16.03.1992

ArgentinienDunkle Seite des Mondes

Mit der Freigabe der Akten über die Nazis wird die faschistische Vergangenheit des Peronismus bloßgelegt.
Im September 1948 trat Jose Jacubovich, Ex-Auschwitz-Häftling Nr. 69221, die lange Reise von Le Havre in die Emigration nach Argentinien an. An Bord des Dampfschiffes "Croix", das den polnischen Juden aus dem einstigen Ghetto von Lodz nach Buenos Aires brachte, fuhren, dritter Klasse, zahlreiche Leidensgefährten mit. Sie hatten zumeist paraguayische Papiere, die sie als Landarbeiter auswiesen.
Erster Klasse reisten Gäste, die Jose Jacubovich bekannt vorkamen. "Das Schiff war voll von Nazis", erinnert er sich. "Sie hatten Schweizer Pässe, aber sie sprachen in klarem Hochdeutsch über ihre Verbrechen."
Jose Jacubovich war nicht der einzige jüdische Emigrant, der auf der Reise ins gelobte Land Argentinien seinen NS-Schergen begegnete. Der La-Plata-Staat bot Opfern und Tätern des Holocaust gleichermaßen eine neue Heimat. Argentinien war ein Tummelplatz für Alt-Nazis - aber auch Zuflucht für viele Juden Europas.
Allein zwischen 1933 und 1939 kamen etwa 45 000 Juden aus dem Deutschen Reich an den RIo de la Plata. Argentinien nahm, gemessen an der Bevölkerungszahl, so viele jüdische Einwanderer auf wie kein anderer Staat der Welt. Allerdings hatten es die Nazi-Immigranten nach 1945 oft leichter als die den KZ-Qualen Entronnenen, in der Anonymität der Riesenstadt Buenos Aires ein neues Leben zu beginnen.
"Der KZ-Schlächter Eichmann und ich suchten die Freiheit im selben Land", sagt Jose Jacubovich verbittert. "Nur fanden die Nazis schnell Arbeit und die Überlebenden ihres Regimes zunächst nicht." Immerhin brachte es der eingewanderte Jude Angel Borlenghi unter Argentiniens Diktator Juan Domingo Peron zum Innenminister.
Peron ließ nach dem Zweiten Weltkrieg einreisen, wer immer ihm für den Aufbau des dünnbesiedelten Riesenlandes nützlich schien - darunter nicht nur deutsche Nazis, sondern auch "viele Totschläger aus dem Baltikum und der Ukraine, kroatische Ustaschi, Vichy-Franzosen, ungarische Pfeilkreuzler und sonstige Quislinge", so Werner Finkelstein, Herausgeber des Jüdischen Wochenblatts in Buenos Aires.
Besonders willkommen waren Peron jedoch die Nazis. Der Caudillo war fasziniert von deutschem Militär und deutscher Technik. Deutsche Ingenieure bauten ihm den ersten Düsenjäger und halfen beim Aufbau einer eigenen Automobilproduktion. Der Physiker Ronald Richter, ein von Peron maßlos überschätzter Scharlatan, bastelte für den Diktator im südargentinischen Bariloche sogar an einem Atomprojekt - Peron träumte davon, Argentinien zur atomaren Großmacht zu machen.
Erst wenige Wochen vor Kriegsende 1945 hatte Argentinien, als letzter Staat der Welt, auf internationalen Druck Deutschland den Krieg erklärt - eine "rein formale" Angelegenheit, erklärte der gewiefte Taktiker Peron später seinen deutschen Freunden.
Seit Argentiniens Präsident Carlos Menem jetzt die Geheimakten über die Nazis im Lande freigab, ist endlich auch in Argentinien das Schweigen über die faschistoide Vergangenheit des Peronismus gebrochen. Außenminister Guido di Tella, selbst Peronist, entschuldigte sich öffentlich, daß "unser Land ein Zufluchtsort für Nazi-Verbrecher war". Die Regierungen seien sich dessen "vollkommen bewußt" gewesen.
"War Peron ein Nazi?" fragte die größte Tageszeitung ClarIn - noch vor wenigen Jahren wäre die Schlagzeile reine Blasphemie gewesen.
Er war keiner, so die vorherrschende Meinung argentinischer Geschichtsforscher. "Peron hat Ausbrüche von Antisemitismus, die es in den Anfangsjahren des Peronismus gab, sofort unterbunden; er hatte ausgezeichnete Beziehungen zur jüdischen Gemeinde und beeilte sich, den Staat Israel anzuerkennen", schreibt der Historiker Felix Luna.
"Einen systematischen Antisemitismus wie unter Hitler hat es unter Peron nie gegeben", bestätigt auch Roberto Alemann, Herausgeber des liberalen deutschsprachigen Argentinischen Tageblatts, das der Caudillo in seiner ersten Amtszeit mit der Zensur quälte. Und der Schriftsteller Ernesto Sabato beobachtete: "Er hat Juden und Araber, Rabbiner und Antisemiten mit demselben Lächeln empfangen."
Die jüdische Gemeinde mit rund 250 000 Mitgliedern und die Deutschen leben seit Jahrzehnten nebeneinander, Opfer und Täter wohnten oft nur Straßenblocks voneinander entfernt. Zu Begegnungen kam es nur selten. "Die Deutschen waren für uns die dunkle Seite des Mondes", so Ruben Beraja, Präsident der jüdischen Vereinigung von Buenos Aires.
Peron ließ 30 000 bis 40 000 Deutschstämmige nach Argentinien einreisen - insgesamt rund zehn Prozent der Deutschen im Lande, so schätzt der Kölner Historiker Holger M. Meding. Wenn der Diktator auch kein Antisemit war, urteilt Felix Luna, "so empfand er doch zweifellos Sympathie für Nazi-Deutschland; während seines Aufenthalts in Europa war er fasziniert von dem Brimborium totalitärer Regime". Perons Schwärmerei für einen Dritten Weg zwischen Kapitalismus und Kommunismus mit einem starken Staat war umgekehrt ganz nach dem Gefallen der deutschen Herrenmenschen.
Nach dem Krieg pflegte der Populist herzliche Beziehungen zu einigen Ex-Nazis, die in Argentinien Unterschlupf gefunden hatten. So war er mit dem Kampfflieger Hans-Ulrich Rudel befreundet, Hitlers höchstdekoriertem Soldaten (Deckname "Emilio Meier"), dem er zu einem Vermögen verhalf.
Auch Josef Mengele soll er begegnet sein, wie der argentinische Historiker Tomas Eloy MartInez enthüllte. Im spanischen Exil berichtete Peron von einem Genetiker, der ihn in der Residenz besucht und von seinen Experimenten erzählt habe. Nach dem Namen des Spezialisten befragt, antwortete er: "Ich weiß nicht. Er war einer jener stolzen, kultivierten Bayern . . . Warten Sie . . . Wenn ich mich nicht irre, hieß er Gregor. Doktor Gregor." Helmut Gregor war der Name, unter dem der "Todesengel von Auschwitz" 1949 nach Argentinien eingereist war.
Mengele bewegte sich auch nach dem Sturz Perons 1955 in Argentinien so frei, daß er nicht nur unter seinem richtigen Namen auftrat, sondern auch noch Abtreibungen vorgenommen haben soll, wie die New York Times herausfand. Viele kannten und sahen ihn. Noch in den siebziger Jahren ging der KZ-Arzt in der Firma Fadro Farm im Stadtteil Colegios ein und aus, deren Teilhaber er war. "Mengele war ein großer, dünner Herr, meistens dunkel und elegant gekleidet", beschreibt Francisco MartInez, 65, den "Doktor des Todes".
MartInez betreibt seit 1958 einen Kiosk neben den ehemaligen Geschäftsräumen des Unternehmens, das Tuberkulose-Medikamente hergestellt haben soll. Er sah Mengele zuletzt im Jahr 1970, als der Alt-Nazi seinen Teilhaber besuchte. Heute ist das ehemalige Fadro-Farm-Gebäude ein Stundenhotel.
Auch Adolf Eichmann, der den Holocaust organisiert hatte und 1960 von den Israelis entführt worden war, hatte es bequem: Er arbeitete nicht nur in der Tochtergesellschaft einer deutschen Autofirma, zwischen 1951 und 1953 war er auch in der Ingenieurfirma seines alten SS-Kameraden Martin Fuldner in Tucuman im Nordwesten Argentiniens beschäftigt. Dem jetzt aufgetauchten Dossier über den einstigen Hitler-Sekretär Martin Bormann zufolge hat Fuldner unter Peron als Angestellter der Einwanderungsbehörde in Europa zahlreichen Ex-Nazis bei der Ausreise nach Argentinien geholfen.
Das eigentliche Eichmann-Dossier ist immer noch verschwunden. Israelische Zeitungen vermuten die Akte im argentinischen Justizministerium. Die Behörden geben vor, von nichts zu wissen.
Kein Wunder: Im Archiv des Außenministeriums, wo ebenfalls weitere Nazi-Akten stecken sollen, herrschen wirre Zustände: Zehntausende nicht registrierter, zum Teil beschädigter Dokumente aus einem Jahrhundert argentinischer Geschichte liegen wahllos verstreut in Regalen herum, auf dem Boden türmen sich ungeordnete Aktenberge. Das Archiv selbst ist in der Autowerkstatt der Bundespolizei am Stadtrand untergebracht. Sie hielt die geheimen Nazi-Akten jahrzehntelang unter Verschluß.
Eine Mitarbeiterin des Nationalarchivs über die Papierflut: "so chaotisch wie die argentinische Außenpolitik der vergangenen Jahre".

DER SPIEGEL 12/1992
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