15.03.1993

PhilosophieAngriff aus der Nische

Ein Klagenfurter Philosoph empfiehlt seinen Kollegen eine Radikalkur: Er schlägt vor, die Wahrheit abzuschaffen.
In Sepp Mitterers Wiener Wohn- und Arbeitszimmer steht ein Satyr. Grinsend begrüßt der ungeschlachte, bocksfüßige Holz-Lulatsch jeden Gast. Seinem Besitzer lugt er sogar permanent auf den Schreibtisch.
"Ganz schön, nicht?" stellt der Philosoph das hüfthohe Schnitzwerk vor. Mit keinem Blick verrät er, ob ihn der wilde Waldgott nun erheitert oder nachdenklich stimmt. Ein wenig verwandt aber mag er sich ihm schon fühlen. Die Mehrzahl seiner Gesprächspartner zumindest hält für verschroben, was der aus Tirol gebürtige und in Klagenfurt lehrende Individualist im Geiste plant: Mitterer, 44, möchte schlicht und einfach die Wahrheit loswerden.
Wie bitte? Nein, nicht bloß die Wahrheit über, zum Beispiel, Kaffeehäuser. Daß es davon in Wien kaum echte gibt, aber haufenweise Nepp-Etablissements mit künstlichem Charme, weiß Mitterer nur zu genau. Ihm geht es um Wahrheit schlechthin - Wahrheit als philosophischen Begriff. In seinem ersten Buch tut der so gar nicht typische Akademiker alles, um das Wirkliche, Echte und Reale als Unsinn, als eingebildetes "Jenseits der Philosophie" zu entlarven*.
Jenseits, damit meint Mitterer: außerhalb der Diskussion, unantastbar. Denn etwas wahr zu nennen, behauptet der Sprach-Radikalist, sei eigentlich stets ein Trick gewesen, um Debatten-Gegner auszuschalten. Darum habe seit Anbeginn so gut wie jeder Denker verkündet, daß niemand außer ihm selbst dem wirklichen, objektiven, wahren Zusammenhang und Sinn der Welt auf die Spur gekommen sei.
Die herben Alltagsfolgen dieser Überzeugung hat Mitterer ausgiebig studiert: Geld zum Leben und Denken verdiente sich der gewitzte Schuhmachersohn jahrzehntelang als Reiseleiter und -organisator. Die Welt der Tatsachen kennt er seither besser als die meisten Zunftgenossen, und nebenbei konnte er Volkes Stimme lauschen. "Ich habe mit vielen Leuten versucht zu philosophieren", sagt er verständnisvoll. "Mit amerikanischen Busfahrern zum Beispiel."
Was ihm dabei widerfuhr - Beschwerden, daß man in jedem Land eine neue Währung brauche, oder Anfragen, ob Napoleon eigentlich noch immer Frankreich regiere -, findet der Weltsichten-Feldforscher keineswegs lächerlich: Auch in diesen Fragen stecke jenes Bedürfnis nach Objektivität, das Denker erst so richtig gezüchtet hätten. Leider nur wisse niemand genau, "wie die Wirklichkeit in Wirklichkeit ausschaut".
Gerade solcher Sätze wegen hat es der höfliche, aber konsequent subversive Österreicher im Universitätsbetrieb bislang nur zum geduldeten Außenseiter gebracht. Doch Ruhm reizt ihn sowieso nicht. Und in einem Land, wo 1981 eine einzige Philosophie-Assistentur "durch Selbstmord ihres Inhabers" frei geworden sei, müsse er über seinen bescheidenen, _(* Josef Mitterer: "Das Jenseits der ) _(Philosophie. Wider das dualistische ) _(Erkenntnisprinzip". Passagen Verlag, ) _(Wien; 152 Seiten; 32,80 Mark. ) jetzt auch noch durch eine Uni-Reform bedrohten Klagenfurter Posten allemal frohlocken.
Außerdem huldigt er durch sein Nischendasein einer illustren Tradition: Jene Wiener Denker, als deren Fortsetzer er sich fühlt - von Ludwig Wittgenstein bis Paul Feyerabend -, wollten mit akademischem Trott nie viel zu tun haben.
Schon früh, als er in der Schule vom Links- zum Rechtshänder umerzogen wurde, hatte sein Eigensinn rebelliert. Da ihm kein Numerus clausus drohte, gönnte er sich beim Abitur den Spaß, in möglichst allen Fächern das Erfolgsminimum, die Note Vier, anzupeilen. Und aus Anlaß seines ersten philosophischen Aufsatzes (natürlich über die Wahrheitsfrage) schrieb Mitterer in einen Kurz-Lebenslauf: "Veröffentlichungen: keine". Lustvolle Verweigerung als Programm.
Seine kongreßbeflissenen Kollegen betrachtet er ironisch kühl: "Es spielt halt jeder sein Spiel." Also dürfe er auch sein eigenes spielen, sosehr es stören könnte. Denn in seinem Plädoyer "wider das dualistische Erkenntnisprinzip" treibt Mitterer das Aussteigertum auf die Spitze: Er fordert nichts Geringeres als die Aufhebung der Grenze zwischen Worten und Dingen.
Ein Objekt, um das es gehe (ein Tisch etwa), und der Name dafür ("Tisch") seien untrennbare Seiten derselben Medaille. Gebe es Streit, ob der Tisch blau oder rot sei, interessiere ihn daran nur, wie am Ende Einigkeit hergestellt werde. Denn alles, was sich Wahrheitsfindung nenne - zum Beispiel, wenn buntes Papier als Vergleich neben den Tisch gehalten werde -, sei, so Mitterer, im Grunde nur ein "Weitergehen auf neue Beschreibungen". Einen Rückweg zur Wahrheit gebe es nicht.
"Solange wir alle einer Meinung sind und in die gleiche Richtung denken", erläutert er, "ist es egal, ob wir Realisten oder Idealisten sind." Erst bei Konflikten werde Philosophie interessant. Regelmäßig kämen dann Wahrheitstheorien zum Zuge, Rechthabe-Strategien, die letztlich nichts weiter seien als eine "erkenntnistheoretische Verschleierung des Faustrechts".
Aufmüpfige Bonmots dieser Art sind Mitterers Stolz, obgleich seine Attacken ihn nicht beliebter machen. Zwar hofft er, "Verkrustungen aufzubrechen", aber Katheder-Philosophen fühlen sich von seiner Tabula-rasa-Taktik eher verunsichert. Denn was Mitterer anstrebt, zerstört die Hoffnung auf sichere Denkfundamente gleich im Ansatz.
Nicht allein den unerbittlichen Analytiker Wittgenstein glaubt er als heimlichen Wahrheitsapostel überführt zu haben. Sogar heutigen Denkern, die großzügig genug sind, verschiedene Welten, Wirklichkeiten und Wahrheiten nebeneinander zu erlauben, rechnet Mitterer vor, daß dann jede Teilwahrheit brav im eigenen Separee hocken bleiben müsse - weil andernfalls eben doch Chaos entstünde. Keck und klar nennt er solch angeblich liberalen Relativismus eine "philosophische Variante der Apartheidpolitik".
Noch am ehesten kann er Konstruktivisten wie Humberto Maturana oder Paul Watzlawick ("Wie wirklich ist die Wirklichkeit?") zustimmen. Mitterer teilt deren Ansicht, daß "auch die Objekte der Erkenntnis selbstfabriziert" seien. Aber ihm genügt sie nicht. Letztlich, darauf beharrt er, gelangten auch die Konstruktivisten wieder zu einer Wahrheit unter Vorbehalt zurück. Und das sei doch nur eine halbherzige Lösung.
Mitterer will aufs Ganze gehen. Er möchte mit seiner These, daß zwischen Ding und Name, zwischen Tisch und "Tisch" kein absoluter Unterschied bestehe, den Blick der Philosophen insgesamt umkehren: fort vom geheiligt wahren Status quo, hin auf den dauernden Wandel der Perspektiven. Ginge es nach ihm, müßte man die abgelagerten Erkenntnisse immer neu umgraben: "Wie verfestigt sich etwas, bis es Gegenstand heißt, so daß es am Ende wirklich der Sprache entgegen steht?"
Fangfragen wie die, ob seine Behauptungen eigentlich wahr seien, weist er gelassen ab - ja er hofft, "daß jemand einmal auch meinen blinden Fleck sichtbar macht". Ein privates Wahrheitsreservat wird er sich sowieso nicht einrichten können: Das widerspräche allem, was er von der Philosophie fordert. Gerade die gewöhnliche "Beschränkung auf das Gegebene" möchte er schließlich abschütteln - auch für sich selbst.
Wohin ihn dieser Weg führen wird? Seinen Studenten in Klagenfurt demonstriert er mit Vorliebe, wie die ewige, vergebliche Suche nach Wahrheit pausenlos als Vorwand für Machtspiele herhalten muß: an der Börse etwa, wo es um den wahren Wert von Waren geht, oder auf Konzilien, die die angeblich wahre Religionslehre festlegen. Beinahe entrüstet sagt er dann: "Statt Richter zu spielen, sollten wir handeln."
Ehrlich klingt das - und doch ein bißchen angestrengt. Mitterer weiß es. Sein Lehrer und Mentor Paul Feyerabend ("Wider den Methodenzwang") hat ihn einmal freundschaftlich gewarnt: "Sie nehmen die Sache immer noch zu ernst." Deshalb also hat sich Sepp Mitterer den feixenden Holz-Satyr ins Wohnzimmer geholt.
* Josef Mitterer: "Das Jenseits der Philosophie. Wider das dualistische Erkenntnisprinzip". Passagen Verlag, Wien; 152 Seiten; 32,80 Mark.

DER SPIEGEL 11/1993
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