22.11.1993

Bibelforschung

LAND DER HEIDEN

Ein amerikanischer Bibelforscher hat ein "verschollenes Urevangelium" rekonstruiert, das neues Licht auf die Wurzeln des Christentums werfen könnte. War der Messias in Wahrheit ein Prediger der Bedürfnislosigkeit, ein Anhänger des Bettelphilosophen und Urhippies Diogenes in der Tonne?

Bei seinen Mitmenschen stand Diogenes von Sinope (um 410 bis 320 vor Christus) im Ruf eines geistreichen Penners und Tunichtguts. Welchen Wein er am liebsten trinke, wurde er einst gefragt: "Den, den andere bezahlen", antwortete er.

Nicht nur, daß er schnorrte, Diogenes nörgelte auch - mit Vorliebe auf Marktplätzen: Dort krakeelte er, alle Staatsgötterei sei totes Ritual, Reichtum ein Zustand äußerer Versklavung, ja die gesamte Zivilisation eine Hölle, die vom wahren inneren Leben ablenke. Seine Zuhörer schurigelte er als Knechte ihrer Lüste, vollgepfropft mit Dünkel, Eitelkeiten, dazu heuchlerisch, hartherzig und dem Gelde verfallen.

Der chronisch klamme Spötter gilt als berühmtester Vertreter der kynischen Schule (von griechisch Kyon = Hund, das schamloseste Tier), einer Geistestradition, die vor allem die Prunksucht des römischen Bürgertums mit Satire überzog und die Tugend der Selbstgenügsamkeit (autarkeia) propagierte.

Anstatt in Marmorhallen zu schlemmen, wählten die Kyniker freiwillig die Armut. Diogenes schlief in einer Tonne und bettelte sein Brot zusammen. Manchmal hielt er am Fuße von Statuen die Hand auf, wie ein Biograph berichtet, um "Erfahrungen beim Zurückgestoßenwerden zu sammeln".

Schlagfertigkeit und sprachliche Gewandtheit erlernten die Kyniker in rhetorischen Gymnasien. Eine der berühmtesten Kynikerschulen stand, zwischen Palmenhainen und Wüstensand, in Gadara im Lande Dekapolis (siehe Karte Seite 269).

Kaum einen Tagesfußmarsch von dem Lehrzentrum entfernt lag das Städtchen Nazaret in Galiläa. Dortselbst stromerte kurz nach der Zeitenwende, ebenfalls nimmer ums leibliche Wohl besorgt, ein junger Antimaterialist herum, dem die Kirche post mortem zu einer gewaltigen Karriere verhalf: Jesus Christus. Als historische Figur ist der Heiland ein Phantom. Kein zeitgenössischer Geschichtsschreiber hielt das Wirken jenes Unruhestifters für erwähnenswert, der angeblich Geldwechslertische im Tempel von Jerusalem umstieß, der Lahme und Gichtbrüchige heilte und um das Jahr 30 ans Kreuz geschlagen wurde. Daraufhin stellte sich von 12 bis 3 Uhr eine Sonnenfinsternis ein, wie die Evangelisten beteuern. _(* "Die Vertreibung der Händler aus dem ) _(Tempel von Jerusalem", Illustration von ) _(Gustave Dore. )

Verläßliche Zeugen sind die Biographen nicht. Auf einen Zeitpunkt zwischen den Jahren 7 vor und 7 nach der Zeitrechnung haben moderne Historiker die Geburt des Erlösers datiert. Daß Jesus in Betlehem zur Welt kam, gilt als eher unwahrscheinlich. Der Bibel zufolge wohnten seine Angehörigen in dem Fischerstädtchen Kapernaum. Vielleicht war der Vater auch ein Bauhandwerker aus Nazaret und nur sehr vielleicht der liebe Gott.

Nun hat der amerikanische Bibelforscher Burton Mack von der Claremont School of Theology den Mythos vom "jüdischen Messias" weiter demontiert. Jesus, so seine Ansicht, war ein "populärer Philosoph des natürlichen Lebens", ein Mann, der wie Diogenes vom Betteln lebte und seinen Anhängern eine "praktische Ethik" vorexerzierte, die vom hellenistischen - und damit heidnischen - Kynismus inspiriert war.

Macks These stützt sich auf die Rekonstruktion eines "verlorenen Urevangeliums", das die ersten Jesus-Fans niedergeschrieben haben sollen. Dieses Buch enthielt nach Mack keine "dramatische Story", sondern - der Mao-Bibel vergleichbar - Maximen und Worte des Sandalenträgers aus Galiläa, seine reine Lehre im O-Ton.

Daß es einen solchen Urtext gegeben haben muß, argwöhnt die neutestamentliche Philologengilde seit 150 Jahren. Die Sprachdetektive konnten ermitteln, daß die vier Evangelisten lange nach dem Ableben des Gekreuzigten zu Werke gingen und sich dabei auf ältere Manuskripte und Aufzeichnungen stützten.

Die Jesus-Biographen kupferten nicht nur ab, sie phantasierten auch hinzu:
* Der Evangelist Markus schreibt um 70 nach der
Zeitrechnung in grobem, teilweise vulgärem Griechisch.
Den Bibelforschern gilt er als "Erfinder" des
Transfigurationsplots samt Abendmahl, Kreuzigung und
Wiederauferstehung.
* Rund zehn Jahre später folgt Matthäus. Flüssig und
gewandt im Ausdruck, verpaßt dieser Biograph seiner
Hauptfigur eine hochkarätige Ahnengalerie: Jesus stammt
nunmehr von Abraham ab und muß als Kind nach Ägypten
fliehen, um von dort als zweiter Moses zurückzukehren.
* Lukas schreibt um 90 nach der Zeitrechnung. Unter
seinen Händen gerät der Stoff zu einer "sentimentalen
Romanze" (George
** Burton Mack: "The Lost Gospel". _(Harper, San Francisco; 276 Seiten; 22 ) _(Dollar. * Abbildungen von Papyrusrollen ) _(des Johannes-Evangeliums aus dem 2. ) _(Jahrhundert. ) Bernard Shaw). Ihm verdankt die Christenheit die herzig ausgemalte Weihnachtsgeschichte mit dem Krippenkind im Stall von Betlehem.
* Als schlauester Kopf, philosophisch an den
Erlösungsideen der Gnostik geschult, wird Johannes
eingeschätzt, der seinen Text um das Jahr 100
abliefert. Sein Jesus ist bereits ganz abgeklärter
Gottmensch, ein spirituelles Kunstprodukt, das um seine
Mission weiß.

Was aber bleibt, wenn das Märtyrerszenario weggeräumt wird? Was lehrte der Mann aus Galiläa wirklich?

Bereits Anfang des 19. Jahrhunderts stießen die Gelehrten auf eine merkwürdige Tatsache: Die Evangelien von Matthäus und Lukas enthalten zahlreiche Passagen, in denen der Nazarener in wörtlicher Rede parliert. Obwohl die beiden Evangelisten keinerlei Kontakt miteinander hatten, sind die Zitate fast identisch.

Woher stammen die O-Töne? Markus, der älteste Biograph, kann sie nicht geliefert haben. In seiner Christus-Geschichte sind die Sprüche nicht erwähnt. Aus diesem Umstand folgern die Experten: Matthäus und Lukas müssen ein unbekanntes Manuskript ausgeschlachtet haben, das Sentenzen und Reden des Meisters enthielt. Genannt wird dieses geheimnisvolle Dokument Quelle Q.

Diese Fährte hat der Amerikaner Mack nun zielstrebig weiterverfolgt. Insgesamt 22 Bibelpassagen hat der Forscher aus dem Neuen Testament abgefiltert und als Jesu Originallehre ausgewiesen**. Es sind Statements, kurze Maximen, pointierte Sentenzen und Handlungsanweisungen, die sich wie eine kynische Aphorismensammlung lesen. Jesus lobt
* das Betteln und Almosengeben ("Gib jedem, der fragt"),
* die Armut ("Verkaufe deinen Besitz und verschenke ihn
aus Mildtätigkeit"),
* die Bedürfnislosigkeit ("Selig sind die Hungrigen"),
* die Offenheit des Herzens ("Suche und du wirst finden,
klopfe, und die Tür wird dir geöffnet", "Liebe deinen
Nächsten wie dich selbst"),
* die Absage an Rache und Vergeltung ("Wer dir auf die
Wange schlägt, dem halte auch die andre Wange hin",
"Liebe deine Feinde"),
* die Vorurteilslosigkeit ("Richte nicht, damit du nicht
gerichtet wirst". "Wer sich selbst erhöht, wird
erniedrigt werden").

Diese Basisaussagen enthalten nach Mack gleichsam die unverfälschte Lehre des Nazareners. Christus wäre mithin ein von kynischem Gedankengut inspirierter Wanderprediger gewesen, einer, der mit simpelsten Imperativen durchs Land zog und aus der Perspektive des "Underdog" (Mack) argumentierte.

Von einer gezielten Mission, gar von Aufruhr und politischer Programmatik ist in der von Mack destillierten Quelle Q keine Spur zu finden. Seine Anhänger, sagt der Amerikaner, erlebten Jesus nicht als Messias, sondern als "kynischen Weisen". Ganz überzeugen kann Macks Abstieg zu den christlichen Urquellen nicht. Erst unterstellt er Jesus, Kyniker zu sein. Dann grast er die Heilige Schrift nach entsprechenden Belegstellen ab und klumpt sie zu einer knackigen Spruchfibel zusammen. Ein klassischer Zirkelschluß.

Immerhin: Die These erweist sich als produktiv. Daß der Nazarener von der Lehre der Hundephilosophen geprägt war, ließe sich auch geographisch begründen. Seine Heimat Galiläa stand unter der Herrschaft des römischen Vasallen Herodes Antipas. Zahlreiche hellenische Städte wurden um die Zeitenwende in der Region um Nazaret gegründet. Mit Wucht drang die römische Kultur in die eroberten Gebiete vor.

Gerade aus Galiläa, diesem Schmelztiegel der Kulturen, könnte heidnisches Gedankengut nach Judäa geschwappt sein. Den strenggläubigen Juden in Jerusalem, die an ihrem Tempelstaatsystem festhielten, war die Nordprovinz stets supekt. Galiläa stand im Ruf, ein "Land der Heiden" zu sein. Die Gebote Moses zählten hier wenig.

War auch Jesus ein Ungläubiger? Mack kann eine Reihe von Parallelen zwischen den Kynikern und der frühen Jesus-Sekte herstellen. Beide Richtungen fordern das Ablösen von den Familienbanden und den Mut zur selbstgewählten Heimatlosigkeit.

Die Kyniker lehnen alle bestehenden Konventionen und Sitten als scheinheiliges Getue ab. Gegen die Vielgötterei stellen sie einen monotheistischen Gott. Sie vernachlässigen die Körperpflege und gelten, wegen ihrer Ablehnung ritueller Waschungen, als Stinker.

Auch Jesus verstößt gegen die religiösen Sauberkeitsstandards. Er wäscht sich nicht - wie in der Thora geboten - die Finger vorm Essen und erklärt alle Speisen für rein, weil sie "nicht ins Herz, sondern in den Bauch gehen" (Markus 7,19). Anstatt "Brand- und Schlachtopfer" zu zelebrieren, kritisiert er, solle man lieber seinen Nächsten lieben.

In beiden Fällen weht den Zuhörer eine simple Botschaft an: Maßstab des guten Handelns ist die Authentizität. Einfalt geht vor Prätention, Barmherzigkeit vor Hochmut. Der Mensch soll alle geistigen Fesseln abwerfen, allen irdischen Besitz veräußern.

Entsprechend karg war die Garderobe der Kyniker. Zu ihrer Ausrüstung zählten ein Erkennungsmantel aus dünnem grobem Stoff, ein Wanderstab, dazu ein Lederranzen, in dem höchstens eine Tagesration Brot liegen durfte.

Noch asketischer schickt Jesus seine Getreuen auf ihre geistlichen Missionen. Er gebietet ihnen, "daß sie nichts mitnähmen auf den Weg als allein einen Stab, kein Brot, keine Tasche, kein Geld im Gürtel, wohl aber Schuhe an den Füßen, und daß sie nicht zwei Röcke anzögen".

Daß die Jesus-Jünger, bei so wenig Vorsorge, mitunter auf dem Schlauch standen, konnte nicht ausbleiben. Gleich zweimal muß ihr Anführer wundersam Brot vermehren, um die leeren Mägen seiner Zuhörer zu füllen. Die mirakulösen Tischlein-deck-dich-Szenen aus der Bibel lassen vermuten, daß die Kalorienversorgung für die Jesus-Sekte ein Dauerproblem war.

Immer wieder kommt der Nazarener aufs Thema Essen zu sprechen und verweist die Hungrigen auf den großen Ernährer und Vater im Himmel. Gleichzeitig unterweist er seine Gefolgschaft in einer Betteltaktik: In gastfreundlichen Häusern sollen die Jünger ohne Murren essen, "was man euch vorsetzt". Knauserer andererseits dürften mit Schuhstaub eingenebelt werden.

Nur der Erfindungskraft der wortmächtigen Evangelisten, glaubt Mack, sei es zu verdanken, daß der kynische Hungerleider schließlich als messianische Glanzgestalt endete. Die Ausgestaltung zum Retter, Erlöser und "Lamm Gottes" sei das Ergebnis eines geschickten "Mythologisierungsprozesses", der Jahrzehnte nach der Kreuzigung einsetzte.

Auf seine ersten Anhänger habe Jesus nur wie ein gütiger Lehrer gewirkt. Seine Gefolgschaft trieb keinen verschwitzten Personenkult. Sie sahen in Jesu Tod kein übernatürliches Ereignis und priesen ihn nicht mit Hymnen und Gebeten, sondern hielten sich streng an sein schlichtes Vermächtnis, die kynische Quelle Q.

Sollte die These stimmen, wäre die Wurzel des Christentums in Wahrheit ein heidnisches Gewächs, entsprossen aus dem Geiste des Diogenes. Oder wie Mack es formuliert: "Die Q-Leute waren keine Christen." Y

[Grafiktext]

_269_ Palästina zur Zeit Jesu von Nazareth

[GrafiktextEnde]

* "Die Vertreibung der Händler aus dem Tempel von Jerusalem", Illustration von Gustave Dore. ** Burton Mack: "The Lost Gospel". Harper, San Francisco; 276 Seiten; 22 Dollar. * Abbildungen von Papyrusrollen des Johannes-Evangeliums aus dem 2. Jahrhundert.

DER SPIEGEL 47/1993
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