30.03.1992

Kampf um Berg-Karabach und der Völkermord an den Armeniern (II)

Ich will an diesen Tag nicht mehr erinnert werden", wand sich der Angeklagte vor Gericht, "lieber will ich jetzt sterben, als diesen schwarzen Tag noch länger schildern."
Vor einem Berliner Schwurgericht stand im Juni 1921 der Armenier Soromon Tehlerjan. Er wurde beschuldigt, am 15. März 1921 den früheren türkischen Großwesir und Innenminister Talaat Pascha in Berlin auf offener Straße erschossen zu haben.
Doch nicht die Tat, zu der sich Tehlerjan freimütig bekannte, ließ die Zuhörer erschaudern, sondern sein Bericht von den Ereignissen, die in Deutschland nahezu unbekannt geblieben waren.
Aufgewachsen als Sohn ziemlich vermögender Eltern in der nordosttürkischen Stadt Ersindschan (das heutige Erzincan, das kürzlich von einem Erdbeben erschüttert wurde), war Tehlerjan 18 Jahre alt, als Anfang Juni 1915 türkische Gendarmen die Armenier der Stadt zusammentrieben, um sie, wie es hieß, auszusiedeln.
"Als sich die Kolonne von der Stadt entfernt hatte", berichtete Tehlerjan, "wurde Halt geboten. Die Gendarmen fingen an zu plündern. Einer der Gendarmen schleppte dann meine Schwester weg, und meine Mutter schrie: ,Ich will mit Blindheit geschlagen werden.''" Der Angeklagte stockte.
Mühsam preßte der Gerichtsvorsitzende weitere Details aus Tehlerjan heraus: Seine 15jährige Schwester wurde vergewaltigt und kam nicht zurück. Seinem jüngeren Bruder wurde der Schädel mit einem Beil gespalten. Seine Mutter fiel hin, "ich weiß nicht wovon, ob durch eine Kugel oder von etwas anderem".
Er selbst erhielt einen Schlag auf den Kopf und war zwei Tage lang bewegungsunfähig. Als er erwachte, lag sein älterer Bruder tot auf ihm, und "ich sah die Leiche meiner Mutter auf dem Gesicht liegen". Sein Vater war verschollen, von seinen anderen Schwestern erfuhr er nie wieder etwas.
Wie dem jungen Tehlerjan war es auch der Zeugin Christine Tersibaschjan gelungen, dem Inferno zu entkommen. Sie war zusammen mit etwa 500 Familien aus Erzurum vertrieben worden. Als sie auf ihrem Leidensweg durch Ersindschan kamen, berichtete sie dem Gericht, "wurden 500 junge Leute herausgesucht und ins Wasser geworfen. Die Strömung war so reißend, daß alle weggerissen worden sind. Wir haben geschrien und geweint".
Die 30 Gendarmen und Soldaten hätten sie dann "mit Stichen weitergetrieben" und geschlagen. Christine Tersibaschjan trug weitere Details vor: _____" In den Bergen hat man die Herren von den Damen " _____" getrennt. Die Damen sind ungefähr zehn Meter weiter " _____" entfernt gewesen und konnten mit eigenen Augen sehen, was " _____" mit den Männern geschah. Man hat " _____" sie mit Beilen totgeschlagen, und man hat sie ins Wasser " _____" gestoßen. " _____" Als es ein wenig dunkel war, kamen die Gendarmen und " _____" suchten sich die schönsten Frauen und Mädchen heraus und " _____" nahmen sie zu sich. Diejenigen, die nicht gehorchen " _____" wollten, wurden mit dem Bajonett durchstochen, die Beine " _____" wurden ihnen auseinandergerissen. Sogar schwangeren " _____" Frauen wurden die Rippen durchschnitten und die Kinder " _____" herausgenommen und weggeworfen. "
"Große Bewegung im Saal", vermerkte das Protokoll. Die Zeugin hob die Hand: "Ich beschwöre das." Und fuhr fort: _____" Auch meinem Bruder wurde der Kopf abgeschlagen. Als " _____" das meine Mutter sah, fiel sie um und war auf der Stelle " _____" tot. Nachher kam auch ein Türke zu mir und wollte mich zu " _____" seiner Frau machen, und da ich nicht darauf einging, nahm " _____" er mein Kind und warf es weg. Der Vater wurde krank . . . " _____" und da kam der Befehl, daß die Kranken nicht mitgenommen " _____" werden dürften, sondern ins Wasser geworfen werden " _____" müßten. "
"Und ist das alles wirklich wahr?" fragte der Vorsitzende Richter, "ist das nicht Phantasie?" Christine Tersibaschjan: "Was ich erzählt habe, ist noch viel weniger als die Wirklichkeit. Es war viel schlimmer."
Es war wirklich noch viel schlimmer. Zum erstenmal wurde in Deutschland in aller Öffentlichkeit vom Völkermord an den Armeniern gesprochen, dem ersten im 20. Jahrhundert. Die Berliner Regierung hatte alles unternommen, den Prozeß so kurz wie möglich zu halten. Nach zweitägiger Verhandlung fällte das Gericht ein bemerkenswertes Urteil: Freispruch des Attentäters, der den für die Armeniermassaker verantwortlichen Talaat erschossen hatte.
Die Deutschen hatten allen Grund zur Verschleierung: Sie waren die engsten Verbündeten der Türken im Ersten Weltkrieg, deutsche Generäle saßen in höchsten osmanischen Kommandostäben, nur die zahlreichen deutschen Konsuln konnten verschlüsselt ihre Beobachtungen an die Botschaft in Konstantinopel geben, deutsche Schwestern und Missionare unterhielten Schulen und Krankenhäuser in den Armenier-Gebieten. Deutschen Soldaten trauten sich die Türken nicht die Fotoapparate wegzunehmen, wenn sie Greuelszenen ablichteten.
"Das kolossalste Verbrechen aller Zeiten" nannte der amerikanische Generalmajor James Harbord 1919 in seinem Bericht an die amerikanische Friedensdelegation in Versailles den Völkermord. Von einem "schändlichen Massenmord" sprach der spätere britische Premier Winston Churchill. "Schlimmere Massaker als alles zuvor" sah Frankreichs Ministerpräsident Georges Clemenceau.
Innerhalb nur weniger Monate brachten die Türken nahezu eine Million Armenier um, wobei bis heute über die Zahl gestritten wird: Die osmanische Regierung sprach nach dem Ersten Weltkrieg von 300 000, die Armenier schätzen die Zahl ihrer Toten auf eineinhalb Millionen. Unstrittig ist, daß es nach dem Völkermord in ihren eigentlichen Siedlungsgebieten Zentral- und Ostanatoliens, wo etwa eineinhalb Millionen Armenier lebten, praktisch keine mehr gab.
Die türkische Regierung kaschierte die Aktion als Umsiedlung vor den anrückenden russischen Truppen, in deren Reihen Kaukasus-Armenier kämpften. Unzuverlässige Volksgruppen unter dem Verdacht der Bereitschaft zur Kooperation mit dem Feind aus einem potentiellen Kampfgebiet zu evakuieren war auch die Praxis des russischen Zaren, später auch Stalins und sogar Roosevelts (der US-Japaner internierte). Doch die türkischen Absichten gingen viel weiter: Das - zusammen mit der griechischen Minderheit - gebildetste unter den Völkern des osmanischen Vielvölkerstaats, anfällig für fremde Ideen mithin und christlich dazu, sollte nicht nur deportiert, sondern eliminiert werden.
In Van, der heimlichen Hauptstadt der Armenier, in der sie mit 60 Prozent der 50 000 Einwohner die Mehrheit stellten, war es am 20. April 1915 zum offenen Widerstand gekommen: Die armenischen Einwohner verweigerten türkischen Einheiten die Herausgabe versteckter Waffen und konnten einen Monat lang der türkischen Armee standhalten.
"Armenierunruhen (vermutlich infolge russischer Umtriebe) sind in Van und Umgebung ausgebrochen", meldete der deutsche Botschafter Hans Freiherr von Wangenheim am 24. April aus Konstantinopel (heute Istanbul) nach Berlin. Vier Tage später berichtete er von 400 gefallenen Armeniern und mehreren hundert Türken.
Van wurde zum Fanal der Armeniervernichtung. "Alle Armenier von Besitz, Bildung und Einfluß sollen beseitigt werden", meldete aus Aleppo der kaiserlichdeutsche Konsul Walter Rößler am 10. Mai dem Botschafter Wangenheim, "damit nur eine führerlose Herde zurückbleibt."
Vom 21. April 1915 an verhafteten die Türken in allen größeren Städten die intellektuelle Elite der Armenier, insbesondere Politiker, Geistliche und Lehrer. Aus Konstantinopel wurden in zwei Nächten fast 600 Armenier ins Landesinnere abtransportiert, nur 15 von ihnen überlebten. Anfang Juni wurden dann landesweit alle armenischen Ärzte eingekerkert, auch diejenigen, die in Militärlazaretten türkische Soldaten pflegten.
Um angebliche Aufstandspläne preiszugeben, zumindest Verstecke für Waffen und Bomben, wurden die verhafteten Armenierführer und Notabeln gefoltert, zumeist mit der Bastonade, Schlägen auf die Fußsohle. Nach Hunderten Stockhieben mußten oft die Füße amputiert werden.
In Arbeitsbataillone gesteckte armenische Soldaten wurden in der Regel kompanieweise erschossen und erschlagen, was zwei deutsche Krankenschwestern mehrfach bezeugten.
Von Juni 1915 an kündigten türkische Ausrufer in den armenischen Siedlungen die Deportation an, manchmal mit einer Frist von mehreren Tagen, manchmal nur von Stunden. Aus einem Bergdorf wurden die Frauen zum Abmarsch gezwungen, als sie gerade bei der Wäsche am Dorfbach waren und nur ein Hemd trugen. In einigen Städten konnten die Armenier ihre Habe noch verkaufen, meist aber nur ein paar Kleider und Lebensmittel mitnehmen.
Mitunter umfaßten die Deportationskolonnen mehrere tausend Armenier. Einige kamen nicht weit. Im Juli 1915 zog ein Troß ausgewiesener Armenier an einem Arbeitsbataillon armenischer Dienstpflichtiger vorbei. "Es waren mindestens 5000, zumeist Frauen, Alte und Kinder", berichtete der armenische Soldat Tadewosjan, der seit acht Monaten Straßen gebaut hatte.
Tags darauf habe einer der Gendarmen gesagt: "Kinder, heute steht euch Knochenarbeit bevor." Sie seien über einen Berg geführt worden und hätten im Tal die Deportierten vom Tag zuvor gesehen, von Milizionären umringt. Tadewosjan: "Die Rohlinge amüsierten sich damit, die Alten zu peitschen, die Frauen auszuziehen und die jungen Mädchen zu schänden."
Gegen ein Uhr habe das Massaker begonnen: _____" Die schweren Äxte der Türken ließen die Köpfe der " _____" unschuldigen Opfer fliegen. Dieses fürchterliche " _____" Schauspiel hätte Felsen zu Tränen gerührt, aber wir waren " _____" so entsetzt, daß unsere Augen trocken blieben. Auf dem " _____" Abhang gegenüber standen junge und hübsche Armenierinnen, " _____" von den Türken für ihre Harems ausgesucht. Sie waren " _____" zusammengebunden und wie versteinert. Die Leichname " _____" häuften sich, und nach vier Stunden dieser grausamen " _____" Metzelei, nach vier vollen Stunden waren die 5000 " _____" Armenier tot. "
Nun mußten Tadewosjan und seine Kameraden Gräben ausheben, stießen dabei aber auf die Leichen von armenischen Soldaten. "Diese Unglücklichen hatten also einige Tage vor uns die Gräben ausgehoben", berichtete der Armenier, "und wurden dann ihrerseits massakriert. Man sah noch die furchtbaren Verletzungen." Tadewosjan: _____" Wir hoben die auf dem Schlachtfeld verstreuten Körper " _____" auf. Viele atmeten noch, und ihre Augen fixierten uns mit " _____" einer unsagbaren Angst. Ihre verkrampften Hände zeigten " _____" auf ihre klaffenden Wunden, aus denen das Blut floß. Als " _____" einer unserer Kameraden es wagte, darum zu bitten, die " _____" Verletzten nicht zu beerdigen, streckte ihn ein " _____" Revolverschuß nieder. Langsam füllten sich die Gräben, " _____" und aus dieser Ansammlung von zitterndem Fleisch stieg " _____" ein beißender Blutgeruch auf. Manchmal schaffte es einer " _____" der Sterbenden noch, einen Arm nach uns auszustrecken. "
Am nächsten Tag stürzten sich Tadewosjan und seine Kameraden auf die Gendarmen und entwaffneten sie. Tadewosjan gelang die Flucht durch die russischen Linien in den Kaukasus.
Tod durch Deportation, so muß die Order aus Konstantinopel gelautet haben. Konsul Rößler berichtete von einem Deportationszug aus dem Landesinneren, "der 14 Tage lang im Kreis herumgeführt wurde, und daß die Deportierten tagsüber kein Wasser hatten". Als der amerikanische Arzt F.D. Shepard darum bat, völlig erschöpften Armeniern helfen zu dürfen, wurde seine Bitte abgelehnt. Shepard: "Dann werden sie sterben!" Daraufhin der türkische Beamte: "Was glauben Sie wohl, weshalb wir sie deportieren."
Waren noch Männer in den Deportationszügen, so wurden sie bald von den Frauen getrennt und getötet. So zogen fast nur Frauen, Kinder und Greise zu den fernen Deportationszielen. "Der Jammer war unbeschreiblich", berichteten die beiden in deutschen Diensten stehenden Krankenschwestern, die Schwedin Thora von Wedel-Jarlsberg und die Deutsche Eva Elvers, von einem Zug, der durch Ersindschan zog. "Es waren nur zwei Männer übriggeblieben, von den Frauen waren einige geisteskrank geworden. Eine rief: ,Wir wollen Moslems werden, wir wollen Deutsche werden, was ihr wollt, nur rettet uns. Jetzt schneiden sie uns die Hälse ab.''"
Ein ihnen bekannter Gendarm, berichteten die Schwestern, habe einen Zug von etwa 3000 Frauen und Kindern durch das Euphrat-Tal nach Kemach - eine der Vernichtungsstätten für die Armenier des Nordostens - begleitet, wo sie zusammengebunden in die Schlucht geworfen wurden. "Alle weg", sei sein Kommentar gewesen. Nahe Ersindschan veränderte der Euphrat wegen der großen Leichenberge seinen Lauf.
Alle Deportationskolonnen wurden von Gendarmen begleitet - angeblich zum Schutz vor Banden und räuberischen Kurden. Der deutsche Konsul in Erzurum, Max Erwin Scheubner-Richter, beauftragte den Soldaten Carl Schlimme, die Verwandten eines armenischen Bischofs bis Ersindschan zu begleiten.
Bei einem Halt, berichtete Schlimme, "bemerkten wir, daß man uns die Armenier gewaltsam entreißen wollte. Wir machten die Gewehre zum Schuß fertig. Die uns begleitenden Gendarmen machten uns mehrfach den Vorschlag, die Armenier niederzumetzeln".
"In einem Ort", berichtete Shepard, "erlaubte der Gendarmerie-Kommandeur seinen Leuten, mit den Frauen und jungen Mädchen zu machen, was sie wollten." "Drei Ingenieure von der Bagdadbahn", erzählte der Deutsche Ernst Pieper, "hatten am Euphrat zu tun. Gegen Abend kam der Kaymakam (der Landrat) und bot jedem ein junges armenisches Mädchen für die Nacht an."
Etwa 100 000 Armenierinnen wurden in türkische Harems gesteckt oder mußten Türken oder Kurden heiraten. Aber sie überlebten immerhin. Viele ihrer Leidensgenossinnen überlebten nicht.
Zusammen mit 400 osmanischen Offizieren waren deutsche Truppen unterwegs. Eines Nachts holten sich die Türken von einem nahen Deportationszug armenische Mädchen. "Nun begann die Hölle auf Erden", berichtete ein deutscher Offizier, "das Geschrei der mißhandelten und vergewaltigten Opfer ließ uns die ganze Nacht nicht ein Auge schließen. Wir durften aber nicht eingreifen", begründete er seine Untätigkeit, "weil uns die deutsche Heeresleitung verboten hatte, uns in die internen Angelegenheiten der Türkei zu mischen."
Erst gegen Morgen hätten die Schreie aufgehört, berichtete er, weil die Frauen tot waren, "zum Teil zerstückelt".
"Manche Züge humpelten schreiend vor Schmerz dahin", berichtete ein österreichischer Reisender, der die Deportiertenkolonnen vorbeiziehen sah. "Sobald sie eines Menschen ansichtig werden, fallen viele dieser Unglücklichen auf die Knie und erbitten Hilfe und Rettung oder legen ihre Kinder zur Annahme hin. Auf diesen Märschen bei 56 Grad Celsius und bei Wassermangel erliegen viele vor Erschöpfung." Von 18 000 Deportierten aus seiner Region, berichtete der amerikanische Konsul aus Kharput (dem heutigen Harput), seien nach 70 Tagen gerade noch 150 in Aleppo angekommen.
Dort herrschte ein türkischer Gouverneur, der die Verbannung ablehnte und damit vielen Armeniern das Leben rettete - bis er versetzt wurde. Aleppo war für die meisten Opfer nur Zwischenstation. Deportationsziele waren die syrische und mesopotamische Wüste mit ihren Orten Ras el-Ain, Rakka und Der es-Zor (heute Deir es-Saur), die für die Armenier einen Klang bekamen wie später Majdanek, Treblinka oder Auschwitz für die Juden.
Von "entsetzlichen Eindrücken" sprach der für eine Mission in Konstantinopel arbeitende W.W. Peet, der die Wüstenstraße von Aleppo nach Mossul bereiste. Wie Vieh seien die Armenier in Lagern zusammengepfercht, "ohne Schutz gegen Hitze und Kälte, beinahe ohne Kleidung, völlig unzureichend ernährt".
In der Ebene von Maskana seien etwa 60 000 Armenier begraben, und unter den überlebenden Kindern wüte die Ruhr. Peet: "Ich sah unter einem Zelt, das nur einen Raum von fünf zu sechs Meter im Quadrat bedeckte, ungefähr 400 Waisenkinder, die am Verhungern waren." Frauen suchten "aus dem Kot der Pferde die wenigen unverdauten Gerstenkörner, um sie zu essen".
Konsul Rößler, erklärter Freund der Armenier, hatte die Berichte über die Leiden der Armenier anfangs als _(* Aus dem Harem des Sultans Abdul Hamid ) _(II. ) Greuelgeschichten abgetan. Doch Oberstabsarzt Schacht schrieb ihm von einer Reise nach Bagdad aus Der es-Zor: "Ich habe unterwegs viel Böses gesehen. Es ist schon wahr, was man erzählt hat." Da schickte Rößler einen Beobachter an den Euphrat. Der fand an einer Stelle "einen riesigen menschlichen Düngerhaufen, eine richtige Stätte des Todes".
Einige Hunderttausende überlebten - durch die Hilfe von Arabern, manchmal auch von Türken, selten von Deutschen. Kurden retteten Armeniern das Leben, aber Kurden verdingten sich auch als Mordkommandos. Armenier, die an der Marschroute wohnten, halfen, solange sie noch frei waren, ihren Landsleuten.
Geld konnte Leben retten. Bauern, Händler, Beamte, Gendarmen und Straßenräuber suchten sich an den Armeniern zu bereichern. Daß die Armenier Konstantinopels und Smyrnas (des heutigen Izmir) von der Deportation ausgenommen wurden, erklärte sich der deutsche Pfarrer Johannes Lepsius - auch er ein Augenzeuge der Greuel - mit dem Schmiergeld der wohlhabenden Armenier dieser beiden Handelsmetropolen.
An der Plünderung armenischer Häuser beteiligte sich oft die ganze moslemische Bevölkerung. Schnüffler fahndeten nach dem Versteck der Goldstücke. Auf der Flucht war es ungleich schwieriger, das lebensrettende Gold zu verbergen. So verschluckten manche ihre Ersparnisse oder versteckten sie an intimen Körperteilen. Die Ursache der scheußlichsten Verstümmelungen war manchmal eher Geldgier als Sadismus.
Die Mehrheit der deportierten Armenier waren freilich Bauern, deren Ersparnisse nicht lange hielten, wenn sie überhaupt welche hatten. Wenn ein Teil der rund zwei Millionen Armenier des Osmanischen Reichs überlebte, so vor allem deswegen, weil sie früh genug in die arabischen Provinzen des Reichs, nach Rußland oder nach Europa entkommen konnten.
Was war das für ein Volk, das jahrhundertelang dem schärfsten Assimilierungsdruck widerstand, darin nur dem jüdischen Volk vergleichbar, und nun die grausame Rache der Türken über sich ergehen lassen mußte? Riefen ihr Fleiß und ihre Bildung, durch die sich Armenier überall im Osmanischen Reich Einflußpositionen verschafft hatten, den Neid der türkischen Herrscher hervor?
Oder waren die Armenier die Fünfte Kolonne der europäischen Mächte im Orient, der christliche Stachel im islamischen Fleisch? Planten die Armenier einen Aufstand gegen die osmanischen Herrscher, oder hatten sie sich mit der Rolle der loyalen Minderheit im Vielvölkerstaat abgefunden? Was war das für ein Gespenst, das jahrzehntelang als die "armenische Frage" die Kabinette Europas und Konstantinopels beschäftigte?
"Sie sind die Strebsamsten und Gelehrtesten und haben eine seltene Energie", fand der deutsche Publizist Paul Rohrbach vor dem Ersten Weltkrieg. "Eine ungemein kräftige, zähe, intelligente Rasse" nannte sie der österreichische Militärattache Joseph Pomiankowski, "die ihrem Volkstum sowie ihrer Religion fanatisch anhängen."
Etwa 90 Prozent des Binnenhandels und gut die Hälfte des Außenhandels des Osmanischen Reichs lag vor dem Ersten Weltkrieg in ihren Händen, und in den meisten Städten des Ostens stellten sie die Rechtsanwälte, Ärzte, auch fast alle Handwerker. Fünfmal mehr junge Armenier als Türken besuchten die Schule, und an europäischen und amerikanischen Universitäten studierten Anfang des 20. Jahrhunderts nur wenige Türken, aber 15 000 Armenier.
Sie waren bereits alteingesessen, als Anfang dieses Jahrtausends Turkstämme ihre Siedlungsgebiete eroberten und schließlich auch die Byzantiner als Herrscher ablösten.
Weil die türkischen Eroberer im Reich keine Mehrheit der Bevölkerung stellten, schufen die Osmanen jene Institution, die Historiker als ihre größte Leistung ansehen: die "Millet" (etwa: Glaubensnation) genannte Organisation von Angehörigen einer Glaubensrichtung, in der die jeweiligen geistlichen Führer in Abstimmung mit dem osmanischen Sultan weitgehende Autonomie besaßen.
Freilich waren Christen im moslemischen Osmanischen Reich Bürger zweiter Klasse, deren Zeugnis vor Gericht nichts galt, und die (bis 1908) weder als Soldaten dienen noch in die höhere Verwaltung aufsteigen konnten. Sie durften keine wertvollen Pferde halten und mußten vor jedem Moslem absteigen. Die Christen stützten mit ihrer Steuer (mehrere Tonnen Gold pro Jahr) die Finanzen des türkischen Großreichs und blieben dafür von Verfolgungen ziemlich unbehelligt.
Das Millet-Gleichgewicht wurde erst gestört, als die Europäer die Christen des Osmanischen Reichs entdeckten - vorgeblich nur, um sie zu schützen, hauptsächlich aber, um mit ihrer Hilfe Claims abzustecken für die Verteilung nach dem absehbaren Zusammenbruch des türkischen Großreichs.
Dabei stützten sich die Russen auf die Orthodoxen (Griechen, hauptsächlich aber Armenier), die Franzosen und Österreicher auf die Katholiken (die Maroniten im Libanon, die Dalmatiner und Kroaten auf dem Balkan) und die Briten - sowie später Amerikaner und Preußen - auf die Protestanten, die sie sich freilich erst schaffen mußten: Weil die Moslems im Falle ihrer Abwendung vom Islam ihr Leben verwirkten, missionierten Amerikaner und Briten besonders bei den Armeniern, so daß es schließlich drei armenische Millets gab: ein großes gregorianisches sowie zwei kleine der Katholiken und Protestanten.
Islam gegen Christentum, das war die klassische Frontstellung vom frühen Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert. Und dann: westliche Moderne gegen orientalische Rückständigkeit. Klar, daß die modernsten der osmanischen Untertanen, die Armenier, in Europa und Amerika ihre Chance sahen oder aber in Rußland - eine verhängnisvolle Hoffnung.
Mit Abdul Hamid II. kam 1876 ein Sultan an die Macht, der nicht nur den Heiligen Krieg wieder als politisches Instrument benutzte - und den deutschen Kaiser Wilhelm II. dafür begeisterte -, sondern auch alle Reformer blutig verfolgte, was ihm den Beinamen "roter Sultan" einbrachte.
Vermutlich selbst Sohn einer armenischen Haremsfrau, richtete er sein Mißtrauen immer mehr gegen seine christlichen Untertanen im Osten des Osmanischen Reichs, gegen junge Lehrer und Intellektuelle, die - oft unter Anleitung amerikanischer Missionare - westliche Werte wie Demokratie und Liberalismus einführen wollten.
Und die Russen, traditioneller Feind der Türken, drängten nach Süden und umwarben ihre armenischen Glaubensbrüder. Der Zar Nikolai I. nannte das marode Osmanische Reich den "kranken Mann am Bosporus". Ausdrücklich im Namen der Sicherheit der christlichen Bevölkerung (Türken hatten den Aufstand der christlichen Bulgaren blutig niedergeschlagen) erklärte er 1877 dem Osmanischen Reich den Krieg und siegte.
Der Große Rat der Armenier in Konstantinopel, sozusagen das weltliche Führungsgremium im noch mittelalterlich organisierten Osmanischen Reich, verlangte im Oktober 1877 erstmals offen, die von den Armeniern besiedelten Gebiete sollten aus dem Reich ausscheiden und mit dem Gouvernement Eriwan vereint werden. Zumindest sollten die Russen das eroberte Land nicht verlassen, bevor nicht Reformen durchgeführt worden seien, die den Armeniern Zugang zur Polizei sowie den höheren Verwaltungsstellen in Türkisch-Armenien garantierten und den Zustrom der moslemischen Siedler stoppen sollten.
Tatsächlich setzten die Russen im März 1878 im Friedensvertrag von San Stefano, einem Vorort von Konstantinopel, gegenüber der "Hohe Pforte" genannten türkischen Regierung eine Interventionsklausel durch. Im Artikel 16 des Vertrags mußten sich die Osmanen verpflichten, "Reformen in den von Armeniern bewohnten Gebieten" durchzuführen, sonst würden die russischen Truppen nicht abziehen.
Erstmals in der Neuzeit wurden die Armenier in einem völkerrechtlichen Vertrag erwähnt. Die "armenische Frage" war geboren.
Ein Vierteljahr später eröffnete Reichskanzler Bismarck in Berlin den Kongreß, auf dem die Europäer Rußlands Landgewinne aus dem türkischen Krieg revidieren wollten.
Bismarck ging es nur darum, "das orientalische Geschwür offen zu halten und dadurch die Einigkeit der anderen Großmächte zu vereiteln und unseren eigenen Frieden zu sichern".
Man einigte sich, die Reformen sollten von der Hohen Pforte selbst kontrolliert - also verhindert - werden. Die Regierung des Sultans veränderte erst einmal die Provinzgrenzen dergestalt, daß in keiner der neuen Verwaltungseinheiten die Armenier die Mehrheit bildeten, es somit auch keine "von Armeniern bewohnte Provinzen" mehr gäbe, folglich keine armenische Frage.
Enttäuscht von den Europäern, gingen die Armenier dazu über, sich selbst zu helfen. Nach Geheimgesellschaften im Untergrund entstanden zwei Parteien: die "Revolutionäre Partei der Hintschaken", im August 1887 von armenischen Studenten in Genf gegründet (benannt nach ihrer Zeitung "Hintschak", die Glocke), sowie die im Sommer 1890 im georgischen Tiflis ausgerufene "Föderation armenischer Revolutionäre", kurz "Daschnakzutjun" genannt nach dem armenischen Wort für Föderation.
Während die Hintschaken eine unabhängige und vereinigte Republik Armenien forderten, propagierten die Daschnaken nur Reformen für Türkisch-Armenien und keine Unabhängigkeit, aber die Bewaffnung der Bevölkerung.
Die radikalen Hintschaken hatten Anhänger nur in Konstantinopel und der Provinz Adana ("Kilikien"). Einer von ihnen zwang im Sommer 1890 seinen Patriarchen, dem Sultan einen Protestbrief zu überbringen. Dabei kam es zu einem Aufruhr, der mehrere Armenier, einen türkischen Soldaten und einen Gendarmen das Leben kostete. Es war "das erste Mal seit der Eroberung von Konstantinopel" durch die Türken, wie der britische Botschafter nach London meldete, "daß Christen es wagten, in Stambul (Konstantinopel) türkischem Militär Widerstand zu leisten".
"Ich werde die Armenier jetzt bald auf Vordermann bringen", äußerte darauf der Sultan, "ich kenne ein Mittel, sie zu beruhigen." Er stellte ein kurdisches Kavalleriekorps auf, "Hamidiye" genannt. 1891 lud er die Anführer räuberischer Stämme nach Konstantinopel ein, erhob sie zu Paschas und rüstete sie mit modernen Gewehren aus. "Vor dem Feind völlig wertlos", urteilte der deutsche Generalstabsoffizier Guse über die kurdische Reiterei, doch im Kampf gegen die schlecht oder gar nicht bewaffneten Armenier waren sie "eine schreckliche Waffe", so die armenische Historikerin Louise Nalbandjan.
Die Hamidiye wütete fortan im Osten der Türkei. Der französische Arzt und _(* Auf dem Berliner Kongreß 1878. ) Buchautor Yves Ternon nannte es "unmöglich, die Zahl der Armenier zu beziffern, die in den Ebenen Kurdistans mit dem Bajonett niedergemacht, erschossen, aufgeknüpft und verstümmelt wurden". Das englische Blaubuch zu den Operationen der Kurdenreiterei sprach von "organisiertem Raub und legalisiertem Mord".
Die Armenier gingen besonders im Osten zur Selbstverteidigung über. "Man hat den Armeniern so lange eingeredet, daß sie Aufruhr planten, bis sie das wirklich taten", meldete der französische Botschafter Paul Cambon im Februar 1894 seiner Regierung. "So organisierten sich innerhalb weniger Jahre geheime Gruppierungen, um in ganz Armenien die Idee nationaler Identität und Unabhängigkeit wachzurufen."
Am 30. September 1895 demonstrierten 2000 Armenier in Konstantinopel für die Reformen. Als der kommandierende türkische Major Servet Bey einen Hintschaken beschimpfte und mit einem Säbelhieb verletzte, zog der seinen Revolver und erschoß den Major. Soldaten und Gendarmen entwaffneten die Armenier und töteten etwa 20. Die Anführer wurden mit der Garrotte hingerichtet, islamische Gegendemonstranten erschlugen weitere 100 Armenier.
Die Botschafter der sechs Großmächte legten daraufhin ein weiteres Reformprojekt vor, nach dem den türkischen Provinzgouverneuren christliche Berater zur Seite gestellt werden sollten. Der Sultan akzeptierte und ließ gleichzeitig seine Todesschwadrone ausschwärmen.
Es kam zum größten Massaker im Osmanischen Reich bis zu diesem Zeitpunkt. In nahezu allen Städten zogen Mörderbanden durch die Straßen und erschlugen Armenier, in einigen stellten sich Verwaltungschefs und - häufiger noch - islamische Geistliche gegen den Mob und verhinderten ein Pogrom. Die Bilanz nach wenigen Wochen: zwischen 36 000 Toten (so die Franzosen in ihrer Untersuchung) und 88 000 (so die Briten). Mehr als eine halbe Million Armenier litten Hunger, und viele starben in der Folge an Entkräftung.
Ein Jahr später überfielen die Daschnaken die zumeist Franzosen gehörende Osmanische Bank in Konstantinopel, um die Europäer wachzurütteln. Die Folge waren nur neue Massaker, denen allein in Konstantinopel etwa 4500 Armenier zum Opfer fielen.
Das Organ der damals noch oppositionellen Jungtürken, Mesveret, befand, "daß diese Massaker offiziell gelenkte Verbrechen waren".
"Das Armenierelend dauert ununterbrochen an", berichtete Paul Rohrbach im September 1898. Frauen hätten ihm ihre halbverhungerten Kinder entgegengestreckt, damit sie in ein von Deutschen geführtes Waisenhaus kämen.
Nicht nur die Osmanen setzten den Armeniern zu, auch die Russen, deren Zar die Russifizierung aller Grenzregionen verordnete. Sein Ziel war ein "Armenien ohne Armenier".
Siedlern durfte nur noch dann Land zugeteilt werden, wenn sie zum russischorthodoxen Glauben übertraten, wozu kaum ein Armenier bereit war. Im Juli 1903 konfiszierte die russische Regierung alle armenischen Kirchengüter, die nicht unmittelbar dem Kult galten: ein Schlag besonders gegen die Schulen.
Im Revolutionsjahr 1905 hetzten die russischen Herrscher ihre "Tataren" (so hießen damals die späteren Aserbaidschaner) auf die Armenier Bakus, die, obwohl sie sich erstmals verteidigten, viele Opfer zu beklagen hatten. Dann änderten die Russen nach der Ermordung des Ministerpräsidenten Pjotr Stolypin ihre Armenienpolitik und hoben das Schuldekret auf. Mit Erfolg: Sofort trat Katholikos Georg V., der oberste Bischof der Armenier, für eine russische Intervention zugunsten der Türkisch-Armenier ein.
Denn ihre wirkliche Heimat sahen auch die Kaukasus-Armenier stets in Türkisch-Armenien. "In ihrem Eifer, diese Gebiete zu befreien", schreibt der US-armenische Historiker Richard Hovannisian, "zeigte das politische Verständnis der Armenier ihre größte Naivität und Schwäche. Die gesamte Nation war leicht für ausländische Eingriffe in die Geschäfte des Osmanischen Reichs zu gewinnen." Hovannisians Sohn Raffi ist heute Außenminister in Eriwan.
Rußland und sein armenischer Alliierter, das sollte das Reizthema für die Türken bleiben, auch wenn nun eine Bewegung die Macht übernahm, in die alle Armenier die größten Hoffnungen setzten: das "Komitee für Einheit und Fortschritt" - die Jungtürken, so genannt nach einer Pariser Exil-Zeitschrift La Jeune Turquie. Sie traten für eine Rettung des Reichs durch Modernisierung ein. Mit ihren Anhängern hatten sich türkische Offiziere in Saloniki verbunden, unter ihnen Enver Bey, der 1909 den Sultan stürzte und die bereits 1878 verkündete, aber sofort wieder fallengelassene Verfassung in Kraft setzte.
"Wir haben den kranken Mann geheilt", sagte Rebellenführer Enver, doch noch einmal putschten sich die Konservativen für kurze Zeit an die Macht.
In Kilikien, wo etwa jeder fünfte der insgesamt 400 000 Bewohner Armenier war, wurden 200 armenische Dörfer vernichtet und rund 20 000 Armenier umgebracht, gehäutet, gepfählt und gekreuzigt, Kinder in Stücke geschnitten und Säuglingen die Hände abgehackt.
V on den Militärs wieder zur Macht gehievt, verordnete das Komitee für Einheit und Fortschritt Türkisch als einzige Sprache in allen Schulen und förderte eine völkische Ideologie, die - heute wieder höchst aktuell - auf eine Sammlung aller türkischsprechenden Völker hinauslief: den Turanismus.
Turan, eigentlich nur eine Landschaft in Zentralasien, sollte alle Länder und Völkerschaften umfassen, die sich von Europa über Anatolien, Nordpersien, die heutigen Republiken Aserbaidschan, Usbekistan, die Turkmenische, Kasachische und Kirgisische Republik bis nach Nordwest-China hinziehen, wo in Sinkiang die Uiguren den östlichsten Ausläufer des turanischen Phantasiereichs bildeten. Hunnen und Mongolen wurden von den Turan-Träumern ebenso in ihre Großmachtgelüste einbezogen wie die angeblich blutsverwandten Ungarn und Finnen.
Wortführer wurden der türkische Schriftsteller und Soziologe Ziya Gökalp, ein Mitglied des "Komitees für Einheit und Fortschritt", sowie der Aserbaidschaner Achmed Agajew und sein Landsmann Ali Husseinsade, der den ganzen Kaukasus mit Ausnahme Georgiens "Türkenland" nannte.
"Die Heimat der Türken", proklamierte Gökalp, "ist ein riesiges und ewiges Land - Turan! Das Land des Feindes wird verwüstet; die Türkei wird wachsen und Turan werden."
Besonders für die Armenier tat sich damit eine tödliche Gefahr auf, denn ihr Siedlungsgebiet lag mitten in diesem großtürkischen Fabelreich. Es bildete einen Landriegel zwischen den beiden türkischen Erzfeinden Persien und Rußland. _(* Titelblatt des Bozkurt (Grauer Wolf) ) _(mit dem Slogan "Die türkische Rasse über ) _(alle anderen Rassen". Überschrift der ) _(Legende: "Karte des türkischen Volkes". )
"Das Schicksal treibt die Türken vom Westen zum Osten", erklärte der türkische General Mehmed Vehib den Armeniern später, "wir haben den Balkan und Afrika verlassen und müssen uns zum Osten ausdehnen. Unsere Brüder sind in Daghestan, Turkestan und Aserbaidschan. Wir brauchen eine Straße in diese Regionen, und ihr Armenier steht uns da im Weg. Ihr müßt weichen und uns den Raum geben." Kriegsherr Enver nannte die militärische Front im Kaukasus "die panturanische Front".
Zwar wurde es nach der Niederlage der Osmanen im Ersten Weltkrieg still um die pantürkische Ideologie, aber im Zweiten Weltkrieg und in den Jahrzehnten danach flammte sie immer wieder auf.
Nach den ersten Massakern 1988 an den kaukasischen Armeniern bekannte die türkische rechtskonservative Zeitung Tercüman: "Wir sind eine Kultureinheit mit Aserbaidschan." Nach dem Golfkrieg 1991 nannte der türkische Präsident Turgut Özal ("Wir sind eine Nation von Kriegern") den Kaukasus eines der Ziele türkischer Expansion.
Im Herbst 1991 präzisierte er seine Vorstellungen. In der klassischen Zeit, referierte er, hätten die Türken Wien belagert und den Balkan "religiös und rassisch" beherrscht. Vor Wien habe dann der "Schrumpfungsprozeß" des Osmanischen Reichs begonnen. "Jetzt", so Özal, "gelte es, eine Chance zu nutzen, die sich nur alle 300 Jahre" biete. Balkan und Kaukasus seien "alternative Lösungen zur Europäischen Gemeinschaft, die keineswegs die einzige strategische Perspektive für die Türkei ist".
Der Turanismus mit der Konsequenz einer gewaltsamen Lösung des Minderheitenproblems war der ideologische Hintergrund für den Völkermord von 1915, er ist die Triebfeder für den Vernichtungsfeldzug der Aserbaidschaner gegen die Armenier in Berg-Karabach. *HINWEIS: Im nächsten Heft Armenische Rachetaten an den Türken - Einmarsch der Roten Armee in der neuen Republik Armenien - Genozid als nationales Trauma
* Aus dem Harem des Sultans Abdul Hamid II. * Auf dem Berliner Kongreß 1878. * Titelblatt des Bozkurt (Grauer Wolf) mit dem Slogan "Die türkische Rasse über alle anderen Rassen". Überschrift der Legende: "Karte des türkischen Volkes".

DER SPIEGEL 14/1992
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