29.03.1993

LettlandAktion Reiskorn

Ein deutscher Rechtsradikaler will mit milden Gaben und nationalistischen Parolen in Riga politische Karriere machen.
Knallige Werbung gibt es in Lettland erst seit dem Zusammenbruch des Sozialismus. Die Anzeigen, die seit einiger Zeit in Rigas Tageszeitung Diena erscheinen, sind für die neugierigen Leser ungewöhnlich - zumal sie von einem Ausländer stammen.
Er hasse Kommunisten "von ganzem Herzen", verkündet ein Joahims Zigerists in mehrspaltigen Inseraten. Mit einem "teuflischen Spiel" wollten sie Lettland in eine "tiefe Misere" stürzen, um danach das "alte Regime der Furcht" wieder zu errichten. Die Russen unterdrückten die Letten, heißt es weiter. Würden etwa Franzosen akzeptieren, daß die algerische Minderheit ihr Los bestimme? Fazit: "Rußland den Russen, Lettland den Letten."
Auftraggeber und Autor dieser Politwerbung ist ein Zugewanderter von einschlägigem Ruf, in Deutschland besser bekannt als Joachim Siegerist, 45. Er unterstützt die Lettische Bewegung der Nationalen Unabhängigkeit (LNNK), die Russen allenfalls den Status der "Türken in Deutschland" (LNNK-Vizechef Austris Ozols) gewähren will. _(* Im Operettentheater in Riga. )
Der Ex-Journalist aus Hamburg ist seit kurzem Besitzer eines lettischen Passes: Sein Vater war vor 1940 Bürger des Baltenstaates. In der Elisabeta-Straße, wo sich das Hauptquartier der Bewegung befindet, hält er mit einem Assistenten jeden Nachmittag von 15 bis 17 Uhr hof und hört sich die Sorgen der Einheimischen an. Der Neubürger, so will die LNNK ermittelt haben, gilt inzwischen als einer der vertrauenswürdigsten Politiker Lettlands.
In Deutschland hatte sich der ehemalige Bild- und Hör-zu-Reporter vor allem durch die rechts von der CSU angesiedelte "Konservative Aktion" den Ruf eines Eiferers und Geiferers erworben. Die Organisation führte Rufmordkampagnen gegen Willy Brandt oder den Grünen Gert Bastian, hetzte gegen den "roten Pöbel" und inszenierte medienwirksame Spektakel, etwa zur Freilassung von Rudolf Heß. 1986 gründete Siegerist den Verein "Die Deutschen Konservativen", der gegen "fanatische Juden in Israel und einzelne Strolche im jüdischen Weltkongreß" sowie gegen die "Überflutung Deutschlands durch Ausländer" Stimmung machte.
Das Hamburger Landgericht verurteilte Siegerist 1989 zu 17 550 Mark Geldstrafe wegen Beleidigung des SPD-Ehrenvorsitzenden Brandt, den er als "zwielichtigen Mann" und "Vaterlandsverräter" verunglimpft hatte.
Siegerist paßt in eine lettische Politszene, die immer offener faschistoide Züge zeigt. Vorkriegsdiktator Karlis Ulmanis, 1942 in kommunistischer Haft zu Tode gekommen, genießt wieder Ansehen, ihm wurde voriges Jahr eine Ausstellung gewidmet. Das Kriegsmuseum erinnert in einem Sonderraum an die lettischen Verbände, die für Waffen-SS und Polizei aufgestellt worden waren. Paramilitärische, antirussische Wehrgruppen entstehen - wie die Aizsargi-Miliz, deren Schützen sich 1941 an Judenpogromen beteiligten.
Nährboden dieses dumpfen Nationalismus ist die große Zahl der als Besatzer empfundenen Russen, Belorussen und Ukrainer. Sie stellen gut 40 Prozent der Einwohner Lettlands, in Riga sind die Letten in die Minderheit geraten.
Die politische Karriere, die dem rechten Irrlicht in der Bundesrepublik nicht vergönnt war, will Siegerist nun offenkundig in Lettland nachholen. Der Doppelstaatsbürger spielt in Riga die Rolle des Demagogen, Geschäftsmanns und Samariters. Im vorigen Jahr eröffnete er gegenüber der Oper ein kleines Textil- und Spielwarengeschäft "Riga-Union".
In großen Anzeigen preist Siegerist nicht nur Strumpfhalter, Hemden und Daunendecken an, sondern setzt sich auch als Heilbringer in Szene. Wenn man ihn nur gewähren lasse, verspricht er, werde er in wenigen Monaten "gute Arbeitsplätze" sowie "Jobs, Brot und Gehälter für 300 lettische Familien" schaffen.
Der Polit-Import gibt sich gern als selbstloser Helfer in der Not. In der Rigaer Krisjana Baronas-Straße 99 finanziert seine Hilfsorganisation "Aktion Reiskorn" gemeinsam mit der westdeutschen Johanniter-Unfall-Hilfe eine Suppenküche für Arme.
Rigas Stadtväter erteilten dem Deutschen das Nutzungsrecht für ein heruntergekommenes historisches Kolonnadengebäude nahe der Freiheitsstatue im Herzen der Hauptstadt. Siegerist kündigte an, das Haus zum "schönsten Cafe im Baltikum" auszubauen: "Ganz Lettland wird stolz sein."
Auch im Fernsehen ist der Ex-Journalist gut vertreten. Im Privatsender NTV-5 kaufte er an zwei Abenden in der Woche die ersten fünf Minuten der 21-Uhr-Nachrichten, um selbstproduzierte "Reportagen Lettlands" auszustrahlen.
Zwar versichert der kaufmännische Direktor von NTV-5, Janis Bogdanovs, er wolle politische Propaganda verhindern. Ob dies der von Geldmangel geplagten Station gelingt, scheint aber fraglich: Vor den ersten freien Wahlen im unabhängigen Lettland am 5. Juni will Siegerist noch öfter auf Sendung gehen. Denn der Immigrant hat angekündigt, auf der LNNK-Liste um einen Sitz im Parlament zu kämpfen.
Bis dahin muß er allerdings die Landessprache erlernen.
* Im Operettentheater in Riga.

DER SPIEGEL 13/1993
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 13/1993
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Lettland:
Aktion Reiskorn

  • Hai-Angriff bei Fütterung: Tauchlehrer verliert den Durchblick
  • In Norwegen, aber made by China: Längste Brücke am Polarkreis
  • Brexit-Parodie: Schauspieler Andy Serkis als May-Gollum
  • Debattenkultur: Die seltsamen Rituale des britischen Parlaments