Der Handel lief ab, als wär''s die Mafia. Kein Vertrag, kein verräterisches Schriftstück. Die Vereinbarung wurde per Handschlag besiegelt wie auf dem Pferdemarkt. Ein Tarnname chiffrierte die geheimste deutschdeutsche Aktion aller Zeiten: "Kirchengeschäft B".
Nur wenige Politiker in Bonn und Ost-Berlin waren eingeweiht in den widerlichsten Staatsdeal in 40 Jahren Bundesrepublik - den An- und Verkauf von Landeskindern der Deutschen Demokratischen Republik. "Jeder Mitwisser", befand ein Bonner Minister, "ist ein Wissender zuviel."
Fast 34 000 Häftlinge ließ die DDR von 1965 an über die Demarkationslinie ziehen; hüben organisierte die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) das Geschäft, drüben der schwergewichtige Staatssekretär Alexander Schalck-Golodkowski, Oberst der Staatssicherheit, SED-Devisenbeschaffer und Chef des parteieigenen Firmenimperiums "Kommerzielle Koordinierung" (KoKo).
Anfangs zahlte die Bundesregierung für jeden aus der DDR Freigekauften 40 000 Mark, später exakt 95 847 Mark. Ost-Berlin kassierte genau 3,4369 Milliarden Mark und 12 Pfennige. So jedenfalls verbreiten es bislang die Herrschenden von Bonn.
In Wahrheit waren die Dimensionen weit größer: Die Akten des Bundesnachrichtendienstes, die Ende vorletzter Woche "aus Versehen" (so der Staatssekretär im Bundesjustizministerium Ingo Kober) dem Bonner Schalck-Untersuchungsausschuß vor Augen kamen, machen offenbar, daß die Bundesregierungen dem SED-Regime für den Auskauf von DDR-Bürgern insgesamt acht Milliarden West-Mark gezahlt haben.
Die Ironie: Bonn ließ sich 1965 auf den Freikauf ein, um den politischen Gefangenen in der DDR zu helfen. Doch die üppigen Milliarden stabilisierten zugleich die Diktatur in Deutschland-Ost. Ohne die gewaltige Summe wäre Erich Honecker vermutlich längst vor dem 40. DDR-Jahr bankrott gewesen.
Der Zeuge für das wahre Ausmaß des Menschenhandels ist erstklassig: Alexander Schalck-Golodkowski. Der Stasi-Offizier hat sich nach seiner Flucht in den Westen im Dezember 1989 dem BND offenbart und in Pullach offenbar geredet wie ein Wasserfall. Die Geheimdienstler gaben ihm den Decknamen "Schneewittchen".
Seit die Bundesanwaltschaft "Schneewittchens" Pullacher Erzählungen an den Schalck-Ausschuß überstellt hat, geht in Bonn die Angst vor weiteren Enthüllungen um. Denn 12 der 40 Leitz-Ordner sind gespickt mit brisanten BND-Erkenntnissen, darunter die Enthüllungen des MfS-Überläufers Horst Schuster (siehe Kasten Seite 20).
Die Bonner, die Christenunion des Kanzlers Helmut Kohl ebenso wie die SPD der früheren Kanzler Willy Brandt und Helmut Schmidt, müssen fürchten, daß ausgerechnet zum Superwahljahr 1994 hochkommt, wie sie mit den Einheitssozialisten gemauschelt und dabei offenbar die Distanz verloren haben.
Ein ganz aufgeregter Friedrich Vogel (CDU), Vorsitzender _(* Oben: 46 Mio. VM steht für 46 ) _(Millionen Valutamark. Eine Valutamark ) _(entsprach einer D-Mark; unten: am 2. ) _(Dezember vor dem Bonner ) _(Untersuchungsausschuß. ) des Bonner Untersuchungsausschusses, der seit zweieinhalb Jahren versucht, die Machenschaften von Schalck und seiner KoKo aufzuklären, ließ die Akten "im vorauseilenden Gehorsam" (SPD-MdB Andreas von Bülow) erst einmal sperren.
Doch er mußte die Unterlagen rasch wieder herausrücken: Vogel war juristisch gar nicht befugt, die Akten aus dem Verkehr zu ziehen. Seit vergangenem Donnerstag lagern sie in der Geheimschutzstelle des Bundestages - zugänglich nur für die Mitglieder des Schalck-Ausschusses.
Vor den BND-Befragern packte Schalck nach Aktenlage en detail
aus, wie der Menschenhandel mit Bonner Hilfe organisiert war. Der
frühere KoKo-Chef gab zu Protokoll, daß
*
das sogenannte Kirchengeschäft B "von Anfang an eine
vom Ministerium für Staatssicherheit gesteuerte
Operation" gewesen sei;
*
nicht knapp 3,5 Milliarden Mark geflossen seien,
sondern mehr als das Doppelte, "ca. 8 Milliarden DM";
*
aus dem Bonner Geldtopf auf dem sogenannten
Generalsekretärskonto 628 bei Schalcks Hausbank, der
Deutschen Handelsbank in Ost-Berlin, 2,3 Milliarden
Mark "zur Gewährleistung der Zahlungsfähigkeit der DDR"
gebunkert waren - von Schalck "im Ausland zinsgünstig
angelegt".
"Die DDR", erklärte Schalck seinem BND-Befrager ganz zwanglos, "betrieb im Grunde genommen seit Jahren Wechselreiterei." Das letzte Geschäft West-Mark gegen Menschen wurde laut Schalck im November 1989 abgeschlossen - zu einer Zeit, als die DDR schon in Auflösung begriffen war. Preis der lebenden Ware: 65 Millionen Mark.
Auch die beiden deutschen Großkirchen verdienten beim Menschenhandel nach Schalcks Angaben kräftig mit.
In der BND-Akte, in der "Schneewittchens" Aussage festgehalten
ist, heißt es lapidar:
" Der Freikauf erfolgte über die Evangelische Kirche, "
" gesteuert vom MfS. Als Gegenleistung erhielt die "
" Evangelische Kirche der DDR jährlich 30 Millionen DM, "
" seit einigen Jahren 40 Millionen DM. Die Katholische "
" Kirche erhielt ca. 14 Millionen DM pro Jahr. "
Stimmen "Schneewittchens" Zahlen, müssen die Bundesregierungen über Jahrzehnte hinweg schwarze Kassen mit knapp fünf Milliarden Mark geführt und am Bonner Parlament vorbeigemogelt haben, ein klarer Verstoß gegen einschlägige Haushaltsvorschriften.
In den Augen der DDR waren die Devisen bestens angelegt. Allein die gut zwei Milliarden Mark eiserne Reserve auf Schalcks Hausbank reichten aus, um auf den Kapitalmärkten Darlehen für sechs Milliarden Mark aufnehmen zu können - immerhin das Sechsfache des umstrittenen Kredits, den Franz Josef Strauß der DDR 1983 vermittelt hatte.
Staats- und Parteichef Erich Honecker finanzierte aus den Einnahmen seine milden Gaben für sein Volk, mal Bananen, mal eine Ladung Apfelsinen, mal begehrte Autos aus Japan. Für Honecker ließ Schalck 100 Millionen Mark "zur ständigen Verfügung" bereithalten - der Gegenwert von 1000 Häftlingen.
Die Bonner Großzügigkeit hatte noch eine weitere üble Folge: Der Verdacht, daß die Staatssicherheit zwecks Geldbeschaffung nach Gutdünken verhaften und die Gefängnisse füllen ließ, führte bereits, etwa in Magdeburg, zu Strafverfahren gegen Richter und Staatsanwälte. Die Juristen hätten als "Kollektiv unter Führung der Stasi", so die Staatsanwaltschaft, "durch übermäßige Strafen gegen Ausreisewillige zum Freikaufkomplott der DDR beigetragen".
Vor dem Schalck-Untersuchungsausschuß nannte der Magdeburger Oberstaatsanwalt Wolfram Klein Einzelheiten dieses Geschachers. Wer an der Wohnungstür mit Lippenstift das Wort "Freiheit" malte und daneben einen Neuseeland-Prospekt aufhing, zahlte einen hohen Preis - ein Jahr und acht Monate Knast für einen Ehemann, ein Jahr und vier Monate für seine Frau.
Eine Mutter, die etliche Ausreiseanträge gestellt hatte, drohte einem Beamten an: "Wenn das wieder nichts wird, bringe ich mich und mein Kind um." Quittung: ein Jahr und sechs Monate Gefängnis wegen "Störung staatlicher Tätigkeit". Klein: "In diesem Bereich bewegten sich diese Verurteilungen."
Ein Staatsanwalt habe ihm frank und frei erklärt, auf Dienstbesprechungen sei stets die Weisung ausgegeben worden, "in all diesen Fällen" Strafen von mehr als einem Jahr auszusprechen. Begründung: "Wenn ihr weniger verhängt, kriegen wir diese Modalitäten mit dem Freikauf nicht hin. Ihr müßt über ein Jahr verhängen."
Die Recherchen seiner Behörde, so Klein, zeigten eindeutig, daß die Zahl der "Verhaftungen, Verhöre und Verurteilungen" seit Herbst 1983 "sprunghaft" angestiegen sei. 1983 gilt als ein Schicksalsjahr in der DDR - führenden SED-Funktionären dämmerte, daß ihr Staat in den Konkurs trieb.
In den Akten aus Pullach liegt möglicherweise auch die Erklärung dafür, warum die westdeutsche Justiz vier Jahre lang so nachsichtig mit dem Stasi-Oberst Schalck umgegangen ist. Anders als der beim Freikauf tätige Ost-Berliner Anwalt Wolfgang Vogel, der seit fünf Monaten in Untersuchungshaft sitzt, führt Schalck in einer Villa am Tegernsee ein beschauliches Dasein.
Zwar soll er im nächsten Jahr doch noch mit mehreren Gerichtsverfahren überzogen werden, doch ob es tatsächlich zu einem Prozeß kommt, bleibt abzuwarten. Die Bonner jedweder Couleur haben daran wenig Interesse.
Denn anders als vor dem Schalck-Ausschuß, vor dem der frühere KoKo-Chef bisher über seine Vergangenheit hauptsächlich geschwiegen hat, könnte er vor Gericht gesprächiger sein, um seine Haut zu retten. Was den Bonnern dann blüht, deutete Schalck vorletzte Woche vor dem Ausschuß an.
"Der Egon Franke", berlinerte "Schneewittchen", habe "kofferweise Geld" in die DDR geschafft - mehr wollte er nicht sagen, denn der "Franke ist 80, und ich mag ihn". Bis 1982 war Sozialdemokrat Franke Innerdeutscher Minister und zuständig für die Freikäufe.
Bei seinem nächsten Auftritt in Bonn am 19. Januar könnten Schalck vielleicht auch die Namen von CDU-Ministern einfallen. Der Mann liebt das Namedropping im Zeugenstand. Y
DER SPIEGEL 50/1993
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