22.03.1993

Einsamer Wolf unter Wölfen

Eine Moskauer Personalakte der Kommunistischen Internationale erhellt das Bild Herbert Wehners, der nach dem Krieg zum SPD-Vizevorsitzenden und Minister aufstieg. In den Terrorjahren 1937 bis 1941 lebte er - zusammen mit dem späteren DDR-Gründer Walter Ulbricht - in Moskau. Dort belastete er Genossen, die der sowjetischen Geheimpolizei zum Opfer fielen. Rettete er die eigene Haut? Oder suchte er Sühne für Verräter?
Allnächtlich horchten die Dauergäste des Hotels auf den Fahrstuhl, die Geräusche der Verhaftungskommandos. Blieben sie selbst verschont, sahen sie am nächsten Morgen ein Siegel an manchen Türen - Zeichen einer Festnahme oder eines Sturzes aus dem Fenster in den Hinterhof.
Bis zur nächsten Nacht, in der jeder Insasse des Moskauer Hotels Lux so bangte wie die abgemusterte Sowjetspionin Ruth von Mayenburg, die sich "wie ein geängstigtes, gejagtes Tier in die Stille duckte, jeden Augenblick ihre Unterbrechung gewärtigend, ein verdächtiges Geräusch auf dem Korridor, Schritte womöglich, die an den Zimmertüren vorbeigingen und dann an irgendeiner haltmachten:
"Nicht an meiner, bitte nicht an meiner. Ich habe nichts gegen die Partei, gegen die Sowjetunion getan, ich bin immer ein treuer Kommunist gewesen, ihr holt einen Unschuldigen, ich schwöre es, aber wie kann ich es ihnen beweisen?"
In jenen dreißiger Jahren in Moskau ließ der große Konterrevolutionär Stalin Kommunisten aus fremden Ländern, die in seinen Machtbereich gerieten, ebenso erschießen wie jene daheim, welche 1917 die Oktoberrevolution zum Sieg geführt hatten, und dann jeden unbotmäßigen Bürger, sieben Millionen.
Die gesamte Führung der polnischen KP wurde erschossen, von der jugoslawischen blieb Josip Broz ("Tito"), von der deutschen hieß es: Was die Gestapo von der KPD übriggelassen hat, liest Stalins Geheimpolizei NKWD auf. Ihr fielen 242 deutsche Spitzengenossen zum Opfer.
Längst bewältigte Vergangenheit? Das Hotel Lux in der Moskauer Gorkistraße (heute wieder: Twer-Straße) heißt jetzt "Zentralnaja" und sucht ausländische Käufer. Der Fahrstuhl im Jugendstil ist durch einen modernen Lift ersetzt, doch auf jeder Etage gibt es nach wie vor nur eine Toilette mit drei Becken, noch immer dringen die Ratten bis in die Zimmer vor.
Seit den zwanziger Jahren hatte das Lux die Blüte der Kommunisten aller Länder beherbergt, die zum Rapport nach Moskau anreisten, zur Schulung, zu den Weltkongressen der Kommunistischen Internationale ("Komintern"). Deren Exekutivkomitee, das EKKI, lenkte die Bruderparteien - zum Aufstand, in die Illegalität, zur Subversion.
Beim dritten Weltkongreß 1921 wohnte im Lux der Genosse Friesland, der unter seinem richtigen Namen Ernst Reuter später zum Regierenden Bürgermeister West-Berlins aufstieg. Obdach nahm dort der Paradeproletarier Ernst Thälmann, der sich bei dieser Gelegenheit einer jener Russinnen bediente, die aus blanker Not den Hoteleingang belagerten. "Wat sagt ihr", verkündete er eines Morgens, "heut'' hab'' ich für ''ne Dose Kondensmilch mit ''ner Großfürstin gepennt."
Manche Genossen quartierten sich auf längere Zeit ein: Der Hort der Weltrevolution geriet in Stalins Terrorjahren zum Käfig. Damals, von 1937 bis 1941, wohnte in einem einfenstrigen, mit Büchern vollgestopften Lux-Zimmer im fünften Stock Herbert Wehner, Spitzenfunktionär der in Nazi-Deutschland verfolgten KPD. Er führte den Decknamen "Kurt Funk".
Hernach brachte er es in Westdeutschland zum Fraktionsführer und Vizevorsitzenden der SPD, gar Bundesminister, während seine nächsten Exil-Gefährten Wilhelm Pieck und Walter Ulbricht nebenan in Ostdeutschland einen Unrechtsstaat unter dem Tarnnamen "Deutsche Demokratische Republik" errichteten.
Im Vereinigungsjahr 1990 starb Wehner, 83, als allseits gerühmter Patriot, der die Fundamente der Bundesrepublik entscheidend mitgestaltet hatte - herausragendster Sozialdemokrat neben
*GESCHICHTE-3 *
Willy Brandt. Jetzt holt ihn die Vergangenheit ein: Die Öffnung sowjetischer Geheimarchive bringt Dokumente ans Licht, die zum Schicksal des Sozialisten Wehner Fragen aufwerfen, welche er selbst nicht mehr beantworten kann.
Auch ihn befiel, 1937, wie er später berichtete, "hysterische Angst vor einer ungreifbaren und doch so gut wie unentrinnbaren Gefahr" im Emigrantenhotel: _____" Jeder war bestrebt, sich von den meisten anderen in " _____" einem sicheren Abstand zu halten. Hinter Besuchen " _____" witterte man die Absicht des Besuchers, etwas Spezielles " _____" in Erfahrung bringen zu wollen. Fast alle verleugneten " _____" frühere Freunde . . . Jeder suchte im stillen nach " _____" entlastenden Erklärungen für frühere Freundschaften, " _____" Zusammentreffen und Ereignisse, aus denen ihm nun " _____" Gefahren erwachsen könnten. "
Wehner aber konnte entrinnen. 1937 wurde er zweimal in das NKWD-Hauptquartier geholt, die "Lubjanka", zugleich Zentralgefängnis und Richtstätte samt Krematorium. Am nächsten Morgen war er wieder im Lux.
Es war "ein recht zwiespältiges Glück, aus der Lubjanka in die fragwürdige Freiheit des Lux zurückzukehren", erinnert sich Ruth von Mayenburg. "Wem es widerfuhr, erschien es klüger, darüber zu schweigen. Wie leicht konnten da Gerüchte entstehen, ob sich der _(* Foto aus der Komintern-Kaderakte 1937. ) Glückhabende nicht losgekauft hatte, indem er andere ins Unglück stürzte?"
In seiner nach dem Krieg schriftlich abgelegten, zunächst nur wenigen Vertrauten zugedachten Beichte ("Notizen") rechtfertigte sich Wehner, er sei in der Lubjanka nur nach dem Mitarbeiter eines Genossen unter dem Decknamen "Viktor" wegen angeblicher Vorbereitung terroristischer Akte im Saarland befragt worden. Wahrheitsgemäß habe er geantwortet, "daß wir uns an der Saar zweimal gegen die bewaffneten SS-Truppen zur Wehr gesetzt haben".
Die volle Wahrheit war das nicht, der Komintern gegenüber jedenfalls sagte Wehner etwas anderes. Eher glaubhaft ist seine weitere Einrede, er sei nach dem (schon toten) Rebellen Max Hoelz, seinem Schwippschwager, gefragt und ihm sei zugemutet worden, Kreszentia ("Zenzl") Mühsam, die Ehefrau des prominenten Anarchisten Erich Mühsam, zu bespitzeln; er habe das zurückgewiesen.
Mühsam war 1934 im Nazi-KZ Oranienburg ermordet worden. Seine Frau emigrierte - mit der Schauspielerin Carola Neher - hoffnungsvoll in die Sowjetunion, ins Lux. Beide wurden verhaftet, kamen ins Lager, Neher starb, Zenzl Mühsam, die sich als Verbannte in Sibirien vom Betteln ernährte, kehrte 1955 nach Deutschland zurück. In seiner Beichte gab Wehner ferner preis, nach Krach mit Ulbricht, der daraufhin "Brennmaterial zu meinem Scheiterhaufen gesucht" habe, sei eine Untersuchung der Komintern über ihn verhängt worden. Höhepunkt war ein Fragebogen mit 42 Themen, schwerster Vorwurf der Verdacht, an der Verhaftung des Parteichefs Thälmann nach dem Reichstagsbrand 1933 die Schuld zu tragen.
Laut Wehner stützten sich die Fragen auf Anschuldigungen der Genossen Birkenhauer, Thälmanns Sekretär, und Flieg - obwohl ein Kassiber des verhafteten Thälmann gerade den Flieg belastet habe. Nach Wehners Stellungnahme gegenüber der Komintern wurden beide Ankläger von Stalins Geheimpolizei NKWD festgenommen. "Ob diese Verhaftungen irgend etwas mit meiner Verteidigung gegen die zu meiner Vernichtung konstruierten Anklagen zu tun gehabt haben", äußerte sich Wehner 1946, "wage ich nicht zu entscheiden."
Es war so. Das ergibt sich aus Wehners Kaderakte N82/11646 bei der Komintern, die der Hamburger Historiker und Ex-Kommunist Reinhard Müller im früheren ZK-Archiv der KPdSU in Moskau aufgespürt hat*.
Daraus folgt noch viel mehr an Furchtbarem aus der Terrorzeit, was die Rätsel um den verschlossenen, undurchschaubaren _(* Reinhard Müller: "Die Akte Wehner. ) _(Moskau 1937 bis 1941". Rowohlt Verlag, ) _(Berlin; 448 Seiten; 38 Mark. Erscheint ) _(Ende März. ) Isegrim freilich nur vergrößert: Rundum kritisierte Wehner Führungsgenossen aus der KPD und belastete sie damit nach der herrschenden Verfolgungslogik. Mindestens fünf wurden zum Tode oder zu Lagerhaft verurteilt. Er aber kam davon.
War der Mann, der 1966 die deutsche Sozialdemokratie nach 36 Jahren der Machtlosigkeit wieder in die Regierung führte, demnach ein gemeiner Spitzel? Autor Müller fällt das Urteil, Wehners Denunziationen "waren zwar überlebensnotwendiger Reflex in der wechselseitigen Verfemung, vernichteten aber zugleich die eigene moralische Existenz".
Verdacht kommt auf, Wehner habe seine Bindungen an Moskau und an die DDR-Genossen bis zu seinem Tode 1990 womöglich aufrechterhalten - wie ihm zu Lebzeiten politische Gegner in der Bundesrepublik immer wieder unterstellt hatten. War er nicht zumindest erpreßbar?
Gewiß, sie waren zumeist keine Heroen, die deutschen Kommunisten am Ende der Weimarer Republik, viele ihrer Funktionäre eher brutale Übeltäter und Intriganten, oftmals von schwachem Charakter und vom Recht auf Anpassung durchdrungen. Sie zu brechen und zum Reden zu bringen, fiel der Gestapo gemeinhin nicht so schwer, und dem NKWD ebenso. Die DDR-Hagiographie verschleierte die Tatsachen: Ein Widerstand, der die Nazi-Brut ernsthaft hätte gefährden können, kam von seiten der Kommunisten nie zustande, nur von stockkonservativen Generalen.
Wehner aber war kein Speichellecker. Über ihn erzählt seine Lux-Leidensgenossin Mayenburg: "Für mich war Funk ein ganz neuer Menschentyp, ein Mann aus der Arbeiterklasse mit der Geistesbildung und Sensibilität eines Intellektuellen. Funk litt an Deutschland, am Unglück des deutschen Volkes."
Der vermeintliche Nationalkommunist Herbert Wehner hatte sich als 19jähriger die Maxime gesetzt: "Es ist besser, als ein Wolf zu sterben, denn als Hund zu leben." Das war im Jahrhundert des doppelten Totalitarismus eine stolze, aber gewagte Überlebensregel, ehrenhafter jedenfalls als die von der Evolution vorgegebene Anpassung.
Ein Feigling, der nur die eigene Haut retten wollte, war Wehner nicht. Familiäre Rücksichten kannte er kaum, persönliche Beziehungen galten ihm wenig - ein einsamer Wolf unter Wölfen.
Er teilte offenkundig auch nicht die Furcht im Lux. Denn unter der erstickendsten Repression, da jedes noch so linientreue Wort am nächsten Tag schon das Leben kosten konnte, duckte er sich nicht, sondern drängte geradezu danach, in Zeitungen und im Rundfunk eigenständige politische Kommentare abzugeben. Ein blinder Spieler, ein besonders durchtriebener Karrierist?
Es kann auch so gewesen sein, daß dieser Wehner, einer der geschicktesten Konspirateure seiner Zeit, in Wahrheit als Einzelkämpfer - gehärtet von gleich beiden Menschenmordsystemen dieses Jahrhunderts - die Mechanismen des Terrors gegen die Terroristen selbst gekehrt hat und daß er dabei doch an seinem Ziel festhielt, welches einen Kampf auf Leben und Tod gegen Hitler wie gegen Stalin verhieß: ein Sozialismus, der den Namen verdient, in Deutschland.
Was für ein Sozialismus? Als Antiautoritärer hatte das Dresdner Arbeiterkind angefangen: "Staat heißt Unterdrückung der Freiheit und des Lebens, sei er nun eine Sowjetrepublik oder ein Kaiserreich." Wehner diente Erich Mühsam als Sekretär und wohnte bei ihm, bis er unter Mitnahme der Untermieterin Lotte Loebinger 1927 verschwand.
Mühsam rief "Treuebruch", Wehner "Verrat am revolutionären Prinzip" - nachdem er ein Zitat des Anarchistenführers aus dem Kriegsjahr 1914 gefunden hatte: "Ich weiß mich mit allen Deutschen einig in dem Wunsch, daß es gelingen werde, die fremden Horden von unseren Kindern und Frauen, von unseren Städten und Äckern fernzuhalten."
Die Schauspielerin Loebinger, die Wehner bald heiratete und wieder verließ, gehörte zu einer Agitprop-Truppe der KPD, ihre Schwester hatte Max Hoelz geheiratet. Noch schätzte der junge Wehner den jungen Sowjetstaat treffend ein: _____" Wird jedoch das rote Tuch zum Zeichen des Staats, der " _____" revolutionäre Proletarier einkerkert, dann haben wir mit " _____" ihm nichts gemein. Genausowenig wie wir mit der "Diktatur " _____" des Proletariats" gemein haben, unter der Tausende von " _____" Revolutionären gemartert und gefoltert werden. "
Und der Sozialismus? _____" Die Russen gelangten zu einem Staatskapitalismus, " _____" unter dessen Ausbeutungsmaschine die Mehrheit der " _____" Proletarier Not leidet und geknechtet ist. "
Dennoch trat Wehner im April 1927, im Alter von 20 Jahren, der KPD bei - vielleicht seiner agitierenden Frau zuliebe, vielleicht aus der plötzlichen Sehnsucht des Intelligenten mit Volksschulbildung nach Unterordnung unter eine Hierarchie oder gar mit Unterwanderungsgelüsten.
Zu Wehners Bildungsgang gehört auch ein Verfahren gegen ihn wegen Vorbereitung zum Hochverrat, er hatte die Weimarer Verfassung geschmäht. Die Anklage fiel aber unter eine der 25 Amnestien der Weimarer Republik, welche laut ihrem Biographen Ferdinand Friedensburg die Auffassung nährten, daß es "eine ernsthafte Verantwortung namentlich für politische Straftaten überhaupt nicht gebe".
Wehner war eine Woche in Untersuchungshaft. Solch kurzfristiger Gefängnisaufenthalt sollte später der Komintern wie auch ihm selbst für den Verdacht genügen, der Freigelassene sei in der Haft umgedreht worden.
Die Organisation, der sich Wehner fortan unterwarf, hatte mit einer politischen Partei weniger zu tun als mit einer _(* Auf gemeinsamer Kundgebung im Berliner ) _(Saalbau Friedrichshain. ) Art konspirativer Macht-Mafia. Die seit 1921 "bolschewisierte" KPD war eine Auslandsfiliale der KPdSU und ihres Geheimdienstes, focht für ein "Sowjetdeutschland" und bekam gerade im Jahr nach dem Wehner-Beitritt eine Stalin ergebene Führungsspitze.
Beraten von russischen Instrukteuren, hatte diese Partei beständig gegen die parlamentarische Demokratie zu putschen versucht: 1919 in Berlin und Bayern, 1920 im Ruhrgebiet und - unter Max Hoelz - 1921 in Sachsen, 1923 in Hamburg. Am Ende der Weimarer Republik, in Wehners ersten KPD-Jahren, trug die Partei mit Sozialdemokraten, Nazis und der Polizei einen Bürgerkleinkrieg aus, der Hunderte Tote kostete.
Der unerbittliche Anti-Nazi Wehner erlebte aber auch, wie die KPD beim Volksentscheid gegen Preußens sozialdemokratisch geführte Regierung 1931 und beim Berliner Verkehrsarbeiterstreik 1932 bedenkenlos mit den Nazis kooperierte: Ihr Hauptfeind war die Sozialdemokratie ("Sozialfaschisten").
Ulbricht trat in Kundgebungen gemeinsam mit dem NS-Propagandachef Josef Goebbels auf. Die KPD wurde "zu einem getarnten Bundesgenossen Hitlers", so die frühere KP-Chefin Ruth Fischer. Stalin, befand Margarete Buber, die Lebensgefährtin des Spitzen-Kommunisten Heinz Neumann, habe absichtlich die Kampfkraft der KPD geschwächt und Neumann gegenüber den Hitler einen "Prachtkerl" genannt. Ex-Kommunist Karl Wittfogel kam zu dem Schluß: "Stalins Politik ermöglichte es Hitler, an die Macht zu kommen."
Und Deutschlands KP-Führung machte mit. Die Kommunistische Partei war, wie Lenin sich das einst gewünscht hatte, eine Agentenorganisation. Ihren militärischen Geheimapparat ("M-Apparat") leitete Hans Kippenberger, der beispielsweise den Mord an zwei Polizisten auf dem Berliner Bülow-Platz arrangiert hatte. An der Spitze der Partei stand Thälmann, der Genossen, die vom Stalin-Kurs abwichen, öffentlich als "dreckige Hunde" brandmarkte.
Die Atmosphäre in der Partei, deren Mitglied er geworden war, beschrieb Wehner später so: "Verschweigen und Verleugnen von Gedanken und Meinungen und eine mehr oder weniger konspirative Verschleierung persönlicher Freundschaften", eine "erpresserische Praxis führender oder streberischer Leute, andere Genossen ,festzulegen'' und zu ,entlarven''", "ständig sich selbst zu überwachen, um nur nicht falsch ,aufzutreten'' . . ."
Wehner kann damals kaum entgangen sein, was er 1946 rapportierte: "Nur robuste Nichtdenker oder zynische Streber können in einer solchen Atmosphäre gedeihen und Erfolg haben." Für ein selbständiges Denken der Arbeiterschaft sei das "Gift".
Wehner hatte Erfolg. Seine Arbeitsstelle als Kalkulator bei Zeiss-Ikon hatte er nach einem halben Jahr im Herbst 1927 wegen aufrührerischer Artikel gegen seinen Arbeitgeber verloren. So wurde er Berufsfunktionär, bald als Sekretär der sächsischen Parteileitung und Landtagsabgeordneter, ab 1931 im Berliner ZK-Apparat, schließlich Sekretär des Politbüros.
In der Wirtschaftskrise strömten Massen Arbeitsloser der KPD zu, sie stellten 85 Prozent ihrer Mitgliedschaft. In der deutschen Hauptstadt gewann bei den letzten freien Wahlen im November 1932 die KPD fast 38 Prozent der Stimmen, während die Nazis und die Sozialdemokraten jeweils knapp 24 Prozent bekamen. Das schreckte auch Demokraten, die nach dem Reichstagsbrand 1933 in Panik Hitlers "Ermächtigung" zustimmten.
Tausende KPD-Funktionäre wurden verhaftet. Wehner ging in die Illegalität und lenkte praktisch die Partei im Untergrund.
Das nach Paris ausgewichene Politbüro schickte ihn, ausgestattet mit 500 000 Franc der Komintern, im Juni 1934 ins Saargebiet, wo der Abstimmungskampf um den Anschluß ans Deutsche Reich tobte. Wehner verdammte die Wiedervereinigungsparole der lokalen KPD (dabei: Erich Honecker) "Rote Saar im Sowjetdeutschland". Er ersetzte - im Bund mit den Saar-Sozialdemokraten - die absurde Losung durch das Konzept des Status quo, die Nichtvereinigung mit Nazi-Deutschland. Doch über 90 Prozent der Saarländer wollten heim ins Reich. Wehner erfuhr erstmals etwas von "nationalen Gefühlen".
Über Prag, wo er vier Wochen in Haft kam (und der Literat Egon Erwin Kisch Wehners neue Lebensgefährtin Charlotte Treuber wenigstens aus der Prostituierten-Zelle hatte befreien können), reiste Wehner nach Moskau. Er trat unter konspirativen Umständen einen mehrwöchigen Erholungsurlaub in Georgien an, wo Parteichef Lawrentij Berija regierte, der spätere NKWD-Chef. Er war vielleicht ein künftiger Schutzpatron.
Wehner war Delegierter für den VII. Weltkongreß der Komintern, die nun auch sowjetamtlich den Kampf gegen die Sozialdemokraten einstellte und statt dessen eine "Einheitsfront" mit ihnen ausrief. Ziel: "Revolution in Zentraleuropa", was immer die Moskowiter darunter verstanden.
Als bewunderter Kämpfer an der illegalen Front hielt er eine Rede, in der er allerdings geschickt der Leninschen Parteitheorie von der berufsrevolutionären Elite und der Menge dummer Durchschnittsmitglieder widersprach: Es habe "massenweise Fälle" gegeben, in denen die von oben ernannten Instrukteure auf ihre Reisen Literatur mitgenommen und "das mühselig aufgebaute Verbindungsnetz zerstört" hätten. Früher habe man auf den "verhältnismäßig engen Kreis von Funktionären" gesetzt, jetzt werde "jedes Mitglied ein Organisator und Führer der Massen".
Der Kongreß applaudierte, niemand nahm Anstoß am Lenin-Verdikt. Wehner lernte, daß er listiger war als die Apparatschiks. Nur der Chef-Vigilant Kippenberger ertappte ihn, als Wehner auf Stube - im Lux - das Deutschlandlied sang.
Im Komintern-Hotel erfuhr er erstmals am eigenen Leib die Diskrepanzen der sowjetischen Klassengesellschaft: Die Partei-Oberen versorgten sich in Sonderläden mit allem, was sie brauchten, inklusive Büchsenmilch. Die Unteren, zu denen Wehner noch zählte, empfingen die niedrigste Lebensmittelration, die er auch noch mit Charlotte teilen mußte.
Aber schon bald gehörte auch er zu denen da oben. Wehner wurde Mitglied des Zentralkomitees und Kandidat des Politbüros der KPD. Empfohlen hatte er sich mit der Niederschrift einer ersten "Kader-Liste" mit 500 Namen, von der er wußte, daß sie zur Kenntnisnahme an das NKWD gelangte.
Wehner ging nach Paris und beobachtete von dort aus die Trümmer der Partei in Deutschland. Er bemühte sich mit Ulbricht und Propaganda-Genie Willi Münzenberg um eine "Volksfront" mit nichtkommunistischen Emigranten wie dem Sozialdemokraten Rudolf Breitscheid und dem Schriftsteller Heinrich Mann.
Er lernte Willy Brandt kennen ("Typ eines Fellow travellers") und zankte sich mit Ulbricht, weil der mit Attacken auf den SPD-Exilvorstand in Prag die neue Allianz hintertrieb und auch noch dazu überging, nicht linientreue Kommunisten in Deutschland durch Rundschreiben zu enttarnen und damit der Gestapo auszuliefern.
Für den Bürgerkrieg in Spanien sammelte Wehner die ersten hundert Exil-Deutschen, auch Sozialdemokraten, als "Interbrigadisten". Doch an eine Einheitsfront mit den demokratischen Sozialisten war schon nicht mehr zu denken, seit sich im August 1936 Stalins Terror gegen die eigenen Genossen kehrte. Der Tyrann ließ Lenins Kampfgefährten Sinowjew und Kamenew hinrichten; Sinowjews letzte Worte vor der Erschießung: "Das ist ein faschistischer Umsturz!"
Die Sozialistische Internationale wandte sich mit Abscheu von den "Hexenprozessen", die der italienische Kommunist Ignazio Silone sogleich als "Kollektivmord" einschätzte, "der an allen verübt wird, die mit der herrschenden politischen Linie nicht einig gehen".
Der Schriftsteller Gustav Regler und der Theatermann Erwin Piscator kamen aus Moskau nach Paris und unterrichteten Wehner über die Verfolgungen im Detail. Wehner fuhr Ende 1936 zusammen mit dem SPD-Vorstandsmitglied Paul Hertz (später Senator in West-Berlin) zu einer Völkerbundtagung über Flüchtlingshilfe für deutsche Emigranten nach London.
Die Kaderabteilung der Komintern-Exekutive, des EKKI, hielt ihm später vor, mit einem auf seinen richtigen Namen ausgestellten deutschen Paß gereist zu sein, "obwohl dem Intelligence Service die leitenden Funktionäre der KPD mit ihrem Namen aus der Legalität und wahrscheinlich auch aus der Illegalität bekannt sind". Den Vorwurf, ein britischer Agent zu sein, erhoben gegen Wehner noch nach dem Krieg Ulbricht wie auch, so behauptete ein KPD-Bundestagsabgeordneter 1953, die schwedische Regierung.
Das EKKI bestellte Wehner zur Einvernahme nach Moskau. Er begab sich in die Löwengrube.
Bei der Komintern-Zentrale war der Brief eines Genossen eingegangen, der Wehner anzeigte, im Saargebiet zusammen mit seinem Freund "Viktor" Handgranatenanschläge angeordnet zu haben. Wenn das stimmte, mußte es in Moskau, wo die Furcht vor Attentaten von Ex-Genossen umging, Mißtrauen wecken.
Warum könnte Wehner zur direkten Gewaltanwendung gegriffen haben - aus purem Haß auf die Nazis, als Rückfall in anarchistische Exzesse?
Oder um abzulenken von dem zu erwartenden Resultat der Saarabstimmung - wie beim Mord am Bülowplatz 1931, der (so Wehners spätere Analyse) "als Alternative" zum Scheitern des Volksentscheids gedacht war? "Wir erledigten alle möglichen Arbeiten, Terrorakte . . ." hieß es im Lebenslauf des Kippenberger-Mitarbeiters Erich Mielke für die eigene EKKI-Kaderakte. "Als letzte Arbeit erledigten noch ein Genosse und ich die Bülowplatzsache." Deswegen steht Mielke, der ehemalige Stasi-Chef, heute in Berlin vor Gericht.
Die Moskowiter hielten Wehner vor, für Attentate keinen Parteibefehl gehabt zu haben. Sie seien von einem "Provokateur" angeordnet worden, also um die Saar-Wähler aus Angst vor dieser Fraktion der Roten Armee in die Arme der Nazis zu treiben.
Wehner wehrte sich auf seine Weise. Er leistete seinen Tribut. Gerade eben war Lenins Deutschland-Experte Karl Radek verhaftet worden, obwohl er sich von Sinowjew und Kamenew so distanziert hatte: "Vernichtet diese wilden Tiere . . . Sie müssen wie Kadaver beseitigt werden."
Auch Wehner verstieg sich später zu dem Satz, es sei nötig, die "trotzkistischen Agenten des Faschismus auf literarischem Gebiet . . . in ihren Schlupfwinkeln aufzustöbern, zu stellen und zu entlarven". Die Stalin-Verfassung für die UdSSR von 1936 sei ein "Dokument der wahren Freiheit".
Mußte er das? Die Kaderakte der Komintern birgt alle Denunziationen - auch die gegen Wehner. Am 11. Januar 1937 hatte sich Wilhelm Florin, Leiter der Komintern-Kontrollkommission mit engem Kontakt zum NKWD, in Sachen Wehner an den Chef der Komintern-Kaderabteilung gewandt. Das war Gework Alichanow (der später hingerichtete Vater der Jelena Bonner, die den Nobelpreisträger Sacharow heiratete). Florin: _____" Der Genosse Kurt Funk (Herbert Wehner) . . . war bis " _____" zuletzt ein enger Freund von Viktor . . . Wehner hat mit " _____" Viktor im Saargebiet zusammen gewohnt. Wehner ist " _____" sicherlich über die dortige Tätigkeit Viktors am besten " _____" unterrichtet gewesen. "
Zwei Tage später, zehn Tage vor dem Radek-Prozeß, schickte die Kaderabteilung ein Wehner-Dossier an den Komintern-Chef Dimitroff, in dem ernste Verdachtsmomente zusammengestellt waren: *___Vor der Verhaftung des KP-Vizechefs John Schehr im ____Oktober 1932 ("anscheinend aufgrund einer Anweisung des ____Reichswehrministeriums") habe Wehner dessen Adresse ____gekannt; *___vor der Verhaftung des KP-Vorsitzenden Thälmann im März ____1933 habe Wehner gleichfalls die Wohnung gekannt und ____sei als einziger KP-Sekretär selbst nicht verhaftet ____worden; *___Wehners Sekretärin Grete Busch "belastet Funk" ____hinsichtlich ihrer Festnahme durch die Gestapo; *___weitere Spitzenfunktionäre seien im November 1933 ____abgeholt worden, und zwar nach Verrat durch den ____Mitarbeiter in Wehners Büro, Alfred Kattner (der zur ____Sühne von Genossen erschossen wurde); *___Wehner blieb bis Juni 1934 "unbehelligt".
Hauptvorwurf aber war Wehners Beziehung zu "Viktor", von dem ein spitzelnder Genosse meldete: "Spricht Berliner Dialekt und hat jüdisches Aussehen."
Dann lieferte noch Thälmann-Adlatus Erich Birkenhauer beim EKKI seine Anzeige ab: Wehner habe zwar mit falschem Paß, aber legal in Berlin gelebt und sei dringenden Auflagen der Zentrale, Deutschland zu verlassen, nicht gefolgt. Von Paris sei er über Deutschland nach Prag gefahren, als ob ihm dabei nichts passieren könne.
Eine ganze Reihe politischer Sekretäre, die konspirativ an Wehner angeschlossen waren, seien "hochgegangen" wie auch die ihm bekannten illegalen ZK-Büros. Und wieder: Er halte "die allerengste persönliche Verbindung und Zusammenarbeit mit Viktor".
Der allerdings war schon am 22. November 1936 verhaftet worden. Seither, spätestens, muß Wehner Stalins Herrschaft als ein Verbrecher-Regime begriffen haben, das bekämpft werden mußte.
Wehner verbrachte seine erste Nacht in der Lubjanka. Die KP-Führung beschloß, Wehner solle fortan als Mitarbeiter des EKKI-Sekretärs Togliatti in Moskau bleiben. Wehner verstand, "daß ich - wenn überhaupt - erst nach langer Zeit wieder von dort wegkommen würde".
Es wurde sehr eng für ihn. Am 17. Mai 1937 forderte das NKWD beim EK-KI alle Erkenntnisse über Wehner an. Die EKKI-Kaderkommission stellte alle Anschuldigungen zusammen: seine Rolle bei Verhaftungen von Genossen durch die Gestapo und das eigene Davonkommen, die legale Einreise nach England und die Durchreise durch Deutschland, den Saar-Terrorismus und den Kontakt zu "Viktor".
Dieser Viktor, im Klarnamen Leo Roth, war einer der wenigen Menschen, zu denen Wehner je Vertrauen gefaßt hatte. Er kannte ihn seit 1932 als den Leiter der KP-Betriebsbeobachtung (Industriespionage) und Chef des Nachrichtendienstes im geheimen Kippenberger-Apparat. Im Gestapo-Fahndungsbuch stand als sein besonderes Kennzeichen, daß er stets einen gelben Koffer mit sich führe.
Roth aber war, so Wehner später, ein "in seinen Ansichten über die offizielle Partei im Tiefsten vollständig desillusionierter Mensch, der auf allen Seiten Sumpf sah", er "wehrte sich gegen die wiederholten Versuche, ihn in den Dienst spezieller russischer Apparate zu übernehmen. Von diesen Apparaten wußte er wahrscheinlich mehr als andere; ihm graute vor dem Dasein eines vollständig entwurzelten Agenten . . ."
Laut seiner Komintern-Kaderakte war der in Polen geborene Schlosser Roth 1927 in Berlin, mit 17 Jahren, aus dem Kommunistischen Jugendverband ausgeschlossen worden, weil er dem linken Sowjetkritiker Karl Korsch anhing, und wurde wenig später wieder aufgenommen. Auf einer Fahrt mit dem Sozialistischen Schülerbund lernte Roth eine 16jährige Helga kennen, die er im Parteiauftrag ehelichte, um ihr Herrschaftswissen abzuschöpfen: Sie war die Tochter des Reichswehr-Generals Kurt von Hammerstein-Equord.
Originalton Komintern-Kaderakte Roth, verfaßt von der Personalsachbearbeiterin Grete Wilde: "Viktor" hatte den Auftrag, "sich an die Töchter des Generals, die sich in sozialistischen Schülerkreisen bewegten, heranzumachen, um sie auszunutzen". Und: Hammerstein sei "ein enger Vertrauter von Hitler".
Da irrte die Komintern. Der Freiherr von Hammerstein, ein Freund der Sowjetmilitärs, nahm als Chef der Heeresleitung 1934 seinen Abschied, bekam 1939 das Kommando über die Armeeabteilung A der Westfront und drängte Hitler (erfolglos) zu einem Truppenbesuch, um ihn verhaften zu können. Später beteiligte er sich samt Sohn Kunrat an der Offiziersverschwörung gegen Hitler und assistierte der militärischen Abwehr des Hitler-Gegners Canaris (er starb 1943 an Krebs).
Für die Moskowiter war auch die Wehrmachtsabwehr eine Geheimpolizei wie die Gestapo; unter dem Vorwurf, ihr Agent zu sein, mußte Roth sterben. Seine Kaderakte verzeichnete außerdem Kontakte zum britischen und zum französischen Generalstab sowie das Urteil, er sei der "Typ eines politischen Hochstaplers, wobei sogar der Verdacht eines Provokateurs auftaucht".
Mag sein, daß Roth nicht seine Ehefrau Helga ausgenutzt hat, sondern sie ihn im Gegenteil zur Gedankenwelt ihrer - antifaschistischen - Familie herübergezogen, der "Entwurzelte" einen neuen Boden gefunden hatte.
Im Saar-Abstimmungskampf, in dem Roth als Vertreter des M-Apparats auf einer Generalstabskarte die Attentatsziele festlegte, lernte Helga Roth Wehner kennen. Sie fand ihn "sehr offen, sehr freundschaftlich, sehr in Richtung Einheitsfront" mit den Sozialdemokraten. Wehner bedient sich ihrer als Kurier zu "Verwandten" nach Berlin.
Wenn Roth womöglich zur deutschen Abwehr Kontakt hatte, bietet sich Raum für Überlegungen, ob solch ein Verdacht der Komintern-Häscher auch gegen Wehner gänzlich grundlos war. Nach dem Krieg knüpfte der stellvertretende SPD-Vorsitzende eine merkwürdige Beziehung zu Karl Theodor Freiherr von und zu Guttenberg, der gegen Kriegsende für den Londoner Rundfunk gearbeitet hatte und dessen nächste Verwandte der Canaris-Abwehr zugehörten.
In Moskau wirkten nur wenige Straßen vom Hotel Lux entfernt entschlossene Hitler- und Stalin-Gegner in der Deutschen Botschaft, die Diplomaten Hans von Herwarth und Gebhardt von Walther und der Botschafter von der Schulenburg selbst.
Von Herwarth berichtet, daß sich deutsche Kommunisten bis in das Botschaftgebäude vorwagten. 1933 erschien bei ihm sogar zweimal nachts der Altrevolutionär Max Hoelz, äußerte seine Enttäuschung über den Kommunismus und wollte nach Nazi-Deutschland zurückkehren (was ihm das AA verweigerte). Kurz darauf wurde Hoelz wahrscheinlich vom NKWD ertränkt.
Wehner, ständig abgehört und beschattet, hätte kaum Kontakt aufnehmen können. Er steckte in seinem tabakrauchgeschwängerten Lux-Zimmer, morgens brachte ihn ein Dienst-Bus mit den anderen Genossen in das Komintern-Gebäude und abends wieder ins Hotel. Erst 1940 bekam er einmal die Erlaubnis, mit seiner Frau einen Moskauer Friedhof zu besuchen. Erschüttert entdeckte Wehner, daß Fotografien und Daten dort beigesetzter Genossen an der Friedhofsmauer überklebt oder weggemeißelt waren.
Der Meister der Konspiration hat gewiß jegliche Bindungen an geheime Dienste gescheut, er war Agent in eigener Sache. Typisch für die Auswirkungen der totalitären Diktatur nannte Wehner im nachhinein die "Vereinsamung jedes Individuums inmitten eines Wirrwarrs einander offen und geheim bekämpfender Individuen".
Wenn Wehner schon sehr früh mit dem Partei-Kommunismus gebrochen, der Komintern gegenüber aber das Gesicht hatte wahren müssen, läßt sich, was immer er tat, auch so erklären: Er instrumentalisierte Stalins Terror, indem er die Automatik der Gewaltherrschaft gegen die Werkzeuge selbst lenkte, gegen die übelsten Spitzel Stalins oder Hitlers.
Es war nur dieselbe Methode, mit der die KP-Führung unbequeme Genossen der Gestapo ausgeliefert hatte. Mit den gleichen Mitteln half die Gestapo mit, die Rote Armee zu enthaupten - indem sie Stalin gefälschtes Material gegen ihren Chef, den Marschall Tuchatschewski, zuspielte. T uchatschewski wurde im Juni 1937 hingerichtet.
Einem, der ein wirklicher Sozialist geblieben war, wenn auch bar aller Skrupel, konnte sich da durchaus der Gedanke aufdrängen, daß sich der Mord-Mechanismus zu einer List der Gerechtigkeit _(* Foto aus der Komintern-Kaderakte 1936. ) ausnutzen ließ. Tuchatschewski beispielsweise war es gewesen, der mit unfaßbarer Brutalität den Aufstand der Kronstädter Matrosen gegen die KP-Diktatur, aber für "Räte ohne Kommunisten", niedergeschlagen hatte. Als junger Sozialist hatte Wehner das Vorgehen der Bolschewiki in Kronstadt verurteilt.
Es gab noch mehr KP-Kriminelle, die ihre Strafe verdient hatten, wer immer der Vollstrecker sein würde.
Als alles vorbei war, nach dem Krieg, triumphierte Wehner über zwei EKKI-Kaderfunktionäre des denunziatorischen Typs: "Grete Wilde und ,Kader-Müller'' waren, nachdem sie selbst als Werkzeuge dazu beigetragen hatten, einige tausend deutsche Parteimitglieder entweder verhaften zu lassen oder nach ihrer Verhaftung durch ihre Angaben zu belasten, selbst verhaftet worden."
Müller wurde im Butyrka-Gefängnis schwer gefoltert, Grete Wilde am 7. Oktober des Schreckensjahres 1937 abgeführt und zu acht Jahren Haft verurteilt. Sie kam im Lager um.
Beide hatten den Fall Wehner bearbeitet. Zwei Monate vor ihrer Festnahme legte ihre Abteilung dem verdächtigen Wehner Fragen vor, die erkennbar auf Aussagen des Thälmann-Sekretärs Erich Birkenhauer beruhten. Wehner drehte den Spieß um und beschuldigte Birkenhauer, sich mehrmals in Amsterdam aufgehalten zu haben, "ohne sich bei den Parteiinstanzen zu melden", und dort mit einer antisowjetischen Agentin Ruth besprochen zu haben.
"Engstens verbunden" sei Birkenhauer auch mit dem Propaganda-Chef Heinrich Meyer und mit Hans Knodt, dem früheren Chefredakteur des Parteiorgans Rote Fahne (Meyer wurde im August vom NKWD verhaftet und 1938 zum Tode verurteilt, Knodt 1941 zu acht Jahren Lagerhaft, die er nicht überlebte).
Der ehemalige Agitprop-Sekretär im Ruhrgebiet und Chefredakteur des Ruhr-Echo Birkenhauer, Deckname "Belfort", hatte am 3. März 1933 Thälmann in seiner illegalen Wohnung in der Berlin-Charlottenburger Lützowstraße aufgesucht, sich anschließend mit Wehner getroffen und war dann wieder in der Lützowstraße dazugekommen, als Thälmann gerade verhaftet worden war. Die Gestapo nahm auch ihn mit und entließ ihn, obwohl als Thälmanns Sekretär identifiziert, nach einem halben Jahr (Thälmann wurde 1944 im KZ Buchenwald ermordet).
Auch Genosse Heinrich Meyer, der schon 1932 zusammen mit John Schehr von einer Abwehrstelle der Reichswehr verhaftet und dann 1933 von den Nazis in ein KZ verbracht worden war, kam im Herbst 1934 überraschend frei. Schehr aber wurde erschossen.
Birkenhauer und Meyer erklärten ihre Freilassung damit, daß die Gestapo ihre wahre Funktion nicht erkannt habe. Wehner glaubte ihnen das nicht: Die Gestapo habe das Archiv des Kippenberger-Apparats gefunden, aus dem sich die Rolle der beiden klar ergab. Und daß Birkenhauer Thälmanns Sekretär war, stand sogar in der Berliner Nachtausgabe, worauf Wehner die Kaderabteilung des EKKI maliziös hinwies.
Er befand später: Die Tatsachen ließen "mehr als nur vermuten, daß sowohl die Zustände in der Parteiführung, als auch die durch sie erleichterte Tätigkeit einiger Provokateure der Gestapo wesentliche Dienste geleistet haben".
Und noch einen Verräter ortete Wehner. In seiner aus dem Gefängnis geschmuggelten Botschaft hatte Thälmann gemeldet, bei der Durchsuchung des Karl-Liebknecht-Hauses nach dem Attentat auf die Polizisten Lenk und Anlauf am Bülowplatz seien schon 1931 der Polizei Protokolle und Namensverzeichnisse des ZK in die Hände gefallen. Das habe ihm "Leo Flieg, der Gauner" damals verschwiegen. Der war damit der Spitzelei verdächtig.
Flieg war bis 1932 Sekretär der KPD und Beauftragter der geheimen Komintern-Abteilung für internationale Verbindungen (OMS), die der KPD Subventionen von jährlich 1,8 Millionen Mark, falsche Pässe, Funker und Kuriere zuführte. Er selbst leitete einen Fälschungsapparat mit 170 Angestellten. Das ging in enger Zusammenarbeit mit der sowjetischen Geheimpolizei vor sich.
Die Genossen, die Wehner in Moskau denunzierte, waren aus seiner Sicht also Verbrecher. In seiner Gedankenwelt konnten derartige Zuträger der Gestapo ihre Strafe dadurch finden, daß er sie dem NKWD auslieferte - und zugleich vermochte er, indem er die Anschuldigungen umdrehte, sich selbst zu retten. *HINWEIS: Im nächsten Heft Wehner denunziert weiter und darf ausreisen - Verhaftung in Schweden - Aufstieg in der SPD mit dem Marschziel Wiedervereinigung
* Foto aus der Komintern-Kaderakte 1937. * Reinhard Müller: "Die Akte Wehner. Moskau 1937 bis 1941". Rowohlt Verlag, Berlin; 448 Seiten; 38 Mark. Erscheint Ende März. * Auf gemeinsamer Kundgebung im Berliner Saalbau Friedrichshain. * Foto aus der Komintern-Kaderakte 1936.
Von Fritjof Meyer

DER SPIEGEL 12/1993
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