13.09.1993

PräsidentenGUTER MANN AUS DRESDEN

Eigentlich, so wünschte es CDU/CSU-Fraktionschef Schäuble, sollte ein Sozialdemokrat aus dem Osten Bundespräsident werden - Richard Schröder. Der Vorschlag versandete. Nun ist der Sachse Steffen Heitmann Favorit. Kohls Kandidat fiel bislang durch reaktionäre Sprüche und polarisierendes Gehabe auf.
Der ideale Nachfolger für Richard von Weizsäcker war gefunden. Ein Kandidat von Regierungs- und Oppositionsparteien, ein Ostdeutscher, im Westen hoch geachtet, in der Ex-DDR als Versöhner willkommen: der Sozialdemokrat Richard Schröder. Eine breite Mehrheit bei der ersten Präsidentenwahl im vereinten Deutschland schien ihm sicher. Das war Anfang des Jahres.
Der CDU/CSU-Fraktionschef Wolfgang Schäuble pries im Unions-Führungszirkel die Kooperationsbereitschaft des ehemaligen SPD-Fraktionschefs in der Volkskammer: Mit seiner Hilfe sei die Einheit Deutschlands so schnell zu vollenden gewesen.
Schäuble lobte ihn auch für seine Kompromißbereitschaft im Umgang mit Mitläufern der SED-Diktatur: "Er mag die Menschen, so wie sie sind . . . mit all ihren Grenzen und Unvollkommenheiten. Er weiß, daß sie zu schuldhaftem Versagen und Mißbrauch geneigt sind, aber eben auch geplagt von schlechtem Gewissen und fähig, nach Besserem zu streben."
Ganz besonders gefiel dem Unionsmann an dem Ost-Roten, daß er Illusionen bekämpfe "über das, was mit Vergangenheitsbewältigung gemeint sein und erreicht werden kann". Schließlich sei Schröders Absage an "moralischen Rigorismus" selbst im Umgang zu Stasi-Spitzeln bemerkenswert.
Doch die vereinten Deutschen müssen auf einen Bundespräsidenten Schröder wohl verzichten. Sie sollen sich mit einem abfinden, der so ziemlich den Gegentyp des liberalen Menschenfreundes darstellt - mit dem rechtsgewirkten, polarisierenden sächsischen CDU-Justizminister Steffen Heitmann.
Heitmann ist für den starken Staat, für die deutsche Nation, die vor "Überfremdung zu bewahren sei", für die traditionelle Rolle der Frau in Küche und Bett, "mit der Mutterschaft wieder mehr im Zentrum der Gesellschaft", für schärferes Straf- und Haftrecht, für "Fleiß, Pünktlichkeit und Ordnung". Und gegen den Seitensprung: "Nicht ehebrechen, 28 Jahre bin ich verheiratet."
Steffen Heitmann - Kohls Grüßonkel für den deutschen Spießer.
In diesem Frühjahr noch hatte Schäuble vehement für Schröder als neuen Bundespräsidenten geworben. Weizsäcker war angetan, versprach Unterstützung. Zuspruch auch in der FDP, bei der SPD sowieso.
Im Gespräch mit Kohl kam Schäuble zur Überzeugung, auch sein Kanzler sei für diesen außergewöhnlichen Theologen. Allerdings bat Kohl um Bedenkzeit - und kümmerte sich um nichts mehr. "Er hat mal wieder alles vergeigt", schimpfte der CDU-Präside und badenwürttembergische Ministerpräsident Erwin Teufel.
Auch Schäuble ärgerte sich, sah er sich doch bei Hofe wegen seines Engagements für den SPD-Mann unter Verdacht, er wolle einer Großen Koalition Vorschub leisten, mit ihm als Kanzler. Das mochte zwar bei dem ehrgeizigen Fraktionschef mitspielen, vornan aber stand die Überzeugung, daß die Union keinen Vergleichbaren aufzubieten habe und daß es gut sei für die innere Balance Deutschlands, wenn ein Sozialdemokrat Präsident würde. Schließlich habe die SPD mit Gustav Heinemann nur einmal in den vergangenen 45 Jahren für fünf Jahre das Staatsoberhaupt gestellt.
Aussitzer Kohl zog nicht mit, wollte abwarten. Andere handelten und trieben so die Union zur Unzeit zur Aktion. Nordrhein-Westfalens sozialdemokratischer Ministerpräsident Johannes Rau, der seit langem Bundespräsident werden will - und am Montag dieser Woche offiziell antritt -, traf sich mit dem sächsischen CDU-Kollegen Kurt Biedenkopf. Die beiden versicherten sich Beistand für eine schöne gemeinsame Zukunft - mit Rau als Bundespräsidenten und Biedenkopf als Kanzler einer Großen Koalition.
Längst hatte sich Kohl auf einen Ostdeutschen als nächsten Präsidenten öffentlich festgelegt, ohne daß ihm ein passender Name eingefallen war. So entschied er sich für Heitmann, den ihm Biedenkopf Mitte '92 halbherzig empfohlen hatte. Für den CDU-Parteitag Anfang dieser Woche in Berlin hat Kohl sich vorgenommen, seine "größte Sympathie" für den Vorschlag der sächsischen CDU zu bekunden, Heitmann für die Wahl zum Bundespräsidenten vorzuschlagen.
Eine offizielle Nominierung ist das noch nicht. Kohl weiß nicht, ob er die Mehrheit für den Sachsen in der Bundesversammlung schafft; die CDU hat nur 512 der 1324 Sitze (SPD: 500; FDP: 114; CSU: 109; andere: 89). Der Kanzler will sich eine Hintertür offenhalten, durch die er einen anderen Kandidaten ziehen kann, falls der Widerstand im vereinten Deutschland gegen Heitmann zu groß wird.
Dessen jetziger Chef Biedenkopf hatte den eigenen Justizminister noch vorletzte Woche für eigentlich ganz und gar nicht geeignet angesehen. Seine Argumente: Heitmann sei ohne jede Erfahrung in der großen Politik, spreche kein Englisch, nur ein paar Brocken Russisch, bekomme in der Bundesversammlung nicht einmal alle CDU-Stimmen aus dem Osten und könne den Christdemokraten in der ostdeutschen Wahlbevölkerung keine zusätzlichen Sympathien einbringen.
Eine Woche später, am vorigen Mittwochabend im CDU-Präsidium, erging sich Biedenkopf in höchsten Lobestönen über den "guten Mann": Das eigene Kabinett hatte am Vortag in Dresden rebelliert und den Landesvater gezwungen, Heitmann als sächsischen Kandidaten zu benennen.
Im CDU-Präsidium kam Widerspruch nur noch von den beiden Frauen Rita Süssmuth und Christa Thoben: Sie wollten den Kandidaten vor der Kür zu seinen frauenfeindlichen Ansichten vernehmen.
Heiner Geißler war gegen die von Biedenkopf verlangte sofortige offizielle Nominierung Heitmanns, weil man einen Präsidentenkandidaten erst präsentieren solle, wenn eine ausreichende Mehrheit in der Bundesversammlung gesichert sei. Norbert Blüm fiel zu dem Nobody aus Dresden als einziges ein: "Er hat der Diktatur widerstanden."
Hat er das wirklich? Das CDU-Präsidium buchte Heitmann blind. Die Partei-Oberen wissen so gut wie nichts über Leben und Treiben des DDR-Bürgers Heitmann. Nur so viel: Ein Held war er nicht.
Über seinen Job beim Bezirkskirchenamt Dresden berichtete er nebulös: "Als Kirchenjurist habe ich in vielfältiger Weise das Schiff der Kirche mit durch den real existierenden Sozialismus steuern helfen."
Mitarbeiter aus jenen Jahren vor dem Fall der Mauer schildern ihn als einen, der vor den SED-Machthabern katzenfreundlich buckelte. Kritische Christdemokraten halten ihm vor, er habe mehrmals dienstlich oder privat in den Westen reisen dürfen. Heitmann selbst berichtet von vier Reisen - nach Stuttgart oder Hannover.
Hinterher erzählte er bei Kaffeerunden im Büro begeistert ("Meine Frau war auch in Paris") von der Glitzerwelt drüben. "Das war", so eine der Mitarbeiterinnen, "immer ganz schön deprimierend für uns."
Mit der Stasi habe er nichts zu schaffen gehabt, versichert Heitmann: "Ich bin nur einmal von einem Stasi-Offizier zu Hause aufgesucht worden, ungefähr 1988. Das Gespräch habe ich nach einer halben Stunde abgebrochen und dann nie wieder etwas von der Stasi gehört. Dienstliche Kontakte mit der Stasi hatte ich nie."
Wehrdienstverweigerer sei er gewesen, rühmen die CDU-Oberen ihren Ost-Kandidaten. Ganz so war es nicht.
Auf Fragen erläuterte Heitmann vorigen Freitag: "Ich bin 1964 gemustert worden, wurde dann aber nicht eingezogen. Anschließend habe ich Theologie studiert und nichts mehr vom Militär gehört. Während meiner Tätigkeit im Landeskirchenamt sollte ich zu einer Reserveübung eingezogen werden. Bei dieser Einberufung habe ich den Dienst mit der Waffe verweigert. In solchen Fällen war es nicht mehr nötig, Ersatzdienst als Bausoldat zu leisten. Mir ist es relativ einfach gemacht worden."
Immerhin, am 23. September 1989, bat er gemeinsam mit anderen Kirchenführern den DDR-Ministerrat um "neue Ansätze für einen Ausweg" aus der "gesellschaftlichen Krise".
Bei den Demonstrationen vor der Wende stand Heitmann lieber hinter der Gardine. Eine Sachbearbeiterin erinnert sich an eine Szene morgens im Büro. Heitmann wurde gefragt, ob er am Vorabend auch zur Demo auf die Straße gegangen sei. Seine Antwort: Ja, er sei da auch beinahe "reingeraten", als er aus der Oper gekommen sei.
Bürgerrechtler war er nicht, zur "Gruppe der 20" in Dresden stieß er als Rechtsberater in der Endphase der Honecker-Herrschaft, als er von seinen Kirchenoberen sowie von SED-Seite dazu aufgefordert wurde.
Dresdens Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer selber rief bei Heitmann an - man kannte sich amtlich von Grundstücksgeschäften - und bat darum mitzutun. Die "Gruppe der 20" suchte Anfang Oktober 1989 - erfolgreich - weiteres Blutvergießen zwischen Polizei und Demonstranten zu verhindern, nachdem es bei der Durchfahrt von Flüchtlingszügen aus Prag am Dresdner Hauptbahnhof schwere Auseinandersetzungen gegeben hatte.
Wenige Wochen später, im November '89, erklärte Heitmann seinen damaligen Kollegen beim gemeinsamen Mittagsmahl ganz stolz: "Ich habe etwas unternommen. Ich habe Anzeige gegen Berghofer erstattet."
Heitmanns Dialogpartner Berghofer wurde im Februar 1992 wegen Fälschung der Kommunalwahlergebnisse von 1989 zu einem Jahr Haft auf Bewährung und 36 000 Mark Geldstrafe verurteilt.
Der Vorzeige-Ossi der CDU will die Abrechnung mit den Funktionären des alten Systems: "Westliche Juristen sind sehr feine und sensible Menschen. Sie wollen auf keinen Fall Siegerjustiz. Mir aber kann kein Ossi etwas schönreden."
Sicher ist, daß Heitmann die Kriterien nicht erfüllt, die sein widerstrebender Förderer Biedenkopf für das Staatsoberhaupt aufgestellt hat: Eine "Institution der Integration und des Zusammenhaltes" solle es sein, die Bevölkerung sich "in ihrer Gesamtheit" in ihm wiederfinden. Y
[Grafiktext]
__19_ Meinungsforschung: Wahl des Bundespräsidenten
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 37/1993
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 37/1993
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Präsidenten:
GUTER MANN AUS DRESDEN

Video 02:28

Schülerrede auf dem UN-Klimagipfel Wie eine 15-Jährige mit Politikern abrechnet

  • Video "Angriffe auf Frauen in Nürnberg: Tatverdächtiger hat zahlreiche Vorstrafen" Video 01:26
    Angriffe auf Frauen in Nürnberg: Tatverdächtiger hat zahlreiche Vorstrafen
  • Video "Bester Deutscher Big-Wave-Surfer: Sebastian Steudtner reitet Riesenwellen" Video 01:17
    Bester Deutscher Big-Wave-Surfer: Sebastian Steudtner reitet Riesenwellen
  • Video "Überwachung in China: George Orwell`s 1984, nur schlimmer" Video 03:22
    Überwachung in China: George Orwell`s 1984, nur schlimmer
  • Video "Webvideos der Woche: Mini-Oktopus findet neues Zuhause" Video 03:06
    Webvideos der Woche: Mini-Oktopus findet neues Zuhause
  • Video "EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker: Ein wuscheliges Willkommen" Video 01:08
    EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker: Ein wuscheliges Willkommen
  • Video "Vor 20 Jahren: Der Ku-Klux-Klan" Video 12:25
    Vor 20 Jahren: Der Ku-Klux-Klan
  • Video "Brexit-Krise: Harter Dialog zwischen May und Juncker" Video 01:27
    Brexit-Krise: Harter Dialog zwischen May und Juncker
  • Video "Kontrollierte Sprengung: Schneelawine in der Schweiz" Video 01:19
    Kontrollierte Sprengung: Schneelawine in der Schweiz
  • Video "Vor 20 Jahren: Model-Mafia in Moskau" Video 10:58
    Vor 20 Jahren: Model-Mafia in Moskau
  • Video "Privater Raumfahrttourismus: SpaceShipTwo für eine Minute im All" Video 01:24
    Privater Raumfahrttourismus: "SpaceShipTwo" für eine Minute im All
  • Video "EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker: Ein wuscheliges Willkommen" Video 01:08
    EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker: Ein wuscheliges Willkommen
  • Video "Postkartenaktion gegen den Brexit: Und täglich grüßt Ihr Martin Cobb" Video 04:06
    Postkartenaktion gegen den Brexit: Und täglich grüßt "Ihr Martin Cobb"
  • Video "Filmstarts: Krieg der Städte" Video 07:02
    Filmstarts: "Krieg der Städte"
  • Video "EU-Gipfel zum Brexit: EU will May keine Zugeständnisse mehr machen" Video 03:16
    EU-Gipfel zum Brexit: "EU will May keine Zugeständnisse mehr machen"
  • Video "Schülerrede auf dem UN-Klimagipfel: Wie eine 15-Jährige mit Politikern abrechnet" Video 02:28
    Schülerrede auf dem UN-Klimagipfel: Wie eine 15-Jährige mit Politikern abrechnet