DER SPIEGEL



Der heilige Geist

riecht nach Popcorn und Marihuana, und er kommt aus der Maschine. Seine Farbe ist lila, neblig seine Konsistenz, weiße Blitze begleiten ihn, und die Männer, die von seiner Ankunft künden, sind von riesigen Vorhängen verhüllt. "Ich opfere mein Herz und meine Seele einem höheren Ziel", singen die Unsichtbaren; dazu hämmert hymnisch der Computerbeat.

Die Messe findet im Sportstadion statt, und die Prediger sind Popstars ohne Konfession. Das liturgische Spektakel soll ihrer Tournee mit dem Motto "Devotional" ("andächtig"), den richtigen Weiheglanz verleihen.

Die vier Musiker, die sich ganz profan Depeche Mode nennen, zählen zur Zeit zu den erfolgreichsten Popgruppen der Welt. 35 Millionen Platten haben sie in ihrer 13jährigen Karriere abgesetzt; ihre Deutschland-Tournee ist seit Wochen ausverkauft.

Wo immer die vier Engländer auftreten, versetzen sie ihre Fans in einen Enthusiasmus, der nicht selten an Verzückung grenzt. Teenager und Jung-Studenten singen die Hits "Personal Jesus" und "Never Let Me Down Again" Zeile für Zeile laut mit. "Niemand", sagt ein Mädchen über die Band, "hat das Bedürfnis, mit einem der Jungs zu schlafen. Aber jede möchte sich die ganze Nacht lang mit ihnen unterhalten."

Solch keusche Verehrung kommt nicht von ungefähr. Mit melancholisch-kühlem Synthesizerpop lieferten Depeche Mode den Soundtrack für die sensibel Pubertierenden der achtziger Jahre - jene Generation, welche, den Yuppies entfremdet, nach Ernsthaftigkeit, Poesie und ein wenig Dekadenz suchte. Deren diffuse Gefühle wurden mit Textzeilen wie "Words are very unneccessary / They can only do harm" auf den Begriff gebracht. Für seriöse Kritiker waren Depeche Mode wegen solch simpler Sätze lange die bestgehaßte Band der Welt.

Dazu kam, daß die vier Arbeitersöhne aus dem Londoner Vorort Basildon nie ein Hehl aus ihrer Verachtung für den traditionellen Rock'n' Roll machten. Die Ablehnung von Gitarre, Schlagzeug und Baß hatte eher praktische denn ideologische Gründe. "Wir fuhren mit dem Zug zu unseren Konzerten", sagt Sänger Dave Gaham, "und Synthesizer waren einfacher zu transportieren."

Heute nimmt die Band das Flugzeug und braucht 150 Leute, um die Ausrüstung aufzubauen. Depeche Mode gleichen inzwischen mehr einer effizienten Software-Firma als einer herkömmlichen Rockgruppe.

Sänger Dave Gaham, 31, tätowiert und langhaarig wie ein Hell's Angel, lebt die meiste Zeit in Kalifornien und singt im Studio allein. Martin Gore, 31, ein blondgelocktes Engelsgesicht, schreibt alle Texte und Melodien und gibt seine Songskizzen an der Studiotür ab. Alan Wilder, 34, bastelt mit Hilfe moderner Elektronik daraus wohlklingende CDs. Andrew Fletcher, 30, kümmert sich um Marketing und Verkauf der Gruppe. "Eigentlich", sagt er, "sind wir nichts anderes als eine Packung Cornflakes."

Die Fans lassen sich durch solche Bemerkungen nicht erschüttern - und jene anbiedernde Volksnähe, wie sie etwa Sting oder Phil Collins pflegen, hat noch nie zum Konzept der Gruppe gehört. Mit ihrer Musik wie mit ihrer Show schaffen Depeche Mode eine Distanz, welche den Vorteil mit sich bringt, daß die Jungs nach ihren Konzerten ungestört ein Bier trinken können. Es erkennt sie keiner.


DER SPIEGEL 22/1993
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