30.11.1992

Unternehmen

Die Welt des Scheins

Mißmanagement, Intrigen und Affären - der Kreditkartenmulti American Express ist ein Sanierungsfall.

Minutenlang starrte James Dixon Robinson III., 57, auf die vor ihm liegende Zeitung. Nie zuvor, lamentierte der Chef des Kreditkarten-Multis American Express (Amex) vor engen Mitarbeitern in New York, habe er etwas derart Widerliches ansehen müssen.

Es war ein simples Foto im Boston Herald, das den Manager an jenem Aprilmorgen 1991 so aus der Fassung gebracht hatte. Da zerhackte ein Gastwirt mit einem riesigen Schlachtermesser eine kleine, grüne Kreditkarte. Überschrift zum nebenstehenden Bericht: "Bostons Restaurantbesitzer boykottieren American Express".

Der Protest gegen die üblichen hohen Amex-Gebühren war kaum mehr als eine lokale Posse. Doch Robinson fühlte sich zutiefst getroffen. Der Erfolg vergangener Jahre, das gute Image schienen gefährdet, endgültig. Zu viel war in der Vergangenheit schiefgelaufen.

Lange galt Robinson, Sproß einer alteingesessenen Bankiersfamilie aus Georgia, als Wunderknabe der amerikanischen Finanzwirtschaft. Mit 41 Jahren trat er 1977 seinen Spitzenjob in New York an. Unter ihm wuchs die Reiseservice- und Kreditkartenfirma in den achtziger Jahren zu einem der größten Geldmultis.

Die Anfänge der Firma lagen Mitte des vergangenen Jahrhunderts im Pony Express. Damals halfen die legendären Express-Reiter, Amerikas Wilden Westen zu erobern. Heute bietet Amex rund um die Welt so ziemlich alles, was mit Geld und Reisen zu tun hat.

Geschickt schuf Robinson für sein Unternehmen in den Achtzigern ein glänzendes Image. Es war die Zeit des schnellen Geldes, als Ronald Reagan regierte und in der Wirtschaft das große Fressen herrschte, im großen wie im kleinen. Die kleine grüne Kreditkarte stand als Erfolgssymbol für Yuppies und Aufsteiger - und Robinson fühlte sich als deren siegreicher Anführer.

Auch Amex bediente sich teuer und fein. Gekauft wurde, zum Teil zu horrenden Preisen, was der Markt hergab - etwa das renommierte New Yorker Brokerhaus Shearson Lehman Brothers, die feine TDB Trade Development Bank des Libanesen Edmond Safra oder der Finanzkonzern IDS Investors Diversified Services. Heute arbeiten weltweit über 50 000 Beschäftigte bei American Express.

Der Kaufrausch ist vorbei. Jetzt, in den Neunzigern, gilt American Express eher als Beispiel für Pleiten, Pech und Pannen internationaler Finanzwirtschaft. Robinsons mächtiges Imperium wurde zum Sanierungsfall.

Den Wettbewerb um die Kreditkartenkundschaft, nach wie vor Stammgeschäft des Konzerns, scheint American Express bereits verloren zu haben. Seit 1987 sank der Amex-Marktanteil von mehr als 20 auf unter 15 Prozent. Branchenführer Visa dagegen baute seinen Vorsprung auf über 50 Prozent aus (siehe Grafik Seite 155).

Auch in Deutschland und Europa scheint nach dem schnellen Aufschwung vergangener Jahre kaum noch Wachstum möglich. Die Eurocard beherrscht hier zunehmend den Markt.

Bei American Express hat die Sanierung jetzt begonnen - weltweit. Allein bis 1994 müssen im Unternehmen mehr als eine Milliarde Dollar Kosten eingespart werden. Ende Oktober wurden weltweit Massenentlassungen angekündigt. Der Nimbus der grünen Karte als Erfolgssymbol scheint dahin.

Der Fall American Express hat viele Facetten. Lange schon kriselt es hinter der Firmenfassade. Intrigen, Affären und Mißmanagement haben das Kartenhaus erschüttert - reichlich Stoff für Enthüllungsgeschichten. In den USA beschreiben gleich zwei Bücher den Aufstieg und Niedergang des James D. Robinson und seines Imperiums*.

Ebenso akribisch wie süffisant wird aus dem Innenleben des Imperiums berichtet. Die Wall-Street-Reporter Jon Friedman und John Meehan erzählen im Krimistil nach, wie leichtsinnig in den Achtzigern mit Dollarmillionen jongliert wurde.

Da ließ sich Robinson etwa nach dem Kauf der Investors Diversified Services als unternehmensstrategisches Genie feiern. Der Finanzkonzern hatte 773 Millionen Dollar gekostet. Jetzt stellt sich heraus, daß der Chef drauf und dran war, für IDS eine Milliarde Dollar zu zahlen - fast eine Viertelmilliarde zuviel. Nur mit Mühe hatten Manager aus dem zweiten Glied den teuren Handel verhindern und den völlig überhöhten Preis drücken können. Der Held aber hieß dennoch James D. Robinson.

Das Desaster zwischen American Express und Edmond Safra allerdings konnte nicht abgewendet werden. Der schwerreiche libanesische Bankier verkaufte 1983 seine in Europa und den USA aktive Trade Development Bank für 550 Millionen Dollar an Amex.

Safra wurde dafür größter Privataktionär und Vorstandsmitglied des Giganten. Nun gehörte zum Amex-Sortiment nicht nur eine solide Privatbank, sondern auch ein erfahrener Bankier. Der sollte, so Robinsons Plan, American Express besser ins Geschäft mit dem großen Geld bringen.

Doch die Partnerschaft ging schon bald in die Brüche. Die Hauptakteure _(* Jon Friedman, John Meehan: "House of ) _(cards. Inside the troubled Empire of the ) _(American Express Company". G. P. ) _(Putnam''s Sons, New York; 272 Seiten; ) _(24,95 Dollar. Bryan Burroughs: ) _("Vendetta. American Express und the ) _(Smearing of Edmond Safra". Harper ) _(Collins Publishers, New York; 502 ) _(Seiten; 25 Dollar. ) Robinson und Safra waren im Denken und Handeln zu verschieden.

Schneller Erfolg und Image, die flüchtige Welt des Scheins, bedeuteten Robinson alles. Ehrgeizig und eitel präsentierte er sich in den Medien als mächtiger Herr des Geldes.

Seine öffentlichen Auftritte ließ der Amex-Chef teuer und aufwendig vorbereiten. Die Imagepflege wurde von seiner zweiten Frau, Linda Gosden, inszeniert, einer ehemaligen PR-Agentin.

Safra dagegen war diese Art der Selbstdarstellung und öffentlichen Auftretens zuwider. Für ihn galten Diskretion und absolute Verschwiegenheit als oberstes Geschäftsprinzip.

Nach zwei Jahren verließ Safra American Express. Nach und nach kündigten die besten Geldexperten bei der TDB, um dem alten Chef zu folgen. Safra bereitete in aller Stille die Gründung einer neuen Bank in der Schweiz vor. Vergebens versuchte American Express den Exodus der Experten aufzuhalten. Robinson fühlte sich blamiert.

Wenig später geriet Safra ins Zwielicht. In Europa, Südamerika und in den USA erschienen Zeitungsberichte, die dem jüdischen Bankier enge Beziehungen zu Drogenhändlern und Geldwäschern unterstellen. Auch mit dem Iran-Contra-Skandal in Washington wurde er in Verbindung gebracht.

Erfolglos versicherten US-Behörden, derartige Verdächtigungen seien haltlos. Die Kampagne ging weiter. Safra schaltete Detektivbüros ein, um die Hintermänner des Rufmordes zu entlarven. Die Verfolgsjagd dauerte Monate und ging rund um die Welt.

Dann endlich bekam der alte Bankier die Erfolgsmeldung: Gefaßt und überführt wurde ein ehemaliger FBI-Agent. Der hatte Zeitungen weltweit mit Verdächtigungen und gefälschtem Material versorgt - im Auftrag einer hochrangigen Amex-Managerin.

Die Aktion lief unter dem Kennwort Vendetta. In seinem gleichnamigen Buch beschreibt der Wall-Street-Reporter Bryan Burrough ausführlich den versuchten Rufmord an Safra. Robinson kommt dabei nicht eben gut weg.

Zwar behauptete der Amex-Chef gleich nach der Enthüllung Mitte 1989, von der üblen Aktion nichts, aber auch gar nichts gewußt zu haben. Doch für Burrough ist Robinson der eigentliche Hintermann.

In der Tat konnte Safra Robinson zwingen, sich schriftlich für die Intrigen zu entschuldigen. Er mußte acht Millionen Dollar an eine gemeinnützige Organisation überweisen. Doch Gerüchte um dubiose Geschäfte des Bankiers kursieren noch heute.

Sein eigenes Ende als Amex-Chef hat James Robinson möglicherweise bereits eingeleitet. Vorstandskollege Harvey Golub, 53, ein robuster New Yorker Finanzmanager, bekam Mitte des Jahres den Auftrag, das Kreditkartengeschäft zu sanieren.

New Yorker Analysten und die amerikanische Wirtschaftspresse trauen Golub die Aufgabe durchaus zu. Mehr noch: Wenn ihm der Kraftakt gelingen sollte, meint Business Week, dann könnte Robinsons Nachfolger Harvey Golub heißen.

[Grafiktext]

_155a Weltweit ausgegebene Kreditkarten 1987 bis 1991

[GrafiktextEnde]

* Jon Friedman, John Meehan: "House of cards. Inside the troubled Empire of the American Express Company". G. P. Putnam''s Sons, New York; 272 Seiten; 24,95 Dollar. Bryan Burroughs: "Vendetta. American Express und the Smearing of Edmond Safra". Harper Collins Publishers, New York; 502 Seiten; 25 Dollar.

DER SPIEGEL 49/1992
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