07.06.1993

BankenKonspirativer Herrenklub

Bis kurz vor Kriegsende verschaffte die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich den Nazis Devisen - gegen geraubtes Gold.
Der Milliardentransfer funktionierte wie eine einfache Banküberweisung. Nur wenige Tage nachdem deutsche Soldaten Böhmen und Mähren besetzt hatten, wies die tschechische Nationalbank die in Basel residierende Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) telegrafisch an, ihre Goldreserven der Deutschen Reichsbank zu übertragen.
Die BIZ, die als Bank der Zentralbanken zahlreiche Goldreserven verwaltete, brauchte den Gegenwert nur umzubuchen. Tatsächlich blieb der 23-Tonnen-Schatz in einem Londoner Sammeldepot liegen. So bemächtigten sich die Nazis im März 1939 der tschechischen Währungsreserven. Fortan nutzten sie die BIZ zur Finanzierung ihrer Vernichtungsfeldzüge.
Über das Institut in Basel konnte die Reichsbank geraubtes Gold aus halb Europa zu Geld machen. Die Golddrehscheibe, ** Gian Trepp: "Die Bank für Internationalen _(Zahlungsausgleich im Zweiten Weltkrieg: ) _(Bankgeschäfte mit dem Feind - Von ) _(Hitlers Europabank zum Instrument des ) _(Marshallplans". Rotpunkt Verlag, Zürich; ) _(270 Seiten; 36 Mark. * Mit ) _(Reichsbank-Präsident Walther Funk in ) _(Berlin. ) mit der tschechischen Währungsreserve erstmals in Gang gesetzt, blieb bis kurz vor Kriegsende in Schwung - unter anderem mit 198 Tonnen Gold aus Belgien, das die Banque de France nach der Besetzung Frankreichs auslieferte, später mit Edelmetall aus jugoslawischen, rumänischen und ungarischen Beständen.
Bislang hatte die Geschäftsleitung ihre Vergangenheit stets verteidigt. Den etwa 100 Mitarbeitern aus allen wichtigen kriegführenden und neutralen Nationen sei es im Zweiten Weltkrieg auf ihrer Schweizer Insel gelungen, so die offizielle Version, "die moralischen Standards und den guten Ruf zu bewahren". Jetzt kommt der Zürcher Bankhistoriker Gian Trepp in einer umfassenden Untersuchung zu dem Schluß, die BIZ habe jahrelang als "Hitlers Europabank" gearbeitet**.
Die willfährige Anpassung an die Bedürfnisse des Dritten Reiches hat ihren Ursprung in der Geschichte des Instituts. Es wurde 1930 zur Organisation der Reparationszahlungen gegründet. Die monatlichen Meetings der Zentralbank-Gouverneure in einem Basler Hotel entwickelten sich schnell zu einem "konspirativen Herrenklub". Die Bank wurde zu einem "Zentrum der Appeasement-Politik" (Trepp), des friedlichen Ausgleichs mit Hitlers Expansionsdrang.
Die deutschen Banker konnten ihre eigenen Interessen geschickt mit jenen der westlichen Kollegen verbinden. Nach dem Auseinanderbrechen des Völkerbunds war die BIZ die letzte internationale Organisation, in der regelmäßige vertrauliche Kontakte der parlamentarischen Demokratien Westeuropas und der USA mit den faschistischen Diktaturen möglich waren.
Als der Krieg begann, einigten sich die Zentralbank-Gouverneure, angeleitet von Briten und Franzosen, auf die Neutralisierung ihrer Bank. Die monatlichen Verwaltungsratssitzungen wurden ausgesetzt, die Geschäftsführung wurde ganz dem Amerikaner Thomas H. McKittrick überlassen, seit Anfang 1940 Präsident der BIZ.
Das Basler Institut mußte weiter funktionieren, weil die Westmächte und ihre Banken nicht auf die Zinszahlungen aus dem Reich verzichten wollten. Zudem bereiteten sich die Zentralbanken darauf vor, ihre Zusammenarbeit nach Kriegsende sofort weiterzuführen.
Moralische Bedenken kannte keiner der Beteiligten. Was zählte, war allein der Interessenausgleich. Solange die Nazis der BIZ regelmäßig Zinsen überwiesen, durfte die Reichsbank das geplünderte Gold zu Geld machen.
Bald nach Kriegsbeginn fingen die notorisch unter Devisenmangel leidenden Deutschen an, sowohl fällige Zinsen als auch Lieferungen für ihre Kriegsmaschinerie - zum Beispiel aus Portugal, Schweden und der Schweiz - in Gold zu begleichen. Die BIZ, im Verbund mit der Schweizerischen Nationalbank und einigen Großbanken, stand ihnen mit Rat und Tat zur Seite.
Solange sie sich mit dem Reich nicht im Krieg befanden, beteiligten sich auch die Amerikaner aktiv an den Transaktionen. So hatte die Reichsbank über ein BIZ-Konto bei der US-Notenbank Zugang zum Dollarraum, sie konnte beispielsweise ihre diplomatischen Vertretungen in den USA mit Devisen versorgen.
Der schwunghafte Goldverkehr expandierte stetig bis 1943, dann flachte er ab, je mehr sich Hitlers Niederlage abzeichnete und die Deutschen weniger zum Plündern fanden.
Unter dem Amerikaner McKittrick war das BIZ-Personal zu einer verschworenen Gruppe zusammengewachsen, die ihre lukrativen Arbeitsplätze und die Institution mit allen Mitteln verteidigte. Bei Kriegsende mußten nur wenige Mitarbeiter wegen allzu offener Unterstützung der Nazis ihren Posten aufgeben.
Nach der Gründung von Weltbank und Währungsfonds sollte die BIZ liquidiert werden. Daß dies nicht geschah, verdankte das Institut weniger der atemberaubenden Wendigkeit seiner Manager als dem Beginn des Kalten Krieges.
Deutschland sollte nicht mehr in einen Agrarstaat umgewandelt werden, wie Henry Morgenthau propagiert hatte, sondern nach dem Marshallplan wiederaufgebaut werden. Die BIZ übernahm dabei, ungeachtet ihres miesen Rufes, eine Schlüsselrolle. Thomas McKittrick wurde zum Berater der US-Regierung in Fragen des internationalen Zahlungsverkehrs ernannt.
Schon im Dezember 1946 trafen sich die europäischen Zentralbank-Gouverneure wieder in Basel. Zur ersten Generalversammlung im Juni 1947 erschienen die Vertreter von 18 Zentralbanken - darunter auch Männer, die jahrelang loyal mit den deutschen Besatzern ihrer Länder kollaboriert hatten.
Der belgische Vorsitzende Maurice Frere dankte den anpassungsfähigen Managern der Bank und verteilte Lob an seine Verwaltungsratskollegen. Die BIZ, rechtfertigte er die Hilfsdienste für die Nazis, habe das deutsche Raubgold, das ihr die Reichsbank übergab, nicht zurückweisen dürfen. "Ihre Ansprüche waren legal und korrekt, und Gold ist ein legales Zahlungsmittel."
Der ganze Umfang der Goldtransaktionen ist bisher nur durch 16 von deutschen BIZ-Funktionären erstellte Tabellen aus dem April 1946 belegt. Sie enthalten keine Angaben über die in Berlin oft geübte Praxis, Raubgold umzuschmelzen und es mit Reichsbank-Stempeln aus der Vorkriegszeit zu legalisieren.
Es ist deshalb wohl möglich, daß die BIZ auch aufbereitetes Zahngold und Eheringe aus den Vernichtungslagern entgegennahm - zur Freude Hitlers, gedeckt von Churchill und Roosevelt und aktiv gefördert vom Verwaltungsrat, in dem drei deutsche und ein italienischer Kriegsverbrecher saßen.
** Gian Trepp: "Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich im Zweiten Weltkrieg: Bankgeschäfte mit dem Feind - Von Hitlers Europabank zum Instrument des Marshallplans". Rotpunkt Verlag, Zürich; 270 Seiten; 36 Mark. * Mit Reichsbank-Präsident Walther Funk in Berlin.

DER SPIEGEL 23/1993
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