29.03.1993

Einsamer Wolf unter Wölfen

1937 denunzierte Herbert Wehner Genossen, die ihn und seinen Freund „Viktor“ belastet hatten - oder die er für Gestapo-Spitzel hielt. Ihm gelang 1941 die Ausreise aus der Sowjetunion. Verriet er seine Ideale? Nach dem Krieg stieg Wehner zum SPD-Vizevorsitzenden auf; sein Ziel: ein vereinigtes, sozialistisches Deutschland.
Die Moskauer Kaderakten über die Exil-Genossen Herbert Wehner ("Kurt Funk"), seinen Freund Leo Roth ("Viktor") und seinen Feind Erich Birkenhauer bergen eine schauerliche Intrige. Der Thälmann-Sekretär Birkenhauer belastete Roth und Wehner, worauf Wehner die Anwürfe umdrehte: Er verdächtigte den Denunzianten Birkenhauer, Thälmann selbst an die Gestapo verpfiffen zu haben.
Am 28. August 1937 legte die Kaderabteilung der Kommunistischen Internationale, "Komintern", ihren Katalog mit 44 (nicht 42) peinlichen Fragen Wehner vor - wiederum gestützt auf Aussagen Birkenhauers. Binnen zwei Tagen nahm Herbert Wehner Stellung.
"Ausgerüstet mit einem perfekten Gedächtnis und der Kenntnis der Untersuchungslogik" (so Reinhard Müller, "Die Akte Wehner"), hatte er auf alles eine Antwort. Vorsichtig mußte er sich auch von seinem Freund Viktor distanzieren, der bereits verhaftet war.
Auf die Frage nach den politischen Differenzen in der illegalen KPD unter den Nazis berichtete er von "Reibereien und Intrigen". Schöne Zustände: Er erzählte, wie ein Genosse, der kurz darauf mit viel Geld in der Tasche im Cafe Vaterland verhaftet wurde, den "Berliner Bonzen" Verschwendung vorgeworfen hatte; wie der Genosse Hermann Schubert den Parteichef Schehr als "Polizeiagenten" einstufte und nach der Verhaftung von Ernst ("Teddy") Thälmann verkündete: "Alle, die mit Teddy gesoffen haben, sind zu entlassen."
Und wie in unmittelbarer Nähe von der Wohnung Wehners, der krank daniederlag und vergebens auf Geld von Schubert wartete, in Berlin-Köpenick SPD-Funktionäre in einem SA-Sturmlokal ermordet wurden. _(* Zu Piecks 60. Geburtstag im ) _(Komintern-Büro, mit Paul Wandel (l.), ) _(später DDR-Volksbildungsminister. )
Warum er den Aufforderungen des Politbüros, Deutschland zu verlassen, nicht nachkam? "Ich hielt es für meine Pflicht, die Verbindungen zu retten und dann erst nach draußen zu fahren . . . Die technischen Mitarbeiter wurden grundsätzlich alle entfernt. Die Bezirksleiter wurden ausgetauscht, ebenso die ZK-Instrukteure."
Er selbst wohnte "faktisch illegal, d.h., ich habe immer an einer anderen Stelle gewohnt, als ich polizeilich gemeldet war", und er besaß ein Meldepapier auf einen anderen Namen, mit dem er als Untermieter zu seiner Frau zog.
Dann die Schlüsselfrage: "Deine Beziehungen zu Viktor und seiner Frau?"
Wehner: Viktor betrieb "Vorbereitungen zum Aufstand. Dagegen erhob ich Einspruch. Mir wurde aber bedeutet, daß es sich um internationale Beschlüsse handele", also um Weisungen aus Moskau. Wehner meldete, ihm sei aufgefallen, daß Viktor Beziehungen zu "zwei Stellen" unterhielt, von denen er nichts wußte; er selbst habe Viktor den in Moskau angeordneten Rückruf in die Sowjetunion mitgeteilt.
Wehner war klar, daß er dem Freund nicht mehr helfen konnte. Kaum je kam einer aus der NKWD-Haft zurück. Er erinnerte später an den Fall des Genossen Bernhard Koenen vom April 1938, der sich hernach bei Parteichef Wilhelm Pieck über die "Anwendung von Torturmitteln" beschwerte und sofort wieder verhaftet wurde.
Wehner hat denn auch fortlaufend auf Sitzungen der KP-Führung Listen mit den Namen zumeist schon vom NKWD verhafteter Genossen mitunterschrieben, die damit aus der Partei ausgeschlossen wurden. Nach ihrer Festnahme konnte ihnen die KPD nicht mehr helfen. Er setzte seinen Namen auch unter die Ausschlußliste, auf der Viktor stand.
Aber Wehner konnte auch nicht zweifeln, daß die sowjetische Geheimpolizei alle Akten, Dossiers und Anzeigen der Kaderabteilung der Komintern einsah; das war laut seiner Lux-Bekannten Ruth von Mayenburg "ein offenes Geheimnis".
Seine Antwort an das Komintern-Exekutivkomitee (EKKI) zum Thema "Abwehr des faschistischen Terrors" an der Saar: "Eine umfangreiche Hauswache wurde organisiert, deren Bewaffnung mit leichten und schweren Waffen durchgeführt wurde . . . Es hat in der Umgebung von Neunkirchen Feuergefechte mit schwerbewaffneten Faschisten gegeben, die unsere Genossen niedergeschlagen hatten."
Dünn war seine Rechtfertigung für die Reise durch Deutschland nach Prag. Ihm sei ein gefälschter Paß mit geändertem Foto ausgehändigt worden - von wem, verschwieg er seltsamerweise: Es war der Genosse Leo Flieg, der Paßfälscher-Chef, den er auch verdächtigte, Thälmann an die Gestapo verraten zu haben, und Teddy dachte wohl ebenso: Einen verlorengegangenen Kassiber Thälmanns über den "Gauner" Flieg hatte Wehner in Moskau beharrlich wieder ans Licht gezogen.
Wehner an die Kaderabteilung: _____" Mir wurde versichert, daß der Zug über " _____" Straßburg-Zürich nach Prag gehe. Als ich morgens auf den " _____" Bahnsteig kam, stellte es sich heraus, daß es sich um den " _____" Zug via Kehl handelte. "
Kehl war der am genauesten von der Gestapo kontrollierte Grenzpunkt. Wehner blieben nur wenige Minuten zur Überlegung. Er konnte noch einem Genossen sagen, "daß es eine Schweinerei sei, mich unvorbereitet durchs Reich zu schicken, und daß ich später diese Sache zur Sprache bringen werde". Aber: _____" Materialien und Notizen hatte ich nicht bei mir. Die " _____" Reise verlief ohne Zwischenfall und Unterbrechung. "
Nach dem Krieg beschrieb er das Unternehmen als etwas riskanter, er nannte auch den Namen des Genossen, der die "Schweinerei" begangen hatte: _____" Flieg händigte mir einen schlechten Paß und eine " _____" Fahrkarte aus . . . Es war zu spät, noch etwas zu ändern. " _____" Ich prüfte den Inhalt meiner Taschen und reiste. " _____" Unterwegs füllten sich die Wagen mit Nazi-Dignitären, die " _____" von einer Tagung in Stuttgart kamen. Es war unbehaglich, " _____" weil unter ihnen einige mir aus dem sächsischen Landtag " _____" in Erinnerung gebliebene Personen waren. Aber es ging " _____" gut. "
Da die Komintern-Kaderabteilung jeglichen privaten Briefverkehr führender Genossen nach Deutschland kontrollierte, lautete eine Frage des EKKI: "Zu welchem Zweck hast du Geld aus dem Saargebiet nach Berlin geschickt und wie wurde es durchgeführt?" Wehner: "Damit meine Schwiegereltern in Berlin die Abzahlung der Raten einer Nähmaschine meiner Frau leisten konnten . . . durch Vermittlung der Parteistellen."
Kleinste Details konnten Wehner überführen, ein bezahlter Agent zu sein. EKKI-Frage zu einem Restaurantbesuch in Metz mit Freund Viktor und Feind Birkenhauer: "Wie hoch die Zeche? Wer hat sie bezahlt?" Wehner: _____" Ich kann mich nicht mehr an die Höhe der Zeche " _____" erinnern und glaube bestimmt, daß mehrere Leute die Zeche " _____" gemeinsam bezahlten. Auf jeden Fall habe ich einen " _____" Beitrag geleistet, ebenso Viktor. Daran kann ich mich " _____" erinnern, weil ich mit ihm noch verrechnet habe. "
Die EKKI-Untersuchungskommission zum Fall Wehner kam zu dem Zwischenergebnis, "Verdachtsmomente in bezug auf Verbindungen mit der Polizei", also der Verrat von Genossen, seien unbegründet. Es traf Wehners Denunzianten: Zuerst kam die EKKI-Personalsachbearbeiterin Grete Wilde in Haft, dann der Anschuldiger Birkenhauer am 22. November - zwölf Tage nach der Erschießung Viktors, des Wehner-Gefährten Leo Roth.
Wehner verhärtete sichtlich. Er steigerte seinen Feldzug gegen den bereits verlorenen Birkenhauer und beschuldigte ihn am Tag nach dessen Verhaftung "ganz infamer Hetze gegen einzelne führende Genossen" und der Kooperation mit einer Bekannten Viktors, welche ihrerseits mit mutmaßlichen "Reichswehragenten" zusammenarbeitete. Wehner forderte, den inhaftierten Birkenhauer "abzustoßen".
Drei Tage später wandte er sich an Pieck, "daß wir jetzt wirklich darangehen sollten, die Säuberung von schlechten Elementen und Schädlingen vorzunehmen". Er berief sich darauf, zur "Entlarvung" Birkenhauers beigetragen zu haben. Pieck blieb gelassen: Diese Anklagen Wehners gegen Birkenhauer könnten wie eine "Retourkutsche" aussehen. Wehner reagierte mit einer Kette weiterer Denunziationen: *___Das ZK-Mitglied Flieg biete Anlaß zur Säuberung der ____Partei "von faschistischen Einflüssen und Agenten". *___Der (verhaftete) Genosse Meyer stehe unter "schwerem ____Verdacht". *___Das frühere Politbüromitglied Fritz Schulte, noch frei, ____und seine Leute seien "verbrecherische Feinde".
Wehner hatte schon 1935 Schulte angeklagt, durch ein Telegramm mit Geldforderungen Illegale in Deutschland enttarnt zu haben. "Seine Leute" waren der bereits im Mai 1937 vom NKWD verhaftete Schubert, der dem kranken Wehner in Köpenick kein Geld gebracht hatte, ferner der im Ausland lebende Genosse Max Reimann (nach dem Krieg KPD-Vorsitzender) und natürlich Erzfeind Birkenhauer.
"Allgemeine Redensarten" und "Vermutungen", wiegelte Pieck jedoch gegenüber Komintern-Chef Dimitroff die Anzeigen ab, "ein Versuch, sich den Anschein besonderer Wachsamkeit zu verschaffen".
Das NKWD, das Wehner eine weitere Nacht lang in der Lubjanka einvernahm, entschied anders. Birkenhauer ist wahrscheinlich hingerichtet worden, Meyer und Schubert wurden 1938 erschossen, Flieg 1939. Schulte kam in Haft und starb 1943 im Lager.
Es waren die Männer, die Wehner und Viktor beschuldigt hatten oder die er selbst der Gestapo-Kumpanei wider die eigenen Genossen verdächtigte und generell einer Mitschuld am Versagen der KPD 1933 - eine private Säuberung, bei der sich Wehner des Massenmörders Stalin und seiner NKWD-Henker bedient hatte.
"Viele der Verhafteten", erläuterte Wehner später Stalins Terror, seien Menschen gewesen, "die in der Zeit, in der sie selbst Macht ausüben durften, mit ähnlicher Schonungslosigkeit gegen ihre politischen Gegner und diejenigen vorgegangen sind, die sie, als außerhalb ihrer eigenen Clique stehend, bekämpfen zu müssen glaubten".
Er selbst überlebte. Am 14. Januar 1938 notierte die EKKI-Kaderabteilung über Wehner: "Die Verdächtigungen gegen ihn wurden hier geprüft, und es konnte nichts Belastendes endgültig festgestellt werden."
Nicht endgültig. In Moskau war noch eine Anzeige eingetroffen, von Hubert von Ranke (Deckname "Moritz"), einem Mitarbeiter aus dem geheimen Militärapparat der KPD. In Spanien hatte er als Beauftragter des republikanischen Geheimdienstes die ausländischen Freiwilligen untersucht - die ersten hundert aus Deutschland waren von Wehner angeworben - und unter ihnen "trotzkistische Gestapo-Agenten" ausgespäht.
Sein Vorwurf klang vergleichsweise harmlos: Wehner habe bei der Abreise von Paris ein Archiv mit vielen geheimen Parteidokumenten, Sitzungsprotokollen, Berichten aus Deutschland und Adressen einfach im Stich gelassen. Eine neue Untersuchung, Grund zur Panik: Moritz hatte seine Anzeige im Mai 1937 abgefaßt, als das NKWD gerade die Linkssozialisten von der POUM-Partei in Barcelona abschlachtete.
Auch diese Gefahr ging vorüber. Der Terror schien im Frühjahr 1938 abzuflauen, nach dem Prozeß gegen den NKWD-Chef Jagoda selbst und gegen den großen Bolschewiken Nikolai Bucharin, den Lenin in seinem Testament den "Liebling der Partei" genannt hatte. Das öffentliche Leben in der Sowjetunion verharrte in einer Erstarrung aus blanker Furcht, welche die Fortexistenz der ganzen Gesellschaft bedrohte.
Das ZK der KPD empfing einen Bericht der Deutschen Vertretung beim EKKI, wonach 841 deutsche Genossen im Gefängnis steckten: _____" Am 23. März (1938) wurden die letzten vier " _____" Polit-Emigranten aus dem Polit-Emigrantenheim verhaftet . " _____" . . In der Provinz, z. B. in Engels, ist kein einziger " _____" deutscher Genosse mehr in Freiheit . . . Während Anfang " _____" 1937 rund 1300 KPD-Mitglieder ihre Beiträge entrichteten, " _____" gibt es jetzt nur noch 378 zahlende Mitglieder. " _____" Unter den Verhafteten befindet sich eine bedeutsame " _____" Anzahl Jugendlicher, die zum Teil noch Kinder waren, als " _____" sie in die Sowjetunion gekommen sind . . . Man kann " _____" sagen, daß über 70 Prozent der Mitglieder der KPD " _____" verhaftet sind. Von den 841 Verhafteten sind 8 Genossen " _____" wieder aus der Haft entlassen worden. "
Die EKKI-Deutschen boten auch eine Interpretation des Blutrausches an: _____" Einige führen die Ursachen der Verhaftungen auf " _____" lügenhafte Denunzierungen zurück, andere sprechen die " _____" Vermutung aus, daß der Deutsche Faschismus seine Hand im " _____" Spiele hat und der versucht, mit Hilfe von " _____" Jagoda-Elementen Teile der Kader der KPD zu vernichten. "
Nun war Jagoda schon hingerichtet. Sein Nachfolger Jeschow folgte ihm (am 1. April 1940) in den Exekutionskeller der Lubjanka. Das Untersuchungsverfahren gegen Wehner wurde am 13. Juni 1938 eingestellt; er beantragte einen neuen Erholungsurlaub im Kaukasus. Auf der Fahrt begegnete er einem Gefangenentransport - ein für ihn "unauslöschlicher" Eindruck.
Der Kaukasier Berija wurde neuer Chef-Geheimpolizist. Unter ihm "trat eine Änderung ein", berichtet der spanische Bürgerkriegsgeneral El Campesino, der nach Moskau geflüchtet war (wo er bald verhaftet wurde): "In der Theorie wurde die Todesstrafe abgeschafft. Der Tod trug einen anderen Namen: ,Wiedergutmachung durch Arbeit'' . . . der langsame Tod der Entbehrungen und Überanstrengungen in den Gruben, Wäldern und Fabriken Sibiriens." El Campesino lernte sie kennen.
Ein Jahr später neue Gefahr für Wehner: Am 19. Juni 1939 gelangte noch ein Dossier in seine Personalakte, aufgrund einer Mitteilung des französischen Schriftstellers Andre Malraux, der sich auf Münzenberg berief - Wehner habe 1936 ultimativ die Freilassung des in Spanien verhafteten Bruno von Salomon verlangt, der in Verdacht stand, ein Gestapo-Agent zu sein.
Der Spanienkämpfer Bruno, nach links abgedrifteter Bruder des nach rechts orientierten Ernst von Salomon ("Der Fragebogen"), gehörte einmal zu den "Nationalbolschewisten", welche in der Weimarer Republik Einfluß nahmen auf die "Landvolkbewegung" - Bombenleger unter schwarzen Fahnen. Bruno von Salomon aber war Kommunist geworden.
Im neuen Wehner-Dossier kam auch wieder die "Hinterlassung sehr sekreter Materialien in seiner Pariser Wohnung" hoch, dazu nun der lebensgefährliche Anwurf, daß Wehner versucht habe, "die Genossen, die nach Spanien fahren, nicht der Kontrolle des Apparats zu unterstellen".
Begann alles wieder von vorn? Wilhelm Florin, der Chef der EKKI-Kontrollkommission, stellte sich vor Herbert Wehner, 32: "Genosse Funk ist von den Anarchisten zu uns gekommen . . . Auch heute zeigt er noch Spuren eines Individualisten. Aber da er noch jung ist, kann um so leichter eine bolschewistische Erziehung ihn von Überresten kleinbürgerlich-individualistischen Verhaltens befreien."
Daran arbeitete Wehner selbst, was die Methoden betraf. Gegen die Genossin Maria Greßhöner (Deckname: "Osten") lief ein Verfahren wegen ihrer Kontakte zu dem Grafiker John Heartfield und der Schauspielerin Carola Neher, der Freundin von Zenzl Mühsam. Mit Ulbricht zusammen saß Wehner in einer Untersuchungskommission, für die er die Verteidigungsschrift der Beschuldigten so beurteilte: _____" Meines Erachtens sind diese Papiere gar nichts wert, " _____" weil in ihnen nur das "Angenehme" steht. Über die " _____" Beziehungen zu Kolzow schreibt sie kein einziges Wort, " _____" obwohl diese für ihre Rolle in den letzten Jahren " _____" entscheidend war. "
Mithin versuchte Wehner die Vorwürfe gegen Maria Osten auf einen eigentlichen Schuldigen abzulenken, Michail Kolzow, dessen Lebensgefährtin sie seit 1932 war. Kolzow, berühmtester Sowjetjournalist der dreißiger Jahre, hatte an der Besetzung des Petrograder Winterpalais 1917 und auch an der Ausrottung der Aufständischen von Kronstadt 1921 teilgenommen.
Er gründete die Sowjetblätter Ogonjok und Krokodil mit und berichtete für die Prawda vom Spanischen Bürgerkrieg. Und er war eng liiert mit den NKWD-Chefs Jagoda und Jeschow.
Im Zusammenhang mit der Exekution des Kommandeurs der Thälmann-Brigade, Hans Beimler, durch das NKWD behauptet El Campesino, Kolzow habe in Spanien die Propaganda gegen seine Genossen dirigiert. Nach außen hin habe er sich mit journalistischen Sujets beschäftigt, in Wirklichkeit sei er einer der "aktivsten Spione des NKWD" gewesen.
Kolzow war Ende 1938 von Berijas Schergen verhaftet worden und kam ums Leben, Herbert Wehner, der Rächer seiner ersten spanischen Hundertschaft, hatte sein Opfer. Das Unterfangen, derart die Aufmerksamkeit von der verdächtigten Maria Osten auf einen bereits Verdammten umzupolen, mißlang indes gründlich.
Die Kommission samt Wehner beschloß am 3. Juli 1939, Maria Ostens Parteimitgliedschaft ruhe, bis "von anderer Stelle ihre Beziehungen zu Kolzow untersucht sind". Ein Vierteljahr darauf beschließt Florins Kontrollkommission ihren Ausschluß aus der KPD, im Juni 1941, nach Wehners Abreise, wird Maria Osten verhaftet und 1942 erschossen.
Wehner gehörte von 1939 an unbefleckt zum inneren Führungszirkel der KPD. Da hatte er fortlaufend "Charakteristiken" über Politbüro- und ZK-Mitglieder abzufassen. In seinen Gutachten rügte er "faulen Liberalismus gegenüber schlechten Elementen", "Schädlingsarbeit von Lumpen, die innerhalb unseres Apparats ihr Unwesen treiben".
Wenn es sein subversiver Plan war, derart die ganze deutsche Stalinisten-Clique auszuräumen, blieb ihm auch darin der Erfolg versagt: Sie kamen, soweit bekannt, vor den NKWD-Scharfrichtern mit dem Leben davon, sie befanden sich nicht in der Sowjetunion. Viele lenkten später die DDR.
Wehner in Moskau über *___Karl Mewis, in der DDR Minister und ____Plankommissionschef: "Neigt zur Selbstgefälligkeit"; *___Gerhard Eisler, Parteifeind von 1928, Rundfunkchef der ____DDR: Schleppt "noch immer viel von den Klamotten herum, ____die er schon 1928 getragen hat"; *___Albert Norden, Politbüro-Mitglied der SED: "Ihm fehlt ____es an einem festen theoretischen Fundament"; *___Erich Glückauf, in den sechziger Jahren Leiter der ____"Westarbeit" der SED und Gesprächspartner des ____Vorsitzenden des Bundestagsausschusses für ____gesamtdeutsche Fragen, Herbert Wehner: "Ziemlich ____leichtfertiger und zur Oberflächlichkeit neigender ____Mensch", "ungünstiger persönlicher Lebenswandel", hat ____sich "mit einer Frau eingelassen, die seine ____Arbeitsfähigkeit beeinträchtigte".
Einige derart Benotete, denen durchaus seine Sympathie hätte gehören können, erweisen sich hernach in der DDR tatsächlich nicht als linientreu: *___Franz Dahlem, der 1953 als Ulbricht-Rivale abgehalftert ____wurde, hatte laut Wehner schon 1939 "innerparteilich ____abgerüstet"; *___Paul Merker, SED-Politbüro-Mitglied und wegen Kontakts ____zu dem angeblichen US-Agenten Noel Field von 1952 bis ____1956 in DDR-Haft: ____"Zeitweilig unsicher und leichtgläubig in ____Personalfragen"; *___Adolf Ende, Chefredakteur des Neuen Deutschland und ____unter dem Vorwurf des Kontakts zu Noel Field aus der ____SED ausgeschlossen: "Freund" von zwei bereits vom NKWD ____verhafteten Genossen, "steht mehr unter dem Einfluß ____fremder Weltanschauungen als unter dem Einfluß der ____Partei".
Wehner-Urteile über Führungsgenossen: "Politisch apathischer, vielleicht sogar rückgratloser Mensch", lebt "mit einer Frau zusammen, deren antiparteiliche Haltung bekannt ist"; "klagte und spottete" über seine Frau - dies über Heinrich Wiatrek, den später die Gestapo erwischte und umdrehte. Er mochte sie fast alle nicht, die Elite-Funktionäre des deutschen Kommunismus. Sie taugten wirklich nicht viel, er aber legte den Maßstab eines rücksichtslosen Administrators und lebensfernen Pflichtmenschen an. Dem Genossen Wilhelm Knöchel hielt der Lux-Insasse "Verkehr mit gewissen kleinbürgerlichen und sozialdemokratischen Genossen" vor, später ging Knöchel nach Deutschland, zur illegalen Arbeit. Dort wurde er 1944 hingerichtet.
Über den Genossen Karl Ferlemann richtete Wehner, er habe in "der Illegalität brutal die Kader ins Verderben geschickt", "die Verhaftung vieler Genossen erleichtert", sich "vor Gericht als Feigling betragen", wahrscheinlich sei er ein Verräter. Ferlemann befand sich seit 1933 im Nazi-KZ, bis zu seinem Tod 1945.
In Moskau aber stand Wehner im Ruf, sich nie zu irren. Seine Personalkenntnisse und sein Gedächtnis wurden langsam auch zu einer Bedrohung für Pieck und Ulbricht, von denen er "eine verjüngte Parteiführung" forderte. Nach einem Gespräch zwischen den beiden über Wehners Attacken notierte sich Pieck: "Feind in unsere Führung eingedrungen - Führung diskreditiert."
Ulbricht bezichtigte sich vorsichtshalber schon selbst, bei den Untersuchungen gegen Wehner "falsch gehandelt" zu haben. Pieck empfahl am 16. Dezember 1939 dem Komintern-Chef Dimitroff eine Verwendung des Genossen Funk im Ausland. Wehner hatte endlich, so legte er später dar, sein Ziel erreicht, auch wenn er noch bis 1941 warten mußte.
Bis dahin entwickelte er sich zum Chefideologen der KPD, der die programmatischen Vorgaben erarbeitete, auf seine Weise. Beinahe hektisch suchte er sich in Zeitungsartikeln und allwöchentlichen Rundfunksendungen einem möglichst breiten Publikum mitzuteilen, und zwar in jener verschlüsselten Sprache, die Lesern wie Schreibern in einer totalen Diktatur bestens vertraut ist:
"Genosse Stalin läßt keinen Menschen umkommen", zitierte Wehner 1937 anzüglich einen Sowjetmenschen. Das war eher zu durchschauen als die Unterwerfungsgeste in der Kommunistischen Internationale, wonach "Trotzki und viele seiner Spießgesellen zum Teil seit vielen Jahren unmittelbare, bezahlte Spione sind", die spanische POUM "verbrecherischer Tätigkeit" schuldig und eine "Aushebung und Vernichtung trotzkistischer Nester" in der UdSSR einer der "wertvollsten Dienste" sei.
Wehner berichtete unter dem Titel "Moskau, du glückliche Stadt" im November 1937 in der Rundschau von "buchstäblich überquellenden Bazaren, Magazinen und Kaufhäusern", "ein wirbelndes, buntes Leben durchpulst Moskau . . . Hier bin ich Mensch, hier darf ich''s sein".
Für die Betroffenen war das Hohn, mehr noch Wehners Herzenserguß, durch Stalins Schlag gegen seine Feinde "wurde die Bahn für die allseitige Demokratie frei". Hinter diesem an Ironie grenzenden Schleier ließen sich 1938 in einer Kritik an der Sozialdemokratie die Worte unterbringen: "Sie versprachen statt dessen in verschwommenen Worten den Sozialismus, aber sie ruinierten die Demokratie", die samt Parlamentarismus "in Deutschland noch keineswegs überlebt" gewesen sei.
Ein Grundsatzartikel über Lenins und Stalins Staatslehre erinnerte an die anarchistische Marx-These, daß nicht jede Verstaatlichung gleich Sozialismus sei, vielmehr jeder Staat eine Unterdrückungsmaschine: "Je mehr er an Ausdehnung und Gewicht gewinnt, um so mehr entfremdet er sich den Volksmassen."
Aber es gebe eine "Verkleidung" des Regimes durch "verfassungsmäßige Garantien", "scheinbar demokratische Äußerlichkeiten", "Plebiszite, deren Ausgang von vornherein feststeht". Das rügte Wehner an den Faschisten, aber jeder Marxist konnte daraus die treffende Nutzanwendung ziehen, zum Beispiel auf die Stalin-Verfassung und die folgenden "Wahlen".
Gleich nach Stalins ersten öffentlichen Avancen an Hitler, im April 1939, ortet Wehner im Komintern-Blatt Gefahr für die "deutsche Nation" und proklamiert: "Um der Zukunft Deutschlands willen gegen den Faschismus."
Im August kommt NS-Außenminister von Ribbentrop zum Vertragsschluß mit Stalin nach Moskau; aus seinem Flugzeug steigt auch eine Gruppe von Gestapo-Beamten, die sofort ihre Kollegen vom NKWD herzlich begrüßen. Beobachter von Walther, der Diplomat, sagt darauf zu seinem Freund von Herwarth: "Schau, wie sie sich anlachen. Die freuen sich, daß sie endlich zusammenarbeiten können. Das kann furchtbar werden. Stell dir nur vor, wenn die ihre Akten tauschen."
Sie tauschten ihre Gefangenen aus. Moskau lieferte Hunderte Kommunisten der Gestapo zu (aber verlangte keine Befreiung Thälmanns aus dem KZ Buchenwald). Stalin bildete seine Einheitsfront mit Hitler.
Das einzige Argument für einen überzeugten Kommunisten, trotz Stalins Gewalttaten die Partei der Sowjetunion zu ergreifen - sein Antifaschismus -, war nun entfallen. Wehners Feinde hatten sich vereint, und er übernahm es, für die KPD den Teufelspakt zu rechtfertigen.
Wehner wartete ein wenig, dann verfaßte er - zusammen mit Ulbricht - am 21. Oktober 1939 eine Stellungnahme, mit allerlei Krampf. Da Komintern-Chef Dimitroff bereits eine "Sozialistische Einheitspartei" in Deutschland anvisierte, befand Wehner, dem "sozialistischen Sehnen" der Hitler-Jugend müsse am Beispiel der Sowjetunion ein revolutionärer Sinn gegeben werden.
Doch in dem Text stand auch: Vertragspartner sei immerhin "der deutsche Imperialismus". Kaum von Ulbricht, sondern von Wehner stammt die Passage, das Hitler-Regime habe "Unglück über das deutsche Volk gebracht", Terror herrsche, dennoch müsse eine starke illegale Parteiorganisation geschaffen werden.
Ulbricht dagegen schrieb in der Stockholmer KP-Zeitung Die Welt noch 1940, Gegner des Pakts seien "Feinde des Volkes" - demnach ein Fall für die Gestapo oder ihre inoffiziellen Moskauer Mitarbeiter. Die Genossen dürften nicht mehr durch "prinzipiellen Antifaschismus" die "legalen Möglichkeiten" einer künftigen KPD-Tätigkeit erschweren.
Im Februar 1941 erscheint ein letztes Wort Wehners aus dem Moskauer Exil in der Kommunistischen Internationale, ein Zitat des KPD-Gründers Karl Liebknecht aus dem Ersten Weltkrieg: _____" Die Befreiung des russischen Volkes muß dessen eigene " _____" Sache sein, so wie die Befreiung des deutschen Volkes " _____" nicht das Ergebnis von Beglückungsversuchen anderer " _____" Staaten, sondern nur sein eigenes Werk sein kann. "
Das war ein höchst wagemutiges Credo zum Abschied vom Stalin-Imperium. Wehner hatte endgültig den Auftrag erhalten, die Partei in Deutschland zu organisieren.
Bis dahin besorgte das, vom neutralen Stockholm aus, der NKWD-Verbindungsmann Karl Mewis, der sich schon in Spanien als Mordbube hervorgetan hatte, genauso wie sein Komintern-Kontrolleur, der erfahrene Sowjetagent Richard Stahlmann (er gründete später die Stasi-Hauptabteilung Aufklärung). Mewis meldete 1939 exakt 96 in Berlin tätige Untergrundzellen (Dimitroff: "Ich glaube dem Mann kein Wort"), die meisten der von Mewis eingeschleusten Instrukteure waren inzwischen von der Gestapo verhaftet worden.
Stalin war noch Ende 1940 bereit, dem Achsenpakt beizutreten, der aus dem "Antikominternpakt" Hitlers und Mussolinis hervorgegangen war. Doch jetzt standen die Signale auf Krieg, den Stalin, der über Hitlers Angriffsplan "Barbarossa" informiert war, zu gewinnen hoffte. Wenn er siegte, kam einer in Deutschland existierenden KP eine Schlüsselrolle zu.
Wehner sollte in Stockholm ein Sekretariat einrichten, das die Partei in Deutschland aufbauen und später sich als Führungsorgan in Berlin etablieren sollte. Am 2. Februar 1941 reiste Wehner von Moskau ab, seine Lebensgefährtin Charlotte Treuber blieb als Pfand zurück. "Laß mich nicht in diesem Lande sterben", sagte sie beim Abschied, "ich muß immer an die Mauer denken", die Friedhofsmauer mit den weggemeißelten Kommunisten-Fotos.
Wehner war in Freiheit, aber sein altes Vaterland war ihm verschlossen. Wenn er sich sofort von seinen sowjetischen Arbeitgebern löste, hätte ihn das Schicksal eines Deserteurs ereilt, dessen Bestrafung Moskau auch im Ausland vollzog - im Jahr zuvor war Trotzki in Mexiko erschlagen worden, gerade im Monat der Abreise Wehners aus Moskau kam der abgesprungene Westeuropa-Chef der Sowjetspionage, General Kriwizki, in einem Washingtoner Hotelzimmer ums Leben.
In Schweden sammelte Wehner Informationen aus Deutschland und schickte dorthin die Genossin Charlotte Bischof, in Männerkleidern, mit gestutztem Haar und mit 700 Mark sowie Propagandamaterial. Sie warnte Wehner mittels einer Annonce im Berliner Lokal-Anzeiger vor dessen eigener Einreise.
Wehner schrieb emsig im KP-Blatt Die Welt, dem wahrscheinlich auch das Stockholmer Pressebüro Willy Brandts zulieferte. Die Schriften wurden nach Deutschland geschmuggelt, sie kamen auch an: 30 Broschüren des Autors Herbert Wehner hat einmal die Gestapo beschlagnahmt.
Den Tod führender Sozialdemokraten von Otto Wels über Rudolf Hilferding bis zu Ernst Heilmann (der im KZ Buchenwald totgeschlagen wurde) kommentierte Wehner mit einem Satz, der exakt seine menschenverachtende Taktik ausdrückt: "So also endeten diejenigen, die das deutsche Proletariat dem Faschismus ausgeliefert haben."
Zugleich definierte er sein altes Ziel, das jetzt deutlich nationale Farben gewann. Er schrieb von einer "tiefen Tragik der gegenwärtigen Heimsuchung des deutschen Volkes", die NS-Doktrin sei "antinational". Wehner zitierte Ulrich von Hutten: "Dem Vaterland zu nutz und gut, die Wahrheit mich bewegen tut." Er flehte: "Um des deutschen Volkes willen, reicht euch, die ihr Deutschland wirklich liebt, die Hände!" Nur kommunistische Propaganda, oder entpuppte sich der Patriot?
Seinen Deutschen gegenüber war er sehr fair: Das Volk, in dessen Namen das Standrecht über fast ganz Europa verhängt wurde, "ohne daß es dies erfahren darf", werde mitschuldig an den Zuständen, "die es im Grunde selbst verabscheut".
Mewis schickte derweil vier ungenügend vorbereitete Instrukteure nach Deutschland. Wehner hielt das "für gleichbedeutend mit Mord". Die vier wurden von der Gestapo verhaftet.
Nach einem Jahr in Stockholm fanden seine Genossen, Wehner müsse sich nun selbst einmal nach Berlin wagen. Womöglich führte er, wie Mewis behauptete, durch Vernachlässigen der konspirativen Bräuche seine Festnahme durch die schwedische Polizei bewußt herbei; er traf sich oft mit der von den Schweden beschatteten Ehefrau seines V-Mannes Josef Wagner, der bei der Rückkehr aus Deutschland in Schweden inhaftiert worden war. Wehner wurde, mit falschem Paß, in der Wohnung von Frau Wagner festgenommen.
Vor der Polizei und vor Gericht bekannte er sich zum Sozialismus, bestand aber darauf, sein deutsches Volk zu lieben und immerdar dafür gekämpft zu haben, die "dem deutschen Volk angetane Schmach" zu tilgen.
Als Agent einer fremden Macht habe er nicht gehandelt, die KPD sei eine nationale Partei. Spionage habe er nicht betrieben, vielmehr in seiner publizistischen Arbeit stets unter der Kontrolle der Öffentlichkeit gestanden.
Im November 1942 verurteilte das Stockholmer Oberlandesgericht Wehner zu einem Jahr Zwangsarbeit wegen unerlaubter Nachrichtentätigkeit, anschließend wurde er interniert. Vor Rächern aus Moskau war er erst einmal sicher, im Juni hatte ihn die KPD-Leitung wegen "infamen Verrats" ausgeschlossen. Im nächsten Jahr löste Stalin seinen neuen Alliierten im Westen zuliebe die Komintern auf; ihre Aufgaben, Akten, Personal- und Fälscherwerkstätten übernahm die Internationale Abteilung des ZK der KPdSU. Noch ihr letzter Leiter Walentin Falin, vormals Bonn-Botschafter, verfügte über eine Sammlung falscher Pässe und Perücken.
Nach dem Krieg kam Wehner endlich nach Deutschland zurück. Immer noch den deutschen Sozialismus im Kopf, nahm er einen neuen, zivilisierteren Anlauf. Nach Abgabe seiner Beichte ("Notizen") an den Vorsitzenden Kurt Schumacher trat er der SPD bei, die trotz unveränderter Abneigung gegen die "rotlackierten Nazis" (so Schumacher) jenen Kommunisten ihren Respekt erwies, die aufrecht gegen die Nazis gekämpft und sich von der Förderung einer Gewaltherrschaft losgesagt hatten: In ihrer historischen Urabstimmung gegen die Vereinigung mit den Kommunisten zur SED beschloß die Berliner SPD 1946 zugleich auch die Vorbereitung einer späteren, freiwilligen Einheitspartei.
Fürchtete Wehner nicht die Revanche seiner Genossen, die in Ostdeutschland ihre langgehegten Vorstellungen verwirklichten? Arbeitete er weiterhin für Moskau? Das Rätsel Wehner blieb eine Hypothek der jungen Bundesrepublik.
Wohl immer noch sein eigener Agent, verfolgte Wehner eine Politik, die mit den Intentionen wenigstens jener Kreml-Fraktion übereinstimmte, die ein ganzes, aber befreundetes Deutschland dem halben, abhängigen vorzog - wie die Berija-Leute. Deren Emissär Semjonow versuchte, gleich nach Stalins Tod, Ulbricht zu stürzen.
Wehner aber trachtete danach, den Schaden, der Deutschland aus der Teilung erwuchs, zu meiden oder wenigstens zu mindern. Er riet 1954 zu Verhandlungen mit der UdSSR über die Vereinigung (die niemals stattfanden).
Herbert Wehner eroberte sich zielstrebig die Sozialdemokratie. Nach zwölf Jahren - solange hatte er auch in der KPD gebraucht - war er Vizevorsitzender seiner neuen politischen Heimstatt, 1959 legte er einen "Deutschlandplan" zur schrittweisen Wiedervereinigung vor, der im Grunde einem gleichzeitigen sowjetischen Vorschlag für einen Friedensvertrag entsprach.
Nun eroberte Wehner die Wähler, und zwar die aus dem bürgerlichen Lager. Mit dem Godesberger Programm von 1959 verwandelte er die Arbeiterpartei in eine Volkspartei - 1961 taufte Sowjetchef Nikita Chruschtschow die angeblich proletarische KPdSU in eine angebliche "Partei des ganzen Volkes" um.
Wehner blieb der alte Taktiker. Als Ulbricht mit der Zwangskollektivierung der DDR-Bauern vollendete Verhältnisse geschaffen hatte, widerrief Wehner _(* Mit Botschafter von der Schulenburg ) _((mit Zylinder). ) 1960 seinen Deutschlandplan im Bundestag und schwenkte auf Adenauers Westbindung der Bundesrepublik um: Regierungsfähigkeit um jeden Preis. Doch die weitergeführte Personalakte der früheren Komintern, nun der Internationalen ZK-Abteilung der KPdSU, enthält auch eine Nachricht des KGB (wie sich das NKWD nun nannte): _____" Im Gegensatz zu Brandt glaubt Wehner, daß die " _____" Sozialdemokraten eine bedingungslose Unterstützung des " _____" außenpolitischen Kurses der Vereinigten Staaten nicht " _____" akzeptieren sollten. "
In der Staatskrise nach der SPIEGEL-Affäre 1962 kungelte Wehner mit dem Freiherrn von und zu Guttenberg über eine Große Koalition. Sie kam 1966 zustande, er selbst wurde Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen und begann eine neue Ostpolitik, die jetzt nur noch auf Verhandlungen mit dem bereits fünf Jahre eingemauerten Staat Ulbrichts gerichtet war: "Die gegenwärtige Generation wird schon kein vereintes Deutschland mehr sehen", notierte das KGB aus einem privaten Wehner-Gespräch laut Kaderakte. Er plädiere für "die allmähliche Annäherung der beiden deutschen Länder", eine "allmähliche Demokratisierung in der DDR".
Solange Wehner das Sagen hatte, war die SPD die deutsche Wiedervereinigungspartei, zum Zorn der SED und im Unterschied von der CDU, die mit der Teilung bestens zurechtkam. Der andere Sachse aus dem Moskauer Exil muß erkannt haben, daß am Ende eines Annäherungsprozesses sein Staatswesen verschwinden werde. Ulbrichts Haß gegen Wehner steigerte sich, er erklärte ihn zum "Hauptakteur der ideologischen Diversion gegen SED und DDR". 1967 lancierte seine Stasi ein Stück der Komintern-Kaderakte in die westdeutsche Presse.
Die neue Koalition der SPD mit der freidemokratischen "Pendlerpartei" (Wehner) machte Parteichef Brandt zum Kanzler, Wehner mußte sich mit dem Fraktionsvorsitz begnügen. Längst schurigelte er die eigene Partei mit den lebenslang geübten Methoden, schloß Mitglieder aus, die von der Linie abwichen, fuhr Widersachern scharfzüngig und hohntriefend über den Mund - immer das Ziel im Blick, mit einer schlagkräftigen Partei irgendwann einmal einen demokratischen Sozialismus in einem vereinigten Deutschland zu schaffen.
1970 drang Wehner zu Tito vor, dem alten Lux-Genossen, der nun Jugoslawien besaß. Wehner reiste nach Polen, dann unter konspirativen Umständen sogar zum alten Saar-Mitstreiter Erich Honecker nach Berlin - auffällig-zufällig zu dem Zeitpunkt, an dem der Verfassungsschutz Willy Brandt über den dringenden Verdacht unterrichten wollte, sein Referent Günter Guillaume sei ein DDR-Agent.
Wehner wagte sich wieder nach Moskau. Der ZK-Abteilungsleiter fürs Internationale der KPdSU, Boris Ponomarjow (vormals russischer Aufpasser von Komintern-Chef Dimitroff), gab den beruhigenden Bescheid, seine Komintern-Kaderakte sei "geschlossen".
Das Odeur der Welthauptstadt des Kommunismus beflügelte Wehner 1973 dermaßen, daß für ihn die Gastgeber taktischen Vorrang gewannen vor dem nächsten Genossen daheim: Ausgerechnet in Moskau erhob sich Wehner über Brandt, den großen Zauderer bar Wehnerscher _(* Beim Betreten des Lenin-Mausoleums. ) Visionen von Sozialismus und Einheit: "Was der Regierung fehlt, ist ein Kopf", machte er den Kanzler nieder, und: Der Herr "badet gern lau".
Als die Guillaume-Affäre 1974 öffentlich wurde, war es Wehner, der Brandt zum Rücktritt bewegte. Den Irrtümern seines Lebens fügte er neue hinzu, wenn er - übertaktisch - im Afghanistan-Jahr 1979 den sowjetischen Betonköpfen vom Schlage Ponomarjows den Gefallen tat, ihre Rüstungspolitik als "defensiv" einzustufen: Er genoß es eben, daß in Moskau nicht mehr Terroristen an der Macht waren, wie er sie kennengelernt hatte, sondern korrupte, geltungssüchtige Bürokraten vom Breschnew-Typ, vor denen sich ein Wehner nicht fürchten mochte.
Seine Dialektik war nur noch schwer zu übersetzen. Er plädierte für den Nachrüstungsbeschluß der Nato und gegen die Stationierung neuer Atomwaffen in der Bundesrepublik. Er setzte den offensiven Afghanistan-Feldzug der Sowjets mit dem Vietnamkrieg der USA gleich und empfahl Anerkennung einer DDR-Staatsbürgerschaft.
Kurz ehe in Moskau Michail Gorbatschow antrat, den Kommunismus vom Kopf wieder auf die Beine zu stellen, gab Wehner in Bonn seinen Bundestagssitz und damit seine politische Laufbahn auf: "Ich passe nicht mehr hinein in diese Reihen, die da mehrere Seiten geschlossen haben", grollte er 1983, wie immer mit der Attitüde des Vorwurfs.
In einem abenteuerlichen Polit-Leben ohnegleichen hatte er die Macht, welche die Menschen verdirbt, gekostet und Menschen zerstört. Sein würdiges Ziel, dem die Mittel widersprachen, verfehlte er. 1964 hatte Wehner vorausgesagt:
"Das SED-Experiment wird fürchterlich enden, mit einem moralischen Katzenjammer und einer sittlichen Vernichtung derer, die einmal aus ehrlichen Absichten kommunistische oder sozialistische Vorstellungen solcher Art zu realisieren versucht haben."
Wehner erlebte noch, daß es soweit kam und Deutschland wieder zusammenwuchs, ohne Sozialismus, ohne Sozialdemokratie. Er nahm es nicht mehr wahr. Den Mann mit dem unheimlichen Gedächtnis hatte eine Krankheit geschlagen, die gnädig jede Erinnerung löscht.
* Zu Piecks 60. Geburtstag im Komintern-Büro, mit Paul Wandel (l.), später DDR-Volksbildungsminister. * Mit Botschafter von der Schulenburg (mit Zylinder). * Beim Betreten des Lenin-Mausoleums.
Von Fritjof Meyer

DER SPIEGEL 13/1993
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