07.06.1993

KircheLamm unter Wölfen

In der pommerschen Landeskirche bestimmen noch immer Funktionäre aus DDR-Zeiten den Kurs. Der Bischof ist machtlos.
Die Stimmung ist schlecht in der pommerschen Kirche. Eine gestandene Landfrau aus dem Kreis Grimmen hat jahrezehntelang bei Wind und Wetter von Tür zu Tür Kirchensteuern eingeholt. Nun mag sie nicht mehr: "Am liebsten möchte ich austreten. So denken viele hier."
Die Frau zweifelt nicht an ihrem Glauben, sie zweifelt an ihren Hirten.
Seilschaften aus alten DDR-Tagen beherrschen nach wie vor die pommersche Kirchenzentrale in Greifswald, die sich zu Erich Honeckers Zeiten stets durch besondere Staatsnähe, eifrige Loyalität und weit vorauseilenden Gehorsam hervorgetan hatte - die SED vergalt soviel Sympathie mit geldwerten Vorteilen und Privilegien.
Die Wende hat in Greifswald wenig geändert. Angepaßte Funktionäre bestimmen wie zu DDR-Zeiten die Richtung, Stasi-Zuträger sitzen noch immer auf leitenden Kirchenposten.
Der reformeifrige Greifswalder Oberhirte, Bischof Eduard Berger, 48, 1990 als Nachfolger des allzu SED-nahen Horst Gienke an die Spitze der pommerschen Kirche gewählt, vermag gegen die eingesessene "Pommern-Mafia" (Kirchen-Spott) wenig auszurichten. Berger, so ein Pfarrer, sei ein "Lamm unter Wölfen".
Chef des Greifswalder Konsistoriums, der obersten Verwaltung der Landeskirche, ist noch immer der Konsistorialpräsident Hans-Martin Harder, den die Stasi als IM "Dr. Winzer" führte.
Harder ist einer der Kronzeugen des brandenburgischen Ministerpräsidenten Manfred Stolpe für dessen angeblich ehrenwerte Kontakte zur Stasi. Um den Kirchenmann gab es nach Auftauchen seiner IM-Akte in Greifswald heftige Auseinandersetzungen. Bischof Berger wollte seinen Rücktritt. Doch die Harder-Freunde waren stärker: Obwohl eine Kirchenkommission nach Aktenstudium zu dem Urteil kam, Harder habe als IM seine Amtspflichten gegenüber der Kirche verletzt, durfte der Kirchenjurist bleiben. Trotz "guter Absicht" sei er zwar "schuldig geworden", doch könne man ihm "vergeben".
Auch Harders Amtsbruder, der Oberkonsistorialrat Christoph Ehricht, wurde von der Rostocker Stasi als IM geführt, Deckname "Ingolf Seidel". Seit 1988 kümmerte sich "Seidel" um die "Zurückdrängung provokativer Aktivitäten" in der Landeskirche und um die "Entpolitisierung der kirchlichen Jugend- und Studentenarbeit". So steht es in den Stasi-Akten.
Der IM, lobten seine Führungsoffiziere, habe "nachweisbar gute Ergebnisse" gebracht, sogar "über den Rahmen hinaus" konkrete Aussagen "zu Personen" gemacht. "Seidel" denunzierte etwa einen Stadtjugendwart, der "sich nicht an Beschlüsse des Konsistoriums" gehalten habe, setzte sich, ganz im Sinne der SED-Obrigkeit, für ein Verbot der offenen kirchlichen Jugendarbeit ein und versprach seinen Stasi-Partnern, die Kirchenleitung werde auf keinen Fall protestieren, wenn die Behörden Besuchern aus westdeutschen Partnergemeinden die Einreise verweigerten.
Die Vergangenheit seines Oberkonsistorialrates war für das Greifswalder Konsistorium kein Grund, sich von ihm zu trennen. Im Gegenteil: Die Kirchenleitung erklärte Bruder Ehricht für "entlastet".
Selbst der mit Stasi-Orden behängte theologische Leiter des Konsistoriums, Oberkonsistorialrat Siegfried Plath alias IM "Hiller", ebenfalls ein Stolpe-Kronzeuge, bekam von seiner Kirche kein _(* Bei der Einweihung des Greifswalder ) _(Doms am 11. Juni 1989; 2. v. r.: ) _(Oberkonsistorialrat Plath. ) Disziplinarverfahren angehängt. Plath hat erwiesenermaßen 30 Jahre lang eng mit der Stasi gekungelt.
Weiter im Amt ist schließlich der Superintendent von Grimmen, Siegfried Bohl. Seine pralle IM-Akte "Titus" (Bohl ist Latein-Liebhaber) weist ihn als Stasi-Informanten über zahllose kircheninterne Vorgänge aus.
"Titus" informierte den Stasi-Hauptmann Wegner etwa am 22. Februar 1989 über seinen untergebenen Pfarrer in Grimmen, Heinz Wenzel; der "opponiert stark" und treibe bei seiner Jugendarbeit "starke Kritik an den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen" - die Denunziation hätte Wenzel leicht ins Gefängnis bringen können.
Noch am 25. Oktober 1989, als die Wende längst im Gange war, unterrichtete "Titus" die Stasi über das regimekritische Treiben des Neuen Forums in Wenzels Gemeinde.
Pfarrer Wenzel aus Grimmen war der Stasi besonders verhaßt, weil er "Angehöriger der pazifistischen Friedensbewegung war" und "große Aktivitäten in der kirchlichen Jugendarbeit" entwickelte. Der Geistliche organisierte im Wendeherbst ''89 politische Abendgebete und Demonstrationen durch die Straßen von Grimmen.
Bohl dagegen war für konservative, traditionelle Gemeindearbeit und mahnte, "die Politik doch lieber den Politikern zu überlassen".
Für Bohl wie Wenzel hat sich seither wenig geändert: IM "Titus" ist weiter in Amt und Würden, der störrische Pfarrer wird weiter drangsaliert - jetzt von den Stasi-Zuträgern von einst. Konsistorialpräsident Harder hat gegen Pfarrer Wenzel ein Versetzungsverfahren eingeleitet, eine höchst seltene kircheninterne Disziplinarmaßnahme.
Doch viele Kirchenmitglieder in Grimmen haben den Verdacht, den Oberen mißfalle nicht nur Wenzels Konzept einer offenen Kirche, sondern auch die Sturheit, mit der er über die Vergangenheit der Kirche reden will.
Das Konsistorium möchte den unbequemen Wenzel am liebsten in aller Stille loswerden. Dem Pfarrer bot man an, er solle schweigen und freiwillig gehen. Die Kirche ihrerseits werde ihn schon irgendwo anders unterbringen. Doch Wenzel kämpft um sein Amt.
Hilfe von Mitbrüdern hat Wenzel kaum zu erwarten. "Viele Pastoren haben Angst vor der Stasi-Debatte, weil sie selbst der offensichtlichen Staatsnähe ihrer Landeskirche nie widersprochen haben", beschreibt Ulrich von Saß, 35, Pfarrer in Zingst, die Lage. Es habe, klagt er, kaum Diskussionen über die SED-Nähe der Greifswalder Kirche gegeben.
Wegen mangelnder Resonanz und Unterstützung in der Landeskirche ist der Leiter der "Vergangenheitsforen", Ulli Bandt, zurückgetreten. Er kritisiert den "Mantel der Vergebung", mit dem in Greifswald alles verdeckt werde.
Eine Katechetin aus Grimmen sagt verbittert: "Angst, Mißtrauen, Abrücken von kritischen Gedanken, dies ist das Klima in unserer Kirche." Wer über kritische Distanz zum Staat, über Militärseelsorge, Atomenergie oder Kirchensteuer diskutieren wolle, sei ein Störenfried. "Nur brave Theologen haben eine Chance" - wie zu Erich Honeckers Zeiten.
"Die Vergangenheit", so ein Wenzel-Kollege aus der Landeskirche resignierend, "hat die Gegenwart wieder eingeholt - in Greifswald etwas schneller als anderswo."
* Bei der Einweihung des Greifswalder Doms am 11. Juni 1989; 2. v. r.: Oberkonsistorialrat Plath.

DER SPIEGEL 23/1993
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