01.03.1993

„Gas geben, Geld verdienen“

Borussia Dortmund gilt immer noch als Synonym für Tradition und Fußball pur. Doch hinter der alten Fassade wuchs in den letzten Jahren ein Unternehmen der Freizeitindustrie. So konnte den Fans auch der teuerste Bundesligaeinkauf erklärt werden: Matthias Sammer ist die neue Attraktion in der „Erlebniswelt Westfalenstadion“.
Bis zur Live-Schaltung ins Sat-1-Fernsehstudio dauert es noch 15 Minuten. Der Mann, der zuvor bei seinem Bundesliga-Comeback das spielentscheidende Tor geschossen und danach beflissen seine Seelenlage vor Kameras und Mikrofonen offengelegt hatte, wartet auf seinen nächsten Auftritt.
Erst jetzt, in den leeren Gängen des Dortmunder Westfalenstadions, verliert der Italien-Rückkehrer Matthias Sammer für einen Moment die Orientierung: "Und wo muß ich nun hin?"
Wohin Sammer auch kommt, überall warten die gleichen Fragen. Es gilt, jene 8,5 Millionen Mark, die Dortmund an Inter Mailand für die bislang spektakulärste Heimholung eines deutschen Profis gezahlt hat, als "normalen Vorgang" zu erklären.
Der Fußballprofi tut es, indem er darauf verweist, ihm sei "der Rummel peinlich", er sei "nur ein Mensch, der auch keine außergewöhnlichen Fähigkeiten hat". Rhetorische Steilvorlagen ("Sind Sie nun der glücklichste Mensch der Welt?") kontert er schließlich erschöpfend knapp: "Nö."
Schon nach drei Wochen im Westfälischen hat Matthias Sammer, 25, jene Balance gefunden, die in Dortmund zum vorbildlichen Gebaren erhoben worden ist. Als habe er die Geschäftsprinzipien des BVB 09 im Crash-Kurs verinnerlicht, übt er den Spagat zwischen Volksnähe und Millionengage.
Als die Dortmunder in der Winterpause den Sammer-Transfer abwickelten, argwöhnten viele, der Bundesligist habe sich einen Fremdkörper ins Haus geholt - so, als dominierten bei der Borussia immer noch kantige Malocher-Typen wie Hoppy Kurrat, Wolfgang Paul oder Hans Tilkowski, deren rechtschaffene Arbeit 1966 den Dortmundern als erstem deutschen Verein einen Europapokal eingebracht hatte.
Der Klub, vermutete die Welt am Sonntag, könne mit dem Millionen-Deal "seine Unschuld verlieren", die Süddeutsche Zeitung sah "die neuen Millionarios" über den Rasen stürmen.
Das Staunen über den Ruhrklub führt Präsident Gerd Niebaum, 44, milde auf Unkenntnis zurück. Der Sammer-Wechsel sei "business as usual" gewesen, eine schlichte "Erhöhung des Anlagevermögens". Die Einnahmen aus dem Uefa-Pokal hätten dem Klub Liquidität verschafft: "Also haben wir wie immer unseren Cashflow reinvestiert." Solche Sätze, die auch aus dem Geschäftsbericht florierender Industrieunternehmen stammen könnten, stehen nur scheinbar in Widerspruch zu den Dortmunder Fans, die in Heimspielen stimmgewaltig den Eindruck vermitteln, in Dortmund werde noch Fußball pur geboten und gefeiert.
Tatsächlich inszeniert die Borussia nur eine "Erlebniswelt Westfalenstadion" (Manager Michael Meier) - streng nach den Regeln der Freizeitindustrie, die ähnlich auch für das Phantasialand in Brühl oder den Vogelpark Walsrode gelten.
Während beim Reviernachbarn Schalke 04 mit gefühlsduseliger Traditionstümelei ein Schuldenberg von 18 Millionen Mark angehäuft wurde, regiert in Dortmund kühler Geschäftssinn. Die Borussia der neunziger Jahre wirkt wie ein geschickt restauriertes Haus: die Fassade aus der Gründerzeit, die Innenarchitektur nüchtern und modern.
So bleibt verborgen, wie sehr sich der Klub in ein Wirtschaftsunternehmen gewandelt hat, das von drei Krawattenträgern geführt wird, die sich bis vor kurzem noch auf das höflichste siezten. Rechtsanwalt Niebaum, als Präsident "für die Firmenpolitik" zuständig, engagierte vor drei Jahren den Volkswirt Michael Meier für den Managerposten - eine Tätigkeit, die bei vielen Konkurrenten amtsmüde Trainer oder Ex-Profis ausüben.
Mit Ottmar Hitzfeld verpflichteten Niebaum und Meier schließlich einen Trainer, der so seriös wirkt, als sei er vom Personalberater irrtümlich auf den Fußballplatz geschickt worden. Hitzfeld ("Ich bin total erfolgsbezogen") bimste seinen Spielern "professionelles Denken" ein, forderte sie auf, "als Solidargemeinschaft zu handeln".
Daß der Lernprozeß auch eine neue Berufsauffassung der Spieler begründete, belegt Meier, 42, gern mit seinen Erfahrungen während der Vertragsverhandlungen mit Publikumsliebling Stephane Chapuisat. Der Schweizer Torjäger war nur mit einer kräftigen Gehaltserhöhung dem Zugriff italienischer Klubs zu entziehen. Mehrere BVB-Profis drängten Meier, Chapuisats Wünsche zu erfüllen; einer bot sogar eine fünfprozentige Kürzung seiner Bezüge an.
Die Spieler können sich diese Art freiwilliger Solidaritätsabgabe durchaus leisten. Nach dem FC Bayern München zahlt Borussia die höchsten Löhne der Liga. Vier Profis (Sammer, Chapuisat, Flemming Povlsen, Stefan Reuter) kassieren jeweils über eine Million Mark, und auch bei den übrigen Angestellten wird auf ein intaktes Gehaltsgefüge Wert gelegt. Bevor bei den Stars die Millionengrenze überschritten wurde, bat der Manager schlechter bezahlte Kicker ins Büro und offerierte einen Lohnzuschlag, der den Konkurrenzdruck erträglich machte.
Für Hitzfelds Vorhaben, "mit Dortmund Meister zu werden", was im letzten Jahr erst vier Minuten vor Saisonende scheiterte, war der Druck jedoch in den vergangenen Monaten nicht groß genug. Die Elf hatte Mühe, einen Uefa-Pokal-Platz zu verteidigen.
Der "Selbstherrlichkeit", die er bei seinen Profis zu erkennen glaubte, begegnete Hitzfeld mit einer weiteren Verschärfung der Konkurrenzsituation; er betrieb Sammers Verpflichtung. Die Mannschaft informierte er denkbar knapp: "Wir sind gut, aber wir wollen uns verbessern."
Von der Bundesliga-Konkurrenz wird Borussia Dortmund jetzt gern in die Nähe des FC Bayern München gerückt. Werder Bremens Trainer Otto Rehhagel, der chronisch Zukurzgekommene, wehklagt schon, die beiden Wirtschaftsgiganten würden auf Sicht die Meisterschaft unter sich ausmachen. Frankfurts Vizepräsident Bernd Hölzenbein bezweifelt dagegen, daß die Dortmunder "den Futterneid innerhalb der Mannschaft in den Griff bekommen".
Doch noch funktioniert der Dortmunder Stollen-Darwinismus. "Den Erfolgsdruck dieser Leistungsgesellschaft" empfindet Nationalspieler Michael Schulz, 31, sogar als "sehr angenehm". Denn: "Wer viel Gas gibt, kann viel Geld verdienen."
Auch die Fans haben sich an den Geschäftsgang gewöhnt. Gegen die Verpflichtung des Ex-Bayern Michael Rummenigge demonstrierten noch 1988 die Fans vor der Geschäftsstelle; als der Frankfurter Andreas Möller geholt wurde, zürnte sogar Arbeitsminister Norbert Blüm öffentlich. Niebaum: "Da hatte ich viel mehr Kopfschmerzen als jetzt bei Sammer."
Möller, damals erst 20 Jahre alt, noch kein Nationalspieler und 2,4 Millionen Mark teuer, geriet zum Testfall. Mit dem hessischen Jungstar gewann die Borussia den DFB-Pokal - den ersten Titel seit 23 Jahren. Seitdem, glaubt Niebaum, wissen die Zuschauer, "daß sich Investitionen lohnen".
Geschickt haben Niebaum und Meier die Veränderungen in der Klubstruktur dem Wandel in der Stadt angepaßt. Längst steht auch im Südblock des Westfalenstadions nicht mehr nur der kleine Mann aus dem Pütt; hier erleben ebenso Versicherungsangestellte - davon gibt es 8000 in Dortmund - samstags zufrieden, wie aufregend die Dienstleistungsbranche doch sein kann.
So spricht sich auf den Rängen rum, daß auch Provisionen dem Lauf des Balls durchaus förderlich sein können. Die Zahl der Briefe mit gutgemeinten Ratschlägen, sagt Meier, habe deutlich abgenommen: "Die Leute vertrauen unserer Arbeit."
Clever hat es die Führungstroika verstanden, bei aller Geschäftigkeit "den Dialog mit dem Publikum" (Niebaum) zu führen. So senkte das Management mal als Geste an die Fans den Stehplatzpreis von 12 auf 9,50 Mark. In diesem Jahr trug der Klub drei Benefizspiele aus - zum Wohle von Tschernobyl-Kindern, Geiselopfern und den Angehörigen eines getöteten Fans. Für das Freundschaftsspiel gegen Sammers Ex-Klub Inter Mailand wurden bei Hoesch 5000 Freikarten verteilt.
Auch bei der Preisgestaltung der Karten für das in dieser Woche beginnende Uefa-Cup-Viertelfinale gegen den AS Rom entschied sich Niebaum für die sozial verträglichere Lösung. Der Unternehmer in ihm hätte gern einen erheblichen Top-Zuschlag verlangt. Doch der Vereinspolitiker Niebaum schreckte vor dem "Entfremdungspotential" zurück: "Die Leute hätten klaglos gezahlt, sich den Vorgang gemerkt und sich bei Gelegenheit gerächt."
Auch so summieren sich die Europapokal-Erträge schon jetzt auf 15 Millionen Mark. Und sofort beginnt wieder die Beschwichtigung. "Die Identität als Traditionsverein", sagt Meier, soll bei allem Wohlstand erhalten bleiben: "Wir wollen kein Lackschuhklub werden."
Den schwärmerischeren Part des Traditionalisten besetzt Niebaum. Daß er als Schüler, an der Hand seines Vaters, ins Stadion gepilgert sei und die Westdeutsche Meister-Mannschaft von 1956 und 1957 erlebt habe, entschlüsselt er als Triebfeder seines Wirkens. So wie bei ihm sei in Dortmund die Pflicht, "nach Borussia" zu gehen, in den meisten Familien vererbt worden.
Der alerte Jurist will die Konstante sein in einem Geschäft, in dem "der reisende Profi im Berufsbild verankert ist". Gleichzeitig erklärt er aber, kein Nostalgiker zu sein, "weil Betulichkeit nicht wettbewerbsfähig ist". Und wie zum Beweis setzt er zu einem schwungvollen Plädoyer über die moderne Zeit an: "Profis sind rechnende Unternehmer, die ihr Können nach Marktgesetzen offerieren. Alles andere ist dummes Zeug."
Das auffällige Sowohl-Als-auch des Präsidenten, der Ehrenämter im Bundesliga-Betrieb für überholt, die antiquierten Ringelsocken der Spieler jedoch für ein bewahrungswürdiges Gut hält, sorgt für die Identifikation zwischen dem Zuschauer und seinem BVB. Den Fans reicht es, wenn sie erfahren, daß Niebaum, Meier und Hitzfeld auf den Sammer-Vertrag nicht mit Champagner, sondern mit Pils angestoßen haben.
Matthias Sammer hat lange darüber nachgedacht, wie er dem Dortmunder Publikum begegnen soll. Auch die Möglichkeit, ähnlich wie ehedem Andreas Möller ein falsches "Ich liebe euch alle" in das Stadionmikrofon zu schmachten, kam ihm in den Sinn. Die Idee hat er verworfen: "Ich will hier nicht rumsülzen."
Erleichtert stellte er fest, daß "die Leute sehr feinfühlig" seien. Sie hätten ihm, dem Fußball-Arbeiter, der auch zu Hause seine Mülltüte selbst schleppt, eben geglaubt. Die Fans begegneten der Kritik, ein 8,5-Millionen-Mark-Transfer passe nicht in eine Landschaft, in der gerade massenweise Arbeitsplätze vernichtet werden, denn auch auf ganz besondere Weise.
In der Nacht nach Sammers erstem Auftritt im Westfalenstadion brannten im Revier die "Tausend Feuer", mit denen die Stahlwerker gegen die drohende Arbeitslosigkeit demonstrierten. Nicht wenige artikulierten dabei lautstark ihren Unmut über die Politik des Großkapitals - mit ihrer schwarz-gelben BVB-Tröte.

DER SPIEGEL 9/1993
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