21.09.1992

AnwälteAufgelöst und hilflos

Der einstige Terroristen-Anwalt Klaus Croissant soll die westdeutsche Linke ausgeschnüffelt haben.
Die Firma stellte ihrem freien Mitarbeiter ein prima Zeugnis aus. Der Mann sei "freimütig und engagiert", verfüge über "gute Verbindungen" und "bedeutsame Informationen" und sei noch dazu bereit, das Unternehmen "vorbehaltlos, allseitig und umfassend zu unterstützen".
Die gute Beurteilung, schriftlich niedergelegt im Juli 1984, kommt dem Belobigten heute verdammt ungelegen: Die Komplimente stammen vom einstigen DDR-Ministerium für Staatssicherheit (MfS). Karlsruher Bundesanwälte sehen darin ein hinreichendes Indiz, daß der Mitarbeiter "für den Geheimdienst einer fremden Macht" eine "geheimdienstliche Tätigkeit gegen die Bundesrepublik Deutschland" ausgeübt hat.
Der Verdacht richtet sich gegen Rechtsanwalt Klaus Croissant, 61. Von 1981 bis 1989 soll der Jurist unter dem Decknamen "Taler" für die Stasi spioniert und dafür 71 000 Mark (West) kassiert haben. Bespitzelt hat der Jurist, behauptet die Bundesanwaltschaft, Personen des "linken Spektrums", dem er selber einst zugerechnet wurde: Friedensbewegte und Grüne, Autonome und Militante. Anfang letzter Woche wurde Croissant verhaftet.
Ende einer Legende? Croissant, der zuletzt in einer Praxis in Berlin arbeitete, ist einer der umstrittensten Advokaten, die je in der Bundesrepublik praktizierten. International populär wurde der Schwabe Anfang der siebziger Jahre als Verteidiger von Andreas Baader, einem der Mitgründer der terroristischen Roten Armee Fraktion (RAF). Mit der Übernahme des Mandats wandelte sich der gutbürgerliche Stuttgarter Anwalt, spezialisiert aufs Erbrecht, zum radikalen Systemkritiker.
Schrill polemisierte der Jurist gegen angebliche "Gestapo-Methoden" und "Isolationsfolter" in westdeutschen Gefängnissen, diffamierte die Bundesrepublik als "Faschistenstaat", der eine "Vernichtungsstrategie gegen bestimmte politische Gefangene" betreibe. Während eines Hungerstreiks von RAF-Häftlingen gelang es ihm 1974, den französischen Philosophen Jean-Paul Sartre zu einem Besuch im Hochsicherheitstrakt in Stuttgart-Stammheim und zur Kritik an den Haftbedingungen der RAF-Mitglieder zu bewegen.
Croissant wollte zu diesem Zeitpunkt schon "immer weniger Anwalt sein". Seine Stuttgarter Kanzlei verwandelte sich nach Erkenntnissen des Bundeskriminalamtes zu einer Art Rekrutierungsbüro der RAF, wo spätere Aktivisten ein und aus gingen und ein Informationssystem für die Häftlinge ausgeheckt wurde.
Nachdem er mehrere Wochen in Untersuchungshaft gesessen hatte, floh Croissant 1977 nach Paris. Weil ein französisches Gericht die Auslieferung an die Bundesrepublik an strenge Auflagen knüpfte, wurde der Anwalt nur wegen Unterstützung der RAF zu zweieinhalb Jahren Freiheitsentzug verurteilt.
Nach seiner Haftentlassung blieb Croissant Kritiker des kapitalistischen Systems. Die bessere Welt, die von den Terroristen nicht herbeigebombt werden konnte, suchte er nun da, wo der Sozialismus zumindest real existierte - in der DDR.
Angeworben wurde Croissant offenbar von dem mit ihm befreundeten Professor Friedrich Kaul, einem der bekanntesten DDR-Juristen. Das erste konspirative Treffen zwischen Croissant und Offizieren der Hauptabteilung XXII ("Terrorismusabwehr") fand laut Stasi-Protokoll ("IM-Vorgang XV 5231/81" "Streng geheim") auf Kauls Vermittlung am 20. Januar 1981 statt.
Fortan meldete der Inoffizielle Mitarbeiter "Taler" regelmäßig, was er in der westdeutschen Linken an antisozialistischen Strömungen auszumachen glaubte. Fündig wurde er etwa bei der Tageszeitung, wo er "DDR-Hetze" beklagte und in Berichten nach Ost-Berlin bedauerte, daß gemäßigte "Reformisten" nicht "rausgefeuert" werden könnten: "Leider ist das nicht realistisch."
Sein größter Spitzel-Coup soll Croissant laut Bundesanwaltschaft 1982 mit der Anwerbung seiner Lebensgefährtin Brigitte Heinrich, Stasi-Deckname "Beate Schäfer", gelungen sein. Die Frau, wegen Waffenschmuggels vorbestraft, war offenbar für die Stasi bald weitaus interessanter als der Advokat: 1984 wurde sie als Kandidatin der Grünen ins Europaparlament gewählt.
Seither arbeitete das Paar als Team. Croissant schaffte laut Bundesanwaltschaft von Brigitte Heinrich verfaßte Spitzelberichte über Aktivitäten der europäischen Alternativen nach Ost-Berlin und übermittelte seiner Freundin die Aufträge der Zentrale. 1985 wurde er wieder als Anwalt zugelassen, ergatterte sogar einen Job als freier Mitarbeiter des Europaparlaments.
Wie die Aufklärungsarbeit des Duos "Taler"/"Beate Schäfer" aussah, offenbarte sich in Statements über grüne Parlamentskandidaten, wie sie 1984 mit Hilfe Brigitte Heinrichs zustande kamen.
Kandidat Benny Härlin etwa wurde in den Stasi-Akten so geschildert: _____" Härlin zählt zur Mitte im politischen Sinne. Er " _____" tendiert zur SPD . . . Die Idee zur Kandidatur stammt von " _____" dem antikommunistischen taz-Redakteur Max Thomas Mehr. Es " _____" ist noch unklar, ob er sein Mandat annehmen wird. "
Über den Kandidaten Darko Wolf, als Gegner von Stacheldraht und Mauer verdächtig, vermerkte die Stasi (Quelle: IMB "Beate Schäfer") noch Kritischeres: _____" Wolf ist in Schweden und der BRD aufgewachsen. Er " _____" vertritt antisozialistische Positionen, vor allem bezogen " _____" auf sogenannte Menschenrechtsfragen. Er will im Falle der " _____" Mandatsübernahme seinen Ausweis nutzen, um in " _____" sozialistische Länder zu reisen, um dort nach seinen " _____" Vorstellungen politisch tätig zu werden. "
Als Brigitte Heinrich 1987 an einem Herzinfarkt starb, liefen auch Croissants Aktivitäten aus. Der Anwalt, der auf seine Kontaktoffiziere nunmehr laut Stasi-Berichten einen "aufgelösten und hilflosen Eindruck" machte, war Mielkes Spähern womöglich nicht mehr viel nütze.
Ob der Jurist der Bundesrepublik tatsächlich Schaden zufügte, ist noch unklar. Croissant räumte Ende letzter Woche zwar "Kontakte zur DDR" ein, bestritt jedoch, "Verrat an der Linken" begangen oder "Agentenlohn" empfangen zu haben. Seine Verhaftung sei womöglich "späte Revanche" für seine scharfe Verteidigung der RAF-Gefangenen.
Oberstaatsanwalt Hans-Jürgen Förster von der Bundesanwaltschaft weist diesen Vorwurf zurück: "Es gibt keine alten Rechnungen."

DER SPIEGEL 39/1992
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