31.05.1993

Gewalt zeugt Gewalt

Amerikanische Kritiker sind empört: Einen Amoklauf gegen Randgruppen und Underdogs zeige „Falling Down“, der jüngste Kinofilm mit Michael Douglas. Tatsächlich aber ruft Hollywood in dem Großstadtdrama um Rassen- und Ausländerhaß zur Toleranz auf - aktuell auch für Europa.
Egoistisches Arschloch", wütet der Wartende, als endlich die Telefonzelle frei wird. Aber sein Vorgänger schnauzt nicht zurück. Er langt nur kurz in seine Sporttasche, holt eine Maschinenpistole hervor und legt mit einem ohrenbetäubenden Feuerstoß Apparat und Zelle in Trümmer. "Ich glaube, die ist außer Betrieb", murmelt er noch und verschwindet im Straßenverkehr.
Was tun nach dieser Szene? Lachen über den lästigen Drängler, dem es endlich mal gezeigt wurde? Es wäre kein vergnügtes Lachen. Oder schockiert sein von der plötzlichen Gewaltorgie, dem Ausbruch zynischer Aggression? Ehrlicherweise müßte dann so gut wie jeder zugeben: Auch ich schlüge manchmal gern um mich, auch ich könnte oft hochgehen vor Haß auf lärmende, anmaßende, rücksichtslose Mitmenschen. Nur tue ich es eben nicht, zum Glück.
In "Falling Down", einem Film der Warner Brothers, der kurz nach seiner Europapremiere auf den Filmfestspielen von Cannes jetzt auch in Deutschland anläuft, tut es einer doch. Er haut und schießt, um seinen Willen durchzusetzen, grinst, wenn es sein Gegenüber erwischt hat - und ist trotzdem kein Monster, das zu verachten leichtfiele.
Im Gegenteil: Der Angestellte mit Kurzhaarschnitt, Schlips und Aktentasche, der da urplötzlich an seiner Umwelt irre wird, scheint zuvor der Prototyp des braven weißen Steuerzahlers und Bürgers gewesen zu sein.
Daß so jemand mit einer Schnellfeuerwaffe herumfuchtelt, hat die US-Kritiker nicht aufgebracht. Moralisch empört waren sie erst, als sie sahen, an wem der biedere Jedermann, bravourös verkörpert von Michael Douglas, seinen amerikanischen Alptraum abreagieren darf: an einem koreanischen Krämer etwa, an Latinos und Pennern - Randexistenzen und Benachteiligte aller Art in der "Menschenkloake" (The New York Times) von Los Angeles sind es, die die Bürgerwelt stören und nun brutal beiseite gefegt werden.
Ausgerechnet Los Angeles: Seit den blutigen Rassenunruhen vom Frühjahr 1992 herrscht dort noch immer ein Klima von Angst und Haß zwischen den sozialen Gruppen. Waffenhändler haben Hochkonjunktur. Zwar war "Falling Down" fast fertig, als die Krawalle ausbrachen. Dennoch hat der Film den Grad "R" erhalten: Mindestalter 17 Jahre - so groß ist die Furcht, daß junge Zuschauer falsche Schlüsse aus den Bildern ziehen könnten.
Dabei wollten Drehbuchdebütant Ebbe Roe Smith und Regisseur Joel Schumacher alles andere als Law and Order, alte Werte, Reaktion oder etwa Rassismus predigen. Ein wenig in der Tradition von Martin Scorseses legendärem "Taxi Driver", der vor Wut auf die alltägliche Brutalität selbst zur Kampfmaschine wird, sollte ihr Film, der für Deutschland den unsinnigen Zweit-Titel "Ein ganz normaler Tag" bekommen hat, zeigen, "daß Gewalt Gewalt zeugt" (Schumacher): Zurückschlagen sei eben gerade keine Lösung.
"D-FENS", wie der Antiheld des Films nach seinem Nummernschild genannt wird, möchte eigentlich nur zu seiner Ex-Frau, um den Geburtstag der kleinen Tochter mitzufeiern. Daß hinterher Leichen und Zerstörung seinen Weg markieren, könne, so Douglas, nur abschreckend verstanden werden.
Es irritiert freilich schon, wie plausibel die schleichende Verführung zum Dreinschlagen inszeniert ist. Anfangs setzt der rasende Normalverbraucher seinen Haß noch mit einem Baseballschläger um; gegen Abend besitzt er ein ganzes Waffenarsenal, sogar eine Panzerfaust. Sie abzufeuern bringt ihm stolz ein schwarzer Straßenknirps bei: Erst neulich habe das Fernsehen es gezeigt.
Allzusehr, so die Kritiker, könnten sich Zuschauer noch mit den bizarrsten Gewaltaktionen von D-FENS identifizieren. Wenn er in einen piekfeinen Golfplatz eindringt und dort einen ältlichen Snob so provoziert, daß der mit einem Herzinfarkt zusammenbricht, zeigen die Bilder das erschreckend lustig.
Und nahezu jeder kommt ins Schmunzeln, wenn Douglas, die Maschinenpistole schußbereit, in einem Hamburger-Shop die zitternden Gäste fragt, ob sie nicht auch lieber statt des pappigen Fraßes in ihren Händen jene saftig-prallen Mahlzeiten hätten, die von den Plakaten herunterstrahlten.
Genau das aber ist die Stärke dieses Films: Solange es geht, weckt er Verständnis für den Verzweifelten, der nach einer Weile selbst erkennt, daß er ohne Chance auf Rückkehr, "auf der dunklen Seite des Mondes", jenseits aller Gesetzlichkeit, für vernünftige Argumente unerreichbar ist. Das Stück spiele "mit den übelsten Ängsten des Publikums", tadelte Newsweek - jawohl, eben weil es Einsicht und Nachdenklichkeit, nicht bloß platte Tugendparolen fördern möchte.
Als D-FENS auf seiner Odyssee schließlich in den Laden eines Skinheads gerät, der glaubt, in ihm einen Geistesverwandten zu finden, ihm stolz seine Sammlung schwerer Waffen und eine Nazi-Vernichtungsgasdose zeigt, aber blitzschnell wie ein Tier über seinen Besucher herfällt, als der seinen Abscheu unmißverständlich ausspricht - da wird plötzlich auch dem letzten Zuschauer bewußt, in welch unentrinnbarem Alptraum puren Faustrechts sich der kleine, zermürbte US-Bürger mittlerweile verfangen hat, wie grauenhaft verschwommen die Grenzen von Moral und blankem Terror geworden sind. Ein bitterer, heilsamer, lehrreicher Grundkurs über die Macht der Vorurteile.
Ganz auf Hollywood-Schemata verzichten konnten die Filmemacher jedoch nicht. Zumindest etwas mehr menschliche Wärme war vonnöten. So haben sie ihrer Problemfigur einen Widerpart gegeben: den Polizisten Prendergast (Robert Duvall), der am letzten Tag vor seiner Frühpensionierung in klassischer Einkreisungs-Manier den Fall D-FENS aufklärt.
Auch Prendergast ist ein frustrierter Mittelständler, auch er hätte genügend Gelegenheit zu Wutanfällen: über den gefühllosen Chef, die fiesen Kollegen, seine hysterische Frau. Doch er weiß sich zu beherrschen. Mit Geduld, sogar mit Güte widersteht er den Versuchungen, in Rage zu geraten. Voller Ruhe tritt er am Schluß auch D-FENS gegenüber, der, wie Prendergast inzwischen weiß, ein gefeuerter, nervlich labiler Angestellter aus der Rüstungsindustrie namens Bill Foster ist.
Sicher, das sei die uralte Geschichte von zwei Gegnern, die letztlich nur eine Seele und deren Zwiespalt verkörperten, gibt Regisseur Joel Schumacher zu. "Einen Nerv getroffen" aber haben er und Douglas gewiß, und sie sind stolz darauf. Kaum war ihr Werk, das so gar nicht "politically correct", ja geradezu eine Mustersammlung aller möglichen Rassen- und Klassenverachtung ist, in Los Angeles angelaufen, da fielen auch schon Vertreter diverser Randgruppenvereinigungen über sie her: US-Koreaner, Mexikaner, selbst die arbeitslosen Militärangestellten fühlten sich beleidigt.
"Falling Down" enthalte "unerträgliche ethnische und menschenverachtende Angriffe", erklärte die Filmexpertin Aljean Harmetz in der New York Times; warnend ergänzte die Redaktion später, es gebe darin "viel Gewalt und obszöne Sprache".
"Den letzten großen Streifen der Bush-Ära" nannte eine Kritikerin das Opus und vermißte noch dazu die Antwort auf "die entscheidende Frage: War der Hauptheld seit jeher irre, oder ließ die Gesellschaft ihn durchdrehen?" Worauf ein Kollege erwiderte: ",Falling Down' entläßt sein Publikum nicht durch billigen Trost aus der Verantwortung."
Das stimmt. "Ich bin hier der Böse?" fragt D-FENS zweifelnd und verwundert, wie aus dem Schlaf, als Prendergast ihn schließlich am Ende eines langen Ausflugspiers gestellt hat - welch einfacher Beweis, daß simple Lösungen nach dem Muster von "good guy" und "bad guy" in der Realität stets versagen. So schafft dieses Kinodrama ohne viel künstlerische Brillanz politisch verantwortliches Bewußtsein.
Denn Schumacher und Douglas wollen mit ihrem Film nicht in die Kinohistorie eingehen, sondern aufrütteln und Debatten auslösen - konsequent haben sie ihn darum so populär und simpel wie möglich gehalten. Durch die Medienkontroverse können sie sich nun bestätigt fühlen. "Ich wundere mich ohnehin sehr, daß niemand vor uns diesen Film hat drehen wollen", sagt Schumacher. "Die Probleme gibt es überall in der Welt, aber hier in Los Angeles springen sie uns doch regelrecht ins Gesicht."
Johannes Saltzwedel
Von Johannes Saltzwedel

DER SPIEGEL 22/1993
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