23.03.1992

„Das war wie Abenteuerurlaub“

SPIEGEL: Herr Stiller, stört es Sie, wenn Sie nach 13 Jahren Leben im Verborgenen wieder mit Ihrem richtigen Namen angeredet werden?
STILLER: Es ist komisch, es ist fremdartig. Als ich mir damals, nach meinem Wechsel von der DDR-Stasi in den Westen, einen neuen Namen ausgesucht hatte, dauerte es nur ein paar Wochen - dann habe ich mich nach dem Namen "Stiller" nicht mehr umgedreht.
SPIEGEL: Ist Stiller denn überhaupt Ihr richtiger Name gewesen?
STILLER: Ja.
SPIEGEL: Sie sitzen hier ohne Maskierung, ohne Verkleidung, und Ihr Gesicht ist offenbar auch nicht, entgegen zahlreichen Berichten, durch kosmetische Operationen verändert worden.
STILLER: Nein. Der Bundesnachrichtendienst, der mich damals betreut hat, und ich empfanden das als unnötig. Es hat sogar Berichte gegeben, meine Stimmbänder seien durch Operationen verändert worden - alles Quatsch. Da war viel Agentenromantik im Spiel. Ich habe in den USA, wo ich mich nach meinem Frontenwechsel einige Jahre aufhielt, nach ordentlichem Recht einen neuen Namen erhalten - das war alles.
SPIEGEL: Das klingt cool. Sie haben der DDR-Spionage durch Ihren Übertritt und mitgebrachte Dokumente damals schwersten Schaden zugefügt. Haben Sie denn niemals Angst gehabt, daß ein Killerkommando der Stasi dem Verräter, Überläufer und Doppelagenten, dem DDR-Staatsfeind Nummer eins, Werner Stiller, auf die Spur kommt?
STILLER: Besorgnis schon. Ja, doch, auch Angst, sicher. Aber auf der anderen Seite waren die Schutzmaßnahmen relativ umfassend. Und ich kannte auch die Möglichkeiten der anderen Seite einigermaßen. Es wäre der Stasi sicher sehr schwer gefallen, mich aufzutreiben und zu beseitigen.
SPIEGEL: Gab es nach Ihrem Wissen solche Killerkommandos überhaupt?
STILLER: Es wird allerhand veröffentlicht, daß es Rückführungskommandos gegeben hat. Ich halte das nicht für ausgeschlossen. Aber daß die fest etabliert waren, glaube ich nicht. Es wurde zu meiner Zeit bei der Stasi gemunkelt, daß damit die direkten Kollegen des jeweils Gesuchten beauftragt wurden. _(* Mit Redakteuren Uly Foerster und ) _(Dieter G. Uentzelmann in Stillers ) _(Frankfurter Wohnung. )
SPIEGEL: Also Angehörige der Hauptverwaltung Aufklärung, der von DDR-Spionagechef Markus Wolf geleiteten HVA?
STILLER: Ja.
SPIEGEL: Wolf bestreitet solche Vorwürfe immer wieder kategorisch. An seinen Händen klebe kein Blut, beteuert er, in der HVA habe es so etwas nicht gegeben.
STILLER: Ich kann den Beweis nicht führen. Aber das gesamte Selbstverständnis läßt es als möglich erscheinen, daß es noch als ehrenvoller Auftrag betrachtet worden wäre, Verräter zu liquidieren.
SPIEGEL: Wenn Sie so toll beschützt wurden - warum hat der Rechtsstaat dann Ihretwegen allerlei Verrenkungen angestellt? Sie haben seinerzeit mehr als ein Dutzend Stasi-Spione verpfiffen, aber in den nachfolgenden Agentenprozessen mußten Sie, aufgrund eines Beschlusses des Bundesgerichtshofes, nicht ein einziges Mal öffentlich als Zeuge auftreten. Wurde da nicht eine riesige Show veranstaltet?
STILLER: Nein, nein. Das Risiko, mich öffentlich in Gerichtssälen auftreten zu lassen, wollte doch niemand eingehen. Ich bin jeweils in sicheren Gebäuden des Bundesnachrichtendienstes, des BND, vernommen worden.
SPIEGEL: Seit Ihrem Frontwechsel vor 13 Jahren leben Sie mit einer neuen Identität. Die meisten Experten haben Sie bisher in Kalifornien oder in Florida vermutet. Nun hat Sie der SPIEGEL Anfang März als einen leitenden Manager im Frankfurter Bankgewerbe geortet. Der einstige Kundschafter des deutschen Sozialismus verbirgt sich unter neuem Namen in der Zentrale des deutschen Kapitalismus - wie sinnig.
STILLER: Das war weniger ein ausgetüftelter Plan als vielmehr eine Kette von Zufällen. Daß ich ins Börsengeschäft eingestiegen bin, war meine eigene Entscheidung - CIA und BND ließen mir freie Hand. Sicher waren die Tempel des Kapitalismus - ich habe 1983 eine Zeitlang auch an der New Yorker Wall Street gearbeitet - ein ideales Versteck, das spielte bei meinen eigenen Überlegungen schon eine Rolle.
Aber wichtiger bei meiner Entscheidung war, daß ich in meinem erlernten Beruf als Physiker nicht mehr arbeiten konnte - die Kenntnisse sind ja nach mehrjähriger Pause weg. Und als Physiker war ich eh nie besonders gut. Die Ausbildung an der School of Business and Public Administration der Washington University in St. Louis (Missouri) war für mich der kürzeste Weg, noch mal einen Hochschulabschluß zu erreichen.
SPIEGEL: Leben Sie denn heute angstfrei?
STILLER: Eigentlich ja. Zwar habe ich das Gefühl, daß die unmittelbare Gefahr für Leib und Leben vorbei ist. Aber ein Restrisiko bleibt, jetzt wird es mir wieder ein bissel komischer.
SPIEGEL: Weil Sie sich selbst outen? Welcher Teufel reitet Sie denn?
STILLER: Da gibt es ein ganzes Bündel von Motiven. Anlaß für den Entschluß war die derzeitige Diskussion über Stasi-Täter und Stasi-Opfer. Es stört mich, daß alte Stasi-Generäle jetzt wieder hervorgekrochen kommen und erklären, man solle doch mit den Stasi-Akten nicht so offenherzig umgehen, sonst gebe es noch Mord und Totschlag. Ich habe noch von keinem Opfer gehört, das mit Mord und Totschlag gedroht hat.
SPIEGEL: Wenn das nur der Anlaß ist, sich zu offenbaren - was ist dann der Grund?
STILLER: Es ist soviel Unsinn über mich und mein Leben geschrieben worden, mir geht es jetzt um die historische Wahrheit. Außerdem ist es mir wichtig, nach den politischen Veränderungen in der DDR und in Osteuropa, mit meiner Vergangenheit endgültig abzuschließen. Ich tue jetzt einen letzten logischen Schritt in einer Reihe von vielen Schritten, die bisher notwendig waren.
SPIEGEL: Spielt da auch mit, daß die geheimnisvollste Agentenfigur nach dem Krieg es leid ist, in fast perfekter Normalität zu leben? Brauchen Sie mal wieder ein bißchen Aufregung?
STILLER: Das will ich gar nicht ganz ausschließen.
SPIEGEL: Nerven haben Sie ja. Sie haben sich vor kurzem, für alte Freunde und Feinde unübersehbar, sogar im Fernsehen präsentiert und ein Interview zur Lage auf dem internationalen Aktienmarkt unter besonderer Berücksichtigung der amerikanischen Präsidentschaftswahlen gegeben. Was wollen Sie sich damit beweisen?
STILLER: Damit will ich mir gar nichts beweisen. Ich bin gefragt worden, ob ich die Meinung unseres Bankhauses zum amerikanischen Markt darstellen kann. Und ich sah keinen Grund, das nicht zu tun.
SPIEGEL: Und wie war das Echo? Hat Sie jemand aus Ihrem alten Milieu wiedererkannt?
STILLER: Nein. Nur meine Sekretärin hat aus dem Konferenzraum heraus geklatscht.
SPIEGEL: So ein Spiel mit dem Feuer, solche Eulenspiegeleien bereiten Ihnen offenbar unbändigen Spaß.
STILLER: Ich glaube, das kann ich mit Ja beantworten.
SPIEGEL: Sie haben dadurch eine groteske Situation geschaffen: Stiller gibt Interviews im Fernsehen - und der BND behandelt Ihren Namen und Aufenthaltsort nach wie vor wie ein Staatsgeheimnis.
STILLER: Mir wurde vom BND bedeutet, eine derartige Präsentation in der Öffentlichkeit sei jetzt mein eigenes Problem. Der BND ist damit sozusagen aus seiner Schutzverpflichtung entlassen. Ich will mich schließlich nicht für den Rest meines Lebens an den BND hängen.
SPIEGEL: Herr Stiller, Sie haben sich 1970 für den Spionagedienst des Stasi-Chefaufklärers Wolf werben lassen. Waren Sie damals Überzeugungstäter?
STILLER: Nein. Ein damaliger Hauptamtlicher Inoffizieller Mitarbeiter mit Decknamen "Haustein" hatte mir bereits im ersten Gespräch allerlei Verlockendes versprochen, ich war damals an der Leipziger Karl-Marx-Universität. Ich solle doch bloß bei der Stasi mitmachen, sagte er, dann könnte ich mein Studium in Rom oder irgendwo anders fortsetzen. Die Idee hat mich natürlich gereizt. Auf der anderen Seite war ich prinzipiell neugierig.
SPIEGEL: Sie sind in der Militär- und in der Parteihierarchie rasch aufgerückt, Sie waren zuletzt sogar SED-Parteisekretär in Ihrer Abteilung XIII im Sektor Wissenschaft und Technik der HVA. Das sieht eher nach strammer Linientreue und klassischer Parteikarriere aus.
STILLER: Das mag schon sein. Es ist aber nicht ganz so gewesen. Als ich zum Beispiel 1967 in die Partei aufgenommen wurde, gab es, ein außergewöhnliches Ereignis, sogar Gegenstimmen bei der Abstimmung über meinen Aufnahmeantrag. Man zweifelte an meiner Loyalität, weil ich öfter mal wider den Stachel gelöckt habe: Ich war immer wieder mit Leuten zusammen, die nicht so ganz überzeugt waren.
SPIEGEL: Was hat denn den eigentlichen Bruch mit dem sozialistischen System ausgelöst?
STILLER: Der Einmarsch der Armeen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei 1968.
SPIEGEL: Das war doch lange vor Ihrer Tätigkeit für die Stasi.
STILLER: Ja, das Ereignis fiel bei mir in eine Phase, in der junge Menschen politisch geprägt werden. Bis dahin hatte ich im Prinzip dem SED-Staat fast alles geglaubt. Danach nicht mehr.
SPIEGEL: Um so erstaunlicher ist es, daß Sie ausgerechnet ins Zentrum der Unterdrückung, in Erich Mielkes Ministerium für Staatssicherheit, marschiert sind.
STILLER: Für die Opposition war ich nicht mutig genug . . .
SPIEGEL: Aber Sie hatten genug Mut, später den Doppelagenten zu spielen.
STILLER: . . . ich wollte auch nicht meinen ganzen Lebensweg der Opposition wegen aufs Spiel setzen. Das erschien mir nicht als probates Mittel. Denn das hatte keine Aussicht auf Erfolg.
SPIEGEL: Was hat Sie denn damals bewogen, dann auch noch das Risiko einzugehen, Kontakt zum BND zu knüpfen? War diese Entscheidung denn eine Überzeugungstat?
STILLER: Ja. Ich wollte nicht unbedingt aus der DDR weg. Aber ich wollte dem System soviel wie möglich schaden.
SPIEGEL: Wann gab es denn den ersten Kontakt mit dem BND?
STILLER: Das behalte ich für mich. Ich habe Zusagen gegeben, darüber zu schweigen. Daran halte ich mich.
SPIEGEL: Zwei ehemalige HVA-Kollegen von Ihnen, Peter Richter und Klaus Rösler, sagen in einem neuen Buch, Sie seien gar kein Doppelagent gewesen. Das sei in Wahrheit eine Legende, die der BND hinterher in die Welt gesetzt habe, um Verwirrung zu stiften und sich wichtig zu machen - die üblichen geheimdienstlichen Spielereien.
STILLER: Unsinn. Wir hatten von Ost-Berlin aus Funkverkehr mit dem BND, wir hatten tote Briefkästen, zum Beispiel an der Ost-Berliner Marienkirche, Geheimschreibmittel und Deckadressen. Das war Agententätigkeit, dabei handelt es sich um das gesamte Besteck der Tätigkeit.
SPIEGEL: Wer ist "wir"?
STILLER: Die Dame, mit der ich damals zusammengearbeitet habe, und ich.
SPIEGEL: Was macht es denn heute noch für einen Sinn, über das wahre Ausmaß dieser Agentenspiele zu schweigen? Warum entpflichten die Behörden Sie nicht von diesen alten Zusagen?
STILLER: Ein Schlapphut nimmt seinen Schlapphut nie ab.
SPIEGEL: Richter und Rösler behaupten auch, eigentlich sei das, was Sie gemacht haben, nichts Besonderes gewesen, denn die Überprüfungen und die Sicherheitsvorkehrungen in der HVA seien damals unheimlich schlampig gehandhabt worden. Deshalb hätten Sie leichtes Spiel gehabt.
STILLER: Ja, das ist eine zutreffende Einschätzung. Die Schlamperei war ziemlich groß. Sie war allerdings nicht so groß, daß es einfach war, dort als Doppelagent zu sitzen. Wenn es einfach gewesen wäre, dann muß ich die Frage stellen: Wieso bin ich dann der einzige gewesen?
SPIEGEL: Die Stasi als Schlampladen: Das ist ja eine ganz neue Sicht auf den total durchorganisierten Repressionsapparat.
STILLER: Für uns sah es damals so aus, daß die Überprüfungen unerhört streng waren, bevor man bei der Stasi eingestellt wurde. Wenn man allerdings erst mal drin war, ließen unserer Auffassung nach diese Überwachungen nach. Ich habe nie den Eindruck gehabt, sicherheitsüberprüft worden zu sein. Als ich als Parteisekretär bestätigt wurde, mußte die Disziplinar-Abteilung zustimmen. Ansonsten habe ich von den Leuten nichts gemerkt.
SPIEGEL: Durch Ihren Frontwechsel haben Sie der DDR-Spionage damals, besonders der Wirtschafts- und Wissenschaftsspionage, die wohl größte Schlappe beigebracht. Sie haben den weltweit gerühmten Stasi-Agentenchef "Mischa" Wolf getunkt. Das erfüllt einen Mann wie Sie sicher mit lebenslangem Stolz?
STILLER: Ja, doch. Natürlich.
SPIEGEL: Sie haben Wolf auch persönlich geschadet. Durch Ihre Aussage wurde Wolf, bis dahin der Mann ohne Gesicht, auf einem Foto eindeutig identifiziert - der SPIEGEL hat es damals dann als Titelbild gebracht. Das war für Wolf eine schwere Niederlage.
STILLER: Wolf war beeindruckend, er hatte echtes Charisma und paßte gar nicht in das Standardbild, das die andere Generalität ausstrahlte. Eine solche Legende vom Sockel zu kippen ist auch irgendwie eine Leistung.
SPIEGEL: Verblassen dahinter womöglich Schuldgefühle, daß Sie Ihre eigenen Agenten ans Messer geliefert haben?
STILLER: Schuldgefühle habe ich in dem Sinne nicht gehabt. Denn sie wußten, was sie taten. Keiner von denen war zur Mitarbeit erpreßt worden. Insofern mußten sie auch damit rechnen, daß es zu Konsequenzen kam. Die haben halt die schlechteren Karten gehabt.
SPIEGEL: Aber Sie sind frei ausgegangen, während andere, zum Beispiel Ihr Karlsruher Agent R. Paul Fuelle, später in den Knast gewandert sind.
STILLER: Gut. Die sind aber alle wieder aus der Kiste draußen. Mein Risiko war höher: Hätte man mich beizeiten enttarnt, wäre ich in eine ganz andere Kiste gegangen - in die letzte.
SPIEGEL: Sie haben damals Ihre Frau und zwei Kinder zurückgelassen und in eine schwierige Situation gebracht.
STILLER: Das hat mich allerdings schwer belastet. Insofern bin ich froh, _(* Vorige Woche an dem ehemaligen toten ) _(Briefkasten hinter einer Regenrinne der ) _(Ost-Berliner Marienkirche. ) daß ich zu allen dreien heute wieder ein ausgezeichnetes Verhältnis habe. Wir haben uns mehr als einmal getroffen, und meine Kinder haben mich schon mehrfach in Frankfurt besucht.
SPIEGEL: Ihrer Frau können Sie wieder in die Augen sehen. Könnten Sie auch Ihren Ex-Agenten wie Fuelle noch in die Augen sehen? Er hat, Ihretwegen, vier Jahre gesessen.
STILLER: Aber natürlich. Fuelle war ein echter Spieler.
SPIEGEL: So wie Sie.
STILLER: Nein, ich bin kein echter Spieler. Wenn ich mal spiele, kann ich beizeiten aufhören. Ich bin ein disziplinierter Spieler. Deswegen habe ich es wahrscheinlich auch geschafft.
SPIEGEL: Sie waren nach Ihrem Frontwechsel angeblich in der DDR von einem Sondergericht zum Tode verurteilt worden. Was wissen Sie heute darüber?
STILLER: Ich habe, nach dem Fall der Mauer, über einen Rechtsanwalt beim DDR-Militärstaatsanwalt nachfragen lassen. In der Antwort stand, gegen mich sei ein Ermittlungsverfahren wegen Spionage und Fahnenflucht eingeleitet worden, ich stünde auch immer noch im Fahndungsbuch der DDR und müßte bei Einreise unter Umständen mit Verhaftung rechnen. Von einem Todesurteil stand nichts in der Auskunft.
SPIEGEL: Eine förmliche Verurteilung zum Tode wäre ja auch gar nicht erforderlich gewesen, um Sie zu liquidieren.
STILLER: Nein, absolut nicht. Eine solche Verurteilung wäre sogar von Nachteil gewesen - ein belastendes Dokument für viele Beteiligte.
SPIEGEL: Ehemalige HVA-Angehörige haben berichtet, daß Mielke selbst einmal in einer Leiterbesprechung gesagt haben soll: "Es ist merkwürdig still geworden um Stiller." Das war als Aufforderung gedacht, die weltweite Suche nach Ihnen zu intensivieren, um Sie endlich zu schnappen.
STILLER: Das kann ich mir sehr gut vorstellen. Es ging einmal um persönliche Rachegelüste, aber auch darum, mögliche Nachahmer abzuschrecken.
SPIEGEL: Wie ernst solche Drohungen gemeint waren, das hat sich zwei Jahre nach Ihrem Übertritt gezeigt, als Ihr HVA-Kollege Werner Teske von der Abteilung XIV, Mikroelektronik und Elektrotechnik, hingerichtet wurde, weil er eine Flucht in den Westen vorbereitet hatte. Kannten Sie ihn?
STILLER: Ja, recht gut. Ich war einmal mit ihm bei der Fußballweltmeisterschaft 1974 in Gelsenkirchen. Ich habe ihn regelmäßig getroffen. Er war in der Nachbarabteilung.
SPIEGEL: Und wann haben Sie von der Hinrichtung erfahren?
STILLER: Erst vor einigen Monaten durch einen Bericht im SPIEGEL. Das hat mich erschüttert. Er hat ja tatsächlich nur an der Vorbereitung einer Flucht gearbeitet. Wenn es meinen Fall nicht gegeben hätte, wäre er wahrscheinlich mit Lebenslänglich davongekommen. Aber er mußte im Prinzip meine Suppe auslöffeln. Das finde ich bedrückend.
SPIEGEL: Das heißt, an Teske wurde - auch wegen Ihres Falles - ein Exempel statuiert.
STILLER: Ja.
SPIEGEL: Haben Sie nach Ihrem Frontwechsel regelrecht als Agent weitergearbeitet - nun für den BND?
STILLER: Nein, so würde ich das nicht nennen. Ich habe zunächst in München, in einem Objekt des BND, gewohnt. Alle Fenster waren mit Kameras gesichert. Das war eine sehr, sehr aufwendige Installation. Wir sind immer mit drei Autos gefahren, die Truppe der Schutzengel war insgesamt ungefähr 20 Mann stark und arbeitete in Tag- und Nachtschicht. Mir erschien das zum Teil als übertrieben. Aber, Herrgott, das wollten die so.
SPIEGEL: Sie waren fast zwei Jahre lang unter den Fittichen des BND. Sie werden ja nicht die ganze Zeit hinter vergitterten Fenstern gesessen haben.
STILLER: Nein, nein. Ich habe in dieser Zeit zum Beispiel Windsurfen auf dem Gardasee gelernt. Wir sind an den Wochenenden auf fast jeden bayerischen Berg geklettert. Wir haben zusammen gejoggt und gekegelt - das war, zurückblickend, eine der schönsten Zeiten in meinem Leben. Wie Abenteuerurlaub.
SPIEGEL: Und die Gegenleistung für den BND?
STILLER: Wir sind fast in das gesamte europäische Ausland plus Fernost geflogen. Da ging es auch darum, bestimmte Aktionen des BND vorzubereiten oder durchzuführen.
SPIEGEL: Die Vermutung liegt nahe, daß Sie mit Ihren Kontakten zum Beispiel alte Stasi-Kollegen umdrehen sollten.
STILLER: Das liegt nahe.
SPIEGEL: Ging es um Stasi-Residenten in DDR-Botschaften?
STILLER: Das liegt nahe.
SPIEGEL: Wo wurde das konkret versucht?
STILLER: Paris, London, Tokio.
SPIEGEL: Irgendwann ging der Abenteuerurlaub aber dann zu Ende.
STILLER: Ja, ich wußte natürlich, daß das nicht ewig gehen würde. Ich mußte mir ja die Frage stellen: Was passiert anschließend? Das hat mich auch ein bißchen rebellisch gemacht, ich hatte persönlich ja zunächst keine Perspektive. Als ich dann in die USA sollte, habe ich zum ersten Mal protestiert. Aber da hat man mir klar zu verstehen gegeben, ich könnte es mir nicht mit allen Geheimdiensten verderben. Das war eine eindeutige Warnung: Wenn du hier nicht mitspielst, dann entziehen wir dir unseren Schutz und unsere Unterstützung. Das habe ich dann besser bleibengelassen.
SPIEGEL: Was haben Ihnen die Dienste denn bezahlt?
STILLER: Konkrete Zahlen will ich nicht nennen.
SPIEGEL: Wie viele Nullen wies die Summe denn auf?
STILLER: In Zeitungsberichten hieß es damals, mir sei mindestens eine Million bezahlt worden. In Wahrheit war es nur ein Bruchteil. Es war eine ordentliche Starthilfe, vor allem für mein Wirtschaftsstudium in St. Louis. Ich mußte mich zunächst noch drei Monate von der CIA in Washington ausfragen lassen. Dann hat die sogenannte Resettlement-Gruppe der CIA mit mir einen neuen Namen und eine Legende erarbeitet, nach der ich als früherer Beschäftigter des DDR-Zentralinstituts für Faserstofforschung über Jugoslawien getürmt sein sollte. Dann hat mir die Resettlement-Gruppe unter anderen Städten St. Louis als Wohnsitz vorgeschlagen.
SPIEGEL: Sie sind später nach London zu einer Investment-Bank gegangen und leben nun seit zwei Jahren in Frankfurt. Führt der einstige Spitzenagent Stiller also lange schon wieder ein ganz normales Leben?
STILLER: Ja, praktisch.
SPIEGEL: Bewegt es Sie denn noch, wenn Sie die hitzige innenpolitische Debatte über den Umgang mit der DDR-Vergangenheit verfolgen?
STILLER: Für mich selbst ist die Vergangenheit abgeschlossen. Aber als politisch interessierter Staatsbürger mit Sonderkenntnissen bewegt mich das doch erheblich.
SPIEGEL: Manche Politiker würden es, nach den ersten schmerzlichen Erfahrungen mit Stasi-Akten, am liebsten sehen, wenn die Hinterlassenschaft Ihres alten Ministeriums wieder unter Verschluß genommen würde.
STILLER: Die gegenwärtige Regelung scheint doch gut zu laufen. Wenn man bedenkt, was da an Problemen und Konflikten alles drinsteckt, geht doch alles relativ ruhig seinen Gang. Ich halte es für richtig, daß die Akten geöffnet werden.
SPIEGEL: Sie haben ja für Geheimdienste beider Seiten gearbeitet. Ist die Arbeit von Spionen und Desinformateuren, wenn sie jemals sinnvoll war, nach dem Ende des Kalten Krieges und der West-Ost-Konfrontation überhaupt noch zu vertreten?
STILLER: Ich halte das ganze Nachrichtengeschäft - wenn es nicht manchmal so ernste Konsequenzen hätte - für eine eher kindische Angelegenheit. _(* In seinem Frankfurter Büro. )
SPIEGEL: Räuber und Gendarm.
STILLER: Ja. Und da die Öffentlichkeit nicht zugucken darf, geht es oft auch sehr, sehr kindisch zu, und zwar auf beiden Seiten. Ich habe in der Schule der HVA damals folgendes Selbstverständnis gelernt: Man kann einen konspirativ arbeitenden Feind nur mit konspirativen Mitteln bekämpfen. Da wird es schon albern. Kriechst du unter eine Decke, muß ich auch unter eine Decke kriechen. Haust du meine Tante, haue ich deine auch.
Auf der anderen Seite muß man natürlich berücksichtigen: Es hat den deutschen Sowjetagenten Richard Sorge gegeben, der meiner Meinung nach den Zweiten Weltkrieg mit entschieden hat. Er hat damals den Sowjets die Meldung gebracht, daß Japan nicht den Fernen Osten der UdSSR angreifen würde - so konnte Stalin seine Divisionen abziehen und die Schlacht um Moskau für sich entscheiden.
SPIEGEL: In Ihrem Frankfurter Managerbüro haben wir eine Lenin-Statue erspäht. Das wird nicht nur uns, sondern auch Ihre Besucher aus dem Bankgewerbe verblüffen. Was hat es damit für eine Bewandtnis?
STILLER: Die habe ich lange nach der Wende aus einem DDR-Nachlaß geschenkt bekommen. Ich sage mir: Wenn den Lenin schon keiner mehr mag, muß ihn doch wenigstens einer liebhaben - dafür wechsle ich eben gerne mal wieder die Seite.
SPIEGEL: Herr Stiller, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. *HINWEIS: Im nächsten Heft Wie Doppelagent Stiller seine Kundschafter im Westen führte - Stillers Pannen - Flucht durch die Schleuse - Desaster für DDR-Spionagechef Markus Wolf
* Mit Redakteuren Uly Foerster und Dieter G. Uentzelmann in Stillers Frankfurter Wohnung. * Vorige Woche an dem ehemaligen toten Briefkasten hinter einer Regenrinne der Ost-Berliner Marienkirche. * In seinem Frankfurter Büro.
Von Uly Foerster und Dieter G. Uentzelmann

DER SPIEGEL 13/1992
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