellanstadt.
Die Protokolle der Sitzungen des LDPD-Kreissekretariats widerspiegeln die ideologische Prioritätenliste. Im September 1981 diskutierten die Sekretäre "Fragen der Entwicklung in Polen". Einmütig stellten sie fest, _____" daß es an der Zeit sei, durch die Regierung und vor " _____" allem durch die Führung der PVAP (Polnische Vereinigte " _____" Arbeiterpartei) endlich geeignete Maßnahmen einzuleiten, " _____" die Ruhe und Ordnung im Land wiederherstellen. In den " _____" Gesprächen mit den Parteifreunden kam oft zum Ausdruck, " _____" daß es unter den derzeitigen Bedingungen schwer sei, zu " _____" Fragen der Unterstützung Polens durch die sozialistische " _____" Staatengemeinschaft zu argumentieren. "
Unterstützung? Gemeint war die "brüderliche Hilfe" der Sowjetunion oder des Warschauer Pakts. Die Meißener LDPD-Sekretäre befürchteten, sie sollten ihre Parteifreunde im schlimmsten Falle davon überzeugen, daß die Panzer hätten rollen müssen.
Im Dezember 1981 suspendierte General Wojciech Jaruzelski alle der "Solidarität" gegebenen Zugeständnisse, verhängte das Kriegsrecht und verfolgte Vertreter der Demokratiebewegung. Die auch von den liberaldemokratischen Blockflöten sehnlichst erwünschte "Ruhe und Ordnung" war wiederhergestellt.
Darüber freuten sich die Meißener Kreisvorständler wenige Tage darauf: "Die Parteifreunde äußerten sich befriedigt über die Maßnahmen der Regierung und brachten die Hoffnung zum Ausdruck, daß diese Maßnahmen den gewünschten Erfolg bringen mögen und Polen auf den Weg der sozialistischen Entwicklung zurückführen werden."
Auch in den folgenden Sitzungen des Jahres 1982 stand Polen auf der Tagesordnung ganz oben. Aber die aufgeregte Sorge wich der Befriedigung über die Friedhofsruhe beim Nachbarn. Die Demokraten waren verhaftet oder in den Untergrund gedrängt, und die Welt widmete sich wieder der Raketenrüstung.
Den stellvertretenden Kreisvorsitzenden der Meißener Liberaldemokraten drängte es nun wieder zur Bekundung seines Friedenswillens. "Mit Entrüstung" verurteilte er den Bundestagsbeschluß, die amerikanischen Raketen aufzustellen. "Aus diesem Grunde werde ich meine ganze Kraft zur weiteren ökonomischen und politischen Stärkung unserer Republik einsetzen", verspricht der Abteilungsleiter Organisationstechnik im VEB Metallurgischer Ofenbau Meißen.
Dieser stellvertretende Kreisvorsitzende heißt Ludwig Martin Rade. Er wurde im Juni dieses Jahres in den FDP-Bundesvorstand gewählt, ist stellvertretender Landesvorsitzender der sächsischen Liberalen und Mitglied des Dresdner Landtags. Nomenklaturkader Rade hätte wohl auch ohne Wende Politkarriere gemacht: Im Mai 1989 beschloß das Sekretariat des Bezirksvorstands Dresden, Ludwig Rade vom August an zum hauptamtlichen Kreissekretär in Meißen zu ernennen. Die Zeiten wurden schwierig, und bewährte Blockflöten wurden nun ganztags gebraucht an der Kampffront zwischen Sozialismus und Kapitalismus.
Dort hatte auch Wolfgang Rauls jahrelang seinen Mann gestanden, bis der letzte Vorsitzende der National-Demokratischen Partei Deutschlands (NDPD) mitsamt dem von Mitgliedern weitgehend befreiten Funktionärsapparat sowie Immobilien und Parteikasse in der Erbmasse der FDP landete. Er hat es inzwischen zum Vize-Ministerpräsidenten in Magdeburg gebracht und ist außerdem Vorsitzender des Bundesfachausschusses Umwelt der FDP.
In seiner Vita vermerkt er: Er habe von 1974 bis 1979 Staats- und Rechtswissenschaften studiert und währenddessen hauptamtlich für die NDPD gearbeitet. 1979 bis 1987 sei er Stadtbezirksrat für Kultur in Magdeburg gewesen. Danach habe er bis zur Wende wieder als hauptamtlicher Funktionär für seine Partei gewirkt, "zuletzt als Kreissekretär".
"Ich habe eine typische DDR-Biographie und stehe auch dazu", erklärte Rauls im Januar 1993 der Mitteldeutschen Zeitung, und "das Wahren solcher Werte wie Toleranz, Humanismus und Menschenwürde war in den unteren Gliederungen meiner damaligen Partei, der NDPD, durchaus möglich".
Wolfgang Rauls besitzt die Fähigkeit, kein falsches Wort zu sagen und doch zu lügen. Er steht in dieser Disziplin seinem Parteivize Rainer Ortleb in nichts nach. Die Abteilung Personalpolitik des Sekretariats des NDPD-Hauptausschusses notierte im März 1989: _____" Parteifreund Rauls ist ein in der Parteiarbeit " _____" bewährter und politisch qualifizierter Mitarbeiter, der " _____" seine Fähigkeiten in allen übertragenen Aufgaben bewiesen " _____" hat. Er kennt die Verhältnisse und Probleme der " _____" Parteiarbeit in der Stadt Magdeburg aus seiner bisherigen " _____" Tätigkeit sehr genau. Die Rückstände in der Arbeit des " _____" Kreisverbandes machen den Einsatz eines so bewährten " _____" Kaders notwendig, obwohl gegenwärtig die Lücke im " _____" Sekretariat des Bezirksvorstandes noch nicht mit einem " _____" gleichwertigen Mitarbeiter geschlossen werden kann. "
Die Lücke konnte nie geschlossen werden, und Rauls blieb zusätzlich zum Kreisfunktionär, was er war: Sekretär für Agitation und Propaganda des NDPD-Bezirksvorstands Magdeburg. In diese Funktion war er 1987 gewählt worden. Seine wichtigste Aufgabe war, darauf zu achten, daß die Parteifreunde auf dem ideologischen Kurs der SED blieben.
Der Diplom-Staatswissenschaftler Rauls, der schon 1974 einen Halbjahreslehrgang an der Zentralen Parteischule der NDPD absolviert hatte, war unter anderem "Aktivist der sozialistischen Arbeit", außerdem trug er die "Ehrennadel der Nationalen Front" in Gold und in Silber sowie das "Ehrenzeichen" der NDPD. Sein Aufstieg zum Bezirkssekretär 1987 war der größte Lohn.
Im August 1988 befaßte sich das Bezirkssekretariat mit dem 27. Jahrestag des Mauerbaus und meldete nach Ost-Berlin an die Zentrale: "Der Jahrestag der Sicherung unserer Staatsgrenze . . . war vielen Parteifreunden Veranlassung, sich der Ziele der aggressivsten Kreise des Monopolkapitals gegenüber der DDR und dem Sozialismus zu erinnern . . ."
Eine begrenzte Nachdenklichkeit erfaßte den Agitpropmann erst, als die Bürger der DDR scharenweise davonzulaufen begannen. Als Gastreferent der Kontrollkommission der NDPD sagte Bezirkssekretär Rauls am 20. September 1989 laut Protokoll, daß _____" in den Parteiveranstaltungen in der Diskussion die " _____" illegale Ausreise von Bürgern der DDR in die BRD einen " _____" breiten Raum einnimmt. Dabei tritt immer wieder die Frage " _____" auf, was haben wir in unserer politisch-ideologischen und " _____" kommunalpolitischen Arbeit falsch gemacht. Dabei müssen " _____" die Wirkungen der BRD-Medienkampagne beachtet werden. "
Aber wahrscheinlich weiß Wolfgang Rauls gar nicht mehr, was er noch vor wenigen Jahren gesagt hat. Genausowenig wie all die anderen Blockflöten, die heute so tun, als wären sie geborene West-Liberale. Manchmal wächst zusammen, was nicht zusammengehört. Y
*VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:
Den Blockflöten *
in den bürgerlichen Parteien der DDR gilt die besondere Aufmerksamkeit des Historikers Christian v. Ditfurth, 40. In den Blockparteien gab es durchaus unterschiedliche Meinungen, bei den Funktionären jedoch galt "SED-Hörigkeit" als Voraussetzung. Nach Forschungen über die Vergangenheit von Ost-Christdemokraten (SPIEGEL 50/1991) und über die zuweilen ungebührliche Zusammenarbeit zwischen SPD-West und SED-Größen (SPIEGEL 35/1992) legt Ditfurth nun eine Untersuchung über die DDR-Karrieren heute noch aktiver FDP-Politiker vor. Er recherchierte dazu im Archiv des Deutschen Liberalismus in der Friedrich-Naumann-Stiftung, Gummersbach*, und in der Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv Berlin**.
[Grafiktext]
__47_ Zusammenschluß liberaler Parteien aus Ost- und Westdeutschland
[GrafiktextEnde]
*** Name geändert. ** NDPD Bündel 106, 1187. * ADL/LDPD 27 919a, 33 210, 33 208, 31 613, 33 862, 33 865, 31 713, 32 721, 32 767, 30 894, 30 716, 28 731, 32 742/3, 33 239. * Manfred Gerlach (LDPD), Heinrich Homann (NDPD) mit SED-Chef Erich Honecker und Politbüro-Mitglied Albert Norden.
Von Christian v. Ditfurth

DER SPIEGEL 34/1993
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 34/1993
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Parteien:
Verbogene Lebensläufe

  • Zugriff am Stadtrand: Mutmaßlicher Schütze von Straßburg getötet
  • Blinde Surferin: Nur mit Gefühl auf den Wellen
  • Drohnenvideo: Überraschung beim Schwimmtraining
  • TV-Interview mit Melania Trump: "Am schlimmsten sind die Opportunisten"