30.11.1992

Banken

Trübe Quelle

Die Zürcher Rothschild Bank kämpft um ihren Ruf: Ein ehemaliger Direktor packt über dubiose Geschäfte aus.

Wenn der Zürcher Bankdirektor Jürg Heer, 56, in Italien betuchte Klienten besuchte, ging es oft wie in billigen Krimis zu: Die Kunden holten Heer in einer gepanzerten Limousine ab, verhandelt wurde an abgelegenen Plätzen, Verschwiegenheit war oberstes Gebot.

Der Herr Direktor und seine Partner waren nicht ohne Grund so vorsichtig. Heer bot seinen Kunden einen speziellen Service - Hilfe bei der Kapitalflucht.

In der angesehenen Bank Rothschild war niemand als Geldbeschaffer so erfolgreich wie Kreditchef Heer. Er wußte, mit wem er zu reden hatte.

In den siebziger und frühen achtziger Jahren pflegte Heer etwa Kontakte zur Geheimloge P2 von Licio Gelli. Er traf den später angeblich ermordeten Roberto Calvi vom Banco Ambrosiano und spielte Golf mit Erzbischof Paul Marcinkus, dem Bankier des Papstes.

"Diese Geschäfte", erinnert sich Heer, "waren absolut faszinierend. Ich war so etwas wie der King of Italy. Jeder Italiener, der Geld hatte, brauchte unsere Konstruktion."

Die Konstruktion bestand darin, Geld oder Firmenbeteiligungen, die ein Kunde vor dem Fiskus verbergen wollte, treuhänderisch auf eine Off-shore-Briefkastenfirma oder auf Strohmänner zu übertragen. Gegen gutes Honorar waren Heer und seine Mitarbeiter sogar bereit zu bezeugen, daß sie die rechtmäßigen Besitzer des Vermögens seien.

Als "Bank in der Bank" (Zürcher Sonntags-Zeitung) funktionierten die Firma Orion in Panama und ähnliche Unternehmen. Sie hielten zeitweise, so Heer, Industriebeteiligungen im Wert von 20 bis 30 Milliarden Franken.

Typisch ist der Fall der Familie Irneri aus Triest, der die Versicherungsgruppe Lloyd Adriatico gehört. Dank tatkräftiger Rothschild-Hilfe konnte sie sich hinter einer Gesellschaft in Panama und der eigens in Lugano gegründeten Gotthardfinanz AG verstecken. Als sie 1988 einen Teil ihrer Aktien zu Geld machte, floß der Erlös wohl auf dem Rothschild-Pfad am italienischen Fiskus vorbei.

Die Kapitalfluchthelfer verdienten kräftig mit. Besonders ungeniert zeigte der Autonarr und Kunstliebhaber Heer seinen Reichtum: Seine Sportwagensammlung wird auf 20 Millionen Franken geschätzt; erstklassige Werke zeitgenössischer Kunst verschönern seine Villa.

Im vergangenen Sommer war es mit dem schönen Leben zunächst vorbei. Heer wurde verhaftet. Das Fluchtgeschäft war ruiniert und der Ruf der Bank nachhaltig beschädigt.

Weil die Vorgesetzten seinen Fall nicht wie sonst üblich unter Ausschluß der Öffentlichkeit regeln wollten, sondern vor Gericht gingen, wurde Heer rabiat. Er wollte "nicht als Opferlamm herhalten". Seit seiner Entlassung aus der U-Haft bekennt er zum Schrecken der ganzen Branche oft und öffentlich: "Ich war Teil eines kriminellen Systems."

Zum System, so Heer, gehörte vor allem die Bankspitze, allen voran ihr damaliger Präsident, der französische Baron Elie de Rothschild, der angeblich selbst aktiv und führend an den Geschäften beteiligt war.

Der Patron war zugleich Chef der geheimnisvollen Briefkastenfirma Orion in Panama. Die wiederum war mit der bankeigenen Treuhandfirma Sagitas verbandelt, die den Kunden half, Steuern zu vermeiden.

Elie de Rothschild, behauptet dagegen Firmenanwalt Peter Hafter, habe die Orion und andere Aktivitäten privat betrieben. Die bankeigene Sagitas habe lediglich als Buchhalter gewirkt.

Das wäre zwar dubios, aber nach schweizerischem Recht wenigstens nicht illegal. Nur den Banken, nicht aber Privatleuten, ist die Beihilfe zur Steuerhinterziehung neuerdings untersagt.

Gleichwohl ist Hafters Behauptung fadenscheinig. Eine Verdoppelung der Bilanzsumme - von 668 Millionen Franken auf 1,34 Milliarden in den letzten zehn Jahren - wäre von einem einzigen Angestellten, und am Verwaltungsrat vorbei, nicht zu bewältigen gewesen. Der Gewinn stieg in dieser Zeitspanne um das 2,5fache, wohl in erster Linie dank des aus trüben Quellen finanzierten Kreditgeschäfts, das zuletzt 753 Millionen Franken ausmachte.

Größter Kunde war mit 220 Millionen Franken der deutsch-kanadische Finanzjongleur Karsten Bodo von Wersebe und dessen York-Hannover-Gruppe. Nach deren Zusammenbruch mußte Sir Evelyn de Rothschild, vor einem Jahr zum Nachfolger seines französischen Cousins bestellt, eilends stille Reserven auflösen und zusätzlich 250 Millionen Franken einschießen, um den drohenden Entzug der Banklizenz abzuwenden.

Die Rettungsaktion, behauptet von Wersebe nun, sei zu Lasten seines Immobilienimperiums gegangen. Sir Evelyn habe ihm bereits zugesagte Kredite verweigert und seine Sanierungsbemühungen torpediert.

Der Deutschkanadier widerspricht der Behauptung der Geschäftsleitung, Jürg Heer habe ihm ohne Wissen der Bankorgane Kredite zugeschanzt und dafür über 30 Millionen Franken kassiert: "Das waren keine Schmiergelder; sämtliche Kommissionen waren vertraglich vereinbart."

Tatsächlich enthält die Kommissionsliste der Treuhandfirma Sagitas von 1983 auch einen Eintrag zugunsten Elie de Rothschilds. Für die Benutzung einer steuersparenden Treuhandkonstruktion für eine der Firmen von Wersebes erhielt der damalige Verwaltungsratspräsident jährlich 200 000 Dollar. Der Auftraggeber fand dies "völlig normal".

Der Streit zwischen der Bank und ihrem Kreditkunden wird wohl vor Gericht fortgesetzt. Der Ankündigung einer Strafanzeige Peter Hafters gegen den Spekulanten folgte vergangene Woche dessen Klage wegen Ehrverletzung und übler Nachrede.

Weniger auffällig wollen die Banker die Alleintäterthese, die nach Heers Eingeständnis kaum noch zu halten ist, aus der Welt schaffen. Als Mitverantwortlicher soll der Vizepräsident des Verwaltungsrates Alfred Hartmann, 70, bald ausscheiden.

Ruhe wird dadurch kaum einkehren. Heer will sich auch durch eine Rothschild-Klage wegen Verletzung des Bankgeheimnisses nicht mundtot machen lassen.

Wenn ihn die Mafia nicht vorher umlegt, sagt er, sollen im Frühling seine Memoiren erscheinen: "Die Mächtigen werden noch vor mit zittern."


DER SPIEGEL 49/1992
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