22.06.1992

RepublikanerBlau in der Dämmerung

Ein früherer Waschmittel-Vertreiber, für die Republikaner in Baden-Württemberg erfolgreich, soll den Bundestagswahlkampf der Rechten organisieren.
In den Blumenkästen blühen Fleißige Lieschen, auf dem Gartenstuhl schnurrt Katze Mucki, der Rasen ist ordentlich geschoren. Liebevoll pflegt Rentner Leo Thenn, 65, seine Eigentumswohnung am Stadtrand.
Den Nachbarn gilt er als der charmante ältere Herr von nebenan, in Pforzheim ist er stadtbekannt. Für die Rechtspartei der Republikaner (Rep) saß Thenn als redegewandter Fraktionsvorsitzender schon im Gemeinderat, gründete Ortsverbände und holte das Rep-Idol Franz Schönhuber, 69, zur Kundgebung.
Geld für Thenn floß bei Wahlkämpfen reichlich. Der Maschinenfabrikant Manfrid Dreher, CDU-Mitglied und von seiner eigenen Partei enttäuscht, unterstützte den Funktionär von der rechten Konkurrenz finanziell. Vor einem christdemokratischen Parteigericht mußte er sich dafür verantworten - ohne Konsequenzen.
Thenns Anstrengungen haben sich ausgezahlt: Heute wählt in Pforzheim (111 000 Einwohner) fast jeder fünfte rechts.
Am Eichenschreibtisch unter der Reichskriegsflagge, umgeben von historischen Waffen, tüftelt der Republikaner, ganz alte Militaristenherrlichkeit, neue Feldzüge aus - Wahlkampfschlachten, mit denen er die Rechtspartei über die Fünf-Prozent-Hürde bei den Bundestagswahlen 1994 katapultieren möchte. Thenn: "Ich fühle mich als General. Die Feldwebel und Leutnants sind die Korsettstangen in meinem Heer."
Parteichef Schönhuber, dessen Lebenstraum der Einzug in den Bundestag ist, war von der Kampagne des Möchtegerngenerals bei der badenwürttembergischen Landtagswahl Anfang April (Rep: 10,9 Prozent) derart angetan, daß er Thenn jetzt vom Bundesvorstand zum Generalbevollmächtigten für den Bundestagswahlkampf küren lassen will.
Der weißhaarige Propagandist Thenn kommt dem Republikaner-Führer gerade recht: Schon lange sucht Schönhuber nach einem wortgewaltigen Werbechef der Rechtsaußenpartei, deren Vertreter bislang vor allem als dumpf-nationalistische Sprücheklopfer aufgefallen sind.
In dieses Kalkül gehören vorzeigbare Kandidaten ("keine Saufbolde, keine Bankrotteure") wie etwa der smarte Nadelstreifen-Nationalist und Fraktionschef der Republikaner im Stuttgarter Landtag, Rolf Schlierer, 37 (SPIEGEL 16/1992), oder der Ex-Sozialdemokrat und Berliner Rep-Chef Werner Müller (siehe Kasten Seite 53).
Fürs Image zeigt Wahlkampfmanager Thenn, der früher ein Provinz-Verkaufsleiter beim Konzern Lever Sunlicht war, gern die "moderne, patriotische Volkspartei" vor. Vom Protest gegen die Altparteien sollen die Nationalpopulisten ("Deutschland zuerst") absahnen: Themen wie "Asylantenflut, steigende Kriminalität, Wohnungsnot, Rauschgift, EG-Wahnsinn usw." empfiehlt Thenn in einer Wahlkampfanalyse für Schönhuber als günstige "Rahmenbedingungen".
Parteiintern schwadroniert der frühere Flakhelfer in militärischen Begriffen: Jeder Rep-Landesvorsitzende im Bundesgebiet müsse sein "Erfolgsmodell Baden-Württemberg" studieren "wie früher jeder gute deutsche Offizier seinen Clausewitz".
Führungsqualitäten habe er sich, glaubt Thenn, als Chef einer Außendienstlergruppe bei Lever Sunlicht erworben. Viel mehr als ein Flakhelfer ist der Regionalleiter dort aber auch nicht geworden, er habe etwa acht leitende Außendienstmitarbeiter "rumkommandiert", erinnert sich einer aus der Firma. Thenn-Spitzname: "Leo der Schleifer".
Seine Weisheiten aus dem Seifengeschäft ("Wünsche wecken - Action machen") eignen sich, davon ist Thenn überzeugt, auch für die Politik. Saubere Wäsche mit Omo und Sunil, sauberes Deutschland mit den Reps - nach diesem Muster baut Thenn seine Flugblätter auf.
Der Funktionär verkörpert den Typ des Biedermanns und Brandstifters in einem. Als honoriger Pforzheimer Bürger tritt Thenn moderat und hilfsbereit auf, pflegt gesellschaftlichen Umgang in Tennisklub und Schützenverein. Als Stimmenfänger für die Rechtsradikalen aber, etwa wenn es um Asylanten geht, "haut er drauf", wie er selbst bekennt. Thenn: "Ich habe im Wahlkampf gebetet, daß sich die etablierten Parteien nicht in der Asylfrage einigen. Das hätte uns alles kaputtgemacht."
Vor der Landtagswahl in Baden-Würtemberg legte der Propaganda-Mann in emsig verbreiteten Rundschreiben fest, wann die Kandidaten mit welchen Asylflugblättern die "Volksseele weiter kochen" lassen und mit welchen sie, ganz Aufwiegler, "zum Frontalangriff" übergehen sollten.
Im Rundschreiben Nummer 80 empfahl Thenn den Kreisverbänden einen Trick, um das Presseecho zu beeinflussen: Sie sollten gegen das Verschmieren von Rep-Wahlplakaten "von neutralen Bürgern" empörte Leserbriefe schreiben lassen und beim "Nachkleben zwischendurch immer wieder ein verschmiertes Plakat hängenlassen". Das Wichtigste für Thenn: "die Schweigespirale durchbrechen" und rechts Farbe bekennen.
"Wir müssen den Leuten die Parteifarbe Blau einhämmern", betont er immer wieder - um von dem Braun der Nazis wegzukommen. Vor dem Landtagswahlkampf hat er sogar Mitglieder des Landesvorstands in den Hinterhof der Stuttgarter Parteizentrale geladen, um Plakate mit verschiedenen Blautönen in der abendlichen Dämmerung zu testen. Ausgewählt wurde schließlich, für allzeit gute Sichtbarkeit, das Blau der Autobahnschilder.
Die gesammelten Wahlkampferfahrungen für die Rechtsradikalen hat die Partei jetzt in zwei Ordnern zusammengefaßt - eine handgestrickte Mixtur aus Phraseologie und Werbe-Psychotricks.
Die Handlungsanleitungen, in 93 Rundschreiben und einem blauen Handbuch (parteiintern: "Leo-Thenn-Bibel") niedergelegt, garniert Thenn gern mit deutschem Lebenswitz von Wilhelm Busch oder Muntermachersprüchen vom Skat: "Die höchsten Trümpfe zuerst."
Wie früher seinen kujonierten Außendienstlern schreibt der Werbemann den Wahlkämpfern die Sprechweise vor: "Kurze Sätze. Hauptsatz. Nebensatz. Punkt." Texte etwa über Asyl, Kriminalität oder Wohnungsnot mußten sie auswendig lernen. Thenn: "Wie die Heidenmissionare konnten sie es am Schluß runterbeten, ohne zu denken."
Die Kandidaten mußten Sätze büffeln wie: "Die Republikaner lehnen die Oder-Neiße-Linie ab. Wir fordern die Wiederherstellung Deutschlands in seinen völkerrechtlich und historisch gewachsenen Grenzen: Das sind die Grenzen von 1937. Landraub bleibt Landraub."
Thenn kennt die rechten Aufrechnungen, die Kenntnisse holt er sich aus seinem altdeutschen Bücherschrank. Dort sammeln sich Werke des Münchner Rechtsextremen Gerhard Frey ("Polens verschwiegene Schuld") oder des britischen Geschichtsrevisionisten David Irving ("Deutschlands Ostgrenze").
Amateurhistoriker Thenn: "Wenn jemand Holocaust sagt, sage ich nur Vertreibung, wenn jemand Nazis sagt, sage ich: Wir Deutschen lassen uns nicht auf zwölf Jahre Geschichte reduzieren."
Da die Forderung "Ausländer raus" platten Rassismus verdeutlicht, formuliert Thenn gewundener, die "multikulturelle Gesellschaft" müsse "als gezielter Plan zur Vernichtung der Qualitäten des deutschen Volkes" erkannt werden.
Manchmal kann der pensionierte Seifenverkäufer seine altdeutschen Reflexe dann aber doch nicht kaschieren: Im Gespräch reckt er die rechte Hand, wie zum Hitler-Gruß.

DER SPIEGEL 26/1992
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