07.12.1992

SerbienDie Raubkatze

Gewinnen bei den Wahlen am 20. Dezember Serbiens Kriegstreiber, droht zwei Millionen Albanern im Kosovo die „ethnische Säuberung“.
Kosovo ist serbisch" - die Stimme klingt eindringlich und beschwörend. Anfeuerungsrufe ertönen: "Arkan, Arkan, Arkan". Die Kamera schwenkt auf ein leeres Rednerpult. Hüpfende Teenager schwenken Plakate mit dem Bildnis des Helden, der mit martialischem Gehabe zum Podium schreitet und verkündet: "Kosovo ist serbisch - das Herz des Serbentums."
Abends, kurz vor den Tagesnachrichten, läuft dieser Wahlspot im serbischen Fernsehen. Die Botschaft des international gesuchten Kriegsverbrechers Zeljko Raznjatovic, 39, genannt "Arkan" ("Raubkatze"), lautet: Wenn er bei den Parlaments- und Präsidentenwahlen in Serbien am 20. Dezember gewinnt, beginnt die Vertreibung der zwei Millionen Albaner, die in der serbischen Provinz Kosovo etwa 90 Prozent der Einwohner stellen.
Offizierssohn Arkan mordet für ein Großserbien, das er "ethnisch rein" sehen möchte. Gelingt die nationale Säuberung in Bosnien, wird sich die Raublust gegen das einst autonome, durch Belgrad annektierte Kosovo richten.
Die Kriegskarriere der "Raubkatze" zeigt seine Entschlossenheit: Mit dem Schlachtruf "Vukovar muß Hauptstadt eines serbischen Slawonien werden" schickte er seine rund 3000 Mordgesellen von der paramilitärischen "Tiger"-Brigade voriges Jahr in die Schlacht nach Ostkroatien. Im April waren seine Leute die Vorhut in Bosnien. Jetzt kämpfen sie an vorderster Front, um die "ethnische Säuberung" zu vollenden.
Arkan erfüllt die Drecksarbeit, für die Slobodan Milosevic, Präsident Serbiens und Vorsitzender der alleinregierenden Sozialistischen Partei, das Programm vorgibt. Beider Todfeind ist: Milan Panic, jener Exil-Serbe aus Kalifornien, der seit Juli von Belgrad aus als neuer Premier von Rumpf-Jugoslawien den Wahnsinn auf dem Balkan zu stoppen versucht - zumindest verliert er darüber bei jeder Gelegenheit große Worte. Den serbischen Oppositionsparteien - Nationale, Demokraten, Monarchisten - hat das gereicht, ihn als Spitzenkandidaten gegen das Belgrader Regime aus Altkommunisten und Chauvinisten aufzustellen.
Panic wird im serbischen Machtdschungel ernst genommen. So ernst, daß ein Bürgerkrieg innerhalb Serbiens bevorsteht? Selbst Patriarch Pavle schließt dies nicht mehr aus. Nur Naive würden glauben, so das Oberhaupt der orthodoxen Kirche in Belgrad, daß durch die Wahlen ein innenpolitischer Neuanfang möglich werde und der Weg zum Frieden in Bosnien frei gemacht werden könne. Seine düstere Prognose für die Zukunft: "Die Serben werden untereinander kämpfen." Dazu Panic, ebenso grimmig: "Gewinnt Milosevic ein weiteres Mal, dann kommt der Bürgerkrieg."
Bereits im Herbst hatte Milosevic mit Hilfe des Tschetnik-Führers Vojislav Seselj im Parlament zweimal die Vertrauensfrage gegen Panics Regierungsmannschaft gestellt und war damit beinahe durchgekommen.
Am vorigen Donnerstag fand der oberste Wahlleiter und Verfassungsrichter, ein Mitglied der Sozialistischen Partei, den neuen Dreh: Da der US-Bürger Panic, der in Jugoslawien geboren ist, noch kein Jahr in Belgrad wohne, könne er auch nicht zur Präsidentenwahl kandidieren - aufgrund eines Gesetzes, das die Sozialisten erst am 2. November im Parlament durchgepeitscht hatten.
Ohnehin machen sich die serbischen Oppositionsparteien kaum Illusionen, ihr Wahlziel verwirklichen zu können: daß sie mit dem Weltmann Panic die internationale Anerkennung Rumpf-Jugoslawiens als Rechtsnachfolger der untergegangenen Föderation und die Aufhebung aller Uno-Sanktionen erreichen.
Denn die starke Minderheit der Kosovo-Albaner, im neuen Rumpfstaat immerhin fast 20 Prozent der Einwohner, will mit der Belgrader Opposition, die kaum weniger chauvinistisch ist als Milosevics Wendekommunisten, keine Wahlkoalition eingehen. "Wir haben uns definitiv entschieden, die Wahlen zu boykottieren", sagt Ibrahim Rugova, Präsident der von den serbischen Behörden nicht anerkannten Schattenregierung des Kosovo: "Für uns gibt es keinen Unterschied zwischen Milosevic, Panic und der Opposition. Wenn die Kosovo-Frage zur Diskussion steht, haben alle dieselbe Meinung."
Auch Panic hat den Albanern bei seinem Blitzbesuch im Oktober viel versprochen, doch nichts gehalten. Die bereits 1991 auf Weisung Milosevics geschlossenen albanischsprachigen Schulen sind weiterhin dicht, Tausende Pennäler vom Unterricht ausgeschlossen. Zehntausende Arbeiter, die in den letzten Jahren wegen "antiserbischer Propaganda" ihre Beschäftigung verloren, warten weiter vergebens auf einen Job.
500 000 albanische Stimmen gehen wegen des Boykotts bei den Wahlen verloren. Milosevic wird daraus einen Vorteil ziehen - und auch der Killer Arkan.

DER SPIEGEL 50/1992
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