20.09.1993

PopSchmutziger Job

„Die Ärzte“ haben sich wiedervereinigt - nach eigener Einschätzung „die beste Band der Welt“.
Es ist nicht unbedingt sein Tag. Auf einem Foto, das seine Plattenfirma hat anfertigen lassen, sieht der Rockstar Bela B. so attraktiv aus wie der Glöckner von Notre-Dame. Und weil ein Unglück selten allein kommt, hat ihm die Firma einen Mercedes 500 SEL samt Chauffeur vor die Tür gestellt. "O Gott", sagt der Sänger, "S-Klasse. Bitte sofort wieder abbestellen."
Es ist nicht so, daß der Bursche mit den schwarz toupierten Haaren etwas gegen teure Autos hätte. Mit einer amerikanischen Stretchlimousine zum Beispiel wäre er gern gefahren. Aber die S-Klasse steht nun einmal für alles, was er haßt - "den Mief von Schäferhund und Geld".
Auch sonst hat der Berliner Musiker Probleme, um welche ihn der Rest der Welt beneiden würde. In welcher Reihenfolge soll er die vier Rolex-Uhren an seinem Unterarm anordnen? Soll er sich zu seiner Harley Davidson und dem 64er Chevrolet Impala für den Winter noch einen Leichenwagen der Firma Cadillac besorgen?
Seit neuestem erhält Bela B. beim Nachsinnen über Fragen des Stils und des Geschmacks wieder fachkundige Hilfe. Zusammen mit seinem Kollegen Farin Urlaub hat er eines der erfolgreichsten Vergnügungsunternehmen der achtziger Jahre neu belebt: Die Spaß-Band "Die Ärzte" praktiziert wieder.
Das Comeback des Duos mit Hilfe eines zusätzlich angestellten Bassisten scheint eine gelungene Operation zu werden: Eine Herbsttournee durch 28 Städte ist so gut wie ausverkauft; die CD "Die Bestie in Menschengestalt", die Anfang Oktober erscheint, wird von der Plattenfirma Metronome als geheime Kommandosache behandelt; im Kino zeigt ein Werbespot erst ein leise vor sich hin heulendes Mädchen, dann den Slogan, der sie und all die anderen trösten soll: "Das Weinen hat ein Ende - die Ärzte."
Die Verehrung gilt einer Gruppe, die sich 1988 auf dem Höhepunkt ihrer Karriere verabschiedete, aber schon lange vorher zur Legende geworden war.
Wie keine andere deutsche Band repräsentierten die Ärzte die vergnügte Großstadtjugend der achtziger Jahre, wie niemand sonst beherrschten sie das Spiel des Luxus und der Moden in der Subkultur. Und als schlagfertige, charmante und rotzfreche Entertainer bewiesen sie, daß Rock'n'Roll mit deutschen Texten mehr sein kann als die Sauerkraut-Musik von BAP, Grönemeyer und anderen Gesinnungsrockern, deren Unterhaltungswert vor allem darin bestand, daß sie immer schön brav links-alternativ wählten.
Bela B., bürgerlich Dirk Felsenheimer, und Farin Urlaub, bürgerlich Jan Vetter-Marciniak, hatten sich Anfang der achtziger Jahre beim Pogotanzen im Ballhaus Spandau kennengelernt. Urlaub hielt den abgerissenen Dekorateur Bela B. für einen "Asozialen", dieser sah in dem geschniegelten Gymnasiasten einen "Freizeit-Punk".
Diesen Gegensatz kultivierte das ungleiche Paar, und wie bei Lennon/ McCartney und Jagger/Richards entstand aus der Unterschiedlichkeit die richtige Spannung: Hier der düstere, langhaarige, mit Tätowierungen zugepflasterte Gruftie Bela B.; dort der saubere, smarte, stets von einem Ohr zum anderen grinsende Donald-Duck-Fan Farin Urlaub. Zusammen spürten sie, daß schnelle Musik zwar Spaß macht, aber daß es erst richtig lustig wird, wenn sie sich zwischen den Songs auch noch um Kopf und Kragen reden ("Mädchen sind prima. Frauen sind doof. Die hören Barbra Streisand und lassen sich nicht küssen").
Die laut Eigenwerbung "beste Band der Welt" war zugleich auch eine der meist indizierten. Die Lust am Skandal und das Vergnügen am Verbotenen provozierten staatstragende Sittenwächter der unterschiedlichsten Couleur. Die Grünen in Fulda gingen gegen ein vermeintlich sexistisches Comicplakat vor; das bayerische Innenministerium verbot, daß der Song "Und Helmut K. schlägt seine Frau" gespielt werde; und die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften setzte die Lieder "Geschwisterliebe" und "Claudia" auf den Index.
Anstößige Zeilen wie "Noch sitzen wir hier und spielen Schach, aber gleich lege ich dich flach, das befriedigt meine Triebe . . . Geschwisterliebe" wurden während der Konzerte nicht mehr von der Band, dafür lautstark vom Publikum gesungen.
Die Ärzte, einmal als Persiflage auf Teeniegruppen gegründet, ließen sich von der Wirklichkeit überholen. Die kindischen Attitüden und Straßenjungsromantik, einst erfunden als Provokation gegen die bierernste, altlinke Berliner Szene, wurden nun wortwörtlich genommen. Ergebnis: zwei Millionen verkaufte Platten, jede Menge Bravo-Titel und als Zuschauer kleine Mädchen, die sich in Schreikrämpfen schüttelten.
Bela B. und Farin Urlaub, Mitte Zwanzig bereits so reich, daß sie nie wieder an Arbeit zu denken brauchten, beschlossen, das Spiel zu beenden, und wollten nachschauen, was das Leben sonst noch an bunten, wundersamen Dingen bereithielt.
Es war nicht viel. Urlaub machte Ernst mit seinem Pseudonym, reiste erst durch die halbe Welt und ging nachher mit seiner Gruppe King Köng unter. Bela B. betrank sich, steckte viel Geld in die Mißerfolge anderer und landete später mit seiner Band Depp Jones einen noch größeren Flop.
Vor einem halben Jahr beendete Urlaub das Siechtum, beide schalteten im Branchenblatt Musikmarkt die Anzeige "Beste Band der Welt sucht Plattenfirma" und schlossen sich im Studio ein.
Schon die erste Single "Schrei nach Liebe" rechtfertigt die Wiedervereinigung. Der Song gegen Nazis und Skinheads, der seine gerade aufgestellten psychologischen Erklärungsversuche auf bizarre und komische Weise selbst verhöhnt, klingt wie ein Echo auf die Sophistication der achtziger Jahre, als Doppeldeutigkeiten noch Konjunktur hatten und Spott eine rhetorische Waffe war, mit der sich einer im Überschwang schon mal selbst vernichtete. In Zeiten immer neuer Krisen und der dazugehörigen Ernsthaftigkeit soll die Platte nur in den Nachtprogrammen der Radiostationen gespielt werden. Ein Umstand, den die Ärzte als neue Existenzberechtigung nehmen. "Die beste Band der Welt", sagt Farin Urlaub mit breitem Grinsen, "das ist ein schmutziger Job. Aber einer muß ihn ja tun."
Thomas Hüetlin
Die Lust am Skandal provozierte die Sittenwächter.

DER SPIEGEL 38/1993
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