22.03.1993

„Alles Geheime ans Licht“

Links in der Halle hängt die Coca-Cola-Werbung, rechts die der National-Bank und vorne, direkt über der Bühne, die von Jesus: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben."
Vor der Halle tönt frommer Chorgesang aus Lautsprechern, Fahnen flattern, Fernsehteams hasten schwer bepackt hin und her. Rustin Keiter, 18, steckt sich frierend seine vorerst letzte Zigarette an; in der Essener Grugahalle ist das Rauchen verboten.
Zu Hunderten strömen die Menschen an ihm vorbei. Niemand rempelt, niemand drängelt, alle sind sehr lieb zueinander. "Irgendsowatt von Gott", sagt der angehende Erzieher mit dem Kohlenpott-Slang, werde hier "übertragen".
Hergelotst hat ihn Kristina Blunck, 21, aktive Christin und wie Rustin aus dem Essener Vorort Burgaltendorf. Sie hofft, daß noch heute "Gottes heiliger Geist wirken" möge. Der Prediger, der da kommen soll, habe "die Gabe, den Menschen die Botschaft zu übergeben".
Billy Graham, der amerikanische Evangelist, kommt im schwarzen Audi 80. Blitzschnell eskortiert seine Crew den Mann mit dem Spitznamen "Maschinengewehr Gottes" durch einen Nebeneingang in die Halle - wie einen Pop-Star, den sie vor kreischenden Groupies retten müssen.
Die rund 10 000 Menschen, die zum Auftakt seiner fünftägigen Predigt-Serie "ProChrist '93" in der vergangenen Woche kamen, sind für ihn kaum mehr als eine Dreingabe zu den über 180 000 Menschen, die er allein in Deutschland am ersten Tag mit modernster Technik erreichte. "Einen solchen Medienaufwand", so Grahams Organisatoren, habe es "seit den Olympischen Spielen nicht mehr gegeben". Mit Bibel und High-Tech will Baptist Graham, 74, das immer gottloser werdende Europa missionieren, die Menschen in ihre Kirchen zurücktreiben.
Vor der Halle zielen neun Parabol-Antennen auf sechs Satelliten. Rund 70 Techniker senden das Wort Gottes in 1400 Orte in 55 Ländern und 16 Zeitzonen. In Deutschland stehen Video-Schirme mit Spezialantennen zum Beispiel auf dem Flughafen der Nordseeinsel Sylt oder in einem Frankfurter Einkaufszentrum. Im Gefängnis von Lörrach können sich gar die Knackis Schuld und ewige Verdammnis um die Ohren hauen lassen, zielgruppengerecht.
Rund 8 Millionen Mark kostet der Elektronik-Kreuzzug.
Knapp 2 Millionen Mark davon zahlen 19 der 24 evangelischen Landeskirchen. Der große Rest soll durch Spenden von Privatleuten und durch Beiträge jener über 1000 Kirchengemeinden hereinkommen, die sich per Satellitenschüssel den Evangelisten vom Himmel holen.
Rustin schmeißt die Kippe weg und läßt sich zusammen mit seinem Bruder Rodan, 15, in die Halle treiben, vorbei an den Ständen der Buchhändler, wo die Bibel in Rot 19,80 Mark kostet.
Bislang waren die beiden typisch katholische Karteileichen. Rustin glaubt an Gott, denn "man hat ja nichts zu verlieren, wenn man glaubt". Doch in der Kirche waren die Geschwister schon lange nicht mehr.
"Eine Bibel werden wir zu Hause schon irgendwo haben", sagt Rustin, "ich weiß bloß nicht wo." Billy Graham könnte nun bei beiden für eine "erneute Hingabe" sorgen, hoffen die ProChrist-Macher. Graham, so das Konzept, soll vor allem den unsicheren Kantonisten den entscheidenden Schubs geben.
Wenn das klappt und Glaubenshungrige sich am Ende der Veranstaltung melden, sprechen und beten ehrenamtliche Helfer mit ihnen. Sie empfehlen eine Gemeinde in der Nähe und schreiben dem dortigen Pfarrer einen Brief, um ihm die Neuen ans Herz zu legen.
Langsam reden sich schon die Dolmetscher warm. Wie in der Peep-Show stehen ihre Kabinen in einer dunklen Halle rund um große Videoschirme, die den Redner zeigen. Grahams Predigt, in Englisch gehalten, soll in 44 Sprachen übersetzt werden, unter anderem in Mandarin-Chinesisch, Ungarisch, Walisisch und Pandschabi.
Fünf Minuten vor Beginn kommt Graham selbst still auf die Bühne. Ein Hagestolz, mit einem harten Gesicht unter weißen Haaren. Sachte helfen ihm Mitarbeiter die Stufen hoch und zu seinem Stuhl. Eine Schüttellähmung läßt ihm die Knie zittern.
Seit über 50 Jahren versucht der Mann aus North Carolina schon, sein Evangelium unters Volk zu bringen. Ein Wanderprediger namens Mordecai Ham hatte ihn auf den Dreh gebracht. Anfangs lief es eher zäh, doch dann entdeckte der Zeitungsmagnat William Randolph Hearst den stockkonservativen Evangelisten als Waffe.
Graham spektakelte gegen Kommunisten, gegen Liberalisierung und gegen den Zerfall der Moral. Dafür befahl Hearst seinen Chefredakteuren, den nützlichen Eiferer prominent in die Blätter zu heben. Grahams Anhängerschar wuchs schnell. Seinen Ruf hielt er sauber, leistete sich keine Sex- und keine Finanzaffären wie andere Großprediger.
In der Grugahalle läßt Graham sich Zeit. Erst stolpert ein Vorredner von einem schlechten Witz in den nächsten, findet es etwa komisch, daß eine schottische Organisation ("Ausgerechnet. Haha.") 10 000 Pfund für Pro-Christ gespendet habe. Rustin zwirbelt die grüne Wachspapierhülle eines Hustenbonbons: "Wie kann man nur so einen Quatsch labern?"
Dann greift der ewig junge Schmelz-Rocker Cliff Richard, 52, zur Gitarre und klampft Besinnliches nach Pfadfinderart. Am Hallenrand steht ein Taubstummen-Dolmetscher und übersetzt alles, selbst die Richard-Verse, in Hand- und Armbewegungen.
"Wir leben in einer teuren Welt", jammert Graham-Freund und Multimillionär Richard, "es gibt nichts für nichts." Er verstehe Menschen nicht, die da noch immer den Glauben ablehnen. Schließlich, so der überzeugte Christ, sei das Evangelium "völlig kostenlos - als einziges im Universum".
Rustin faltet jetzt die Bonbonhülle sauber im Zickzack zusammen wie eine Zieharmonika. "Ne also, dat Wahre ist dat nich", mosert er. Von weiter oben segelt ein Papierflieger in Kurven die Tribüne hinunter. Plastikbecher kursieren für die Kollekte. Dazu singen alle ein Schunkel-Stück über "Herzen, die kalt sind wie Hartgeld".
Das grüne Wachspapier hat Rustin längst zu einer faserigen Kugel zusammengerollt und weggeflitscht, als Graham antritt. Der einst charismatische Redner rafft sich nur noch zu lahmer Gestik auf. Die Übersetzungspausen zwischen den Sätzen nehmen ihm auch noch den letzten Schwung. Wie ein Rasensprenger schwenkt er mit ausgestrecktem Arm mechanisch von links nach rechts und zurück und produziert dabei Theologie auf Grundschulniveau.
"Die Seele", so verheißt er, "wird weiterleben und weiter und weiter." Graham selbst freut sich gar auf seinen Tod. Dann könne er alte Freunde wiedertreffen. Vielleicht, so hofft er, werde Gott ihn aber auch auf einen anderen Planeten schicken, um dort das Evangelium zu verkünden.
Einen Beweis für die Existenz Gottes schüttelt er locker aus dem Handgelenk. Seine Armbanduhr, so predigt der Evangelist, habe sich ja auch "nicht ereignet", sie sei geschaffen worden. Also: "Hinter der Schöpfung steht ein Schöpfer."
Auch das älteste Priester-Spiel von allen kramt er hervor, Peitsche und Liebe. Erst gibt er die Peitsche. "Gott ist ein Gott des Gerichts", donnert er und zerrt seine tiefliegenden Augenbrauen drohend noch eine Stufe runter: "Alles Geheime kommt ans Licht, alles, was ihr je getan habt. Das Ende ist Gericht und Hölle." Die Sünde bedeute "Tod nicht nur in diesem Leben, sondern auch im nächsten".
"Der kann mir doch keine Angst machen", sagt Rustin und verschränkt die Arme vor der Brust.
Nach der Peitsche die Liebe: Offenbar gibt es doch einen Weg aus der Verdammnis. "Gott liebt euch", sagt Graham. Einzig mögliche Marschrichtung: "Umkehren, Buße tun."
Als die wichtigsten vier Schritte empfiehlt der Prediger: erstens täglich beten. Zweitens täglich in der Bibel lesen. Drittens mit anderen über den Glauben reden. Viertens in einer Gemeinde mitarbeiten. Mit Vertrauen "wie ein kleines Kind", fordert Graham, solle nun jeder Umkehrwillige nach vorne kommen an die Bühne und damit Bekenntnis ablegen: "Stehen Sie auf und kommen Sie!" Erst rührt sich nichts, dann gehen einige wenige die Tribünen-Treppen herunter.
Graham legt nach: "Sie können Gewißheit haben, daß Ihre Sünden vergeben werden." Mehr kommen herunter und bauen sich vor der Tribüne auf. "Heute ist der Tag des Heils", lockt er, "kommen Sie jetzt!" Noch immer nimmt sich die Bekenner-Truppe in der Halle etwas kläglich aus. "Die Bibel verspricht nicht", droht er nun, "daß man diese Gelegenheit noch je wieder hat."
333 neue oder reaktivierte Christen zählt die ProChrist-Statistik später. Rustin und Rodan gehören nicht dazu: "Nee", sagt Rustin, "geändert hat sich bei mir nichts."
Er hält auch beim Schlußgebet still. Alle sollen Grahams Dolmetscher nachbeten, der wiederum Graham nachbetet. Wie ein doppeltes Echo raunt so der Anfang durch die Grugahalle: "O God! O Gott! O Gott!"
Von Clemens Höges

DER SPIEGEL 12/1993
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