Im Herbst 1989 war der Münchner Medizinprofessor Niels Franke mit seinen Kräften am Ende. Er sah Doppelbilder, die Haut fühlte sich pelzig an. Jeder Schritt fiel ihm schwer, die Beine waren wie Blei. "Manchmal konnte ich nachts nicht mehr aufrecht zur Toilette gehen", erinnert sich Franke, "ich mußte kriechen und mich am Waschbecken hochziehen."
An seiner Arbeitsstätte, dem Klinikum Großhadern, war der damals 42jährige Narkosefacharzt außer Gefecht gesetzt; er konnte weder mit dem Hubschrauber zu Notfalleinsätzen ausschwärmen noch im OP die Anästhesie besorgen. Depressiv verbrachte er seine Tage, nur mit einem Gedanken beschäftigt: "Diese verfluchte MS!"
MS, Alltagskürzel für das Nervenleiden Multiple Sklerose, ist für fast 100 000 deutsche Patienten und ihre Angehörigen ein Schreckenswort. Die verbreitetste neurologische Krankheit verläuft chronisch, meist über Jahrzehnte; ihre Entstehung ist umstritten; ein Heilmittel ist nicht bekannt.
Das könnte jetzt anders werden. Denn in seinen dunkelsten Tagen entschloß sich Mediziner Franke zu einem heroischen Selbstversuch: Fünf Tage lang ließ er sich auf der Intensivstation eine Aufschwemmung des japanischen Bazillen-Präparats Deoxyspergualin (DSG) in die Blutbahn laufen. Seither ist Franke ein neuer Mensch.
Die meisten der quälenden Symptome sind verschwunden. Er kann wieder laufen. Die bleierne Müdigkeit ist besiegt, verschwunden sind das pelzige Gefühl und die Depression. Darm und Harnblase gehorchen wieder dem Willen. Franke: "Eine revolutionäre Änderung, ganz unglaublich. Die Heilungsphase hält noch immer an." Von Monat zu Monat spürt er leichte Verbesserungen. Einem MS-kranken Rechtsanwalt, den Franke mit DSG verarztet hat, geht es genauso.
Nur: Bisher sind die beiden Patienten die einzigen MS-Kranken auf der Welt, denen DSG geholfen hat. Bis jetzt hat man nirgends gewagt, die Franke-Therapie zu wiederholen.
In keinem Land der Erde gibt es DSG legal zu kaufen. Der Hauptgrund: Das japanische Bazillen-Präparat, schon 1982 von dem Wissenschaftler H. Iwasawa destilliert, hat die Erwartungen seines Entdeckers nicht erfüllt. DSG war zur Dämpfung der Abwehrreaktionen nach Organspenden gedacht, keineswegs zur Behandlung des Nervenleidens Multiple Sklerose.
Auf die Idee, die fernöstliche Novität gegen MS auszuprobieren, war Franke aufgrund wissenschaftlicher Überlegungen gekommen. Wie die meisten Ärzte vermutet auch er, daß MS eine sogenannte Autoimmunkrankheit ist: Bestimmte weiße Blutkörperchen, die Lymphozyten, sonst im Einsatz gegen körperfremdes Material wie Bakterien oder auch Spenderorgane, wenden sich bei den Autoimmunkrankheiten aus unbekannten Gründen gegen den eigenen Körper.
Beim Nervenleiden MS attackieren die Lymphozyten die weiße, fettartige Umhüllung der Nervenfasern, das Myelin. Geht es verloren, kommt es gleichsam zu Kurzschlüssen in Gehirn und Rückenmark. Experimentator Franke: "Ich will, daß meine Lymphozyten mein Gehirn tolerieren."
Dank DSG scheint das gelungen. Denn die japanische Substanz wirkt als "Immunmodulator". Auf bisher noch unbekannte Weise bringt sie es laut Franke - häufig, aber nicht immer - zustande, daß ihre einmalige Anwendung das Immunsystem völlig umstimmt: Die abwehrbereiten Lymphozyten akzeptieren nach der Behandlung, so die Annahme, fremdes Gewebe, als sei es körpereigen. Mit Hilfe von DSG konnten Mediziner Nieren zwischen Hund und Affe tauschen - mit Erfolg.
DSG scheint jedoch zwei gravierende Nachteile zu haben: Es wirkt keineswegs bei allen Transplantationspatienten, und die Nebenwirkungen sind oft beträchtlich, jedenfalls im Tierversuch. Dort liegen die wirksame und die schon tödliche Dosis nur wenig auseinander. Beim Menschen, versichert Franke, sei das besser: Er hat sich 3 Milligramm DSG pro Kilogramm Körpergewicht und Tag infundieren lassen; die angenommene tödliche Dosis liegt bei 14 Milligramm pro Kilogramm.
Während der Behandlung kam es zu einem starken Abfall der weißen
Blutkörperchen - von Franke als Zeichen für die Wirksamkeit der
DSG-Therapie gedeutet. Um nicht in die kopfstarke Mannschaft der
Para-Mediziner und Scharlatane eingereiht zu werden, die mit den
MS-Patienten seit jeher gute Geschäfte machen, nennt der Münchner
Professor selbstkritisch drei Einwände gegen seine DSG-Behandlung:
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Die theoretischen Annahmen über die Multiple Sklerose
als Autoimmunkrankheit "können richtig oder falsch
sein".
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Daß DSG geholfen hat, könne "Zufall sein", jedenfalls
handele es sich im streng wissenschaftlichen Sinn noch
nicht um einen Beweis.
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Verträglichkeit und Langzeitfolgen des hochwirksamen
Medikaments seien noch nicht überprüft.
Entsprechende Versuchsreihen sollen spätestens in diesem Frühsommer beginnen. Die europäischen Lizenznehmer des japanischen Produzenten Nippon Kayaku, die angesehenen Marburger Behringwerke, bereiten eine "orientierende Wirksamkeitsstudie" vor: 100 MS-Patienten, unter anderem aus Deutschland und Frankreich, sollen mit DSG behandelt und 15 Monate lang nachbeobachtet werden.
So wollen die Forscher die Suggestiveffekte reduzieren, die zwar bei jeder Behandlung mitspielen, bei dem chronischen Nervenleiden MS die korrekte Beurteilung einer Therapie jedoch besonders erschweren. Anfang nächsten Jahres sollen die ersten Zwischenergebnisse mitgeteilt werden.
Initiator Franke findet, daß die Zeit drängt. "In der Medizin", sagt der Professor, "steht der leidende Mensch vor dem Erkenntnisgewinn."
Weil der Münchner in seiner Brust die Seelen des Wissenschaftlers und des chronisch Kranken vereint, zieht er sein DSG-Fazit nicht allein mit dem kühlen Kopf des Gelehrten. Franke: "Im Herzen weiß ich, daß DSG hilft." Zum Jahresende wird die Droge in Japan erstmals käuflich sein, als Medikament für Empfänger einer überpflanzten Niere.
DER SPIEGEL 13/1992
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