28.09.1992

„Ein Exitus könnte uns nur recht sein“

Am 25. März 1980 erschien in westdeutschen Tageszeitungen ein kurzer Bericht über ein rund zwei Wochen zurückliegendes Ereignis in der DDR. Die Berliner Morgenpost schrieb: "Auf ein Denkmal der sowjetischen Armee in Chemnitz (Karl-Marx-Stadt) ist in der Nacht vom 9. zum 10. März ein Sprengstoffanschlag verübt worden."
Die Welt fügte hinzu, daß "noch in der gleichen Nacht zahlreiche Handwerker mit der umgehenden Beseitigung der Schäden beauftragt worden" seien.
Allzuviel war nicht passiert - ein paar zerborstene Fensterscheiben, verstreute Metallsplitter. Am Denkmal selbst, einem Weltkriegspanzer vom Typ T-34, war die linke Kette abgeplatzt, außerdem hatte die Detonation eine rostige Laufrolle 50 Meter weit ins Gelände der Volkspolizei katapultiert. Es gab keine Verletzten.
Dennoch versetzte der Anschlag das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) in höchste Aufregung: Eine solche Provokation war den Staatsschützern der DDR noch nie untergekommen.
Das Attentat traf ein geheiligtes Symbol. "Es handelt sich nicht schlechthin um ein Panzerdenkmal", berichtete _(* 1992 vor dem sowjetischen Ehrenmal in ) _(Chemnitz. ) MfS-Bezirkschef Siegfried Gehlert seinem Minister Erich Mielke, "sondern um den ,Siegespanzer'' in Karl-Marx-Stadt."
Es handelte sich auch nicht um irgendeine Stadt, sondern um den politischen Stammsitz Erich Honeckers, in dem sich der SED-Chef alle fünf Jahre mit Traumergebnissen in die Volkskammer wählen ließ.
Mielkes Fahnder suchten den Panzersprenger monatelang vergebens. Der Minister tobte. Systematisch wurden alle Anwohner rund um das Denkmal ausgehorcht und verhört, jeder Wald der Umgebung wurde durchkämmt, jeder Verdächtige observiert. Der ehemalige Stasi-Oberstleutnant Eberhard Böttcher, 55, erinnert sich: "Wir waren Tag und Nacht im Einsatz, so eine Fahndungsmaßnahme hat es in der DDR sonst nie gegeben."
Erst fünf Monate nach der Tat konnte das MfS Erfolg melden: Am 18. August wurden der DDR-Bürger Josef Kneifel und seine Ehefrau Irmgard, wohnhaft in Niederlichtenau bei Karl-Marx-Stadt, verhaftet.
Damit begann ein brutaler Leidensweg durch den realsozialistischen Strafvollzug. Wie das SED-Regime mit Kneifel umsprang, ist selbst für die harten Gebräuche in ostdeutschen Knästen ungewöhnlich - und entlarvend für die Unmenschlichkeit des Systems. Kneifel war kein gefährlicher Opponent, sondern nur ein schwieriger Einzelgänger.
Bei seiner Festnahme half der Stasi die Technik. Irmgard Kneifel, von ihrem Mann in die Attentatspläne eingeweiht, hatte ihren Sohn aus erster Ehe ins Vertrauen gezogen. Der, engagierter Christ, erleichterte sein Gewissen bei einem Pfarrer in Karl-Marx-Stadt. Den trieb dieses Wissen ebenfalls um; unter vier Augen fragte er seinen Vorgesetzten, Superintendent Christof Magirius, ob er als Pfarrer strafbare Handlungen anzeigen müsse. Die Stasi hörte mit und übernahm die Sache. _(* An einer Zellenwand in Bautzen I. )
Am 16. März 1981 verurteilte das Bezirksgericht Karl-Marx-Stadt Josef Kneifel zu lebenslanger Haft. Doch nun fingen die Probleme der DDR mit ihrem Bürger Kneifel erst an.
Der Häftling widersetzte sich allen Regeln. Er schrie, er riß sich die Sträflingskleidung vom Leib, er schrieb höhnische Parolen an die Zellenwände, er bespritzte die Aufseher mit Blut oder Urin oder einer Mischung aus beidem.
Einen Gegner wie Josef Kneifel hatte die DDR nur einmal.
Dabei hatte der Dissident, Jahrgang 1942, als überzeugter Sozialist begonnen. Mit 17 fegt der Volkspolizeihelfer Kneifel durch sächsische Dörfer, um den Widerstand der Bauern gegen die Kollektivierung zu brechen. Aus glühender Überzeugung bewirbt er sich nach einer Fleischerlehre 1960 beim MfS-Wachregiment "Felix Dserschinski". Wegen einer Nierenschwäche wird er abgelehnt.
Innerhalb von zwei Jahren wandelt er sich zu einem erbitterten Antikommunisten. Die Motive bleiben dunkel. Als er vom Hitler-Stalin-Pakt erfahren habe, der in der frühen DDR totgeschwiegen wurde, sagt Kneifel, sei er stutzig geworden. "Eine Lüge nach der anderen" habe er von da an durchschaut. Der Hang des Eigenbrötlers zum Widerspruch gegen die Obrigkeit nimmt schließlich zwanghafte Formen an.
Kneifel fällt rasch auf durch Wahlabstinenz, kritische Äußerungen und drei Ausreiseanträge. Im Mai 1975 hält die MfS-Kreisdienststelle Karl-Marx-Stadt seine Übersiedlung für geboten ("verfestigter negativer Standpunkt . . . versucht sogar, andere Personen zu beeinflussen").
Doch da ist es schon zu spät: Kneifel sitzt zum erstenmal in Haft.
Der Mann ist nach einigen forschen Äußerungen im Betrieb denunziert worden. Wegen "mehrfacher Staatsverleumdung in der Öffentlichkeit" muß er für zehn Monate in den Bau.
Der 32jährige Josef Kneifel empfindet die Haft als eine einzige große Demütigung. Er duldet, daß er als Krimineller behandelt wird, läßt sich filzen und anschreien. Das verzeiht er sich nicht.
Nach seiner Entlassung wird er Nacht für Nacht von Alpträumen gequält. Um sich davon zu befreien, beginnt er im Dezember 1977 mit den Vorbereitungen des Anschlags. Als guter Explosivstoff erweist sich, wie die Stasi später protokolliert, eine Mixtur "bestehend aus dem Unkrautvertilgungsmittel ,Wegerein K'', aus Staubzucker und Schwefel".
Der Lebenslängliche Kneifel provoziert bis zum Äußersten. Den Kampf des eisernen Opponenten gegen den verhaßten Staat DDR dokumentiert die rund 8000 Seiten umfassende MfS-Akte des Mannes, der seit 1972 "operativ überwacht" worden ist, zunächst als "Vorgang 1000/68", später unter den Kodenamen "Zange" und "Panzer".
Daß Kneifel die Torturen überlebt, verdankt er nach eigener Einschätzung vor allem seiner Ehefrau. Irmgard Kneifel, die 1981 wegen "Nichtanzeigen einer Straftat" zu zwei Jahren Haft verurteilt wurde und im berüchtigten Frauenknast Hoheneck einsaß, läßt sich auch durch ausgeklügelte "politisch-operative Maßnahmen (Deckname: ,Saturn'')" nicht beirren.
Mal soll ihr erster Ehemann auf sie angesetzt werden, "den die Kneifel immer noch lieben und in sexueller Hinsicht annehmen würde"; mal bemüht sich die Stasi um "Beweise gemäß dem Tatbestand des Paragraphen 219 StGB (,Ungesetzliche Verbindungsaufnahme'' -Red.), in deren Ergebnis Haftgrundlagen zu schaffen sind".
Die Ausspionierte ahnt davon nur wenig. Sie konzentriert sich ganz auf ihren inhaftierten Mann, den sie alle paar Monate bei einem kurzen "Sprecher" (MfS-Jargon) zu Gesicht bekommt. Beharrlich fordert sie bessere Haftbedingungen, beschwert sich beim DDR-Generalstaatsanwalt, spricht mit Kirchenleuten, wendet sich an Sowjetdiplomaten.
Die Stasi sieht zu und ärgert sich. Denn "die Aktivitäten der Kneifel" bewirken genau das, was zu verhindern Ziel aller Kontrolle war: Der Fall Kneifel wird bekannt.
Die Angst des Staates vor der Öffentlichkeit zieht sich durch die Akte wie ein Leitmotiv. Schon in der ersten Handreichung für die Justiz weisen die MfS-Offiziere vor allem auf "Schwere und Öffentlichkeitswirksamkeit" des Bombenanschlags hin. In einer MfS-Bilanz nach Kneifels erstem Haftjahr heißt es einleitend: "Im operativen Material wird der Strafgefangene . . . mit dem Ziel unter Kontrolle gehalten, erneuten feindlichnegativen Handlungen des K. wirksam vorzubeugen, insbesondere einen Informationsabfluß aus der Strafvollzugseinrichtung zu verhindern." Und weiter: "Ein Kontakt zu anderen Strafgefangenen ist zu unterbinden."
Kneifel allerdings fügt sich um so weniger, je rigider er kontrolliert werden soll. Die Stasi steckt in einem Dilemma. Läßt sie ihn gewähren, macht er Mitgefangene und Bewacher rebellisch. Geht sie allzu brutal mit ihm um, gefährdet sie das Ansehen der Republik, die auf dem besten Wege ist, international als Musterländle der Weltrevolution anerkannt zu werden.
Besonders hilflos reagiert das MfS, als Aktivisten von Amnesty International 1985 in etlichen Briefen ein Ende der Einzelhaft für Kneifel fordern. Nach langem Zögern werden über die Absender "Speicherüberprüfungen und erste Maßnahmen in den Operationsgebieten Frankreich und der Schweiz durchgeführt". Ergebnis, was Wunder: "Keine operativen Erkenntnisse."
Wie die Stasi den Fall Kneifel am liebsten gelöst hätte, steht in einem Vermerk über eine Dienstbesprechung im Zuchthaus Bautzen I: "Genosse Scherch äußerte sich sinngemäß, daß uns ein Exitus nur recht sein könnte, weil wir dann ein Problem weniger hätten."
Kneifel will mit seiner Dauerrevolte das Unmögliche erreichen: daß ihm der Status eines politischen Gefangenen zuerkannt wird, den es in der DDR sowenig gab wie in der Bundesrepublik.
Bei jedem Appell schreit er das den Aufsehern entgegen. Jedesmal wird er korrigiert, es setzt Ohrfeigen und Tritte. Wird er als Sträfling angesprochen, brüllt er zurück. "Ich verbiete es dir, mich zu beleidigen, du rote Kremlwanze!" heißt es im Bericht eines Inoffiziellen Mitarbeiters (IM) der Stasi.
Seine Mitgefangenen, Schwerverbrecher, die fast alle im Sold des MfS stehen und teilweise gezielt auf Kneifel angesetzt sind, üben an dem Schreihals gelegentlich den Rindergriff: Zwei halten ihn links und rechts fest, ein dritter steckt ihm zwei Finger in die Nasenlöcher und zieht sie energisch nach oben, bis das Gewebe reißt.
Anfangs brüllt Kneifel auch dann, wenn Häftlingskommandos vor seiner Zelle zur Arbeit ausrücken: "Stellt euch gegen das kommunistische Terrorregime! Haltet aus!" (IM-Bericht). Die Wächter mauern Kneifel immer mehr ein. Seine Zelle K 7 verwandelt sich in einen gesonderten Trakt, der durch fünf Türen vom Rest des Gefängnisses isoliert ist. Zuletzt kommt sogar vor die Sichtluke fürs Wachpersonal eine Schalldämmung.
Kneifel beugt sich nicht. Er verweigert jegliche Arbeit, da sie eine Gleichstellung mit Strafgefangenen bedeuten würde. Zudem macht er klar, daß er seinen Widerstand als Spottbild der Staatsmoral organisiert: "Täglich ca. 12 Verstöße gegen das Strafvollzugsgesetz sei seine persönliche Norm", notiert ein IM. Nach sechs Jahren Haft, Anfang 1987, steigert Kneifel die Provokation. Fast täglich zapft er sich jetzt an Armen und Beinen Blut ab, das er in seiner Tasse sammelt. Mit dem Blut schreibt er Parolen an die Wände ("STASI - Psychosanatorium sowj. Prägung") und bespritzt eintretende Aufseher. Das Blut vermischt er mit Urin. "Es stinkt enorm" (IM-Bericht).
Der selbstzerstörerische Protest bereitet ihm große Genugtuung. Nachdem er die meiste Zeit des Tages in seiner Zelle auf und ab gegangen ist, sich die Venen geritzt, geschrieben und gebrüllt hat, wird er abends ganz ruhig und schläft sofort ein.
Kneifel über sich: "Ich kann nicht ganz normal sein, das ist eine objektive, statistische Aussage."
Einen letzten Versuch, den Gefangenen zumindest zur Ruhe zu bringen, unternimmt im Sommer 1986 der Ost-Berliner Rechtsanwalt Wolfgang Vogel. In einem Brief mahnt Vogel, dem Irmgard Kneifel die Vertretung ihres Mannes angetragen hatte, den Häftling, "daß Sie sich wie alle anderen in Ihrer Lage den Regeln des Strafvollzugs unterwerfen müssen". Kneifel zeigt keine Wirkung. Für ihn ist Vogel bloß ein "Hauptmann der Stasi" (IM-Bericht).
Gleichzeitig weist Vogel alle Gesuche des Bonner Ministeriums für innerdeutsche Beziehungen zurück, das sich seit längerem um Kneifels Freikauf bemüht. Ministerialrat Klaus Plewa notiert im Sommer 1986 nach einem Gespräch mit Vogel, die DDR betrachte Kneifel als einen "Gewalttäter, den man nicht entlassen werde".
Doch die Bonner lassen nicht locker. Im März 1987 taucht Kneifel erneut auf der Freikaufliste auf, die Plewa dem Anwalt Vogel überbringt. Wieder winkt Vogel ab: Honecker persönlich habe gegen die Freilassung votiert.
Daß Kneifel dennoch ein paar Monate später freikommt, verdankt er politischem Kalkül: Erich Honecker will ihn loswerden, bevor er in Bonn im September 1987 Aufwartung macht.
Bedingung der Stasi: Der Deal soll über Klaus Gysi, Staatssekretär für Kirchenfragen, und den sächsischen Landesbischof Johannes Hempel laufen. Das MfS will auf diese Weise sicherstellen, so Bezirkschef Gehlert an die Berliner MfS-Zentrale, "daß die Kirche dafür sorgt, daß es nach der Übersiedlung zu keinem Skandal kommt".
So geschieht es. Weitere Details samt genauem Zeitplan erarbeitet Mitte Juni ein Sechsergremium aus MfS-Hauptabteilungs- und Abteilungsleitern in Berlin. Nichts bleibt dem Zufall überlassen. In den Stasi-Akten heißt es: "Für das Gespräch mit Bischof Hempel ist dem Genossen Gysi eine schriftliche Konzeption zuzuarbeiten."
Kneifel sperrt sich zunächst, doch dann willigt auch er ein. Am 6. August wird das Ehepaar Kneifel in Hempels Dienst-Volvo bei Herleshausen über die Grenze gefahren. Die Autobahn ist abgesperrt. Es gibt keine Kontrollen.
Ziel der Fahrt ist ein evangelisches Krankenhaus in Schwarzenbruck bei Nürnberg, wo Kneifel monatelang aufgepäppelt wird.
Heute lebt er mit seiner Frau nahe der Klinik in einer bescheidenen Souterrainwohnung. Er gilt als 60 Prozent schwerbeschädigt, arbeitet aber als Dreher in Nürnberg.
Eine Entschädigung für seine achtjährige Haftzeit hat Josef Kneifel bislang nicht erhalten.
* 1992 vor dem sowjetischen Ehrenmal in Chemnitz. * An einer Zellenwand in Bautzen I.

DER SPIEGEL 40/1992
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