21.09.1992

TheaterEremit in Aspik

Die österreichische Skandal-Autorin Elfriede Jelinek ("Lust") schlägt sich in einem neuen Stück mit Martin Heideggers Geist herum: „Totenauberg“.
Eine merkwürdige Szene, eine peinliche und vielleicht komische: Ein alter Mann ist da zu sehen, der in ein Halte-Gerüst geschnallt oder gefesselt ist und sich daraus freizustrampeln versucht - und eine jüngere Frau steht ihm gegenüber, eine, die ihm offenbar einmal nahestand. Sie wirft ihm in nichtendenwollendem Wortschwall seine Lebensversäumnisse vor, sie verwirft ihn: "Die Zeit hat Sie nun für endgültig fertig erklärt."
Als der Alte sich freigekämpft hat aus seinem bizarr haltgebenden oder hindernden "Gestell", holt er seinerseits zu einer nichtendenwollenden Rede aus, zu einer orakelnden Predigt, die die Natur als das Helle und Wahre und Heile preist, bis er erschöpft zusammensinkt.
Es handelt sich um eine Theaterszene, um die anspruchsvoll strenge und strapaziöse Eröffnung des Schauspiels "Totenauberg" der Österreicherin Elfriede Jelinek, 45, dessen Uraufführung das Wiener Burgtheater am Freitag vergangener Woche in seinem kleinen Haus, dem Akademietheater, gewagt hat. Die kühne Prosa-Stilistin Jelinek fand immer wieder entschiedene Anerkennung, die Dramatikerin Jelinek hingegen, schroff in ihren Forderungen an die Bühne, gilt weder als schauspielernoch als publikumsfreundlich, und sie gibt zu, daß sie das Theater nur in bestimmten Grenzen liebt.
Frühere Dramen, in denen sie etwa Ibsens "Nora" fortdichtete oder Clara Schumann gegen Gabriele d''Annunzio antreten ließ, waren schwer mit klassenkämpferisch-feministischer Ideologie befrachtet, und dem Heimaterfolg ihrer Posse "Burgtheater" schob sie selber einen Riegel vor: Sie verfügte, das Schlüsselstück, das die Burgtheater-Starfamilie Hörbiger-Wessely als Nazi-Günstlinge vorführt, dürfe in Österreich nur am Burgtheater gespielt werden - praktisch also überhaupt nicht: "Ich habe mir da nie Illusionen gemacht."
Das neue Stück, mit dem die gefürchtete Jelinek nun doch in Wien zur Staatstheater-Autorin avanciert ist, macht es den Österreichern, den Schauspielern, den Zuschauern nicht leichter: Wieder kommt es als ideenschweres Schlüsselwerk daher, und es entfaltet seine Themen nicht dramatisch argumentierend in Dialogen, sondern läßt Figur um Figur im Alleingang zu wortmächtiger Selbstdarstellung antreten - ein Drama der reinen und bis ins Groteske exaltierten Rede, die nur gelegentlich von Filmprojektionen oder pantomimischen Hintergrundaktivitäten begleitet wird. _(* Martin Schwab (Alter Mann), Therese ) _(Affolter (Junge Frau). )
Der Titel "Totenauberg" spielt an auf den Todtnauberg im Schwarzwald, wo sich einst in seiner Hütte Martin Heidegger als Skifahrer, Heimatfreund und philosophierender Eremit der Natur nahe fühlte.
Der alte Mann auf der Bühne ist Heideggers theatralischer Wiedergänger. Das Gerüst, von dem er sich losreißt, parodiert die Technologie-Metapher des Gestells aus seinem Spätwerk, und die Frau, die ihm Geschichtsblindheit vorwirft, soll, so erklärt Elfriede Jelinek, an seine Schülerin und Geliebte Hannah Arendt erinnern, die spätere Emigrantin, Politologin, Faschismus-Forscherin ("Die Banalität des Bösen"). Filmbilder von Juden-Deportationen, während Heidegger eine Spielzeug-Eisenbahn aufbaut, führen dieses Motiv theatralisch fort.
Doch Elfriede Jelineks Sache ist nicht der Exkurs ins Philosophiegeschichtliche. Ihr Stück, in seinem rabiaten Pathos sehr anders als all ihre früheren, redet von der Natur: von ihrer realen Verschandelung, Ausbeutung, Vernichtung wie von ihrer ideologischen Verklärung durch reinheits- und fruchtbarkeitsbegeisterte Öko-Schwärmer, als deren Prophet der "faschistoide" Heidegger in Anspruch genommen wird.
Neben den Philosophen und seine Gegenspielerin treten Kontrastfiguren: auf der einen Seite eine junge Frau mit Baby, Fremdenhasserin, inbrünstige Mutterschafts-Predigerin, ihres Kindes "Sennerin" und "Megamagd", die von Elite tönt ("Nur wertvolle Frauen können der Welt auch etwas schenken"), auf der anderen Seite ein "Gamsbärtler"-Paar, das zur Natur die Beziehung eines Zuhälters zu seiner Dirne hat, also Fremdenverkehrs-Profitmacher: "Wir sind der markierte Wander-Weg, die Wahrheit und das Leben."
Die bestgehaßte Idealkundschaft dieser Heimatvermarkter - darin gipfelt die Groteske des Stückes - sind die in die Alpen vordringenden "Menschenschlangen" aus dem bankrotten Ostblock, diese "Scheusale", diese "mittelmäßigen Mittellosen", die mit untauglichem Schuhwerk auf Gipfel kraxeln und folglich scharenweise abstürzen: Die Gamsbärtler fressen sie in zufriedener Schadenfreude auf.
Was in solchen Bildern theatralisch wütet, ist die Komik der Verzweiflung: "Totenauberg" hat Züge eines Requiems, es läßt - als gingen Geschichte und Natur aneinander zugrunde - kaum noch ein moralisches Überlebensrecht gelten, es begräbt Mensch und Welt und Umweltschutz-Gejammer auf einen Streich, und auch die Autorin selbst. "Ich weiß, daß jetzt alles aus und im Arsch ist", sagt sie in einem Interview.
Im Wiener Akademietheater riskiert der Regisseur Manfred Karge - mit Martin Schwab, dem wunderbaren Unglücksmenschen-Darsteller der Peymann-Truppe als Heidegger - eine Drei-Stunden-Aufführung, die ganz der Dynamik und Überredungskraft des Textes vertraut. Ein seltener Konzentrationsakt, für Akteure wie Zuhörer, bleibt es allemal: Das Theater macht die Figuren noch einmal lebendig, die für die Autorin schon tot sind, liquidiert, abschreckend schaurig zur Schau präpariert, "wie Aspik".
* Martin Schwab (Alter Mann), Therese Affolter (Junge Frau).

DER SPIEGEL 39/1992
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