04.07.1994

MedizinMonstrum Humanum

Ein Mediziner aus Chemnitz hat eine weltweit einzigartige Mißbildung wiederentdeckt.
Anno 1735 im sächsischen Taucha erwarteten die Eheleute Johanna Sophia und Andreas Schmiedt ihr viertes Kind. Die Mutter war 28, der Vater 38 Jahre alt. Doch die Totgeburt, die im achten Monat zur Welt kam, sah eher einem Huhn als einem Menschen ähnlich.
Wie die Schmiedts, Eltern von drei gesunden Sprößlingen, auf den Schock reagierten, ist nicht überliefert. Die mißgebildete Leibesfrucht aber blieb der Nachwelt erhalten.
Den Fetus entdeckte Dietmar Müller, Chefarzt der Chemnitzer Säuglingsklinik, zufällig im Naturalienkabinett des Museums von Waldenburg, einer Kleinstadt in der Nähe von Chemnitz, als er dort einen Keuschheitsgürtel suchte.
Der Mediziner war von dem Zufallsfund begeistert: "Einen solchen Fetus hat die Forschung noch nicht gesehen."
Eingelegt in Spiritus, der bis in Augenhöhe der kleinen Gestalt verdunstet war, hat die Totgeburt die Zeiten überdauert. Quer über den Körper laufende Nähte zeigen, daß sich bereits ein zeitgenössischer Forscher mit der Mißbildung beschäftigt hatte.
Ein "besonderer Glücksumstand" ist es nach Müllers Meinung, daß auch das Ergebnis der damaligen Untersuchung überliefert ist. Aufgeschrieben hat den seltsamen Casus 1737 der Leipziger Arzt Gottlieb Friderici. Zwei Kupferstiche des Künstlers Johann Gottfried Krügner sind dem 32seitigen Traktat beigegeben.
Fridericis Abhandlung mit dem Titel "Monstrum Humanum Rarissimum" endet nach präzisen Beschreibungen des ärztlichen Befundes ratlos: Der Doktor übereignet den Fall "künftigen Ärztegenerationen, die mehr davon verstehen".
Die Zunft steht, 250 Jahre später, noch immer vor einem Rätsel. Röntgenbilder und ein Computertomogramm halfen Müller nicht weiter. Mißbildungen wie die des Hühnermenschen finden sich weder im 1892 Seiten starken Standardwerk "Birth Defects Encyclopedia" noch in aktuellen Computerdateien. Auch ein informeller "Syndrom-Club", in dem Experten sich über die neuesten Fälle menschlicher Deformationen austauschen, konnte keine präzise Diagnose stellen.
Die Liste der Defekte ist umfänglich: Der Fetus aus Taucha hat unter anderem eine extrem vergrößerte Leber, einen sogenannten Kleeblattschädel, keine erkennbaren Ohren, einen winzigen Unterkiefer, überlange Finger und Zehen mit krallenartigen Nägeln und ein abnorm großes Herz.
Aufschluß über die Mißbildungen soll nun eine Genanalyse liefern. Aus einem Stück Nabelschnur des Fetus wurde die DNS, die Desoxyribonukleinsäure, isoliert. Experten in Berlin und Heidelberg wollen den genetischen Code auf Fehler untersuchen.
Fest steht bereits das Geschlecht des Hühnermenschen: Das Wesen besitzt zwei X-Chromosomen und ist demnach ein Mädchen. Friderici hatte auf einen Jungen getippt: Zwei kleine Kugeln in der Bauchhöhle hielt er für eingelagerte Hoden.

DER SPIEGEL 27/1994
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