04.07.1994

VerbrechenDas Phänomen O. J. Simpson

Vor kurzem war ich noch eine von Millionen in Europa, die nie von O. J. Simpson gehört hatten. Ein VIP bei General Motors vielleicht, dachte ich. Immerhin fiel mir noch ein, "orange juice" auf meine Einkaufsliste zu setzen. Dann las ich mehr über O. J. Simpson, diesmal nicht nur in der International Herald Tribune. Da erfuhr ich, daß man einen blutigen Handschuh am Tatort gefunden hatte und einen zweiten, verschmierten in seinem Haus. Einst sei er ein gefeierter Footballstar gewesen. Ein _(y 1994 by Patricia Highsmith & Diogenes ) _(Verlag AG. ) Footballstar? Der Bericht hatte etwas Unfertiges an sich, so als hätte der Schreck den Journalisten die Sprache verschlagen. Sie gingen wohl davon aus, daß jeder über O. J. Bescheid weiß.
Ich las weiter. Simpsons Opfer (er schien schuldig zu sein, da in seiner Waschmaschine blutige Kleidungsstücke lagen) waren seine Ex-Frau Nicole und ein Freund von ihr, Ronald Goldman. Auf einmal gerann alles zum Klischee: Geschiedener Ehemann kann einstige Frau nicht loslassen, verübelt ihr, daß sie wieder Beziehungen mit anderen Männern eingehen kann. Und, natürlich, Simpson war vor nicht allzu langer Zeit böse mit dem Gesetz kollidiert, weil er eben jene Ehefrau, Nicole, zusammengeschlagen hatte.
Trotzdem stellten sich die Amerikaner hinter ihn und meinten, er könne es nicht gewesen sein, und wenn er verantwortlich wäre, dann wäre er klug genug gewesen, jemanden zu finden, der die Sache für ihn erledigt hätte. Nein, dachte ich mir, nicht in dieser so emotionsgeladenen Situation mit der Ex-Frau und ihrem (möglichen) neuen Freund.
Nicoles Kehle war mit einem großen Messer bis auf die Wirbelsäule zerfetzt worden, und Goldman hatte 22 Stichwunden. Würde ein gedungener Mörder soviel Energie an seinen Job verschwenden? Das Vertrauen in Simpson war ins Wanken geraten, aber noch nicht gewichen: Die Leute fanden ihn einfach viel zu nett. Er war durch Werbeauftritte für Mietwagen zum Fernsehstar geworden, er hatte bei einigen Filmen mitgewirkt. Mit einem Wort, er war eine Art Gott für ein Millionenpublikum, das an seinem Götzenbild festhalten wollte.
Alle Europäer, die erst jetzt die O.-J.-Story verfolgten, mußten sich ihren O. J. erst zusammenbauen, als würden sie Tonklumpen um ein Drahtgestell kleben und ihm Persönlichkeit und Charakter geben. Ich erfuhr, daß er in den Slums geboren wurde, rachitisch und früh kriminell war, auf Diebereien und Schlägereien aus, und das besonders schlimm an den Wochenenden.
Anscheinend rettete ihn der Sport. Er merkte, daß man beim Sport zu Geld und Ruhm kommen konnte. Simpson trainierte und brachte Form in seine Streichholzbeine. Innerhalb zweier Spielzeiten am San Francisco City College erzielte er 54 Touchdowns und wurde darauf an die University of Southern California transferiert. Diese Art Erfolgsstory wird von Amerikanern bewundert.
Da macht es nichts, daß seine erste Ehe kein Erfolg war, trotz seiner drei Kinder. Als er Nicole kennenlernte und heiratete, eine hübsche, 18jährige Kellnerin in einem kalifornischen Imbiß, schien sich ein viel größerer Traum zu erfüllen. Sie war weiß, er schwarz, sie kauften ein schönes Haus in Brentwood und bekamen zwei Kinder. Als O. J.s Footballkarriere zu Ende war, weil seine Beine schwächer wurden, wechselte er mühelos zum Fernsehen. Geld, wie immer, war leicht zu haben, und die Frauen waren es auch.
Ich versuchte, mir vorzustellen, wie man Simpsons Unschuld doch noch beweisen könnte, und merkte, daß mir das _(* Mit Maurice Ronet und Marie Laforet im ) _(Rene-Clement-Film "Nur die Sonne war ) _(Zeuge". ) nicht gelang. Aber es kann ja noch ein Wunder geschehen, wenn es seine Anwälte schaffen, die öffentliche Meinung umzustimmen.
Alle seine Bekannten beteuern, daß O. J. seine Frau verehrt; und das stimmt gewiß, jedenfalls hat es gestimmt. Seine Seitensprünge waren wohl so zahlreich, daß man keine Übersicht mehr hatte. Er konnte sich eine hübsche Kellnerin in der Mittagszeit schon dadurch aufreißen, daß er sie bat, die Parkuhr vor seinem schnittigen Wagen zu füttern. Und sie ließ sich überreden, den guten Teil eines Nachmittags mit ihm in seiner Wohnung zu verbringen.
Und die Öffentlichkeit übte Nachsicht. Machten es die anderen Sport- und Fernsehgrößen nicht genauso? Nicole sollte auch nachsichtig sein, und vielleicht war sie es, doch da beide leicht aufbrausten, gab es häufig Krach, und wenigstens einmal rief Nicole die Polizei zu Hilfe. Die fand sie auf dem Simpson-Grundstück, halbbekleidet im Gebüsch. "Er will mich umbringen!" sagte Nicole, und, nach den Blutergüssen in ihrem Gesicht zu urteilen, hatte er schon damit angefangen. Später sagte sie den Polizisten: "Sie kommen ja nur und reden mit ihm. Verhaften Sie ihn doch endlich!" Traurig, daß die Behörden ihr nicht mehr Beachtung schenkten.
Simpsons Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt, er wurde zu gemeinnütziger Arbeit verpflichtet (die er wohl nicht ableistete) und mußte versprechen, einen Psychiater aufzusuchen (was nicht kontrolliert wurde). Kein Wunder, daß Idole wie O. J. sich allmählich einbilden, sie stünden über dem Gesetz, so wie sie sich und ihre athletischen Fähigkeiten für übermenschlich halten, weil sie eine Zeitlang die "Besten der Welt" sind. Das kann leicht zu Gewalttätigkeiten führen: Wenn du etwas willst, nimm es dir. Man denke an Mike Tyson, der wegen Vergewaltigung einsitzt. Simpson hatte seinen engsten Freunden erzählt, daß er Nicole umbringen würde, wenn er sie je mit einem anderen erwischen sollte. Er stieg ihr nach, lauerte vor ihrem Haus, um zu sehen, wer zu Besuch kam.
Ein Psychiater, der sich mit diesem Vorgang beschäftigt und beobachtet, wie überraschend sich das Drama entfaltet, könnte annehmen, das sonderbarste Phänomen dabei sei nicht der öffentliche Unwille, an Simpsons Schuld zu glauben, sondern dessen eigenes Verhalten, nachdem die Opfer entdeckt waren. Er bestreitet, irgend etwas mit Nicoles Tod zu tun zu haben. Das schrieb er in einem Brief "To Whom It May Concern", adressiert an die Öffentlichkeit. Er liest sich wie ein Abschiedsbrief. Aber warum sollte er an Selbstmord denken, wenn er schuldlos ist?
Körperlich befinde er sich jetzt in einem Zustand äußerster Erschöpfung, sagt O. J., Tage nach Nicoles und Ronald Goldmans Tod. Er spüre weder Reue noch Trauer, nur große Müdigkeit. Und die Tatsachen würden beweisen, schreibt er, daß er saubere Hände habe. Als wäre er im Lauf der Zeit wirklich zu der Überzeugung gelangt, übermenschlich zu sein, unantastbar durch das Gesetz, so wie er einst unschlagbar war auf dem Footballfeld.
O. J. und sein bester Freund Al Cowlings, ein alter Schulkamerad, scheinen es auf eine eher wahnsinnige Art versucht zu haben, ihre Unschlagbarkeit zu beweisen, als sie sich mit der Polizei eine 50-Meilen-Verfolgungsjagd über den San Diego Freeway lieferten.
Wie konnte er der polizeilichen Überwachung entwischen? "Wir dachten nicht, daß er verschwinden würde", äußerte sich die Polizei unerwartet naiv. Sein Funktelefon half den Beamten, ihn auf der vielbefahrenen Straße zu orten. Amerika samt Präsident erlebte es am Bildschirm. O. J. drückte sich den Lauf eines Revolvers unters Kinn. Wollte er sich erschießen? Warum, wo er doch schuldlos war?
Er war unterwegs nach Hause, nach Brentwood, und er wollte mit seiner Mom reden. Als sein Wagen in die Einfahrt bog, wartete schon die Polizei, ruhig und höflich, froh, daß Simpson sich während der Jagd nicht erschossen hatte. Er durfte seine Mutter anrufen und ein Glas Orangensaft trinken. Das Verhalten der Polizei muß tröstlich auf Simpson gewirkt haben. Er hatte ja auch nichts verbrochen, oder?
Fast zwei Wochen nach den Morden: O. J. bekundet noch immer seine Schuldlosigkeit am Tode Nicoles und Ron Goldmans. Er sei zur Mordzeit unterwegs zum Flughafen gewesen, sagt er. Die Morgenzeitung bringt ein Foto von ihm im Gefängnis, weißes Hemd, dunkler Anzug. Im Gefängnis? Na ja, nicht ganz. O. J. kämpft noch. "Ich will nicht in diese Zelle", sagt er in sein Funktelefon. Mittlerweile sollte es der Öffentlichkeit doch leichter fallen, ihn zu verstehen.
Auf dem Bild ist er im Gefängnis, er sitzt, ein paar Polizisten stehen um ihn herum. Aber er ist in keiner Zelle. Eine Zellentür macht ein Geräusch, wenn sie zufällt, ein helles Dröhnen. Simpson will davon nichts wissen, während er jetzt noch - zwar im Gefängnis, aber nicht hinter Gittern - so tun kann, als wäre er nur wegen eines Strafzettels gekommen oder gar, um jemand anderen bei der Polizei anzuzeigen. Eigentlich ist er ja immer noch frei, oder nicht? Sollen sie doch versuchen, ihn festzunageln.
Aber er muß wissen, daß seine Verteidigung bröckelt. Eine Verteidigung, die, so scheint es, aus nichts besteht als aus Simpsons eigener Vorstellung von sich und dem, was er getan hat und wann. Es ist die gleiche Art Schizophrenie, die anfangs so viele seiner Fans befallen hat und vielleicht viele noch immer befällt: Ich glaube es einfach nicht, weil ich nicht will.
Und die Sache mit der Zelle ist die, daß eine Zellentür ein schreckliches Geräusch macht. Jeder kennt es aus dem Kino, wenn nicht aus der Wirklichkeit. Im Englischen hat es dem Gefängnis seine Slang-Namen gegeben: "The Clink" oder "The Slammer".
Die grobe Anstaltskleidung, das Krachen einer vergitterten Zellentür, die ins Schloß fällt, das ist es, was O. J. die Augen für die Wirklichkeit öffnen wird.
O. J. will die Augen lieber nicht öffnen. Y *VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:
Der gräßliche Mord *
an einer schönen Frau und ihrem Freund bewegt die USA. Unter Verdacht steht ein Liebling der Massen, der Ex-Sportler und TV-Star O. J. Simpson, 46; am vergangenen Donnerstag begann ein Gericht in Los Angeles mit der öffentlichen Anhörung von Zeugen. Die in Texas geborene, in der Schweiz lebende Thriller-Autorin ("Der talentierte Mr. Ripley") Patricia Highsmith, 73, ist von dem Fall Simpson fasziniert; Ripley, sagt sie im SPIEGEL-Interview, "würde niemals eine solche Fülle von Spuren hinterlassen". Nächstes Jahr erscheint Patricia Highsmiths 22. Buch, eine "Sommeridylle". Sie spielt in Zürich und beginnt mit einem Mord.
y 1994 by Patricia Highsmith & Diogenes Verlag AG. * Mit Maurice Ronet und Marie Laforet im Rene-Clement-Film "Nur die Sonne war Zeuge".
Von Patricia Highsmith

DER SPIEGEL 27/1994
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