22.03.1993

Alles im Fluge

Seit "Konrad Adenauer" im Dienst ist, macht Helmut Kohl die Pflicht des Reisens noch mehr Spaß.
Wenn es sein muß, düst der auf den Erstbundeskanzler getaufte Jet vom Typ Airbus A 310-304 Adenauers politischen Enkel nonstop 10 000 Kilometer aus den Niederungen der deutschen Einigungsquälerei in Höhen und Fernen auswärtiger Staatskunst.
Gut gelaunt und ausgeruht genoß Kohl während des Jungfernflugs im Februar die Huldigungen seiner fernöstlichen Gastgeber. Vorbei die Zeit, da sich der deutsche Regierungschef nach strapaziösem Flug in einer klapprigen Boeing auf "0,25 Quadratmeter" (Luftwaffensprecher Jörg Meyer-Ricks) frischmachen mußte.
Etwa 130 Sitzplätze des früheren Interflug-Passagier-Flugzeugs wurden dem VIP-Ambiente im "Konrad Adenauer" geopfert. Das Resultat, wie es die ersten heimlich aufgenommenen Fotos bestätigen: eine spießige Mesalliance zwischen Möchtegernluxus und Oggersheimer Behaglichkeit.
Gut 50 Millionen Mark hat Verteidigungsminister Volker Rühe für den Umbau des Airbus spendiert, den die Bundeswehr zusammen mit zwei weiteren Maschinen fast neu aus der Konkursmasse der DDR-Fluggesellschaft günstig kaufen konnte. Rund 39 Millionen Mark kosteten Ausstattungen wie Salon mit First-class-Bestuhlung, Video- und Faxgeräten. Begeistert zeigt sich Kanzler Kohl über die - technische - Qualität der Telefongespräche. Aus 10 000 Meter Höhe über dem indischen Subkontinent bis zur grippekranken Gattin am heimischen Rhein: "Glasklar wie ein Ortsgespräch."
Wenn er genug telefoniert hat, kann sich der Regierungschef in seine private Suite zurückziehen, die schwarzen, nach hinten offenen Schlappen von den Füßen streifen und ausruhen. Kanzler-Kofferpacker Eckhard Seeber atmet auf: "Jetzt hat er endlich ein festes Bett." Hannelore auch.
Ein wuchtiger Kleiderschrank verhindert allerdings den direkten Zugang zum Gatten. Sofern Kanzlers Zoff haben, läßt sich der Raum zudem problemlos durch einen Vorhang trennen.
Erfrischen können sich die hohen Gäste der Bonner Flugbereitschaft im separaten Bad - mit einer von innen beleuchteten, halbrunden Duschkabine und einem ovalen Waschbecken aus blauem Kunstmarmor. Ähnlich ist des Kanzlers WC gehalten - ein Klosett im postmodernen Donnerbalken-Stil: reichlich Platz, um im Fluge einiges auszusitzen. Praktisch: Mittels eines Klappdeckels läßt sich die Vorrichtung diskret abdecken.
Der Begleittroß muß sich mit weniger Komfort begnügen. Etwa 70 Staatssekretäre, Abgeordnete, Journalisten oder andere Günstlinge können mitreisen - allerdings nur in der Business-Class.
So wird es auch im zweiten Regierungs-Airbus sein, der gegenwärtig typgleich auf der Hamburger Lufthansa-Werft um- und ausgebaut wird. Streng nach Koalitions-Arithmetik soll das Flugzeug auf den Namen "Theodor Heuss" hören, eine Reverenz an den liberalen ersten Bundespräsidenten.
Der frühere sozialdemokratische Politiker und Adenauer-Rivale Kurt Schumacher entging nur knapp einer ähnlichen Ehrung. Der dritte Clipper aus dem Interflug-Bestand soll zwar seinen Namen tragen - allerdings reicht es nur noch für eine Sparversion: "Kurt Schumacher" wird vor allem als Truppentransporter fliegen.
Glück gehabt.

DER SPIEGEL 12/1993
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DER SPIEGEL 12/1993
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