06.12.1993

USARechtes Plappermaul

Wunderbares Amerika: Wie man mit täglicher Beschimpfung des Präsidenten 20 Millionen Dollar verdienen kann.
Raymond Jay erkannte seine Kunden nicht wieder. Immer häufiger mußte der Verlagsvertreter bei seinen Reisen erleben, wie grundsolide Buchhändler, Muster gediegenen Bürgersinns, ausrasteten und ihre Radios mit allen möglichen Gegenständen bewarfen.
Schuld an den Wutausbrüchen trägt ein Talkmaster, dessen tägliche Provokationen auf Freund und Feind wie süchtigmachende Drogen wirken. Jeden Mittag schalten Millionen US-Bürger auf die wenig frequentierte Mittelwelle um und lassen sich den Zustand der Welt erklären - so wie ihn Rush Limbaugh III. aus Cape Girardeau in Missouri sieht.
Mit dem Mann, dachte sich Handelsvertreter Jay, müßte sich ein Buchgeschäft machen lassen. Er rief seinen Chef in New York an, der wie die meisten elitären New Yorker von dem wortmächtigen Provinzler nicht den blassesten Schimmer hatte. Der Anruf verhalf dem unaufhaltsamen Plappermaul nach einer beispiellosen Radio-Karriere nun zu einer beispiellosen Autoren-Karriere (sowie Jay zu einem üppigen Finderlohn). Seit dem Erscheinen von Limbaughs gesammelten Weisheiten im vergangenen Jahr kauften mehr als 4,5 Millionen Amerikaner das Buch.
Der Marktschreier für das rechte Amerika und Streiter gegen den angeblich linken Zeitgeist kommt mit den besten Empfehlungen. Ex-Präsident Ronald Reagan, der schließlich auch als Radio-Sprecher angefangen hatte, gab seiner Freude brieflich Ausdruck, daß Limbaugh "nach meinem Rückzug aus der aktiven Politik der wichtigste Sprecher für konservative Politik in unserem Land" geworden sei.
Auch die Granden der Republikanischen Partei erweisen dem College-Aussteiger und ehemaligen Diskjockey ihre Reverenz.
Bob Dole, Fraktionschef der Konservativen im Senat, sieht in Limbaugh ein "mächtiges Gegenmittel zum üblichen liberalen Jubelgeschrei in den Medien". Die National Review, Hauspostille und Intelligenzblatt der US-Rechten, ernannte ihn gleich zum "Führer der Opposition".
Zumindest spielt er sich als deren Großmaul auf. Der pausbäckige Talkmaster ist einer der nervigsten Schreihälse in der Kakophonie des täglichen Nonstop-Geschwätzes in Rundfunk und Fernsehen. Zwar darf jeder Hörer in seiner Show anrufen. Doch wer nicht auf Limbaughs Wellenlinie liegt, muß mit einer "Anrufer-Abtreibung" rechnen. Zum Geräusch eines Staubsaugers wird der lästige Beitrag ausgeblendet.
Bevorzugtes Opfer der rechten Stimme Amerikas ist der Präsident. Irgendwelche Hemmungen kennt Limbaugh, 42, nicht: "Bill Clinton lügt schamlos. Anschließend lügt er schamlos, um seine schamlosen Lügen zu vertuschen, worauf er schamlos lügt, um seine schamlosen Vertuschungsmanöver zu vertuschen. Und dann fragt er Hillary, wie''s weitergeht." Ohne seine Frau, eine "tollwütige Idealistin", wäre dieser Feigling nichts. "Billary" nennt Limbaugh ihn, zuweilen auch den "wirksamsten Klassenkämpfer seit Lenin" oder gleich "Taxula", ein blutsaugendes Monstrum, das braven Bürgern mit immer höheren Steuern zusetze.
Clinton, der sich auf Grund des "größten Wahlbetrugs in neuerer Zeit" das Amt erschlichen habe, regiert nach Ansicht des Talkmasters mit einem Kabinett von "wirrköpfigen Akademikern, sandalentragenden Theoretikern und kurzsichtigen Spitzköpfen, die in der wirklichen Welt noch nie einen Job hatten" - eingeschlossen Vizepräsident Al Gore, das "Inbild eines Umwelt-Verrückten". Limbaugh über Gore: "Hätte er die Neue Welt entdeckt, würden wir noch heute im Dschungel leben."
Bei solchen Sprüchen kreischt die Fangemeinde, die sich jeden Mittag in Hunderten von Restaurants versammelt, um beim Lunch in eigens eingerichteten "Rush Rooms" den Verbalinjurien zu lauschen. _(* In einer Armenküche am Erntedanktag ) _(Ende November. )
Nichts, schon gar nichts, was nach herrschender Meinung als "politisch korrekt" zu gelten hat, ist Limbaugh heilig. Schwarze und Schwule, Ökologen und Vegetarier, Multikultis und Waffengegner - Rush Limbaugh nutzt sein "von Gott verliehenes Talent" dazu, sie alle fertigzumachen. "Er spricht nur aus, was andere nicht zu sagen wagen", lobt der republikanische Senator Phil Gramm, der ebenfalls auf Rush-Hörer als künftige Wähler spekuliert.
Daß Limbaugh radikale Feministinnen als "Feminazis" beschimpft, macht ihn der im Selbstverständnis unterdrücktesten aller US-Minderheiten sympathisch - den verbitterten weißen Männern der unteren Mittelklasse. "Ich liebe die Frauenbewegung", schleimt sich der Entertainer bei den Frust-Machos ein, "besonders, wenn ich hinter einer Frau hergehe."
Limbaugh, der mit einem zweiten Buch, einem monatlich erscheinenden Nachrichtendienst und einer halbstündigen täglichen Fernsehshow versucht, sein voriges Jahreseinkommen von gut 20 Millionen Dollar zu übertreffen, versteht sich selbst als "harmloser Unterhalter". Von seinen Opfern im Weißen Haus wird er jedoch mindestens so ernst genommen wie von den republikanischen Präsidentschaftsbewerbern, die schon heute um seine Unterstützung buhlen.
Limbaughs tägliches Frust-Ventil für Zukurzgekommene ist ein wichtiger Teil jener "neuen Medien", über die im vergangenen Jahr ein Großteil des Wahlkampfs lief und die auch nach der Wahl eingesetzt werden, etwa wenn Clinton bei den Bürgern um Zustimmung werben will.
Denn das gleiche Mißtrauen, das die Amerikaner ihren Politikern entgegenbringen, empfinden sie auch gegenüber den traditionellen, von Journalisten beherrschten Medien. Nur noch solchen Sendungen, in denen Besucher oder Anrufer ihrem Ärger Luft machen können, wird weiterhin geglaubt.
Einigen Parlamentariern, unter ihnen der Abgeordnete und ehemalige Radiojournalist Bill Hefner, sind die neuen Medien bereits zu mächtig. Der Demokrat aus North Carolina glaubt, daß sie lediglich den Wählerfrust vergrößern: "Es gibt heute so viele Talk-Shows, auf denen pausenlos Angriffe auf Regierungsinstitutionen laufen. Wir werden den Punkt erreichen, an dem dieses Land unregierbar wird."
Doch alle Versuche, Talk-Show-Hetzer wie Limbaugh per Gesetz zu größerer Ausgewogenheit zu zwingen, scheitern am Erfolg dieser Spezies. Bei der Verteidigung absoluter Redefreiheit für jeden hält Limbaugh es denn auch ausnahmsweise mit Mao Tse-tung: "Laßt 100 Blumen blühen." Y
* In einer Armenküche am Erntedanktag Ende November.

DER SPIEGEL 49/1993
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