04.04.1994

BoxenMachwerk des Teufels

Noch eine Männerbastion bröckelt: Eine Tübinger Studentin kämpft um das Recht, gegen Frauen boxen zu dürfen.
Da standen sie nun, fünf junge Burschen, und versperrten die Straße. Stets hatte sie sich vor dieser Situation gefürchtet. Einer forderte johlend einen Kuß als Wegezoll. Ulrike Heitmüller zitterte vor Angst. Dann schlug sie zu. Kurz und trocken, "gar nicht so hart". Der Macho taumelte. "Seht ihr, was sie mit mir gemacht hat", brüllte er seinen Kumpanen zu, "seht ihr es?" Sie ließen die Frau passieren.
Als die mutige Straßenkämpferin Ende des vorigen Jahres den Antrag stellte, Frauen zu offiziellen Boxkämpfen zuzulassen, reagierten die Funktionäre des Deutschen Amateur-Box-Verbandes (DABV) ähnlich verblüfft wie die Wegelagerer. Boxen als Fitneßtraining, das kannten sie. Fast 7000 Frauen sind in den Boxvereinen gemeldet. Ein Gros davon joggt, springt Seil, traktiert den Sandsack - und geht heim.
Ulrike Heitmüller, 27, aber will kämpfen, ihre in zwei Jahren antrainierten boxerischen Fertigkeiten an die gegnerische Frau bringen. Das Sparring mit zurückhaltenden Männern und die braven Komplimente ("Es hat Spaß gemacht, mit dir zu boxen") reichen der Weltergewichtlerin (bis 63 Kilogramm) nicht mehr. "Wenn ich mit Frauen boxe, lerne ich die auch besser kennen, man ist gleich", sagt sie.
Das blaue Auge weist den Weg zum Selbst. Die Emanzipation sucht sich neues Terrain. "Wenn man unter Feminismus versteht, daß Männer und Frauen grundsätzlich die gleichen Chancen haben, dann bin ich eine Feministin", sagt Linksauslegerin Heitmüller. "Wenn Frauen boxen möchten, sollen sie es auch dürfen."
Die edlen Faustfechter schüttelten sich vor Entsetzen. Als habe Ulrike Heitmüller die Schwangerschaft für den Mann gefordert, mußte sie sich endgültige Wahrheiten aus dem Geschlechterkampf anhören. "Meinen Sie nicht", raunzte ein fassungsloser Boxfreund, "daß der liebe Gott sich etwas dabei gedacht hat, als er einen Unterschied machte zwischen Mann und Frau und jedem seine Aufgabe zuwies?"
Daß, wer Kinder kriegen kann, auch Kinnhaken verteilen darf, glauben weltweit immer mehr Frauen. Als die 16jährige Dallas Malloy vor Gericht das Recht erstritt zu boxen und am 30. Oktober 1993 die fünf Jahre ältere Heather Poyner auspunktete, ebnete sie den Weg aus der Theorie. 59 fightende Suffragetten erwarben seitdem in den USA die Lizenz zum Zuschlagen. In England und Norwegen ist die Gleichstellung fäusteschwingender Frauen vollzogen.
Schwestern im Geiste hat auch Ulrike Heitmüller in Deutschland schon gefunden. Die noch kleine schlagende Verbindung - der Verband schätzt die Zahl furchtloser Boxerinnen auf etwa 60 - schafft sich mit beherzten Plädoyers Gehör: "Nur im Wettkampf", sagt die Schwäbin, "kann ich mein Leistungsvermögen austesten."
Den Gralshütern der maskulinen Boxmoral bleibt bei den Argumenten der Frauen die Luft weg. "Wir können schlecht den Gesundheitsaspekt bei den Männern unterstreichen und es den Damen verbieten", sagt Verbandspräsident Kurt Maurath. Auch Graciano Rocchigiani, Prototyp des allein mit Herz kämpfenden Boxers, gibt sich geschlagen: "Von mir aus sollen se kämpfen. Wenn se nüscht Besseres zu tun haben."
Ende Mai berät der DABV über den Heitmüller-Antrag. "Wir können uns dem Frauenboxen nicht widersetzen", sagt Maurath.
Sogar die Sportmedizin hält Frauenboxen für unbedenklich. So mußte Verbandsärztin Angelika Fischer einräumen, daß Schläge auf die weibliche Brust keineswegs Krebs fördern, sondern allenfalls vergängliche blaue Flecken hinterlassen.
Ohnehin entlarvt Heitmüller die Diskussion über das vermeintliche Machwerk des Teufels als pures Schattenboxen: "Da ist doch die Deckung vor. Schläge auf die Brust gibt es auch bei den Männern kaum."
Von den Gegnern im DABV wird Frauenboxen dennoch als "geschmacklose voyeuristische Peep-Show" (Verbandsärztin Fischer) getadelt. Gerade in den Zeiten, in denen sich Boxen dank Henry Maske vom Schmuddelimage zu befreien beginnt, befürchtet der Verband durch Heitmüllers Aufbegehren einen Rückfall ins Milieu.
Bislang dienten prügelnde Mädchen im Ring lediglich dem Vergnügen gierig sabbernder Männerrunden. Und weil boxende Frauen allein wohl zu fad wirkten, hatten sie Slip an und Netzstrümpfe und sonst gar nichts.
Die Angst des Verbandes ist im Falle Ulrike Heitmüllers unbegründet. Die Boxerin, die dubiose Angebote für illegale Kämpfe ablehnte, hat höchste moralische Rückendeckung. Zur Zeit studiert sie in Tübingen evangelische Theologie. Ihr Berufsziel: Pastorin. Y

DER SPIEGEL 14/1994
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