10.01.1994

ZeitgeschichteLange Nacht in der Lubjanka

Zur Zeit des Stalin-Terrors 1937 verbrachte Herbert Wehner, damals Kommunist und nach dem Krieg Spitzen-Sozialdemokrat in der Bundesrepublik, eine Nacht in der Moskauer Zentrale der Geheimpolizei. Er denunzierte drei Dutzend Genossen, mindestens sieben wurden danach verhaftet. Die Niederschrift kam jetzt zum Vorschein.
Die Häscher kamen stets bei Dunkelheit. Ein Haushandwerker des Moskauer Hotels "Lux" schaute unter einem Vorwand gegen Mitternacht ins Zimmer, Minuten später klingelte das Telefon: Der Hoteldirektor bestellte den fieberkranken Gast in sein Büro, wo er ihm eröffnete, die Geheimpolizei NKWD wolle ihn sprechen.
Der deutsche Emigrant Herbert Wehner, 31, Spitzenfunktionär der KPD, beruhigte seine Ehefrau Lotte: Vielleicht habe er Glück und komme zurück. Er hatte die Lage richtig eingeschätzt, im Terrorjahr 1937.
Tausende Kommunisten waren in der Sowjetunion bereits verhaftet und hingerichtet worden, Freunde Lenins, Feinde Stalins, gestandene Revolutionäre und unschuldige Idealisten. Wehner aber hatte sich retten können - zu einem Preis, der jetzt ans Licht kommt: mit der Niederschrift seiner damaligen Aussagen vor den NKWD-Vernehmern.
Wehner, Leitfigur aus der Gründerzeit der Bundesrepublik und Ikone der deutschen Sozialdemokratie, erweist sich darin als beflissener Geheimpolizei-Zuträger, der im Moskau der Vorkriegszeit Genossen anzeigte. Sein Leben lang verschwieg der Mann, der zum Fraktionschef der SPD, Vizevorsitzenden seiner Partei und Bundesminister aufstieg, die volle Wahrheit über jenes düstere Kapitel seiner Biographie. In allen Ehren starb er 1990 mit 83 Jahren in Bonn.
Als Eintrittsbillett für die SPD-Karriere hatte Wehner gleich nach dem Krieg eine Beichte seiner Rolle in Stalins Sowjetstaat ("Notizen") verfaßt, in der er auch über jene Moskauer Dezember-Nacht 1937 berichtete:
Er habe seine Frau ohne Geld für die dringendsten Lebensmittel zurücklassen müssen und ihr deshalb geraten, das noch ausstehende Honorar für einen Zeitungsartikel über Stalins Verfassung von 1936 einzutreiben. Wehner pries darin die Verhaftungswelle gegen vermeintliche "Trotzkisten" - Anhänger des vertriebenen Stalin-Gegenspielers Leo Trotzki, die des absurden Plans beschuldigt wurden, zusammen mit der deutschen Gestapo Stalin stürzen und den Nazis dafür die Ukraine abtreten zu wollen.
Sein engster Freund, Leo Roth, war bereits hingerichtet worden. In der KP-Zeitschrift Rundschau aber schrieb Wehner nun ein Loblied des Terrors: "Die Vernichtung der schmutzigen Agenten des Faschismus" sei Folge einer "Erneuerung sozialistischer Demokratie", denn die Staatsorgane - der Geheimdienst NKWD - könnten sich im Kampf wider die "faschistischen Schädlinge" auf die Mitarbeit der Massen stützen.
Als er in jener Nacht aus dem Hotel Lux, der Heimstatt der deutschen Kommunisten in Moskau, geholt wurde, war er nicht verhaftet, sondern vorgeladen. Ein NKWD-Offizier brachte ihn mit dem Auto in die berüchtigte Geheimdienstzentrale "Lubjanka" und führte ihn durch das Gewirr der Gänge, vorbei an Kontrollposten. Dort hängen noch heute Scheinwerfer in den Fluren und Netze in den Treppenhäusern, damit sich niemand in den Tod stürzen kann.
Wehner verharrte gegenüber seinen Vernehmern mitnichten in langem, gelangweiltem Schweigen, wie es der Fernsehfilm von Heinrich Breloer ("Wehner - die unerzählte Geschichte") zeigte. Er füllte vielmehr in jener Nacht handschriftlich 16 Seiten, die voller Denunziationen sind, und lieferte einen weiteren Informationsbericht von 18 Seiten ab.
Das war seine wahre Antwort auf die Frage, ob er etwas über "trotzkistische Schädlinge" und deren Tätigkeit sagen könne. Er habe darauf lediglich geantwortet, behauptete Wehner aber 1946 in seinen "Notizen", schon etwa neun Monate zuvor vom NKWD dazu verhört worden zu sein und nicht mehr sagen zu können als damals. Nach einer Weile hätten seine Vernehmer bekannt, daß "leider die damals angefertigten Niederschriften nicht mehr zu finden seien".
Einiges hat der SPIEGEL jetzt gefunden. Und daraus ergibt sich: Wehner hatte vor der Dezember-Nacht bereits drei "Besprechungen" mit dem NKWD geführt, und zwar im Februar - also gleich nach dem Moskauer Trotzkisten-Prozeß, in dem fast alle Angeklagten zum Tode verurteilt worden waren.
Er mußte also wissen, was Beschuldigungen anrichten konnten. Wehner erläuterte nun im Verhör, er habe damals im Februar "einer Stelle vom NKWD" die maschinenschriftliche Fassung einer Studie übergeben, deren handschriftliches Original er schon im Januar für seinen Arbeitgeber, das Sekretariat der "Kommunistischen Internationale" (Komintern), erstellt hatte. Überschrift: "Ein Beitrag zur Untersuchung der trotzkistischen Wühlarbeit in der deutschen antifaschistischen Bewegung", kurz: "Die deutschen Trotzkisten und die Gestapo".
Im Dezember in der Lubjanka versprach Wehner "zu rekonstruieren, was ich Februar 1937 hier zu Protokoll gab". Er konnte sogar den handgeschriebenen Urtext vorlegen, der zu den NKWD-Akten ging. Darin hatte er alle größeren linken Organisationen analysiert. Er beschrieb Gruppenabende von "bis zu 60" Anhängern Trotzkis in Paris, auch die "wüsten Angriffe" gegen die Sowjetunion seitens der Sozialistischen Arbeiterpartei im Exil (der damals Willy Brandt angehörte). Er schilderte den Antisowjetismus eines "Kampfbundes" von Ex-Kommunisten, der illegal in mehreren Städten Deutschlands präsent sei.
Wehner wußte viel, las emsig, spitzte stets die Ohren und behielt alles im Gedächtnis. So nannte er Zeitungen und Pressekorrespondenzen "unter trotzkistischem Einfluß". In der Exil-SPD, meldete er, rühmten "nicht wenige" Trotzkis Verdienste um Oktoberrevolution und Rote Armee ("die er gar nicht besitzt") und unterhielten Kontakte zu "trotzkistischen Banditen".
Als typisch für die Unterwanderung der illegalen KPD-Gruppen in Deutschland nannte Wehner die Lage in Magdeburg, wo "Trotzkisten in die Organisation eingedrungen sind und fortgesetzt Verhaftungen stattfinden". In einem Emigrantenblatt habe gestanden: "Wer nicht gegen die Verfolgungen in der Sowjetunion Stellung nimmt, hat nicht das Recht und soll nicht protestieren gegen die Hinrichtung von Kommunisten in Deutschland."
Wehners Informationsbericht schloß mit Empfehlungen, "gesunde Elemente" in der Sozialistischen Arbeiterpartei zu stärken, die Führung einzukreisen und Trotzkisten, die mit den Faschisten kooperierten, für die Opfer der Nazis direkt verantwortlich zu machen.
Das Original dieser Wehner-Studie lagert, wie auch die Niederschrift seiner weiteren Aussagen, im geheimen Archiv der NKWD-Nachfolgeorganisation KGB. Dort spürte der Kommunismus-Forscher Reinhard Müller, der auch auf Wehners Komintern-Personalakte stieß (SPIEGEL 12, 13/1993), bereits die Dossiers einer Reihe deutscher Moskau-Emigranten auf.
Doch Kopien der wichtigsten NKWD-Akten über Wehner gelangten schon 1967 nach Ost-Berlin, zur Stasi - und nach der Vereinigung zur Behörde des Joachim Gauck.
Den Anlaß für die Aktenübergabe von Moskau nach Ost-Berlin hat Jochen Staadt von der Berliner Freien Universität erkundet ("Die geheime Westpolitik der SED 1960-1970"): 1964 hatte Wehner in einem Fernsehinterview mit dem Journalisten Günter Gaus die Todsünde begangen, Nationalsozialismus und Kommunismus gleichzusetzen. Wehner offenbarte, er habe nach 1933 "einige Jahre die gesamte illegale Arbeit" der KPD in Deutschland geleitet: _____" Dann habe ich in dieser deutschen Wirklichkeit so " _____" etwa 49 Prozent des Totalitarismus kennengelernt, die " _____" übrigen 51 Prozent habe ich in der kommunistischen " _____" Wirklichkeit, in der sowjetischen, kennengelernt . . . "
Diese Äußerung weckte den Zorn des SED-Chefs Walter Ulbricht, mit dem Wehner in Moskau eng zusammengearbeitet hatte. Ulbricht forderte eine "Kampagne von internationalem Ausmaß" gegen den zum Sozialdemokraten gewandelten Ex-Genossen.
Die SED-Propaganda verbreitete einen "Apo-Raubdruck" der damals noch unveröffentlichten Wehner-Beichte von 1946, lancierte eine anonyme Anklage angeblicher Sozialdemokraten in die Zeit und beschuldigte Wehner in ihrer eigenen Presse, eine "Zutreiberrolle für Himmlers Henker" gespielt zu haben.
Die Stasi besorgte Material über Wehners Verhalten nach seiner Inhaftierung in Stockholm 1942, das aus DDR-Sicht damals Wehner "wirklich hätte kompromittieren können", behauptete Stasi-Auslandschef Markus Wolf 1993 gegenüber dem SPIEGEL.
1967 reisten zwei Stasi-Emissäre nach Moskau und holten bei KGB-Chef Semitschastny weiteres Material wider Wehner ab, der mit dem Objektnamen "Cornelius" belegt wurde. Wehner war gerade im Kabinett Kiesinger Minister für Gesamtdeutsche Fragen geworden. Die Stasi sagte voraus, "daß die Feindtätigkeit Wehners wachsen wird".
Die Internationale Abteilung des ZK der KPdSU, Nachfolgeorgan der Komintern unter Leitung des alten Wehner-Bekannten Boris Ponomarjow, riet Semitschastny von Anti-Wehner-Attacken ab: Der SPD-Minister trete immerhin für eine Normalisierung der Beziehungen zum Osten und gegen eine bedingungslose Unterstützung der USA ein.
Trotzdem schrieb Semitschastny unbeirrt seinem DDR-Kollegen Mielke, "daß es aufgrund der besonders gefährlichen Rolle, die Cornelius bei der Ausarbeitung der gegen die DDR und UdSSR gerichteten Politik der westdeutschen Regierung und der SPD spielt, zweckmäßig ist, aktive Maßnahmen gegen ihn zu überlegen und durchzuführen" - das hieß gemeinhin: Diffamierung, Psychoterror und Erpressung.
Als Anlage übersandte der KGB-Chef aus dem Archiv, was er als "eigenhändig von Cornelius an das NKWD geschriebene Berichte" bezeichnete ("Streng geheim!"). Könnten die Texte eine Fälschung gewesen sein? Dann hätte Semitschastny auch Mielke getäuscht - eine absurde Annahme. Einige der von Wehner angezeigten Personen seien hernach verhaftet und hingerichtet worden, kommentierte der sowjetische Geheimpolizeichef; Wehner habe dem NKWD "seine Dienste" selbst angeboten.
Die Idee, Wehner dessen NKWD-Kollaboration anzulasten, war riskant - denn da wäre auch Ulbricht desavouiert worden, überhaupt das ganze, auf Spitzelei gegründete System. Aus Gründen "politischer Räson", so Stasi-Wolf, wurde das Material gegen Wehner denn auch nicht publik gemacht. Die Wahrheit blieb unter Verschluß, bis jetzt.
Laut Wehners offiziellen "Notizen" von 1946 fragten ihn die Vernehmer sofort nach einem Genossen, der 1935 mit Freund Roth zusammen an der Saar Terrorakte verübt hatte. Wehner sagte etwas von Widerstand gegen bewaffnete SS-Truppen (der Angeschuldigte war bereits verhaftet, er starb in Sibirien).
Sie fragten ihn nach dem früheren KPD-Organisationsleiter, "über dessen Tun und Lassen ich ihnen aber nichts zu sagen hatte", so Wehner (der Mann wurde zwei Monate später verhaftet und kam ums Leben).
Sie wollten etwas über Wehners Schwippschwager Max Hoelz erfahren, den sächsischen Revoluzzer, der 1933 die Deutsche Botschaft in Moskau um Rückführung nach Nazi-Deutschland gebeten hatte (und darauf wahrscheinlich vom NKWD ertränkt wurde). Ob er etwas über dessen "Beziehungen zu ausländischen Legationen" wisse? Das wollte Wehner verneint haben.
Schließlich verlangten die NKWD-Beamten von ihm, seine alte Bekannte Kreszentia ("Zenzl") Mühsam auszuhorchen, die Ehefrau des 1934 im deutschen KZ ermordeten Anarchisten Erich Mühsam, dessen Sekretär der junge Wehner gewesen war. Zenzl bot ihm damals Beistand und Obdach.
"Ich erklärte, daß ich mich in diese Sache nicht einmischen wolle und daß ich nicht verstünde, daß sie einem Mitglied des Zentralkomitees der KPD zumuten könnten, Verbindung zu Frau Mühsam aufzunehmen, um ihnen dann Berichte liefern zu können."
So beschrieb Wehner 1946 der SPD seine Reaktion auf das NKWD-Ansinnen. Er log.
In Wahrheit erklärte Wehner in der Nacht vom 12. auf den 13. Dezember 1937 in der Lubjanka, Frau Mühsam unterhalte "wahrscheinlich indirekt" Kontakt zu einem prominenten Trotzkisten im Ausland, dem Ex-Genossen Erich Wollenberg. Weiter: "Obwohl ich selbst wohl nicht in einem Gespräch mit der Frau Mühsam Anhaltspunkte finden könnte, da sie mir nicht ,vertrauen'' wird, könnte ich in kurzer Zeit Näheres über ihren Umgang und persönliche Beziehungen manches in Erfahrung bringen."
Die Frau, der Wehner viel verdankte, war schon 1936 wegen angeblicher Verbindungen zu dem abtrünnigen Erich Wollenberg verhaftet, nach internationalen Protesten aber freigelassen worden. Unter demselben, von Wehner wiederholten Vorwurf wurde sie knapp ein Jahr nach dessen Aussage erneut verhaftet. Nach acht Jahren Lager freigelassen, kam Zenzl Mühsam als "Trotzkistin" 1949 zum drittenmal in Haft und wurde verbannt. In Nowosibirsk war sie als Bettlerin aufgegriffen worden. 1955 reiste sie in die DDR aus.
Ohne Not, gar wider besseres Wissen hatte Wehner Frau Mühsam preisgegeben.
Wie bei seinen Denunziationen gegenüber der Komintern beschuldigte Wehner zwar auch in der Lubjanka überwiegend Genossen, die im Ausland lebten, mithin dem Zugriff des NKWD (damals noch) entzogen waren, oder die sich bereits in den Fängen der Geheimpolizei befanden: Sie waren ohnehin verloren.
Wehner nannte außerdem Namen von Leuten, die er nach eigenem Urteil übelster Verbrechen für schuldig hielt - auf seiten der Nazis, aber auch Stalins. Er denunzierte bewußt die Verantwortlichen für den Tod seines Freundes Leo Roth und vor allem jene, die ihm selbst ans Leder wollten. Aber er ging auch ungerührt darüber hinaus - er beschuldigte völlig Unbeteiligte, und zwar meist Frauen.
Er befand sich selbst in Lebensgefahr: Wehner wurde verdächtigt, den KPD-Chef Ernst Thälmann, der in Deutschland 1933 verhaftet worden war, an die Gestapo verraten zu haben. Ein parteiinternes Untersuchungsverfahren, das seit dem Januar 1937 lief, stützte sich auf Behauptungen des Thälmann-Sekretärs Erich Birkenhauer und des KPD-Politbüromitglieds Leo Flieg, der als Logistikchef einer der mächtigsten Männer der KPD war: Ihm unterstand eine Fälschungszentrale, er teilte die Moskauer Subventionen zu.
Gegenüber der Komintern hatte Wehner den Spieß umgedreht und Birkenhauer und Flieg des Thälmann-Verrats bezichtigt. Flieg habe ihm zudem für eine Reise durch Deutschland einen untauglichen Paß besorgt und damit der Gestapo zugearbeitet.
Birkenhauer war zwei Wochen vor Wehners Dezember-Verhör in Moskau verhaftet worden und fiel 1941 einer Massenexekution in einem Wald bei Orjol zum Opfer. Einen Freund von ihm führte Wehner in seiner Liste für das NKWD als "Haupttreiber" einer parteifeindlichen Gruppe auf - der frühere Chefredakteur der Roten Fahne Hans Knodt wurde ein halbes Jahr später verhaftet und starb im Lager "Sewpetsch" am Polarkreis.
Flieg kam drei Monate nach Wehners Anwürfen in Haft. Seinen Vernehmern riet Wehner, nach einem Kassiber zu suchen, in dem Parteichef Thälmann aus dem NS-Gefängnis heraus Flieg als "Gauner" bezeichnet hatte: Flieg habe verschwiegen, daß die Polizei schon vor 1933 Material, das Thälmann belastete, im Berliner KPD-Hauptquartier gefunden hatte. Flieg wurde 1939 erschossen.
Wehner gab dem NKWD den Hinweis, der Thälmann-Brief könne sich in der beschlagnahmten Hinterlassenschaft des verhafteten Komintern-Führers Pjatnizki befinden.
Die Vernehmer hatten Wehner sechs Fragenkomplexe vorgelegt: zu Genossen aus dem Umkreis von *___Hugo Eberlein, einst Mitbegründer der Komintern - seit ____fünf Monaten in NKWD-Haft, wie auch *___Hermann Schubert, früher KPD-Politbüromitglied; *___Heinz Neumann, ehemals KPD-Politbürokandidat - drei ____Wochen vorher erschossen.
Auskunft begehrten sie ferner über *___Personen, die Beziehungen zum Ausland unterhielten; *___Trotzkisten mit Verbindungen in die UdSSR und *___Trotzkisten mit Kontakt zur Gestapo.
Wehner schrieb auf: Zur Eberlein-Gruppe ("antiparteilich konspirativ") zählte er einen "Gestapo-Agenten" und 22 weitere Genossen, darunter bereits erschossene wie einen anderen Chefredakteur des Parteiorgans Rote Fahne und noch einen Thälmann-Sekretär.
Sieben der Angezeigten befanden sich sicher im Ausland, bei zwei von ihnen wies Wehner darauf hin, daß sich ihre Ehefrauen in Moskau befänden und noch Briefverbindung ins Ausland unterhielten. Trotz üblicher Sippenhaftung blieben beide Frauen auf freiem Fuß und konnten nach 14 beziehungsweise 16 Jahren in die DDR ausreisen.
Über Hugo Eberleins "intimsten Gehilfen" protokollierte Wehner, er befinde sich in Moskau, wie auch ein anderer Kommunist, dessen Frau - Buchhalterin bei der Komintern - schon verhaftet war. Wehner: "Von ihm nehme ich als sicher an, daß er schriftliche Verbindungen nach dem Ausland hat, beziehungsweise in Eberleins Auftrag unterhielt." So etwas war für den Angeschuldigten lebensgefährlich.
Der eine Genosse wurde aber lediglich wegen "Diebstahls" aus der Partei ausgeschlossen, er überlebte. Der Verbleib des anderen ist unbekannt.
Wehner schrieb weiter auf: Von der Gruppe Schubert - zweiter Komplex - seien "leider" die Aktivisten ohne Untersuchung aus der Sowjetunion abgereist, nach Spanien, trotz der Proteste von Wehner und Ulbricht beim damaligen Komintern-Personalchef (dem bereits hingerichteten Vater von Jelena Bonner, der späteren Ehefrau des Nobelpreisträgers Sacharow).
Auch die Anschuldigungen, die Wehner gegenüber der KP-Weltorganisation Komintern erhoben hatte, sind erhalten geblieben. Darin hatte er Hans Kippenberger denunziert; der war Chef des geheimen Militärapparats der KPD, hatte den Hamburger Aufstand von 1923 organisiert - und Wehner einmal im Hotel Lux beim Absingen des Deutschlandlieds ertappt.
Hans Kippenberger war schon erschossen worden. In seinen NKWD-Untersuchungsakten steckt noch immer Wehners Bericht.
Eine schöne Gesellschaft war das, der Wehner zugehörte - Vigilanten und Feiglinge, Intriganten und Gewalttäter. In der Gruppe Schubert (der 1933 versäumt hatte, Wehner in der Berliner Illegalität Geld zu bringen) ortete Wehner das ehemalige Politbüromitglied Fritz Schulte. Der habe Illegale in Deutschland durch ein Telegramm enttarnt, so Wehner gegenüber der Komintern. Schulte äußerte, _(* Oben, Mitte: Ankläger Andrej ) _(Wyschinski; unten: in Paris 1929. ) so Wehner dann bei seiner Vernehmung in der Lubjanka, Verleumdungen über die KPD gegenüber dem Genossen Max Reimann, wie er von Reimann selbst erfahren habe. Schulte wurde fünf Monate später verhaftet und kam im Lager ums Leben. Reimann befand sich im Ausland (und geriet ins Nazi-KZ, er übernahm später den DKP-Ehrenvorsitz). Aber seine Frau, konstatierte Wehner böse, befand sich in Moskau: "Sie steht mit ihm im Briefverkehr."
Bedenkenlos verdächtigte er alle Schubert-Leute "gewisser Fäden" zu den Trotzkisten. "Die noch vorhandenen Personen dieses Kreises sollten durch entsprechende Fragen dazu gebracht werden, solche Fäden aufzudecken", riet Wehner der sowjetischen Geheimpolizei.
Für besonders gefährlich hielt er die "Gruppe Neumann", den dritten Komplex im NKWD-Fragenkatalog.
Der frühere Politbürokandidat Heinz Neumann war ein erfahrener Terrorist und begeisterter Stalin-Verehrer. Er hatte ein Buch über den "Bewaffneten Aufstand" geschrieben und sich an einem Mordplan gegen den Reichswehrchef von Seeckt beteiligt, in China die Revolution angeheizt und in Spanien als "Instrukteur" gewirkt.
Drei Monate nach Wehners erstem Lubjanka-Besuch war auch Neumann dorthin gekommen, er mußte bleiben. Er verfaßte in der Haft eine 78-Seiten-Aussage "über die konterrevolutionäre . . . Organisation Pieck-Ulbricht".
Seine Ehefrau Margarete Buber-Neumann warf Wehner 1972 vor, durch seine Denunziation zur Verhaftung ihres Mannes beigetragen zu haben. Dabei wußte sie gar nicht, was Wehner 1937 dem NKWD noch aufgeschrieben hatte: "Weiter befindet sich hier die Frau des verhafteten Neumann, die im Briefverkehr mit Münzenberg, beziehungsweise dessen Frau gestanden hat."
Der KPD-Dissident Willi Münzenberg lebte in Frankreich (wo er 1940 wahrscheinlich vom NKWD umgebracht wurde). Seine Frau war die Schwester der Margarete Buber-Neumann, welche ein halbes Jahr nach Wehners Verdächtigung verhaftet, zu fünf Jahren Lager in Kasachstan verurteilt und 1940 - im Zeichen des Hitler-Stalin-Pakts - an die Gestapo ausgeliefert wurde (KZ Ravensbrück bis 1945).
Damit hatte Wehner sein NKWD-Soll schon übererfüllt. Zum Fragenkomplex "Auslandsbeziehungen" fiel ihm lediglich die in Moskau lebende Schwester eines bereits verhafteten Arztes, Ernst Ascher aus dem wolgadeutschen Saratow, ein, die ihn um Hilfe gebeten hatte. Wehner: _____" Damals gab ich ihr keine Auskunft, ersuchte sie aber, " _____" Korrespondenz mit dem Bruder einzustellen, falls sie " _____" welche unterhalten habe. Ebenfalls veranlaßte ich ihre " _____" Dispensierung von der Arbeit in einem internat. Komitee . " _____" . . Beziehungen zu Ascher unterhielt wahrscheinlich auch " _____" ein Schriftsteller Manes Sperber, der sich sehr für ihn " _____" einsetzte und der im Ausland Beziehungen zu dem " _____" Trotzkisten Reich (lebt in Norwegen) hat. "
Es handelte sich um den Sexualwissenschaftler Wilhelm Reich.
Zum brisanten Kapitel "Trotzkistische Beziehungen nach der UdSSR" erinnerte Wehner an 17 Adressen, die er dem NKWD schon im Februar 1937 geliefert habe.
Als Trotzkisten, die möglicherweise für die Gestapo arbeiteten, benannte Wehner eine Angestellte der sowjetischen Handelsvertretung in Berlin; einen gewissen (Ludwig) Marcuse, der zusammen mit dem Schriftsteller Lion Feuchtwanger die UdSSR bereist habe, und den Genossen Hermann Duncker. Der hatte einst die KPD mitbegründet und avancierte später zum Hochschulrektor in der DDR. Die drei Angeschwärzten lebten im Ausland.
Details könne er sich "nochmals berichten lassen und sie dann hier abgeben", in der Lubjanka, erbot sich Wehner. Auf Wunsch werde er sich auch sofort im Moskauer Klub ausländischer Arbeiter "und in der hiesigen deutschen Emigration" umhören und "weitere Spuren aufdecken".
Trieb ihn nur Furcht zu seiner fatalen Redseligkeit, oder suchte er Freiheit durch Mitarbeit? Wehner schlug vor, nach Lektüre seiner Aufzeichnungen mit ihm zu sprechen, um weitere Punkte aufzuklären.
Seine schriftlichen Aussagen unterzeichnete er mit vollem Namen: "Herbert Wehner (Parteiname Kurt Funk), Zimmernummer und Telefonnummer im Hotel Lux: 252."
Seine Vernehmer hatten ihm im Lauf der durchschriebenen Nacht angeboten, im Hotel anzurufen - um seine Frau zu benachrichtigen, wie Wehner 1946 der SPD berichtete: Nicht nötig, erwiderte er, Lotte rechne natürlich mit seiner Rückkehr.
Gegen Morgen konnte er gehen. Wehner in seinem Bericht von 1946: "In einem der Gänge des Labyrinths begegnete mir ein Gefangener, der zum Verhör geführt wurde. Sein Gesicht mit dem sich in irgendeiner Ferne verlierenden Blick sehe ich noch immer vor mir."
Der Eindruck war ihm "wahrscheinlich unauslöschlich" wie ein Häftlingstransport, den er hernach sah. Er hörte "das Schlagen und Rattern der nächtlich durch einen Vorort Moskaus fahrenden Gefangenenzüge".
Solchem Los hatte er sich entzogen. Er hatte ein großes Politikerleben vor sich: ein halbes Jahrhundert noch - doch immerdar verfolgt von der Furcht vor den eigenen Handschreiben im Moskauer Geheimdienstarchiv. Y
Nach 1933 leitete Wehner die illegale KPD
Suchte Wehner Freiheit durch Mitarbeit beim NKWD?
* Oben, Mitte: Ankläger Andrej Wyschinski; unten: in Paris 1929.
Von Fritjof Meyer

DER SPIEGEL 2/1994
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