07.12.1992

„Ein deutschjüdischer Patriot“

An einem Tag im November 1992 konnte Michael Wolffsohn ein klein wenig Rache an Adolf Hitler nehmen. So wenigstens versteht er selbst das Angebot, das ihm an diesem Tag der Münchner CSU-Vorsitzende Peter Gauweiler per Telefon machte: Ob er, der parteilose Wolffsohn, Münchner Kulturreferent werden wolle, wenn die CSU ihn dafür vorschlage.
Wolffsohn wollte - unter der Bedingung, daß seine Kandidatur auch von der SPD getragen werde. Die SPD aber hat einen SPD-Kandidaten, auch wenn der als kleines Format gilt.
So wird Wolffsohn, Professor für Neuere Geschichte an der Münchner Universität der Bundeswehr, im Februar 1993 wohl nicht Kulturreferent von München werden. Doch allein schon das Angebot war für ihn von hohem Symbolwert - Gauweiler hatte es am 9. November gemacht. Und wenn an Hitlers Feiertag in Hitlers "Hauptstadt der Bewegung" ein Jude für ein solches Amt auch nur im Potentialis erörtert wird, zeigt das schließlich, wie tot Hitler ist.
Wolffsohn weiß nicht, welches Teufelchen den CSU-Mann Gauweiler trieb, ausgerechnet in einer Zeit des neudeutschen Antisemitismus den Republikanern mit einem Juden als Wahrer des hauptstädtischen Kulturguts die offene Flanke zu bieten.
Eine drastische Erklärung, die freilich nach Verleumdung duftet, gab Ignatz Bubis, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland. Er klebte Wolffsohn das Etikett an, "der Vorzeigejude der deutschen Rechtsradikalen" zu sein, so in einem Interview mit Penthouse, also, wie Wolffsohn sagt, "zwischen Schamhaar und Busen".
Die Schlammschlacht, die Wolffsohn und Bubis einander liefern, seit Bubis im September gegen Wolffsohns flammenden Widerspruch zum Zentralratsvorsitzenden gewählt wurde, dürfte die Antisemiten in ihrer Schadenfreude bestätigen, daß jüdischer Geist nicht nur zersetzend, sondern, gottlob!, auch selbstzersetzend sei. In Wahrheit offenbart besagter Geist eine unerhörte Vitalität, wenn er sich sogar in einer Zeit der Gefahr von Gemeinschaftsduselei nicht ankränkeln läßt, vielmehr die Konflikte, die aufschäumen, auch austrägt. Und dieser hier ist fundamental, so äußerlich er zunächst auch zu sein scheint.
Der Angreifer heißt Wolffsohn. Durch Fernsehauftritte, Interviews und Kommentare hat er sich zu einer Art medialer Nebeninstanz gegenüber dem Zentralrat aufgeschwungen, laut Bubis zum "Juden- und Israelreferenten der ARD".
In vielem vertritt er rechtere Positionen als das FDP-Mitglied Bubis. Schon daß er sich einen "deutschjüdischen Patrioten" nennt, dürfte Bubis zu weit gehen, klingt es doch ähnlich wie "deutschnationaler Jude". Und er empfiehlt den Deutschen einen "unaggressiven, nach innen gewendeten Nationalismus", was Rechte gern zitieren. Sie übersehen, daß er auch schreibt: "Kratzbürstig und stachelig ist das Vaterland."
Als Wolffsohn sich bei der großen Berliner Solidaritätskundgebung am 8. November durch die 300 Randalierer unter 300 000 Demonstranten so sehr beeindrucken ließ, daß er ins ARD-Mikrofon das Wort "Bürgerkrieg" sprach, stand er wie ein rechter Ordnungspolitiker da. Ist er das?
Michael Wolffsohn, das macht seinen Fall so komplex, ist "ein Gebrochener", wie er selbst sagt, und das sowohl politisch wie auch religiös, als Deutscher, als Jude und als Israeli.
Mit der Herkunft seiner Eltern hängt das am wenigsten zusammen. Beide Elternteile stammen aus dem deutschjüdischen Großbürgertum. Der Großvater väterlicherseits war einer der ersten Filmverleger, dessen Berliner "Lichtbildbühne" 1935 arisiert wurde, wobei der Käufer einen "fairen Marktpreis" zahlte und der Familie freundschaftlich verbunden blieb. 1939 entkamen die Wolffsohns nach Palästina.
Der Großvater mütterlicherseits, Textilgroßhändler in Bamberg und im Ersten Weltkrieg EK-dekorierter Königlich Bayerischer Ulan, konnte legal nach Palästina auswandern, "sogar mit dem Meißner Porzellan".
Die Familien waren assimilierte, aber bewußt jüdisch lebende Juden. Der Bamberger Großvater hielt seinen Textilhandel am Sabbat geschlossen, sprach die Tischgebete auf hebräisch und konnte die Tora lesen. Vom Berliner Großvater trägt Wolffsohn den goldenen Davidstern an einem Kettchen um den Hals mit der - deutschen, nicht hebräischen - Gravur "Gott schütze Dich".
Daß die Schärfe seines Konflikts mit Bubis auf den Gegensatz zwischen Ostjudentum, aus dem Bubis kommt, und assimiliertem Deutschjudentum der Wolffsohns zurückzuführen sei, hält Wolffsohn für Unfug. Dünkel gegenüber den Ostjuden habe in der Familie "nicht zum Comment" gehört, Wolffsohn fände ihn "schändlich".
In Tel Aviv tauchte die Familie in die "deutschjüdische Subkultur" ein, wählte die Partei der deutschstämmigen "Jeckes" und lernte Hebräisch nie richtig. Nur einen einzigen überzeugten Zionisten steuerte man Zion bei: Wolffsohns Onkel, der schon 1934 ins Gelobte Land gegangen war, was sein Vater als "Schnapsidee" ansah.
Die Wolffsohns hatten denn auch keine Probleme, nach dem Krieg in ihre Berliner Heimat zurückzukehren, nur der Bamberger Ulan konnte den Verrat seiner deutschen Kriegskameraden nicht verwinden, er blieb und starb in Israel.
Bei Rückkehr der Eltern war der 1947 in Tel Aviv geborene einzige Sohn Michael sieben Jahre alt. Nach dem Abitur 1966 ging er für ein Jahr nach Amerika. Kontakte zu dem dort besonders aktiven Reformjudentum weckten in ihm den Wunsch, Reformrabbiner zu werden. 1967 bis 1970 leistete er, nach Staatsangehörigkeit Deutscher wie auch Israeli, in Israel seinen Wehrdienst ab - "welcher Diaspora-Jude tut das schon?"
Aber die antiliberale Richtung, in die Israel nach dem Sieg über die Araber von 1967 noch unter Golda MeIr steuerte, die Araberwitze in der Armee und die Tatsache, daß das Reformjudentum im Staat der Juden nicht anerkannt ist, stießen ihn ab. Offenbar war er der Illusion erlegen, "Europa in Israel suchen zu wollen".
Er hatte in Israel die Splitterpartei des Linken Uri Avnery gewählt, also der späteren "Frieden-jetzt"-Bewegung nahegestanden. Was Wunder, daß er, wieder in Berlin, an der Freien Universität Geschmack an der Neuen Linken fand. Als sich Stamokap- und Spartakusgruppen an der FU breitmachten, fühlte sich der Student der Geschichte abermals abgestoßen. Er landete bei den konservativen Professoren Jürgen Domes und Ernst _(* Vergangenen Montag bei der Feier zum ) _(40jährigen Bestehen der KZ-Gedenkstätte ) _(Bergen-Belsen. ) Nolte und betrachtet noch heute seine Dissertation über "Arbeitsbeschaffung in Deutschland 1930/34" als Auseinandersetzung auch mit der DDR-Historiographie, die der deutschen Wirtschaft die Hauptschuld am Sieg der Nazis zuteilte. Wolffsohn: "Unfug."
Die Chaoten-FU paßte ihm nicht, die verkrustete alte Ordinarien-Alma-mater, die er als Domes-Assistent in Saarbrücken vorfand, aber auch nicht. Denn er definiert sich als Anhänger von Karl Poppers "offener Gesellschaft". Und was seine deutsch-jüdische Existenz angeht, wollte er "als bewußter Diaspora-Jude in Deutschland leben".
In Israel hatte Wolffsohn per Abendkurs das hebräische Abitur nachgeholt, über "Politik in Israel" verfaßte er seine 760 Seiten dicke Habilitationsschrift. Er legt Wert auf die Feststellung, daß er heute noch täglich die Nachrichten von Radio Israel hört und die Tageszeitung Haaretz abonniert hat, sie sogar archiviert. Also kein "eingebildeter Jude" nach der Definition des französischen Soziologen Alain Finkielkraut.
Aber: 1975 heiratete der "bewußte Diaspora-Jude" eine deutsche Protestantin; die drei Kinder sind nach dem religiösen Gesetz keine Juden. Dazu Wolffsohn: "Sogar Martin Buber hatte eine nichtjüdische Frau."
Wolffsohn ging in eine Art innere Religions-Emigration. Als "nichtsynagogaler Jude" besuchte er mit seinen Kindern die ostjüdische Betstube an Münchens Georgenstraße, da gibt''s "nur einen Vorbeter, keinen Rabbiner". Der Konflikt mit dem organisierten Judentum war vorgezeichnet.
Wolffsohn scheut sich nicht, Ketzerisches auszusprechen, etwa, daß viele Jüdische Gemeinden heute "religiös entleert" seien, "bessere Kaninchenzüchtervereine". 1982 trat der Jude Wolffsohn gar aus der Jüdischen Gemeinde aus, 1984 gab er auch seinen israelischen Paß zurück. Er wollte nicht "jüdeln", nicht als "Wolffsohn, Jude" firmieren.
Unvermeidlich mußte seine provokante Sprache zum Showdown mit Heinz Galinski führen, dem Auschwitz-Überlebenden und unerbittlichen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland. Mit dem autokratischen Galinski kam der Popper-Anhänger nicht zurecht: "Auch als Überlebender der Hölle hat man kein Monopol auf die Moral."
Öffentlich warf Wolffsohn dem leicht verletzlichen Galinski vor, er schwinge "die Auschwitz-Keule" bei jedem noch so kleinen Anlaß: "Wer 4000 Jahre jüdische Geschichte auf fünf Jahre Holocaust reduziert, betreibt eine Selbstamputation des Judentums." Wolffsohn, entfuhr es da dem empörten Galinski, sei "gefährlicher als die Skinheads".
Galinskis "Israelismus" wiederum, die "Ersatzreligion der unter dauerndem Rechtfertigungszwang stehenden Diaspora-Juden", dünkte Wolffsohn "heuchlerisch". Durfte aber so ein Jude zu einem Juden reden? Dagegen fragt Wolffsohn: Durfte der Jude Galinski von Erich Honecker, dem Freund der PLO, den "Stern der Völkerfreundschaft in Gold" entgegennehmen?
Seither forscht Wolffsohn in den Akten des DDR-Außenministeriums nach Belegen für seinen Verdacht, daß die SED/ PDS-Führung in der Endphase der DDR versuchte, den New Yorker World Jewish Congress wie auch Israel zu einem Veto gegen die deutsche Einigung zu bewegen. Er fand die Belege, sie sind auf DDR-Seite "zynisch und grotesk". Und was die organisierten Juden angeht, bestätigt ihn diese Episode in seinem Urteil: "Das Judentum ist eine viel zu ernste Angelegenheit, als daß man es den jüdischen Bonzen überlassen könnte."
Ja, gewiß, wenden da weniger radikale Kritiker des organisierten Judentums ein, aber muß uns das einer sagen, der nach eigenen Worten selbst ein gebrochenes Verhältnis zum Judentum und zu Israel hat? Zweifellos verpaßte der deutschjüdische patriotische Widerborst die Chance, nach Galinskis Tod seinen Frieden mit dem Zentralrat zu machen.
Statt dessen stürzte er sich nach Ulanenart gleich ins nächste Getümmel und nahm den Galinski-Nachfolger Bubis ins Visier: Ein Immobilien-Kaufmann könne keine moralische Autorität sein. Mithin, der Auschwitz-Mann war dem Michael Wolffsohn nicht gut genug und der Immobilien-Mann auch nicht. Genügt Wolffsohn womöglich nur Wolffsohn?
Korrekturen an seiner gebrochenen Vita vollzog er auch weiterhin energisch. Im Juli 1992 trat er wieder in die Jüdische Gemeinde ein. Dazu Bubis: "Ein Anpasser." Das nun gerade nicht. Eher ein Provokateur, auch an der Hochschule: Seit Jahresbeginn streitet Wolffsohn wider den Kollegen Georg Geismann, weil dieser, ein Politologe, in seinen Lehrveranstaltungen aus Hitlers "Mein Kampf" liest - zur Abschreckung.
Geismann tut das seit Jahren, Wolffsohn protestierte erst, als Geismann Dekan und damit "Repräsentant" der Universität wurde. Er kündigte jede Mitarbeit in der Fakultät auf, was ihm eine Rüge des Universitätspräsidenten von Kruedener eintrug.
Ganz logisch ist Wolffsohns Begründung nicht, anders als - zunächst - sein Einspruch gegen Bubis. Der Zentralratsvorsitzende meint freilich die Empfindlichkeit Wolffsohns gegen ihn als Immobilien-Kaufmann erklären zu können: "Sein eigener Vater ist in Berlin in diesem Gewerbe tätig."
Inzwischen erkennt Wolffsohn an, daß Bubis nicht nur tadelsfrei, sondern auch souverän auftritt. Es beeindruckte ihn, wie Bubis sich bei der Berliner Demonstration den Chaoten entgegenstellte, während Wolffsohn fälschlich "Bürgerkrieg" diagnostizierte.
Öffentlich fetzten sich die beiden Mitte November in der Fernsehsendung "Ich stelle mich" - der eine bestritt dem anderen, ein echter Jude zu sein. Inzwischen sind Vermittler gebeten, ein Gespräch mit Bubis herbeizuführen.
Aber die Wunden schwären noch, bei beiden. Als "Liberal-Konservativer" würde sich Wolffsohn ja noch selbst titulieren, aber als "Vorzeigejude der deutschen Rechtsradikalen" nicht. Und Bubis nicht als "Bonze".
Und wer heute "Heil Hitler" brüllt, den qualifiziert Bubis als Faschisten oder Rabauken. Wolffsohn aber sagt: "Wer heute noch ,Heil Hitler'' brüllt, liebt Deutschland nicht."
* Vergangenen Montag bei der Feier zum 40jährigen Bestehen der KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen.
Von Wild, Dieter

DER SPIEGEL 50/1992
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