16.03.1992

Abschied von der Frau

Hollstein, 52, ist Professor für Soziologie und hat die Bücher "Nicht Herrscher, aber kräftig - Die Zukunft der Männer" und "Die Männer - Vorwärts oder Zurück?" geschrieben.
Geht es uns Männern wirklich so schlecht? 1970 öffnete in Kalifornien das "Berkeley Men''s Center", das war die Weltpremiere der Männerbewegung. Die Gründer formulierten in ihrem Manifest: "Wir als Männer wollen unsere volle Menschlichkeit wiederhaben. Wir wollen nicht mehr länger im Wettbewerb stehen, um ein unmögliches, unterdrückendes, männliches Image zu erreichen - stark, schweigsam, cool, gefühllos, erfolgreich, Beherrscher der Frauen, Führer der Männer, reich, brillant, athletisch und heavy. Wir möchten uns selbst gern haben. Wir möchten uns gut fühlen."
Seither geht es uns noch viel schlechter.
Die Auseinandersetzung mit der Männlichkeit hat unsere Mängel und Macken erst richtig verdeutlicht. Und je mehr Zeit vergeht, desto schlechter sind die Nachrichten. Nun stellt der amerikanische Theologe und Lebensberater Sam Keen bündig fest: "Wir sind alle Kriegsversehrte"*. Wir haben jahrtausendelang Krieg gegen uns selbst geführt und gegen die Frauen, die Kinder, die Tiere und die Umwelt, und damit haben wir uns eigenhändig an Körper und Seele amputiert. Wir Männer, die Krüppel.
Wir sind doch nicht blöd. Wir haben die Zivilisation aufgebaut, die moderne Gesellschaft mit ihrem Lebensstandard und ihrer sozialen Sicherheit ist das Verdienst männlicher Wissenschaft. Wir haben die meisten Bücher geschrieben. Wir haben uns jahrtausendelang selber bespiegelt, von Homer bis Hemingway. Wir haben uns gefeiert als Kriegshelden, Wirtschaftsbosse, Politiker, Filmschauspieler und Sportgrößen. Richtig - aber wir haben niemals über uns als Männer nachgedacht. Und wenn das heute, endlich, geschieht, dann ist das auch nicht unsere Leistung.
Wir können uns nur deshalb in Frage stellen, weil uns der Feminismus seit den sechziger Jahren radikal in Frage gestellt hat. Die Ergebnisse sind _(* Sam Keen: "Feuer im Bauch. Über das ) _(Mann-Sein". Kabel Verlag, Hamburg; 368 ) _(Seiten; 29,80 Mark. ) bekannt: Wir Männer und unsere Errungenschaften wurden entmythologisiert. Wo einst Stolz angebracht war, sollte plötzlich Scham geboten sein. Technik, Naturwissenschaft und Fortschritt erschienen im Licht von Krieg, Naturzerstörung und Weltende.
Das einst starke Geschlecht stellte sich nun psychisch, physisch und ideologisch als das schwache vor. Wir waren verunsichert. Wir wußten nicht mehr, was ein Mann sei, weil die alten verbindlichen Definitionen zerstört waren und es neue noch nicht gab. Und nun notiert Sam Keen: "Niemals in der neueren Geschichte hat es so viele unruhige Männer gegeben, die auf der Suche sind." Es gehört noch eins drauf: Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte überhaupt setzen wir uns mit unserer Männlichkeit auseinander.
Dafür ist Dankbarkeit gegenüber dem Feminismus nötig, aber jedweder Kotau überflüssig, und es wirkt peinlich und masochistisch, wenn sich einige von uns nun als Feministen bezeichnen. Auch dies ist ein Symptom männlicher Faulheit: Einmal mehr werden die Leistungen der Frauen benutzt, damit es uns wieder gutgehen soll. Nein, so geht es nicht; das müssen wir jetzt endlich selber machen.
Dies ist die Leistung von Sam Keen; er sucht in seinem Buch einen eigenen, den männlichen Weg. Der führt von den Frauen weg: "Die meisten modernen Männer haben niemals die Freuden des Alleinseins kennengelernt. Wir haben es nicht geschafft, unsere Identität, unsere Ziele, den Sinn unseres Lebens unabhängig von unserer Beziehung zu der FRAU zu definieren." Sam Keen schreibt es groß; riesig ist der Bann des Weiblichen, dem wir alle erliegen und zu entkommen nicht imstande sind.
Wir kommen aus der Frau, und das Weibliche bedroht Zeit unseres Lebens die männliche Individualität, die wir mühsam gegen die Frauen aufgebaut haben, weil wir ja Männer werden mußten. Diese Bedrohung ist so gewaltig, daß der sonst so angenehm sachliche Keen richtig kitschig wird: "Wie ein schmales Südseeatoll inmitten des monsungepeitschten Ozeans ist die männliche Psyche ständig in Gefahr, von der femininen See überrollt zu werden."
Was tun?
Sam Keen fordert unseren Abschied von der Frau. Und nicht nur das: Er fordert auch den Abschied von unseren männlichen Ersatzbefriedigungen, von Gewalt, Arbeit und Sexualität. Nicht für immer, aber temporär. Wir müssen "Psychonauten" werden und uns erst einmal selber entdecken, ganz allein.
"Das größte unterentwickelte Land der Welt liegt in der Psyche erfolgreicher Männer." Deshalb, sagt Keen, bedarf es der "Pilgerreise" in unsere eigene Wüste. Lustig ist dieser Trip beileibe nicht. "Wenn Männer, die ihre entscheidenden Jahre mit lauter nach außen gerichteten Aktivitäten verbracht haben, zum erstenmal den Blick in ihr Inneres lenken, in das Unbekannte ihrer Seele, dann stoßen sie sehr bald auf eine große Leere - ein ödes, weites Nichts."
Männliche Konturen entstehen erst dann wieder, wenn wir uns mit intimen Fragen vor das eigene Hohe Gericht wagen: Was will ich wirklich? Wovor habe ich Angst? Wen will ich lieben? Was ist mir heilig? Wofür würde ich meine Zeit, Energie, Gesundheit, mein Leben hingeben? Was muß ich tun, damit ich zufrieden sterben kann? Worauf habe ich verzichtet, um "erfolgreich" zu sein?
Es beginnt die "Seelenreise" bis zu unserer "Heimkehr". Die "Wiederannäherung der Geschlechter" kann dann erfolgen, wenn wir Männer uns die "Tugenden" der Einfühlsamkeit, "eines herzerwärmten Verstandes", der Freude, der Freundschaft, der Wildheit, der Gemeinschaft, der "moralischen Empörung" und eines solidarischen Umgangs mit der Natur angeeignet haben. Dann dürfen wir wieder "gemeinsame Sache" mit den Frauen machen; in Sam Keens Sprache heißt das: "Tragt dazu bei, einen heimischen Herd zu gründen im Haushalt der Erde."
Das mag ganz nett klingen, aber es ist eine Lösung aus dem Winterschlußverkauf: zu billig! Es ist überdies nicht einmal widerspruchsfrei innerhalb dessen, was Sam Keen selber schreibt. Wenn wir Männer solche Verhältnisse geschaffen haben, in denen die Natur, die Frauen und wir Männer selbst kaputtgehen - dann genügt keine "Pilgerreise", um Abhilfe zu schaffen. Dann braucht es schon Veränderungen in der Größenordnung einer Kulturrevolution, um die Geschlechterverhältnisse auf neue Füße zu stellen. Denn daß die Militärs des Pentagon oder der Hardthöhe demnächst freiwillig zu Psychonauten werden und sich der Herr Wörner damit eilfertig solidarisiert, mag ein amüsanter Gedanke sein. Realistisch ist er nicht.
Hier fällt Sam Keen weit hinter den Diskussionsstand der amerikanischen Männerbewegung zurück. Deren Vertreter entwerfen seit Jahren Szenarien von Geschlechterdemokratie, die dem Theologen Keen offenbar entgangen sind. Dabei geht es um eine gleichberechtigte _(* Theaterplakat von Gottfried Helnwein ) _(für die Hamburger Aufführung von ) _(Wedekinds "Lulu". ) Aufteilung von Hausarbeit, Kindererziehung und Erwerbstätigkeit zwischen Frauen und Männern. Es geht um egalitäre Machtverhältnisse in Politik, Wirtschaft und Kultur. Es geht um neue Schulen und eine andere Erziehung und um eine partnerschaftliche Sexualität.
Keen und der geistverwandte Robert Bly drücken sich um diese gesellschaftliche Konkretion männlicher Veränderung. Kein Zweifel: Ihre Arbeit weist uns endlich positive Ziele und führt uns aus Larmoyanz und Selbstmitleid. Sie zeigt uns nicht gelebte Seiten, männliches Leiden, viel Verzicht, und sie zeigt uns, was alles möglich wäre und wie toll wir tatsächlich sein könnten. Auf Keens "Pilgerreise" oder Blys "Wildman"-Wochenende können sich auch der Chemie-Boß und der Spitzenpolitiker einlassen. Doch am Montag nimmt die Ehefrau ihnen wieder die Kindererziehung ab, und die Sekretärin serviert den Elf-Uhr-Kaffee. Die Männer mögen sich dann in ihrer Haut wohler fühlen - die betroffenen Frauen unvermindert beschissen.
Wir Männer lernen, nett miteinander umzugehen, und bei manchen bundesdeutschen Männertreffen ist die gegenseitige Massage schon wichtiger als das perspektivische Gespräch. Wir beginnen uns zu mögen, von Mann zu Mann. Das ist wichtig, aber es ist zuwenig, um mit dem anderen Geschlecht Versöhnung zu feiern. Dafür sind reellere Vorleistungen nötig als die "Pilgerreise" oder die männliche Nacht am Lagerfeuer im einsamen Wald.
Der alte Schutt von Gewalt und Herrschaft und Mißbrauch muß endlich weg, sonst gibt es keine neue Zärtlichkeit und keine Leidenschaft und keine Geborgenheit mit den Frauen. Wir müssen teilen lernen, Macht abgeben und neue Pflichten übernehmen. Nur so können wir zu Partnern unserer Frauen werden und auch zu wirklich freien Männern. Aber dazu reicht Feuer im Bauch allein nicht; es braucht auch Ideen und Vorschläge im Kopf.
Es geht durchaus nicht um Altruismus, es geht um uns selbst. Denn die Männer-Rolle ist ungeheuer anstrengend; sie ist definiert als Ausübung von Macht, wobei diese Machtstellung erst einmal errungen werden muß und erhalten sein will.
Die tägliche Umsetzung dieser männlichen Rolle ist menschliche Selbstvergewaltigung. Je früher wir damit aufhören, desto besser geht es uns und den anderen. o
* Sam Keen: "Feuer im Bauch. Über das Mann-Sein". Kabel Verlag, Hamburg; 368 Seiten; 29,80 Mark. * Theaterplakat von Gottfried Helnwein für die Hamburger Aufführung von Wedekinds "Lulu".
Von Walter Hollstein

DER SPIEGEL 12/1992
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