07.06.1993

„Auf der Seite der Sieger“

Wie viele Ausnahmen verträgt eine Regel? Wie viele, wenn sie sich liest wie ein unumstößliches Todesurteil? Die Regel heißt: HIV gleich Aids gleich Tod, früher oder später, gnadenlos.
Die Ausnahmen - gesunde Kranke, Totgesagte, die nicht sterben wollen - bestätigen nur die Statistik: Artefakte, Ausreißer, die untergehen im Hintergrundrauschen eines gräßlichen Massensterbens. Die Regel erschüttern sie nicht. "Alles, was ich heute gesehen habe", sagt die erschöpfte Ärztin am Bronx Lebanon Hospital, "waren elend leidende Menschen."
Die New Yorker Klinik hat die höchste Aids-Krankenrate in den USA. Die Kartei führt rund 3000 ambulante Patienten mit der düsteren Diagnose. Natürlich kenne auch sie, sagt die Ärztin, jene "seltsamen Fälle" - HIV-Infizierte, die nicht ins Bild des wehrlos und unaufhaltsam Dahinsiechenden passen. Zu übersehen waren sie schon lange nicht mehr, die Ausnahmen.
Doch sie fanden wenig Beachtung, blieben nichts als kleine Fragezeichen, exotische Einzelfälle. Und hätten nicht eines Tages aufmerksame Epidemiologen, jene Buchhalter der Medizin, Ausrufezeichen des Erstaunens neben ihre Kurven und Zahlenkolonnen gemalt, neue Ordner angelegt und "survivors" - Überlebende - darauf geschrieben und damit ein Phänomen erkannt, Geschichten wie die von Charles Lewis wären nichts als Anekdoten geblieben.
Lewis, ein 46jähriger Galerist aus Seattle, hat bei seinem früheren Arzt in New York noch eine Rechnung zu begleichen. Er schuldet ihm 24 Dollar und 37 Cent - der Preis für seine letzte Diagnose: Vor fünf Jahren hatte der Doktor Charles eröffnet, daß in seinem Blut sogenannte CD4-Helferzellen nicht mehr nachzuweisen seien und er folglich - seines Immunsystems beraubt - spätestens in einem halben Jahr ein toter Mann sei.
Die Regel: Gesunde Erwachsene haben 1000 bis 1200 dieser CD4-Zellen in einem Mikroliter Blut. Da der "CD4-Wert" das Fortschreiten der "HIV-Krankheit" widerspiegelt, beobachten HIV-Positive diesen Blutparameter mit banger Sorge.
Kurz nach der Infektion mit dem Aids-Virus sackt der Wert auf 600 bis 500 ab und sinkt dann weiter. Unterschreitet er einmal 200, gilt der Infizierte laut Festlegung der amerikanischen Seuchenbehörde "Centers for Disease Control" (CDC) in Atlanta als Aids-krank. Bei weniger als 50 ist mit schweren Symptomen zu rechnen, bei Null mit baldigem Exitus.
Charles, 1985 HIV-positiv getestet, aber wahrscheinlich seit 1980 infiziert, hatte so etwas schon länger befürchtet: Die meisten seiner Freunde waren bereits an Aids gestorben. Den nahen Tod vor Augen - er fühlte sich auch todkrank -, teilte er dem Arzt mit, er werde die 24,37 Dollar in seinem letzten Willen berücksichtigen. Er schrieb also sein Testament, gab seine Habe weg, verließ seine Wohnung und zog zu seinen Eltern nach Virginia, um zu sterben.
Doch Charles blieb am Leben - wenn auch zunächst mit einigen Beschwerden. Nach einer Weile verließ er das elterliche Haus wieder, zog ins nahe Washington, halbierte die ihm von seinem Arzt empfohlene Menge des Medikaments AZT, engagierte sich politisch, spielte Theater - und wie durch ein Wunder begann er zu genesen. Der ständige Ärger mit der Familie, die viel zu hohe Dosis des "Gifts" waren, schätzt er, Ursache für seinen miesen Zustand vorher. Ein Jahr später fühlte sich Charles "unheimlich gesund" und beschloß, noch einmal neu anzufangen. Er zog nach Seattle.
Die üblicherweise todbringenden Viren in seinem Körper empfindet der Langmähnige inzwischen "als Ärgernis, wie eine Fliege im Schlafzimmer". Nach wie vor mit CD4-Zellen "nahe Null", doch relativ wohlauf bis zum heutigen Tag, glaubt er nicht mehr daran, daß er so bald dran glauben muß. "Klar habe ich Angst. Aber erst einmal habe ich mit dem Sterben abgeschlossen", faßt der Mann ohne Immunsystem seine paradoxe Lage zusammen.
Allenfalls als "anekdotischer Befund", als Einzelbeobachtung fand solch ein Schicksal bis vor kurzem Eingang in die medizinische Fachliteratur. Weil aber Charles'' Fall kein Sonderfall ist, sondern ein Fall unter vielen, weil auch Aids-Aktivisten in den USA von Jahr zu Jahr lautstärker fordern: "Untersucht die Gesunden!" und weil es unter den Datenverwaltern ein paar Schreibtischhelden gibt, die Trends erkennen und benennen können, sind Patientenkarrieren wie seine mittlerweile heißdiskutierter Gesprächsstoff unter Ärzten und Wissenschaftlern geworden.
Die Aids-Forschung hat ein neues Thema gefunden: Sie hat die Überlebenden entdeckt.
Zehn Jahre nach Entdeckung des HI-Virus kündigt sich damit, wenn auch hierzulande noch nicht zu bemerken, fast so etwas wie ein leiser Paradigmenwechsel an: die Hinwendung von den Sterbenden zu den Lebenden.
Dabei ist die Tatsache, daß Menschen wie Charles Lewis lange, vielleicht sogar sehr lange mit Aids existieren können, nicht einmal der Hauptgrund für den Wandel. Sie gelten - oft gegen ihren erbitterten Widerstand - bei der Mehrheit der Mediziner nach wie vor als wahrscheinliche Todeskandidaten, die bislang einfach "Glück hatten".
Anders Jim Herbiger*. Der Berater für Industriedesign aus San Francisco hört seit über einem Jahr von seinen Ärzten nur die beste Frage, die Heilkundige ihren Patienten stellen können: Sagen Sie mal, warum sind Sie eigentlich so gesund?
Das hat gute Gründe: Jim ist seit 14 Jahren HIV-positiv, und seine CD4-Zellen haben sich auf einem konstant hohen Niveau gehalten. Jim ist dennoch nicht ganz wohl bei der Frage. Dem 42jährigen klingt es immer ein wenig so, als ginge es im Grunde um etwas ganz anderes: Sagen Sie mal, warum sind Sie eigentlich nicht krank?
Dann fühlt er sich an Zeiten erinnert, als er sich das selber ständig gefragt hat. Da lebte er in einer Art Selbstbeobachtungswahn, hatte bei jeder Unpäßlichkeit, beim kleinsten Schnupfen oder Durchfall das Wort "Symptom" im Kopf und dachte sofort: "Das war es wohl."
Es war aber nie eines der "Aids-definierenden Symptome", die er in seiner Paranoia wie das Vokabular des Bösen auswendig gelernt hatte, sondern immer nur ein Jedermannsschnupfen oder ein Allerweltsdurchfall.
"Als Aids-Kandidat wird man anders krank", sagt Jim. Er führe jetzt sein "zweites Leben", nachdem er in der Phantasie schon so oft auf der Bahre lag. Er hat sich daran gewöhnt, mit den Viren in seinem Körper "friedlich zu koexistieren", statt in Gedanken ständig mit den Eindringlingen zu kämpfen und dabei zu unterliegen.
Er geht seinem Beruf nach, lebt sein homosexuell-bürgerliches Leben, teilt Haus und Garten mit seinem Partner. Den meisten Kollegen und Freunden hat er seine Infektion bislang verschwiegen - anzumerken ist sie ihm ja ohnehin nicht. Auch sein richtiger Name soll nicht genannt werden: Obwohl nach allen Regeln medizinischer Diagnosekunst gesund, fürchtet er nach wie vor die Stigmatisierung als Virus-Träger.
Vor etwa zwei Jahren begannen sich jedoch Mitarbeiter des "Aids Office", wo er als Positiver registriert war, für Leute wie Jim zu interessieren. Seither ist er Stammgast in der Suite 500 des ehrwürdigen Gebäudes Nummer 25, Van Ness Avenue. Er gehört zu einer Gruppe äußerst gefragter Landsleute: Wie Versprengte einer geschlagenen Armee wurden in den USA landauf, landab diejenigen HIV-Infizierten für Studien rekrutiert, die - nachweislich - bei der ersten Angriffswelle des berüchtigten Killers mit dem Leben davongekommen und wohlauf sind.
In San Francisco hatte Susan Buchbinder ein besonderes Interesse an den Überlebenden gewonnen. Die junge Aids-Ärztin, 1988 beim Gesundheitsamt der Stadt angeheuert, wollte sich nicht mehr ausschließlich um Patienten kümmern, _(* Name von der Redaktion geändert. ) sondern vermehrt auch um "Papierarbeit". Sie konnte nicht voraussehen, daß sie sich fortan über einen Mangel an Beschäftigung und Bekanntheit nicht würde beklagen können.
Ohne es zu wissen, machte sich die heute 35jährige auf die Suche nach den Ausnahmen von der Regel - um womöglich dazu beizutragen, daß die Regel am Ende revidiert wird. "Ich hatte ja anfangs keine Ahnung", sagt sie, "auf welcher Quelle wir da saßen."
Die ambitionierte Ärztin hatte von ihren Vorgängern einen medizinischen Datenschatz namens "San Francisco City Clinic Cohort" geerbt. Aus dieser Kohorte, in der rund 600 homosexuelle Männer zusammengefaßt sind, waren schon wenige Jahre nach Ausbruch der Aids-Epidemie relativ verläßliche Durchschnittsdaten über die Zeit zwischen Infektion und Aids-Ausbruch sowie die Dauer der Erkrankung bis zum Tod abzulesen.
Die Männer hatten in den Jahren 1978 bis 1980 - also vor Bekanntwerden der ersten Immunschwäche-Fälle im Sommer 1981 - Blut für einen großangelegten Versuch mit einem neuen Impfstoff gegen Hepatitis B gespendet.
"Die Leberentzündung war damals das Schlimmste, was man kriegen konnte", erinnert sich der Gesundheitsbeamte Paul O''Malley, 46, der die Studie betreut hat und noch heute im Buchbinder-Team arbeitet. Nach erfolgreichem Abschluß des Großprojektes - das Vakzin erwies sich als wirksam - stellte sich die Frage, was mit dem gesammelten Blut geschehen sollte. _(* Im Aids Office von San Francisco. )
"Das war eine von diesen Man-weißja-nie-Geschichten", erzählt O''Malley. "Man weiß ja nie, wofür es noch mal gut sein wird, also hebt man''s auf." Zehntausende von Probenröhrchen wanderten in die Kühltruhen des CDC in Atlanta - ein Glücksfall der Medizingeschichte.
Als 1985 der erste routinemäßige HIV-Test erhältlich war, ließ sich mit Hilfe dieser Röhrchen die Ausbreitung des neuen Virus innerhalb der Gay Community von San Francisco praktisch von Beginn an exakt nachzeichnen: von 1978 (3 Prozent positiv) über 1980 (20 Prozent) bis 1983 (62 Prozent).
Damit standen aber auch Blutproben und medizinische Daten der ältesten heute bekannten Gruppe infizierter Menschen mit jeweils gut dokumentiertem Zeitpunkt der "Serokonversion", der Umwandlung von HIV-negativ zu HIV-positiv, zur Verfügung. Die Hepatitis-Studie mutierte zur Aids-Studie - 562 Probanden werden bis heute beobachtet.
Wenn die Epidemiologin Nancy Hessol, seit 1986 mit der Aids-Studie be- und vertraut, am Eröffnungstag der Welt-Aids-Konferenz in Berlin ihre neuesten Daten vorträgt, kann sie wie ihre Chefin Buchbinder letztes Jahr in Amsterdam eine "ermutigende Botschaft" verkünden: Über 30 Prozent der HIV-Positiven sind knapp 14 Jahre nach der Infektion nicht an Aids erkrankt.
Die eigentliche Sensation aber verbirgt sich hinter dieser Zahl: Als die beiden Frauen die medizinischen Daten der Aids-Freien näher analysierten, erlebten sie eine "ganz schöne Überraschung": Bei gut einem Viertel der Männer liegt der CD4-Wert über die Jahre konstant hoch. Mit anderen Worten: Es gibt einen Anteil unter den HIV-Infizierten, hochgerechnet acht bis elf Prozent, die nach über 13 Jahren nicht nur keine Symptome zeigen, sondern auch keinerlei Anzeichen einer Verschlechterung.
Um ganz sicher zu gehen, daß dies nicht Effekt einer Behandlung ist, schlossen die Aids-Office-Leute all diejenigen aus, die bereits "antivirale" Wirkstoffe wie AZT zu sich genommen hatten. Übrig blieb eine Gruppe von gut fünf Prozent, deren Immunsystem ohne zugelassene Medikamente über den längsten heute überhaupt zu übersehenden Zeitraum mehr oder weniger stabil geblieben ist.
Hinter diesen Zahlen verbirgt sich nichts geringeres als der deutliche Widerspruch zur HIV-Todesregel. Nach allem Dafürhalten endet nicht jede Infektion mit dem Immunschwäche-Virus zwangsläufig mit Aids oder gar mit dem Ableben.
Auf deutsche Verhältnisse übertragen, lesen sich die Zahlen aus den USA so: Wenn mindestens fünf Prozent der hierzulande schätzungsweise 100 000 Aids-Virus-Träger die Krankheit nie entwickeln, wären das momentan immerhin 5000 Ausnahmen von der Regel.
Zahlenmäßig, sagt Paul O''Malley, der selber trotz jahrelangen Risikolebens "irgendwie durchgerutscht" und HIV-negativ geblieben ist, zahlenmäßig bedeute das alles nicht viel mehr, als sei beim russischen Roulette mit durchgeladenem Revolver eine Patrone aus dem Magazin entfernt worden. "Aber macht das nicht einen höllischen Unterschied?" Nun gebe es wieder so etwas wie eine Chance.
Ärzte dürften Menschen, die ihnen nicht mehr als sichere Todeskandidaten begegnen, eine andere Einstellung entgegenbringen - können sie doch davon ausgehen, daß sie nun in manchen Fällen ihrer Berufung folgen: Patienten behandeln, statt sie nur als hilflose Sterbehelfer durch die oft schrecklichen letzten Monate zu begleiten.
Ginge es nach Charles Lewis, der noch eine alte Arztrechnung zu begleichen hat, würde den Medizinern strikt verboten, Infizierten und gesunden Aids-"Kranken" eine Restlebenserwartung vorherzusagen. So mancher gebe sich dann auf, was ja oft erst recht der Anfang vom Ende sei.
"Plötzlich hast du tatsächlich dieses Gefühl, als tickende Zeitbombe herumzulaufen", empört er sich. "Ich konnte die Vorstellung, demnächst zu explodieren, irgendwann nicht mehr ertragen."
Vor allem HIV-Positive feiern den rechnerisch eher bescheidenen Fortschritt wie einen Durchbruch, nimmt er ihnen doch die unglaubliche Last hundertprozentiger Hoffnungslosigkeit. In seinem Buch "Surviving Aids" beschreibt Michael Callen, ein vor elf Jahren bereits mit einschlägigen Symptomen diagnostizierter Aids-Überlebender, den kleinen Unterschied und seine großen Folgen: _____" Es gibt zwei Arten von Hoffnung: Die eine äußert sich " _____" als vages Sehnen nach einem Ziel, das erreicht werden " _____" kann oder nicht. Die andere bezieht ihre Kraft aus dem " _____" Wissen, daß das ersehnte Ziel von mindestens einer Person " _____" erreicht wurde. "
Susan Buchbinder und ihr Team haben aber mit ihrer Arbeit mehr geleistet als nur leise Zuversicht unter die Betroffenen zu streuen. Sie und ihre Chefauswerterin haben dem Thema "Überlebende" erst den "richtigen Impuls gegeben", sagt Aldyn McKean von der Aids-Aktivistenorganisation ACT UP, selber schon vor über zehn Jahren unter 200 CD4-Zellen gerutscht.
Bei der Berlin-Konferenz, wo es statt des einen "Round table" im letzten Jahr nun vier Veranstaltungen zu dem Fragenkomplex gibt, werden die "survivors", so schätzen aus den USA anreisende Wissenschaftler, "die Headlines machen".
Der höchstrangige Aids-Forscher des Landes, Anthony Fauci von der Nationalen Gesundheitsbehörde NIH in Bethesda bei Washington, zuständig für die Vergabe eines Großteils der Aids-Forschungsmittel in den USA, spricht mit der Zurückhaltung eines Amtsinhabers von einem "vielversprechenden Weg", den es zu gehen gelte - späte Genugtuung für Jay Levy von der University of California in San Francisco.
Der prominente HIV-Experte hatte schon bei der Internationalen Konferenz in seiner Heimatstadt 1990 seinen Eröffnungsvortrag mit den Worten begonnen: "Wie alle Virus-Infektionen hat auch Aids seine Überlebenden." Niemand ging damals darauf ein. Inzwischen wird dem Phänomen der Überlebenskünstler unter den HIV-Infizierten "höchste Priorität" eingeräumt, sagt NIH-Mitarbeiter Lewis Schrager.
Die Trends des Buchbinder-Teams sind von einer Reihe weiterer Arbeitsgruppen bestätigt und sogar leicht nach oben korrigiert worden. John Phair aus Chicago, der die größte in den USA laufende Aids-Studie betreut, gesteht: "Wir haben über unsere eigenen Ergebnisse gestaunt."
Mit Staunen nahm die Ärztin vom Aids Office die vielen Anrufe und Briefe zur Kenntnis, die sie nach Bekanntgabe ihrer Ergebnisse erhielt. Forscher aus dem ganzen Land bieten ihr seither Kooperationen an. Denn Susan Buchbinder hat etwas, das manche ihrer Kollegen als "Goldmine" bezeichnen: Im Blut der Längstzeitüberlebenden wähnen viele das Rezept, wie HIV Paroli zu bieten sei.
Die heimlichen Heroen der Survivor-Story sind in den Augen der Grundlagenforscher wertvolle Blutspender im Dienst der Wissenschaft, menschliche Versuchstiere, die womöglich Waffen gegen das mörderische Virus in sich tragen.
Viermal im Jahr begibt sich Rob Anderson zum Aderlaß ins Aids Office. Der 40jährige Künstler - im Augenblick malt er mit Vorliebe fast lebensgroße Akte athletischer, in Kisten eingezwängter Männer - ist seit 1979 HIV-positiv und kerngesund. Im schmucklosen Zimmer mit der Nummer 564 läßt er sich den mutmaßlich besonderen Saft aus seinen Adern saugen, sieht zu, wie sich die 20 bis 25 Reagenzgläschen vor ihm purpurn füllen, die Paul O''Malley hernach "unsere Kronjuwelen" nennt.
Noch am gleichen Nachmittag, verpackt und von Kurieren abgeholt, treten einige der Röhrchen eine lange Reise an: Per Übernachtflug gelangen sie an die Ostküste, wo sie von telefonisch vorgewarnten Wissenschaftlern in Empfang genommen und unverzüglich einer Reihe von speziellen Untersuchungen unterzogen werden.
Das mit den Helden hört Rob gar nicht gern. Was leiste er denn schon, wenn er sein Blut für eine Sache lasse, die anderen wie Krieg erscheine. Natürlich weiß er, daß nicht seine Taten ihn zu einer Hauptfigur im Aids-Kampf haben werden lassen, sondern seine Daten. Ein CD4-Wert von über 800 nach so langer Zeit mit HIV im Organismus macht Leute wie ihn zu Hoffnungsträgern der neuen Aids-Forschung.
Denn sollte es gelingen, in ihren Körpern ein physiologisches Pendant zu ihrer guten Konstitution zu finden, eine genetische, biochemische oder immunologische Erklärung für ihre Ausnahmeerscheinung - die bloßen Zahlen und Tabellen erhielten plötzlich einen anderen Sinn.
Wer dieser Tage durch die Labors und Institute reist, die sich den Überlebenden auf die Fersen gesetzt haben, als müßten sie den Übriggebliebenen einer untergegangenen Kultur ihr Geheimnis entreißen, kann einen Wissenschaftskrimi mit besonderem Vorzeichen verfolgen: Es gilt, so ein junger Forscher in Los Angeles, "Nicht-Ereignisse nachzuweisen".
Warum ist der Mann ohne nachweisbare CD4-Zellen nicht längst tot? Warum sinken die CD4-Werte von mindestens fünf Prozent der Infizierten nicht?
Die Ermittlungen sind längst noch nicht abgeschlossen, aber sie laufen auf Hochtouren. In der strammen Martial-Metaphorik der Medizinmaschine hieße es wohl entsprechend: Ein Durchbruch ist noch nicht zu vermelden, aber wir haben einen Aufbruch mit Begleitmusik erlebt, wie sie schon lange nicht zu hören war.
Biologen und Mediziner sehen ihre Chance vor allem im Vergleich der "Konstanten" mit den "Schnelläufern" - so nennen sie die heillos binnen weniger Jahre von der Infektion über die Immunschwäche in den Tod Fallenden. Die Unterschiede weisen womöglich den Weg zu Impfstoffen und Therapien.
Die Perspektiven sind verlockend: Wenn manche Menschen schützende Mechanismen gegen Aids besitzen oder irgendwie nach der Infektion entwickeln, wenn es also natürliche Verfahren gibt, die in vivo - im Lebenden - und nicht nur in vitro - im Reagenzglas - wirksam sind, dann lassen sich diese womöglich abgucken und abkupfern.
Die Überlebenden sollen Vorbilder sein - Beispiele dafür, daß ein Dasein mit HIV als chronischer Infektion möglich, daß Aids einmal beherrschbar sein wird wie Diabetes. "Bislang haben wir in einem dunklen Raum gearbeitet", sagt Lewis Schrager vom NIH in Bethesda. "Jetzt haben wir das Licht eingeschaltet." Als der 37jährige Arzt das Potential der Überlebendenforschung erkannte, rief er die wichtigsten Kollegen zu einer Konferenz am NIH Ende Februar dieses Jahres zusammen.
Seit diesem, so viele Beteiligte, "aufregenden" Treffen, wo erstmals Ergebnisse gesammelt und verglichen wurden, häufen sich Hinweise auf Ursachen für die Ausnahmen von der Aids-Regel. Wenn auch viele Resultate noch "vorläufig", nicht veröffentlicht oder "in print" sind: In relativ kurzer Zeit haben die Forschungsgruppen schon eine Reihe an Besonderheiten bei HIV-positiven Langzeitgesunden dingfest gemacht: *___Miles Cloyd von der Texas University in Galveston sieht ____deutliche Anzeichen für Resistenzgene, mittels derer ____sich bestimmte Zellen gegen HIV-Infektionen schützen ____können. Aus der bislang umfangreichsten Untersuchung an ____CD4-Zellen von Infizierten schließt er, daß es sich um ____"normale" Gene handelt, über die allerdings nur wenige ____Menschen verfügen. *___Dean Mann vom Nationalen Krebsforschungsinstitut der ____USA fand bei zehn seit mindestens 1982 HIV-positiven ____Männern, die bis dato "stabil" geblieben sind, ____genetische Besonderheiten im "HLA-System", das dem ____Immunsystem bei der Freund-Feind-Unterscheidung hilft. *___David Ho vom Aaron Diamond Center in New York hat sich ____die HI-Viren von vier Personen genauer angesehen, die ____seit zehn Jahren CD4-stabil sind: Die Erreger scheinen ____weniger bösartig zu sein. Die Frage sei, ob HIV in ____diesen Fällen "freiwillig freundlicher" sei - oder aber ____vom Immunsystem des Wirtes, des gesunden HIV-Positiven, ____dazu gezwungen werde. *___Gene Shearer und Mario Clerici vom NIH in Bethesda ____haben beobachtet, daß ein Mensch keine Aids-Symptome ____entwickelt, solange bestimmte Typen von Immunzellen ____aktiv sind. Mit monoklonalen Antikörpern könnte sich ____diese Aktivität womöglich dauerhaft einstellen lassen. *___Die beiden NIH-Immunologen haben deutliche Indizien, ____daß manche HIV-Negative Kontakt mit dem Virus hatten ____und es entweder abwehren oder eliminieren konnten. Dies ____steht in Einklang mit einer Reihe von Meldungen über ____mögliche natürliche Resistenzen gegen Infektionen mit ____dem Aids-Virus (siehe Kasten Seite 208). _(* In San Francisco. ) *___Jay Levy von der University of California in San ____Francisco hat in HIVinfizierten Langzeitüberlebenden ____durchweg eine erhöhte Aktivität von "CD8"-Immunzellen ____gefunden. Die CD8-Zellen geben offenbar einen ____Eiweißstoff namens "CD8 Antiviral Factor" ins Blut ab. ____Dieses kurz "CAF" genannte Molekül, das Levy in ____"Asymptomatikern" findet, scheint deren ____CD4-Helferzellen vor Vernichtung durch HIV zu schützen. *___Levy hat auch Hinweise, warum Infizierte ohne ____nachweisbare CD4-Zellen jahrelang symptomfrei ____überleben. Allem Anschein nach können CD8-Zellen die ____Aufgabe der kleinen Helfer mit übernehmen.
Diejenigen, die ihr Blut für derartige Erkenntnisse lassen, interessieren sich erstaunlich wenig für die wissenschaftlichen Daten und Details. "Blut ist doch nicht alles", sagt Rob Anderson, der Maler. "Ist es nicht die gleiche Wissenschaft, die mir vor kurzem noch ein unwiderrufliches Todesurteil ausgesprochen hat?"
Anderson gehört zu einer Minderheit unter den Überlebenden: Er kann sich über das ihm zuteil gewordene "Glück" freuen: "Es ist gut, bei HIV auf der Seite der Sieger zu sein."
Die meisten der "Auserwählten" jedoch hadern mit ihrer Lage und quälen sich mit Zweifeln. Anders als Rob sind sie keineswegs davon überzeugt, als Überlebende auch die Überlegenen zu sein: Sie fühlen sich schuldig.
Warum wirkt der um Anonymität besorgte Jim Herbiger nicht kämpferisch, sondern kleinlaut, eher bedrückt als glücklich - obwohl er schon ein Drittel seines Lebens das Aids-Virus in Schach gehalten hat? Den Kopf ein wenig vorgeneigt, die Hände gefaltet und zwischen die Oberschenkel geschoben, als müßte er sie wärmen, den Blick beharrlich gesenkt oder auf imaginäre Punkte im Raum gerichtet, sitzt er da und fragt sich: "Warum lebe gerade ich noch?"
Die "Überlebenden-Schuld", das vom italienisch-jüdischen Schriftsteller und Auschwitz-Davongekommenen Primo Levi zum Lebensthema gemachte Phänomen, dreht sich immer um die gleichen Fragen: Womit habe ich das verdient? Gab es nicht Berufenere? Wie kann ich diese Bevorzugung wiedergutmachen?
Viele sehen die Blutspende als kleinen Teil ihrer Wiedergutmachung an. Der 43jährige Jerry Hemstock aus der San Francisco Kohorte leidet bisweilen unter schlimmen Depressionen. "Dann wäre ich am liebsten bei meinen toten Freunden." Wie könne man sich seines Geschicks erfreuen, wenn es den anderen so schlecht gehe? Von manchen Bekannten fühle er sich geradezu zurückgewiesen: "Die werfen mir vor, daß ich gesund bin." Nicht zuletzt um Einsamkeit und Trauer der Zurückgebliebenen zu überwinden, hat Jim Herbiger vor kurzem eine Selbsthilfegruppe für Langzeitüberlebende gegründet. Jeden zweiten Dienstagabend treffen sie sich im Besprechungszimmer des Aids Office: Keiner der zehn Männer, die da um den Tisch sitzen, erscheint wie ein strahlender Sieger. Sie sind eher verwirrt, verstört, verschüchtert.
Sie öffnen sich, werden lebhafter, als sie über die möglichen Ursachen ihres Sonderstatus reden. Einer glaubt, er habe seinen Zustand allein dem Medikament AZT zu verdanken. Ein anderer sagt, ihm gehe es nur gut, weil er gerade kein AZT nehme.
Die Diskussion spiegelt die Ratlosigkeit der Medizin im Umgang mit HIV-Positiven wider. Die Fragen, ob überhaupt und wenn ja, ab welchem CD4-Wert und vor allem womit "Gesunde" behandelt werden sollen, was wem nützt oder schadet, können die Versammelten ebensowenig klären wie ihre Ärzte.
Seit aber aus Anekdoten Daten wurden und aus Ahnungen Aussagen, seit das Überleben-Können ein durchweg anerkanntes Faktum ist, beginnen sich HIV-Infizierte zu fragen, ob es nicht doch einen Weg aus der Regel in die Ausnahme gibt. Gerüchte schießen ins Kraut, Rezepte werden getauscht, Harmloses und Gefährliches am eigenen Leib erprobt, weil irgendeiner schwört, das und nur das habe ihm geholfen.
Ob sie sich in Schlammbäder legen oder massieren lassen, ob sie zur Akupunktur gehen oder Tai Chi betreiben, ob sie sich Photochemikalien auf die Haut streichen, Gurkenextrakt spritzen, einfach nur fit halten oder gar nichts tun - jedes Verfahren, jeder Geheimtip hat seine Vorzeige-Überlebenden. Susan Buchbinder und Nancy Hessol haben bislang keinerlei Indizien dafür, daß Lebenswandel, Ernährung oder irgendeine Medikation besonders schädlich oder förderlich wären.
Charles Lewis, der Galerist aus Seattle, nennt drei Gründe dafür, daß er dem Tod bisher entwichen ist: "Mein jetziger Doktor sagt: Dir geht es gut, weil du ein Lump bist. Zu Hause beten mindestens 40 Baptisten regelmäßig für mich, das kann auch nicht schaden. Ich persönlich glaube, Marihuana hilft ''ne Menge."
Jim Herbiger hat nur eine Erklärung für seine traurige Erfolgsgeschichte: "Ich bin unheimlich stur." Die Aids-Ausnahme-Menschen haben Regeln für das Überleben formuliert. Die wichtigste lautet: Wechsle als erstes den Arzt, der dir gesagt hat, du mußt sterben.
Einer ließ seinem früheren Doktor kürzlich statt Geldes nur eine knappe Nachricht zukommen: "Ich bin noch lebendig, Charles Lewis."
*VITA-KASTEN-2 *ÜBERSCHRIFT:
Ein baldiger Tod *
war lange Zeit für alle HIV-Infizierten Gewißheit. Doch nun, zehn Jahre nach Entdeckung des Aids-Virus, gibt es einen ersten Lichtblick: Ein Teil der Infizierten überlebt mit dem Virus im Körper, ohne an Aids erkrankt zu sein. Die HIV-Positiven, die seit vielen Jahren gesund weiterleben, sind die heimlichen Helden der Welt-Aids-Konferenz diese Woche in Berlin. Auf der Mammuttagung mit 12 000 Teilnehmern werden erste Ergebnisse vorgestellt, die auf mögliche Ursachen des Phänomens hinweisen - und neue Therapieansätze verheißen.
* Name von der Redaktion geändert. * Im Aids Office von San Francisco. * In San Francisco.
Von Jürgen Neffe

DER SPIEGEL 23/1993
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