06.12.1993

JugendHUNGRIG NACH GERECHTIGKEIT

Der Jungschauspieler River Phoenix galt als glaubwürdiger Vertreter der Generation X - jener Altersgruppe von jungen Amerikanern, die mit Moral, Ernst und Gesundheitsbewußtsein die Welt verbessern wollen. Sein Drogentod und die Folgen entlarven diesen Anspruch als Lebenslüge.
Wer jung stirbt, hat gewöhnlich einen Vorteil: Er gilt als unschuldig. Er hatte keine Zeit für all die Zugeständnisse, Kompromisse und Lebenslügen, die das Erwachsenwerden mit sich bringt. Was James Dean, Jim Morrison und Sid Vicious zu Helden ihrer Generationen machte, schien auch River Phoenix, 23, vergönnt - für 48 Stunden.
Am 31. Oktober brach Phoenix vor dem Nachtklub Viper Room in Los Angeles zusammen und starb auf dem Weg ins Krankenhaus - aus vorerst ungeklärten Gründen. Es sah so aus, als hätten die neunziger Jahre ihren James Dean.
Die Fans hatten ihm vertraut. Seine Kindheit als Sohn "durchgeknallter" Sechziger-Jahre-Hippies verschaffte River Phoenix ein politisch korrektes Image, das seine Filmrollen noch verstärkten. Er rauchte nicht. Er trank nicht. Er betonte immer wieder, wie sehr er Drogen verabscheue. Er galt als fanatischer Vegetarier, Tier- und Umweltschützer. Er hatte eine Meinung, und dafür bewunderten ihn seine Schauspielerkollegen. Doch die Autopsie ergab, daß River Phoenix einem "Speedball" erlag - einer Mischung aus Kokain und Heroin. Ein uncooler Tod.
Eine Woche nach Phoenix'' Drogentod traf sich das junge Hollywood konspirativ im Gästehaus des "Batman"-Regisseurs Tim Burton. Rivers Bruder Leaf und Schwester Rain hatten sich dort verschanzt. Jungstars wie Christian Slater, Uma Thurman und Keanu Reeves stießen dazu. Der "Brat Pack" des jungen Hollywoods wollte sich des Gefühls vergewissern, daß sie - trotz hoher Gagen - zu jener Generation X gehören, die materiell wenig zu erwarten hat, weshalb sie um so rigoroser ihre Moral formuliert. Amerikas "twentysomethings" sind hungrig nach Gerechtigkeit, Wahrheit und Spaß.
Hollywoods Jungstars trauerten, als verschworene Gemeinschaft, eine Woche lang um einen ihrer Mitkämpfer. Unklar blieb nur, wofür sie eigentlich gekämpft hatten: Ihr Streben nach Wahrhaftigkeit jedenfalls ist durch Phoenix'' offenbar gewordene Lebenslüge gründlich desavouiert.
Der Asphalt vor dem Viper Room war zur gleichen Zeit mit Kerzen und selbstgebastelten Altaren geschmückt. Doch Johnny Depp, 30, Mitinhaber des Klubs und Hauptdarsteller in Tim Burtons "Edward mit den Scherenhänden" ließ die Heldenstätte abräumen. Sein Lokal sollte nicht als Drogenhöhle zu Ruhm gelangen. Daß der Ort für Jugendliche längst als Wallfahrtsstätte galt, so wie Jim Morrisons Grab auf dem Pere-Lachaise-Friedhof in Paris, war ihm egal. "Gebt den Zwanzigjährigen endlich wieder ein Denkmal", forderte höhnisch die Los Angeles Times. _(* Vor dem Nachtklub Viper Room in Los ) _(Angeles. )
Die Trauerfeierlichkeiten um "Hollywoods zartestes Männergesicht" (Peter Bogdanovich) gerieten zu Manifestationen einer verwirrten Generation. Tagelang schoben junge "Grunger" mit Ziegenbärtchen, abgeschnittenen Elefantenhosen und weiten Holzfällerhemden vor dem verschlossenen und von Sicherheitsleuten bewachten Viper Room auf und ab. "Rrriot Girls" verteilten Flugblätter. Darauf stand: "River Phoenix war echt" und "Er sagte die Wahrheit". Alles falsch. Die Träume der Zwanzigjährigen werden nicht mehr wahr.
Dabei hatten die neunziger Jahre für die Jugend Amerikas vielversprechend begonnen. Die Grunge-Band Nirvana schenkte der Welt 1991 den Song "Smells Like Teen Spirit", der wie 1965 "My Generation" von The Who oder "God Save the Queen" 1977 von den Sex Pistols das Gesicht der Popkultur veränderte. Nirvana ließ den Geist der sechziger und siebziger Jahre wieder auferstehen und ebnete dem "wahren Rock''n''Roll" (Rolling Stone) nach langer Durststrecke den Weg zurück an die Spitze der amerikanischen Charts.
Hollywoods Jungstars gefiel das. Sie wollten Teil einer Generation sein, die endlich wieder etwas zu sagen hatte. Sie nahmen sich vor, ehrlich und politisch korrekt Karriere zu machen.
"Wir geben uns so, wie wir sind", sagte zum Beispiel Brad Pitt - Hauptdarsteller in dem Thriller "Kalifornia" - in einem Fernsehinterview über die Stärken der neuen Schauspielergeneration. "Wir wissen, was wir wollen. Trotzdem sind wir entspannt. Keiner bekämpft den anderen. Wir sind frei." Der Mann hat sieben Filme gedreht und weiß genau, daß die Produzenten sich nicht für seine Meinungen interessieren, sondern für sein Aussehen und sein Talent.
Die Schauspieler suchten die Freundschaft von Rockstars. River Phoenix stand im Viper Room regelmäßig mit seiner Band "Aleka''s Attic" auf der Bühne. Johnny Depp jamte mit Gibby Hayes von den Butthole Surfers oder Flea von den Red Hot Chili Peppers. Zu ihren Freunden zählten alle, die in Grunge-Kreisen Rang und Namen haben. Darunter Mitglieder von Pearl Jam, Stone Temple Pilot oder der Hardcore-Existentialist Henry Rollins - alles häufige Gäste im Viper Room.
Der Hang-out am Sunset Boulevard verzichtet scheinbar auf einen Dresscode, und die Stimmung ist "cool". Jene Fans, die ihren Fotoapparat zücken, um Hollywoods Nachwuchs abzulichten, werden hier nicht von Bodyguards abserviert, sondern von den Stars selbst.
Auffallende Merkmale dieser Inszenierung: Tattoos auf allen Körperteilen, Ringe in Nasen, Augenbrauen oder Brustwarzen, starker Körpergeruch, viel Haar und eine konkrete Vorstellung von dem, was als korrekt zu gelten hat. Das postmoderne Spiel mit Meinungen und Bedeutungen, die Ironie und die "sophistication" der Achtziger sind neuem, tiefem Ernst gewichen.
Daß in dieser Inszenierung ein Fehler steckt, konnte die Generation X schon ahnen, als die Verkaufszahlen von Nirvanas Album "Nevermind" die 10-Millionengrenze erreichten. Im Frühjahr waren Gerüchte aufgekommen, wonach Nirvanas Aufnahmen zu ihrem neuen Album von der Plattenfirma als "nicht veröffentlichbar" eingestuft wurden - das coolste Image, das es für eine Grunge-Band gibt.
Wenige Monate später lag Nirvanas Album "In Utero" in den Plattenläden - ein eher zahmes Werk. Um glaubwürdig zu bleiben, verbot Nirvana-Sänger und Ex-Junkie Kurt Cobain Machos und Rassisten, die Platte zu kaufen.
Hollywoods Jungstars sitzen in der Klemme. Vor dem Viper Room - von der US-Sensationspresse bisher gemieden - streunen jetzt Dutzende Paparazzi herum. Sie warten auf das nächste prominente Drogenopfer.
Und schon zeichnet sich eine neue Bewegung ab: Die Generation Exit - der totale Rückzug. "Es gibt Anzeichen dafür, daß sich die wirklich kreativen Kräfte im Land isolieren und tarnen", sagt ein Talentsucher, der schon den Grunge-Sound für die Major Companies aufgestöbert hat.
Jungstar Brad Pitt will sich vorläufig im Haus seines Patenonkels Dennis Hopper verstecken. Ihn plagen nicht erst seit dem Tod von River Phoenix Imageprobleme. Keanu Reeves tauchte bei seinem Freund William Gibson, dem Autor des Kultromans "Neuromancer" unter. Uma Thurman will beim Ex-Ehemann ihrer Mutter, dem LSD-Propheten Timothy Leary, neue Kräfte tanken.
Doch die Industrie schläft nicht: "Wir müssen ein besseres Agentennetz etablieren, um an die wirklich neuen Trends heranzukommen", sagt der Paramount-Mitarbeiter Phil Ungerman. "Die Kids vergraben sich. Sie fürchten den Erfolg. Diese Angst müssen wir ihnen nehmen." Y
* Vor dem Nachtklub Viper Room in Los Angeles.

DER SPIEGEL 49/1993
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