13.12.1993

AktionäreTeilweise bösartig

Ein Professor für Bankwirtschaft will auf der Hauptversammlung von Daimler-Benz für Stimmung sorgen.
Die ärmlichste Limousine, die zum Aktionärstreffen von Daimler-Benz am Montag nächster Woche in Berlin wohl vorfahren wird, ist ein alter Mazda 626. Sein Besitzer hat den Gebrauchtwagen beim Kilometerstand 175 000 gekauft und beziffert den derzeitigen Wert auf 300 bis 350 Mark.
Der Mazda-Fahrer hat Daimler-Aktien im Wert von rund 15 Millionen Mark auf seinem Depot bei der Zürcher Privatbank Coutts & Co. Den Daimler-Benz-Chef Edzard Reuter, den er für den "größten Kapitalvernichter Deutschlands" hält, will er hart angehen - nachdem er sich, wie üblich, mit dem Satz vorgestellt hat: "Mein Name ist Wenger, ich komme aus Würzburg."
Professor Ekkehard Wenger, 41, ist Inhaber des Lehrstuhls für Bank- und Kreditwirtschaft an der Universität Würzburg. Wenger reist nie allein zu den Hauptversammlungen der deutschen Konzerne. Mit dabei ist immer ein Trupp von etwa einem Dutzend Studenten: Ein "akademisches Gruselkabinett", grauste sich Hans-Joachim Fonk vom Vorstand der Mercedes Aktiengesellschaft Holding (MAH) auf der letzten Hauptversammlung.
Dieses Mal haben sich sogar 160 Wenger-Studenten zum Trip nach Berlin angemeldet. So viele werden den Meister nicht live bei Daimler-Benz erleben können, doch wer ihn begleiten darf, bekommt immer viel geboten.
Auf der Daimler-Hauptversammlung im Mai dieses Jahres gewährte ihm der Aufsichtsratsvorsitzende Hilmar Kopper nur fünf Minuten Redezeit. Als Wenger das Podium nicht verlassen mochte, rief Kopper den Ordnungsdienst; der Professor ging zu Boden und ließ sich aus dem Saal schleifen.
Auf der letzten Siemens-Hauptversammlung wurde ihm das Mikrofon abgeschaltet. Beim Allianz-Aktionärstreffen tadelte ihn Aufsichtsratschef Wolfgang Schieren als "Störer", bei der Dresdner Bank mahnte ihn Versammlungsleiter Wolfgang Röller, er solle sein "Weltbild ändern". Daimler-Benz-Chef Reuter warf ihm vor, er verbreite "Latrinenparolen".
Der Professor teilt auch kräftig aus. Der Aufsichtsrat der Veba ist für ihn ein "Kartell der Betonköpfe". Den langjährigen Commerzbank-Chef Walter Seipp nannte er einen "Totengräber der Marktwirtschaft" und Mitglied im "Klub der Milliardenvernichter".
Wengers Lieblingsfeinde sind Reuter und Kopper - für ihn "ein Alptraum-Duo". Kopper, im Hauptberuf Chef der Deutschen Bank, sei "die unfähigste Figur, die jemals an der Spitze einer deutschen Großbank in der Nachkriegszeit gestanden hat"; Reuter, so höhnt der begnadete Polemiker, "leidet an maßloser Selbstüberschätzung".
An Selbstunterschätzung leidet der Professor jedenfalls auch nicht. Das macht den "Konzernfürsten", wie Wenger Vorstände und Aufsichtsräte nennt, besonders schwer zu schaffen. Anders als Umweltschützer, die immer mal wieder auf Hauptversammlungen den Kapitalismus kritisieren, vertritt der Würzburger vehement die Interessen der Eigentümer. Er beherrscht das Aktienrecht und kennt die Bilanzierungstricks der Finanzvorstände.
Wenger findet oft Zustimmung im Saal. Er "hat einen viel größeren Einfluß als andere", schwärmt Aktionärsvertreter Kurt Fiebich, der ihn sehr schätzt, auch wenn der Professor "teilweise bösartig ist". Wengers Streitlust ist kalkuliert: "Nur so finde ich Gehör." Sichtlich erfreut registriert er, daß auch ausländische Medien über ihn berichten - "sogar finnische Zeitungen".
Aus schierer Lust an der Provokation tritt der streitbare Akademiker zuweilen vor den Nadelstreifen auf dem Podium im offenen Hemd auf. Zoff mache ihm schon Spaß, gibt er zu - "wenn's der Sache dient".
Die MAH-Oberen, denen er Inkompetenz vorwarf, reizte Wenger so sehr, daß Vorstandsmitglied Fonk sich an das Bayerische Kultusministerium wandte. Das sollte prüfen, ob Wenger die beamtenrechtliche Pflicht zu "achtungs- und vertrauenswürdigem Verhalten" eines ordentlichen deutschen Professors erfülle. Den Fonk-Brief fand der Ordinarius recht erheiternd.
Schon Wengers Äußeres entspricht nicht so recht dem Bild eines achtunggebietenden Professors der Bankbetriebslehre. Schlipse trägt er ungern, seine Anzüge stammen nicht vom Herrenausstatter. In seinem kleinen Büro - eingerichtet im Behördenstil der siebziger Jahre - herrscht mildes Chaos, hölzerne Karteikästen liegen unterm Tisch.
Statt Dynamik verströmt der Professor Wuseligkeit; er ist dauernd auf den Beinen. Wenger hat sich nicht im Wissenschaftsbetrieb abgeschottet - und darum tourt er auch seit drei Jahren mit seinen Studenten so gern durch Hauptversammlungen: "Lehrveranstaltungen" nennt er seine Auftritte. Sein Gesicht strahlt Freundlichkeit aus, aber seine Zunge ist scharf.
Wenn Wenger über Vorstände und Aufsichtsräte herzieht, hören alle zu. Selbst Otto Graf Lambsdorff, der Präsident der handzahmen Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz, bekannte vor einem Monat auf dem Frankfurter Börsenforum: "Vieles, was Wenger sagt, ist akzeptabel."
Der Würzburger polemisiert gegen die Überkreuz-Verflechtungen in der Industrie, einer "Amigo-Wirtschaft", in der sich die Herren gegenseitig kontrollieren. Er kritisiert das Depotstimmrecht der Banken, weil Aktiengesellschaften den Aktionären gehören und nicht ein paar Bank-Managern. Er findet es nicht in Ordnung, daß Vorstände happige Gehaltserhöhungen kassieren, während sie Arbeitnehmer zu Tausenden entlassen. Wenger spottet über den Machtrausch und Expansionsdrang von Vorständen und Aufsichtsräten. Er habe, so Wenger auf der Commerzbank-Hauptversammlung, "kein Interesse daran, unser Geld für das Machtmonopoly der Bankvorstände und ihrer Freunde in der Industrie herzugeben".
Einer wie Reuter, der einen blühenden Autokonzern zu einem schlingernden Konglomerat von Elektro-, Rüstungs- und Luftfahrtunternehmen ausgebaut hat, reizt Wenger besonders. Wenger will, wenn kurz vor Weihnachten die Verschmelzung von Daimler-Benz und der Mercedes Aktiengesellschaft Holding beschlossen werden soll, Reuter eine empfindliche Schlappe beibringen.
Ein Großanleger aus New York hat Wenger 20 000 Daimler-Aktien überlassen, die nun - ein Wert von 15 Millionen Mark - in Wengers Depot bei der kleinen schweizerischen Bank Coutts liegen. Bei einem deutschen Kreditinstitut, fürchtet er, könnte die Deutsche Bank, mit 28 Prozent größter Aktionär von Daimler-Benz, den Weg der Aktien bis zum Eigentümer zurückverfolgen.
Mit seinem kleinen Aktienpaket konnte Wenger eine Ergänzung der Tagesordnung erzwingen: Daimler-Benz soll Rücklagen über elf Milliarden Mark an die Anleger ausschütten, gleichzeitig sollen die Aktionäre durch eine Kapitalerhöhung den Konzern mit frischem Geld versorgen. Diese Forderung bringt Reuter und seinen Aufsichtsrat in arge Verlegenheit.
Für das in den früheren guten Jahren angehäufte Elf-Milliarden-Vermögen hat Daimler-Benz bereits 56 Prozent Körperschaftsteuer bezahlt. Werden die Rücklagen an die Aktionäre ausgeschüttet, erhält der Aktionär die Differenz von 56 Prozent zu seinem individuellen Steuersatz vom Finanzamt vergütet.
Das ganze ist ein verzwicktes Steuersparmodell, Fachleuten bekannt als "Schütt-aus-hol-zurück-Verfahren". Weil eine derart gigantische Ausschüttung das Unternehmen zu sehr schwächen würde, werden die Aktionäre gleichzeitig zu einer Kapitalerhöhung gebeten.
Bankexperte Wenger hat errechnet, daß bei einer Auflösung der Reserven und anschließender Wiederauffüllung die Aktionäre - nur durch die Steuerersparnis - einen Gewinn von rund 2,7 Milliarden Mark machen würden.
Die Dresdner Bank, die unter anderem den 14-Prozent-Anteil kuweitischer Anleger an Daimler verwaltet, weiß immer noch nicht, ob sie Wengers Forderung unterstützen soll. Der Großaktionär Deutsche Bank ist dagegen.
Auf die kommende Auseinandersetzung freut sich Wenger schon heute. "Dann darf Kopper seinen Aktionären von der Deutschen Bank erklären, warum er 750 Millionen Mark zum Fenster rauswirft." Y

DER SPIEGEL 50/1993
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