06.12.1993

Knabbern am Abgrund

Der Mann mit dem Kuckuck kam Mitte September. An einem Donnerstag, kurz nach Mittag, klingelte der Gerichtsvollzieher Uwe Färber bei der Public-Relations-Firma "Live Hörfunk und Fernsehen" in Wiesbaden.
Der Grund des unerbetenen Besuchs: Einem Sprech-Erzieher, der Rundfunk- und Fernsehjournalisten deutliche Artikulation beibringt, verweigerte das Unternehmen jahrelang das Honorar, einem Ex-Volontär schuldeten die "Live"-Manager das letzte Gehalt von rund 1500 Mark. Mit knapp 50 000 Mark stand das Unternehmen, beim örtlichen Amtsgericht schon lange als säumiger Zahler bekannt, bei sechs Gläubigern in der Schuld.
Als "Live" im September wieder nicht voll bezahlte, pfändete Gerichtsvollzieher Färber einen Teil des Firmeninventars. 18mal klebte er Siegelmarken auf Kopierer und Computer, Anrufbeantworter und Rollschränke.
Der Fall ist mehr als eine Petitesse aus dem deutschen Wirtschaftsalltag, er ist peinlich für die CDU.
Parteichef Helmut Kohl und sein Generalsekretär Peter Hintze planten Großes mit einem der beiden "Live"-Eigentümer. Mitte Oktober bestellten sie den "Live"-Geschäftsführer Christoph Brüßel, der mit Hintze privat bekannt ist, zum Hauptabteilungsleiter für Öffentlichkeitsarbeit im Konrad-Adenauer-Haus. In der Wahlschlacht 1994 sollte der 34jährige PR-Manager die Christen-Union dem Volk als eine Partei nahebringen, die mit ökonomischer Kompetenz für neuen Wohlstand in Deutschland sorgt.
Pech für Kohl und Hintze: Brüßel versteht vielleicht viel von wirtschaftlichen Krisen, aber wenig vom Aufschwung.
Seit Jahren, so ein ehemaliger "Live"-Mitarbeiter, "knabbern seine Unternehmen am Abgrund". Mehrmals erhielten die Mitarbeiter erst verspätet ihre Gehälter; Rechnungen von Geschäftspartnern wurden häufig gar nicht bezahlt.
Ein Gläubiger zog seinen Konkursantrag erst zurück, als "Live" sich außergerichtlich mit ihm einigte. Der Staatsanwaltschaft Berlin lag Ende letzter Woche eine Strafanzeige vor, in der die "Live"-Geschäftsführer des Betrugs und der Untreue beim Verkauf eines Filmschnittplatzes bezichtigt werden.
In Bonn brüstete sich Brüßel kurz nach Amtsbeginn, er wolle die gesamte Wahlwerbung der Union auf neue "Ehrlichkeit" in der Politik ausrichten.
Viel Erfahrung bringt er dafür nicht mit. Seine eigenen Firmen agieren in einer dubiosen Zone des Mediengeschäfts.
Neben journalistischen Beiträgen produzieren die "Live"-Macher PR-Stücke, die getarnt als redaktionelle Beiträge über Hörfunk und Fernsehen ausgestrahlt werden. Hörer und Zuschauer werden in die Irre geführt, die Hauptfinanziers der verkappten Werbung bleiben im dunkeln.
Wie solche PR-Dienste funktionieren, demonstriert die "CC Lizenzfilm". An diesem Unternehmen, das dem zweiten "Live"-Geschäftsführer Chris Naumann gehört, war Brüßel früher ebenfalls beteiligt. "CC Lizenzfilm" operiert bis heute aus denselben Wiesbadener Geschäftsräumen wie "Live".
Anfang Oktober bot Naumann drei großen Unternehmen für jeweils 23 000 Mark an, maßgeschneiderte Beiträge im Programm des privaten Nachrichtenkanals n-tv zu plazieren. Die Unternehmen, betreut vom Frankfurter Medienberater Moritz Hunzinger, lehnten das unseriöse Angebot sofort ab.
Den Süßwarengroßhändler "Leckerland" wollte Naumann mit einem Report ("Große Laster für die kleinen Laster") über das "ausgeklügelte Logistiksystem" der deutschen Schoko-, Eis- und Gummibärchen-Transporteure ins rechte Licht rücken. Der Kartonkonzern "Tetra Pak" sollte in einem Beitrag über "die Mängel des Dualen Systems" als Produzent vorbildlicher Verpackungen präsentiert werden. Der Zuschauer werde in dem Beitrag aufgefordert, versprach Naumann, noch stärker als bisher so verpackte Produkte zu nutzen.
"Live" produzierte fürs Fernsehen unter anderem lobende Filme über das Duale System und zu Ostern einen Kurzreport mit dem Tenor: Deutsche Hühnereier sind nicht schuld am Anstieg der Salmonellen-Erkrankungen.
Auch hinter diesen Filmen "steckte in Wahrheit die Industrie", berichten ehemalige "Live"-Mitarbeiter, "ohne daß die Zuschauer das merken konnten". Den Müll-Beitrag habe indirekt die Abfallwirtschaft mitfinanziert, den Eier-Report die Centrale Marketinggesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft.
Als Brüßel Mitte voriger Woche von den SPIEGEL-Recherchen erfuhr, zog er eilig die Konsequenz. Er gab seinen Posten in der CDU-Zentrale auf. Eine Diskussion um seine Person solle "nicht zum Schaden politischer Entscheidungsträger genutzt werden".
Für CDU-Generalsekretär Peter Hintze ist der Abschied seines PR-Mannes ein weiterer Rückschlag. Nach seinem Amtsantritt vor 19 Monaten mußte Hintze die Führungsmannschaft der Unionszentrale fast komplett erneuern. Er sammelte vor der größten Wahlschlacht der Bundesrepublik ein Team junger Leute um sich, von denen keiner jemals einen bundesweiten Wahlkampf organisiert hat. In der Partei breitet sich Furcht aus, das Adenauer-Haus sei "nicht mehr kampagnenfähig".

DER SPIEGEL 49/1993
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