06.09.1993

ChileErstickende Atmosphäre

Trotz Wirtschaftsboom und Demokratie ist das Trauma des Putsches vor 20 Jahren nicht überwunden. Ex-Diktator Pinochet wacht wie ein böser Geist über das Land.
Im Hinterzimmer eines Gemeindehauses von Santiago liegen elf alte Damen und hungern. Sie haben sich verblichene, unscharfe Schwarzweißfotos um den Hals gehängt. An der Wand ein Plakat mit der beklemmenden Frage, die sich alle Mütter von Lateinamerikas "desaparecidos" stellen - jenen Menschen, die in den Jahrzehnten der Militärherrschaft spurlos verschwanden: Donde estan - wo sind sie?
Fünf Tage im August dauert der Hungerstreik von Angehörigen der etwa 850 Chilenen, die während der Diktatur von Soldaten ergriffen wurden und deren Schicksal ungeklärt ist.
Ein paar Journalisten schauen vorbei, der Generalsekretär der Sozialisten stattet einen Pflichtbesuch ab, das Interesse bleibt matt.
Frustriert brechen die geschwächten Frauen ihr Matratzenlager schließlich ab. Gerechtigkeit wird es für sie nicht geben.
Einige Tage zuvor hatten gereizte Carabineros die Mütter mit Knüppeln auseinandergetrieben, als sie vor dem Regierungspalast gegen eine Ansprache von Präsident Patricio Aylwin protestierten. Im Fernsehen hatte das Staatsoberhaupt Linderung für ihren Schmerz versprochen: Binnen zwei Jahren sollen 10 bis 15 Sonderrichter alle noch anstehenden Untersuchungen gegen Angehörige der Streitkräfte abschließen, die gegen die Menschenrechte verstoßen haben.
Die Opfer empfanden die Zusage als Hohn, denn den Soldaten sichert die Regierung Anonymität zu. Vor Sühne für ihre Schuld brauchen sich die Militärs sowieso nicht zu fürchten: Schon 1978 hatte Ex-Diktator Pinochet vorsorglich eine Amnestie für seine Truppen erlassen.
Insgesamt, so ermittelte eine Regierungskommission vor zwei Jahren, wurden in 16 Jahren mindestens 2279 Menschen ermordet.
Mit der sogenannten Lex Aylwin hofft der Präsident nun, doch noch Aufklärung über den Verbleib der Verschwundenen zu erhalten. Für die Angehörigen kommt der Erlaß indes einem "Schlußstrich unter die Vergangenheit" gleich, klagt ihre Sprecherin Sola Sierra: "Aylwin hat akzeptiert, daß alle Folterer und Mörder der Diktatur straflos ausgehen."
Von offizieller Stelle werden die Angehörigen nie erfahren, wer ihre Väter, Brüder, Schwestern, Söhne und Töchter verschleppt hat. Vorletztes Wochenende offenbarte ein Marineoffizier immerhin den Standort dreier Massengräber mit insgesamt 100 Leichen.
Dennoch loben fast alle Politiker Präsident Aylwin für sein geschicktes Taktieren in der brisanten Menschenrechtsfrage. Dabei wissen auch sie, was Sola Sierra offen ausspricht: "Aylwin redet erst mit Pinochet - und dann zum Volk."
Der Präsident handelte seine Kompromißformel in mehreren Treffen mit dem Ex-Diktator aus. Als Chef des Heeres regiert Pinochet bis 1997 mit - so hat er es in der Verfassung festschreiben lassen, bevor er vor dreieinhalb Jahren das Präsidentenamt an den Christdemokraten Aylwin übergab.
Und noch immer, wenn die Zivilisten das Militär bedrängen, läßt der Oberbefehlshaber die Politiker seine Macht spüren - zuletzt Ende Mai, als ein lange schwelender Korruptionsskandal um seinen Sohn neu aufzuflammen drohte. Während Aylwin Europa besuchte, schickte Pinochet Truppen in Kampfmontur und Kriegsbemalung auf die Straßen von Santiago - zu "Übungszwecken".
Jetzt steht dem Präsidenten eine neue Kraftprobe bevor: Am 11. September ist es genau 20 Jahre her, daß Pinochet die Panzer gegen den sozialistischen Präsidenten Salvador Allende rollen ließ. Der General und die Streitkräfte möchten das Jubiläum mit einer großen Militärparade würdigen.
Die Regierung beharrt demgegenüber darauf, daß der 11. September ein normaler Werktag zu sein habe. Ein erneutes Säbelrasseln würde die nationale Versöhnung gefährden.
Wann wird Chile endlich eine volle Demokratie? "Wir haben gedacht, daß die Übergangszeit abgeschlossen sei", bekennt Regierungssprecher Eugenio Tironi. "Aber jetzt muß ich einräumen, daß es länger dauern wird." Wohl vergeblich hoffen die Politiker, daß auch Pinochet, 77, seinen Abschied nehmen wird, wenn Präsident Aylwin, 74, im März 1994 aus dem Amt scheidet.
Eine erstickende Atmosphäre hat sich durch den erzwungenen Konsens zwischen Militär und Zivilregierung über das Land gelegt. Schon jetzt steht der Sieger der Präsidentschaftswahlen im Dezember nahezu zweifelsfrei fest: Eduardo Frei, der christdemokratische Kandidat der Koalition "Concertacion" aus Sozialisten und Christdemokraten, liegt in allen Umfragen weit vorn.
Frei steht für Kontinuität - er verspricht, die Politik des Ausgleichs von Aylwin fortzuführen. Der Senator ist ein spröder Technokrat, nicht einmal zu seinen Gegnern fällt ihm ein böses Wort ein. Sein gleichnamiger Vater war der letzte bürgerliche Präsident vor Allende.
Im Exil wechselten Sozialisten und Christdemokraten die Straßenseite, wenn sie sich begegneten - so groß war der Haß zwischen den Linken und den als Steigbügelhalter der Militärs verschrienen Bürgerlichen.
Jetzt herrscht emotionslose Eintracht. Viele einstige Anhänger Allendes haben es sich heute auf Regierungsposten behaglich eingerichtet.
Sozialisten und Christdemokraten rühmen sich gemeinsam, die Väter des "lateinamerikanischen Tigers" zu sein, wie sie den wirtschaftlich boomenden Pazifikstaat gern nennen. Kein anderes lateinamerikanisches Land hat in den vergangenen Jahren einen vergleichbaren Aufschwung erlebt. Die Auslandsinvestitionen fließen, die Inflation (im vorigen Jahr 12,7 Prozent) ist unter Kontrolle. Chile könnte als erstes lateinamerikanisches Land den Aufstieg in die Erste Welt schaffen, sagen Wirtschaftsexperten voraus.
In Santiago wuchern die Apartmentblocks der Mittelschicht wie in anderen lateinamerikanischen Ländern die Elendsviertel. Ein Wald von Baukränen verstellt den Blick auf die Kordilleren, prächtige Einkaufszentren wachsen überall aus dem Boden.
Nur verschämt räumen die Politiker ein, wer den Grundstein für den wirtschaftlichen Erfolg gelegt hat: Diktator Pinochet.
Mit einem ultraliberalen Ökonomen-Team aus Chicago und einer strikten Geldmengenbegrenzung hatte der General die chilenische Volkswirtschaft angekurbelt, er privatisierte Staatsbetriebe und senkte die Importbarrieren. Die Regierung von Präsident Aylwin führte die Wirtschaftspolitik der Diktatur im wesentlichen unverändert fort - mit einem wichtigen Unterschied: "Wir bekämpfen die Armut", so Finanzminister Alejandro Foxley, "den Militärs war das Elend egal."
Von 5,2 auf 4,2 Millionen sei die Anzahl der Armen gefallen, sagt Foxley. Als arm gilt eine vierköpfige Familie, wenn sie im Monat weniger als 80 000 Pesos verdient, etwa 340 Mark. Das ist immer noch ein Drittel der 13 Millionen Chilenen.
Im Zentrum von Santiago sammeln sich abends die Bettler, darunter viele alte Frauen und Kinder. Siebenjährige schuften in den Kohleminen von Lota, der ärmsten Region Chiles. Zehntausende wohnen nach wie vor in Bretterhütten. Nur sind die Armen nicht mehr so kämpferisch wie unter Allende.
"Unter der Diktatur gab es mehr Solidarität", sagt Olga Cortez, 72, ehemals die Leiterin einer Volksküche für Arme. "Jetzt kämpft jeder nur noch für sich."
Auch zurückgekehrte Exilanten beklagen die neue Rücksichtslosigkeit und den hemmungslosen Konsumrausch in ihrer alten Heimat. Die Reichen, die sich in Chile früher immer viel diskreter gaben als in anderen Ländern Lateinamerikas, stellen die Symbole des neuen Wohlstands jetzt unverhüllt zur Schau.
"Ich erkenne mein geliebtes Santiago nicht wieder", klagt Manfred Max-Neef. Der deutschstämmige Wirtschaftsprofessor kandidiert bei den Präsidentschaftswahlen für all jene, die mit dem "Modell Chile" und seinen Parteien unzufrieden sind. Er warnt vor dem Preis, den Chile für seinen Aufschwung entrichtet: "Wir beuten die natürlichen Ressourcen rücksichtslos aus."
Im Süden holzen japanische Firmen die Wälder ab, an den Stränden warnen Schilder vor dem Baden im verschmutzten Meer. Der Smog in Santiago ist so schlimm, daß viele Menschen Atemschutzmasken anlegen.
Chiles Wirtschaft hängt fast völlig vom Export ab. Noch trägt die Nachfrage den Boom, aber die Angst vor einer Rezession wächst. Der Kupferpreis, das wichtigste Barometer der chilenischen Wirtschaft, sinkt. In der Obstbauregion südlich von Santiago verfaulen die Kiwis am Strauch: Der Fruchtexport leidet unter Importrestriktionen der Europäischen Gemeinschaft und dem Verfall der Preise.
Nach den Turbulenzen der vergangenen Jahre wünschen sich die Chilenen vor allem eines: eine sanfte Landung. Y
[Grafiktext]
_180_ Chile: Arbeitslose
_____ Chile: Bruttosozialprodukt
_____ Chile: Handelsbilanz
_____ Chile: Inflation
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 36/1993
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