30.11.1992

Bescheißt du mich eigentlich?

SPIEGEL-Reporterin Gisela Friedrichsen im Prozeß um den Tod des Volksschauspielers Walter Sedlmayr in München

Von Friedrichsen, Gisela

Der Tod macht nicht alle Menschen gleich. Es bleibt ja etwas von jedem Menschen über den Tod hinaus. Je nachdem, welche Rolle der Mensch gespielt hat, bleiben Erinnerungen, Spuren, Bilder im Gedächtnis weniger oder vieler. Ein vollendetes Leben läßt sich betrachten.

Was bleibt von dem Münchner Volksschauspieler Walter Sedlmayr? Seine "Spaziergänge durch München", die er fürs Fernsehen drehte? Die Rolle des Inspektor Schöninger in der Serie "Polizeiinspektion 1"? Seine Auftritte auf Münchens heiligem Berg, dem Nockherberg, beim Starkbieranstich?

Die unverwechselbare Stimme? Die opulente, kultivierte Mundart? Der Typ des bayerischen Städters, des Urmünchners, den er nicht spielen mußte, denn er war einer - grantelnd, reizbar, äußerlich robust und innen drin empfindsam und empfindlich, lebensfroh und tief melancholisch zugleich?

Das Bild des rundschädeligen, schnauzbärtigen, "wamperten" Mannsbildes, mit dem sich der Herr Jedermann identifizieren konnte? Denn gerade, weil er kein geschniegelter Beau war, haben die Leute ihn gemocht.

Das wird schon bleiben. Doch vor allem wird es vom Sedlmayr heißen, daß er umgebracht wurde und daß das Ärgste daran nicht einmal dieses trostlose Umgebrachtwerden war, sondern was die Leute danach alles über ihn gesagt haben. Denn Walter Sedlmayr war schwul.

In seinem Leben und seinem Ende wird das Elend jener sichtbar, die entweder ihren besonderen Lebensweg so hysterisch leben und aggressiv verteidigen, daß sie weiterhin im höhnischen Gespräch bleiben, oder die sich schamvoll verbergen und hinter ihrer öffentlichen Existenz ein einsames, dunkles Leben führen, um dessentwillen sich viele von ihnen insgeheim selbst hassen und verachten.

In seinen jungen Jahren, Sedlmayr war Jahrgang 1926, als er unbedeutende Rollen an den Kammerspielen oder am Gärtnerplatztheater spielte - in den kargen Nachkriegsjahren als einer der dünngesäten "Dicken" -, war Homosexualität noch verdammt. Was bei dem großen Gründgens akzeptiert oder diskret übersehen wurde, konnte sich ein kleiner Sedlmayr nicht erlauben.

Mit Heimatschnulzen brachte er sich in den fünfziger Jahren durch, in lausigen lederhosigen Rollen als Herrgottschnitzer oder Dorftrottel. Die einzige Frau in seiner Nähe war seine Mutter, die bis zu ihrem Tod 1988 bei ihm lebte. Er hatte niemanden, denn auch die Mutter wird''s nicht gewußt haben, der ihn so liebte, wie er nun einmal war. In der Gosse mußte er sich kurze, heimliche Vergnügen holen.

Später, ab 50, als er sich zunehmend zum Typ des städtischen Kleinbürgers auswuchs, als sich Bierkrüge, Lodenjoppen und Gamsbärte seiner bemächtigten, gab es kein Entrinnen mehr. Wer die Wahrheit kannte, profitierte davon, daß sie verborgen blieb.

So begann die Freundschaft mit Wolfgang W., den Sedlmayr später seinen "Ziehsohn" nannte. W., ein geborener L., entstammt einer zerrütteten Familie mit sechs Kindern aus dem bayerischen Odelzhausen, kam mit fünf Jahren ins Heim, lernte dort, was es heißt, schwul zu sein, und vor allem, wie man sich am besten verkauft.

Er lernt ein wenig Friseur, arbeitet als Kellner, als Beifahrer, an einer Tankstelle, deren Besitzer ihn adoptieren wollte. Tatsächlich adoptiert hat ihn wenig später aber die wohlhabende, kinderlose Witwe Dr. Erna W., eine Freundin von Sedlmayrs Mutter. Da war er 24 Jahre alt.

Wolfgang L., nun W., längst auf der schiefen Bahn, beerbt die Witwe, ist auf einen Schlag ein gemachter Mann und Sedlmayr stets zu Diensten. Wieder gelingt es ihm, einen einsamen Menschen für sich einzunehmen. "Da Bua" nannte ihn Sedlmayr.

Seitdem der Schauspieler sich nicht mehr selbst ins Milieu begibt, weil ihn jeder kennt, besorgt ihm W. junge Männer. Auch für Kunstgegenstände und Antiquitäten - Sedlmayr hatte gern schöne, teure Dinge um sich, die das Schmutzige überglänzen - weiß der umtriebige W. stets gute Quellen. Er schickt ihm bewundernd Blumen, er beeindruckt Sedlmayr. In dessen Augen hat der Junge sich selbst aus dem Dreck gezogen. Wieviel Hoffnung mag der Ältere da hineingesehen haben?

Sedlmayr, in seinen letzten Jahren der klassische bayerische "Realitätenbesitzer", Erbe eines Millionenvermögens und Nutznießer einträglicher Werbeverträge, dem nachgesagt wird, fast unerträglich geizig, mißtrauisch und pedantisch gewesen zu sein, läßt sich auf Geschäfte mit W. ein. Er gibt zum Schluß eine halbe Million Mark und seinen Namen für eine Gaststätte am Viktualienmarkt, die W. betreiben soll. "Beim Sedlmayr" heißt sie.

Es geht nicht lange gut. Im Frühjahr 1990, wird berichtet, habe Sedlmayr W. gefragt: "Sag, Wolfi, bescheißt du mich eigentlich"?

Sedlmayr waren Klagen des Personals aus der Gaststätte zu Ohren gekommen. Er hatte erfahren, daß Ware, für das Lokal am Viktualienmarkt eingekauft, laufend in den "Freisinger Hof" verschoben worden war, den W. in eigener Regie betrieb. Auch Chefkoch und Hausmeister waren mal hier, mal da. Die Ertragslage stellte sich als undurchsichtig dar.

Es geht Sedlmayr nicht gut. Er klagt über Herzschmerzen. Sein letzter Auftritt beim Starkbieranstich auf dem Nockherberg mißglückt. Er sitzt danach allein und erschöpft in einem Vorraum des Salvator-Kellers.

Es kommt zu Verstimmungen, zu Zerwürfnissen. W. zahlt das Personal nicht mehr aus. Sedlmayr läßt schließlich die Tageseinnahmen abholen, um die Angestellten persönlich zu entlohnen. W. erteilt Sedlmayr daraufhin Hausverbot. Die Münchner Zeitungen haben längst Wind von der Sache. Sedlmayr fürchtet, um 150 000 bis 200 000 Mark betrogen worden zu sein.

Am 16. Juli 1990, einem Montag, hatte er Strafanzeige stellen, die Kommanditgesellschaft auflösen und sich aus dem Geschäft zurückziehen wollen. Einem Rechtsanwalt wollte er eidesstattliche Versicherungen des Personals übergeben, was "Beim Sedlmayr" so alles üblich war.

Doch am Tag zuvor, am 15. Juli 1990, wurde der Schauspieler erschlagen in seiner Wohnung gefunden. Der Tod sei am Samstag, 14. Juli, zwischen Mittag und Mitternacht eingetreten, sagen die Rechtsmediziner.

Angesichts dieser die Staatsanwaltschaft und die Öffentlichkeit gleichermaßen beeindruckenden "Motivlage" muß sich seit der vergangenen Woche Wolfgang W., 37, wegen Mordes vor der 1. Strafkammer des Landgerichts München I verantworten. Wer, wenn nicht W., hätte sonst etwas gehabt vom Tod des Walter Sedlmayr?

Auch W.s älterer Bruder Manfred L., 39, ist angeklagt. Was hat er damit zu tun?

L. verkehrte nicht bei Sedlmayr. Er durfte bei Bruder Wolfgang im "Freisinger Hof" arbeiten, für lumpige 1500 Mark monatlich, und wurde von dem, wie Zeugen sagen, für einen "Deppen" gehalten, "der ständig am Saufen ist".

L., schon äußerlich nicht so glatt und elegant wie der Bruder, sondern eher der Typ des armseligen Münchner "Strizzi", mangelt es an dem Geschick, sich gut zu verkaufen. Er hat nie eine reiche Witwe oder einen Ziehvater gefunden. Ihm hat keiner etwas geschenkt. _(* Im März, nach dem mißglückten Auftritt ) _(beim Starkbieranstich auf dem ) _(Nockherberg in München. )

L. geriet im Sog seines Bruders in Verdacht. Er ist einer jener Menschen, die, ungeschickt und unelegant, für jeglichen Verdacht gut sind. Seine Vorstrafenliste ist lang. Er hat sich nicht aus dem Dreck heraus-, sondern nur immer weiter hineingeschafft.

In der Vernehmung vom 26. März 1992 bezichtigte er, anders als bis dahin, plötzlich seinen Bruder sowie einen Jugoslawen der Tat. Am Tag darauf wiederholte er dieses "Geständnis".

Was war geschehen? Es war ihm die "Aussage" seines Bruders vorgehalten worden, er, L., habe Sedlmayr getötet, während Wolfgang im Nebenzimmer gewartet habe. Es wurde ihm allerdings nicht gesagt, daß diese "Aussage" nicht von W. selbst, sondern nur von einem Mithäftling stammte.

Vor Gericht sagt L., der Oberstaatsanwalt - Manfred Jungnik von Wittken - habe damals auf ihn eingeredet: "Begreifen Sie denn nicht, was das heißt, was Ihr Bruder da sagt? Der geht in zwei Monaten, und Sie bleiben!" Er sei fix und fertig gewesen. Und dann habe es geheißen: "Wenn Sie jetzt nichts sagen, sind Sie für mich der Täter gewesen." Wenige Tage später hat L. widerrufen.

Ein paar rote Fasern an der Kleidung der Brüder, wie sie auch in der Wohnung Sedlmayrs vorkamen - sie können weiß Gott woher stammen. Daß der Todeszeitpunkt ausgerechnet in der kurzen Zeitspanne lag, für die beide Brüder kein Alibi haben, konnte der Rechtsmediziner Professor Wolfgang Eisenmenger nicht bestätigen. Ein Fingerabdruck W.s auf der Unterseite eines Tisches (die Haushälterin will auch von unten mit Möbelpolitur gewienert haben), was besagt er schon?

Der Privatsekretär, die Notärztin, die Rettungssanitäter, befragt, was sie bei ihrem Eintreffen in der Sedlmayrschen Wohnung bemerkt hätten, geben schöne Beispiele für die Unzuverlässigkeit von Zeugenaussagen. Da sah einer Blut, der andere roch es, der dritte sah überhaupt kein Blut und so fort.

Andere Täter? Unter Sedlmayrs Bett lagen der Hammer, mit dem ihm der Schädel zertrümmert worden war, und eine Peitsche. Auf dem Nachtkästchen befanden sich Kondome (mit einem Taschentuch bedeckt) und eine Dose Gleitcreme. Seine Fußknöchel waren mit Klebeband umwickelt, er war also gefesselt worden. Irgendwer hatte die Fesseln durchgeschnitten. Warum?

Auch seine Hände waren gefesselt, diese Fesseln wiederum waren durchgerissen. Der oder die Täter hatten ihrem Opfer am Hals eine 24 Zentimeter lange Schnittwunde zugefügt und Stiche in die Nieren: links einen, rechts acht. Sieben dieser Stiche, sagt Eisenmenger, sähen aus, als ob das Opfer gepiekst worden sei, bevor der äußerst schmerzhafte Stich in die Tiefe gesetzt wurde. Sedlmayr hat gelebt, als er gestochen wurde. Er hat sogar noch weitergelebt, als die ersten Schläge niedergingen.

Die Verteidigung (Peter C. A. Krauss und Hans-Dieter Gross für L., Sieghardt Ott und Thilo Pfordte für W.) fragt, ob ein Täter, der es auf Wertgegenstände abgesehen hat, nicht doch eher rasch tötet, um mit der Beute schnellstmöglich zu verschwinden. W. soll gewußt haben, wo sich Tresor und Schlüssel befanden; er hätte nichts aus Sedlmayr herauspressen müssen.

Also ein Täter aus dem Homosexuellen-Milieu vielleicht? Schließlich fand sich unter einer Tischdecke im Flur ein 500-Mark-Schein, möglicherweise das Honorar für einen Strichjungen.

Ein Täter mit Erfahrung im Foltern, im Quälen? Die Münchner Zeitungen haben nach dem Tod des Volksschauspielers nichts ausgelassen. Daß Sedlmayr sich in einen Sack stecken und peitschen ließ, daß er sich, während er mit einem Mann beschäftigt war, von einem anderen beschimpfen ließ und ähnliches. Das Intimleben wurde von den Journalisten ausgeweidet wie die Leiche von den Rechtsmedizinern. Wirklich, das war schlimmer als das Umgebrachtwerden.

Der Rechtsmediziner zeigt im Gerichtssaal Sedlmayrs geborstenes Schädeldach. "Was liegt denn nun im Grab?" fragen Journalisten schaudernd. Der Sachverständige beruhigt: "Sedlmayrs Kopf sah bei der Beerdigung ganz normal aus. Wir haben sein Schädeldach mit einer formbaren Masse aus Papier nachgebildet und damit ersetzt. Dies geschieht schon aus Gründen der Pietät." Na, immerhin.

Der Tod des Walter Sedlmayr ist ein besonders elender und grausamer. Was sich nach ihm und seinetwegen öffentlich abspielte, widerlegt all jene, die meinen, heutzutage seien gleichgeschlechtliche sexuelle Beziehungen etwas Selbstverständliches. Die Sudelflagge "schwul" weist die Betreffenden noch immer in die Isolation.

Manche von ihnen heften sie sich demonstrativ selbst ans Revers, beschweren sich selbst mit hysterischen Vorurteilen, indem sie sich krampfhaft verbergen oder wie wild wehren. Verurteilen sich manche heute nicht selbst härter als jene, die früher Kübel über ihnen ausschütteten? Warum nicht ein Wort, das nicht so derb beschmutzt ist wie "schwul"?

Unter Künstlern, gerade unter Schauspielern, sind sie zahlreich. Das mag der Grund dafür sein, daß soviel vorgespielt und vorgetäuscht wird, im Verbergen und im zu schrillen Widerstand.

Es kann sein, daß der Tod des Volksschauspielers mit seiner Homosexualität nichts - oder nur indirekt - zu tun hat. Vielleicht ging es nur um Geld, um ein Testament. Möglicherweise wiegte sich W. in dem Gefühl, Erbe eines Millionenvermögens zu sein, ähnlich wie bei der Witwe damals. Vielleicht hatte Sedlmayr ihm Versprechungen gemacht. Oder ihn auch nur hingehalten.

Auch einem anderen, seinem Privatsekretär Werner Dahms, 29, hatte er das Erbe versprochen. Wem hat er noch etwas versprochen?

Hat er versucht, sich durch Versprechungen vor Erpressern zu schützen, die mit Enthüllungen drohten? Daß er durch W. in unsaubere Geschäfte verwickelt wurde, konnte er hinnehmen, das schadete seiner Reputation nicht. Doch ein Pracht-Bayer, der mit Strichern herummacht? Das hätten ihm wohl nicht einmal jene verziehen, die sich jetzt um seines gnadenlosen Endes willen erbarmen.

Hat der Schauspieler mit der Abhängigkeit anderer gespielt? Hat er versucht, sich auf diesem Weg seine Ungebundenheit, seine Selbstachtung zu wahren, er, der sich immer wieder der kleinen Ganoven bediente und sich dafür verachtete? Hat er sich Freunde, eine Familie, Söhne gekauft wie Sexualpartner?

Dahms, Vater von inzwischen drei kleinen Kindern, hat in der Nacht, als er ihn fand, noch ein Testament zu eigenen Gunsten zusammengeschustert und mit Sedlmayrs Unterschrift versehen. Er sagte später vor Gericht, er habe gemeint, ja doch im Sinne des Verstorbenen zu handeln. Heute sagt er, er sei völlig durcheinander gewesen.

Später hat er auch noch den Mietvertrag gefälscht, der ihm auf 99 Jahre das Wohnen in einer Sedlmayr-Villa sichern sollte. Er hat verzweifelt versucht, etwas von dem zu retten, was durch vier Hammerschläge verloren war.

Der Tod macht nicht alle Menschen gleich. Manchmal enthüllt erst er das ganze Unglück, die entsetzliche Traurigkeit einer menschlichen Existenz.

* Im März, nach dem mißglückten Auftritt beim Starkbieranstich auf dem Nockherberg in München.

DER SPIEGEL 49/1992
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